Weltanschauliche Erzählungen – Sammlung 5
DUR – Denn ohne DUR ist alles MOLLInhaltsverzeichnis
1. Vorwort
2. Die Unsterblichkeit der Seele und die Vorbestimmung
3. Sklave der Angst zu sein, ist die schlimmste Art der Sklaverei
5. Geschichte aus eigener Hand
6. Welche Art von Gerechtigkeit hat Sokrates hinterlassen?
7. Ist das Streben nach Einfachheit immer gerechtfertigt?
Vorwort
Diese weltanschaulichen Geschichten wurden aus dem Russischen ins Deutsche vom Team des Telegramkanals „DUR – Deutschland und Russland“ übersetzt. Die Autorenschaft obliegt dem Autorenkollektiv Na'um Matrin (Наум Матрин).
Besonders gut eignen sich diese Erzählungen als Einsteigerlektüre für jene, die sich für die Themen Steuerung und Konzeption gesellschaftlicher Sicherheit interessieren: Sie sind relativ kurz, einfach zu lesen und zu verstehen. Auch als Diskussionsmaterial oder Vorlesestoff für Kinder können sie dienen. Letztere sind sogar äußerst wünschenswerte Umstände.
Sowohl die Autoren als auch wir, die Übersetzer, freuen uns, wenn diese Geschichten maximale Verbreitung finden. Das ist uns lieber als eine irgendwie geartete Bezahlung, denn es gibt unserem Tun einen gesellschaftlichen Sinn und Nutzen. Nichts könnte uns eine größere Freude sein, als die Gesellschaft zu einer besseren zu machen.
Und nun, lieber Leser, wünschen wir Dir viel Freude beim Lesen.
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Die Unsterblichkeit der Seele und die Vorbestimmung
Es gibt Fragen, für deren Beantwortung man tief in sein Inneres schauen und ein ehrliches, vertrauliches Gespräch mit sich selbst führen muss. Dazu gehören zum Beispiel Fragen rund um die Seele. Was ist die Seele? Und ist es wahr, dass die Seele unsterblich ist?
Als ich mir zu diesem Thema meine Gedanken machte, kam mir eine gute Analogie in den Sinn. Stellen wir uns einen kollektiven Verstand vor, der von einer Gemeinschaft von Menschen gebildet wird, die durch ein Ziel miteinander verbunden sind. Es muss sich dabei nicht einmal um ein Unternehmen oder eine Organisation handeln, sondern vielmehr um eine ganze Nation, die durch die Gemeinsamkeit von Sprache, Territorium, einer Steuerung in Form eines Staates und eine Kultur vereint ist. Ein solcher kollektiver Verstand ist ein einziger lebender Organismus. Zu einem bestimmten Zeitpunkt erfüllt in ihm jemand die Funktion der Versorgung mit Nahrung und baut die notwendigen Agrarprodukte an, jemand erfüllt die Funktion des Blutkreislaufs, indem er den Transport von Gütern und die Umverteilung von Finanzen übernimmt, jemand erfüllt Forschungs- und kognitive Funktionen, jemand erfüllt Bildungs- und Erziehungsfunktionen, usw.
Was verbindet unseren Organismus zu einem Gesamtsystem? Vielleicht sind es einige Pheromone, wie die Pheromone der Bienenkönigin in einer Bienenfamilie, die es ihm ermöglichen, ein gemeinsamer Organismus zu sein? Vielleicht ist es eine Art Biofeld, das uns alle eint? Oder vielleicht ist es ein physikalisches Feld wie die Schwerkraft, das uns zueinander zieht? Meiner Meinung nach ist das nicht entscheidend. Das Entscheidende sind die Ideen und Ideale, die alle Menschen, die Teil der gemeinsamen Kultur des Volkes sind, gemeinsam haben. Es sind die Informationen und die Fähigkeit, sie zu reproduzieren und weiterzugeben, die die Menschen zu einem einzigen System vereinen. Dabei spielt es keine Rolle, nach welchem Prinzip und mit welchen Mitteln diese Informationen übertragen werden, durch Biofelder oder mit Hilfe von Tönen oder Zeichen.
Der wichtigste „Klebstoff“, der die Menschen verbindet, ist die gemeinsame Sprache. Erst die Sprache ermöglicht es den Menschen, einander zu verstehen, Wissen anzuhäufen und zu vermehren und die Erfahrungen früherer Generationen zu nutzen. Die Sprache selbst kann man sich wie ein lebendiges Wesen vorstellen, das wächst und sich entwickelt, neue Dinge lernt und Unnötiges verwirft. Sie kann immer komplexer werden oder sich vereinfachen, neue Gebiete erkunden und neue Tätigkeitsfelder erschließen.
Was kann man also über die Seele eines Volkes sagen? Gibt es sie oder nicht? Und wenn es sie gibt, was macht sie aus? Meiner Meinung nach ist die Seele eines Volkes die gesamte Kultur des Volkes, die in einer oder auch mehreren Sprachen niedergeschrieben sein kann. Diese Kultur wird durch gemeinsame Ideale, gemeinsame Aufgaben und Ziele vereint, die sich die Menschen selbst setzen.
Wenn die Seele eines Volkes seine Kultur ist, oder, wie man in der Programmiersprache heute zu sagen pflegt, seine Software, dann mag es manchen so vorkommen, als sei sie unzerstörbar und unvergänglich. Menschen werden geboren und sterben, aber die Kultur und die Ideale bleiben dieselben, auch wenn sie sich verändern und weiterentwickeln. Ideale sind nicht irgendwo auf einem materiellen Träger gespeichert, sie können nicht gestohlen oder zerstört werden. Sie können nur kopiert, für sich selbst übernommen und so in die allgemeine Kultur integriert werden.
Heutzutage weiß jedoch jeder, dass Informationen nicht nur gespeichert, kopiert und abgerufen sondern auch gelöscht werden können. Alle, die sich an den Geschichtskurs erinnern, wissen, dass sich die Kultur von Völkern nicht nur entwickelt hat, sondern auch verkümmert und ausgestorben ist. Viele Völker haben nur Tontafeln hinterlassen, und andere haben nicht einmal das. Wie viele alte Sprachen sind verschwunden, und wie viele sind ohne jede Erinnerung daran verschwunden? Ja, natürlich können viele Sprachen und Kulturen von Völkern andere, jüngere Sprachen und Völker hervorgebracht und inspiriert haben. Aber es mag wohl auch einige gegeben haben, die ausgestorben sind, ohne Nachfolger und Nachfahren zu hinterlassen.
Als ich einmal durch den Wald spazieren ging, kam mir eine interessante Analogie in den Sinn. Betrachten wir einen Baum, der wächst und sich entwickelt, tiefe Wurzeln schlägt und mit seinen Ästen nach oben strebt. Jeder Baum hat sein individuelles Ideal und seine eigene Aufgabe. Die Birke zum Beispiel ist ein Pionier, der sich in einer Einöde entwickelt und den Boden für andere verbessert und vorbereitet.Ein anderer Baum bietet viel Nektar für Insekten, die wiederum für eine gute Fremdbestäubung sorgen. Andere Bäume dienen als Windschutz und so weiter. Doch was passiert, wenn wir einen Baum fällen? Bei manchen Bäumen wächst, wenn sie nicht genug Zeit hatten, ihre Aufgabe vollständig zu erfüllen, ein neuer junger Trieb aus dem Stumpf und wird bald die Stelle übernehmen, an der der frühere Baum stand. Der neue Spross wird den nicht sichtbaren Teil nutzen - die Wurzeln. Er wird sich, wenn nicht an alle, so doch an viele Aufgaben und Probleme erinnern, die der Baum bewältigt hatte, bevor er gefällt wurde. Es zeigt sich, dass er sich bei seiner Wiedergeburt an das erinnert, was ihm in seinem vorherigen Leben widerfahren ist.
Es gibt noch eine weitere schöne Analogie, die es uns ermöglicht, die Lebensspanne einer Idee zu verstehen. Nimm zum Beispiel Riesenbärenklau. Er wird mit Chemikalien, mit Jäten und Mähen bekämpft. Man muss allerdings die Logik der Pflanze selbst verstehen. Die Sache ist die: Solange sie an einem Ort wächst und ihre Aufgabe nicht erfüllen kann, wird sie wieder aufleben, selbst wenn sie nur eine winzige Wurzel hat, die nach dem Jäten im Boden zurückbleibt. Und ihre Aufgabe ist immer noch dieselbe – sie soll Samen hervorbringen. Sobald die Pflanze Samen abwirft, schaltet sie den Mechanismus der Selbstzerstörung ein. Wenn die Samen aus irgendeinem Grund nicht wachsen konnten (wegen Unkrautjäten oder Mähen), treibt die Pflanze immer wieder neue Triebe aus. Wenn du die Pflanze ihre Samen hervorbringen lässt, sie aber in einer Tüte sammelst sodass sie nicht verstreut werden, wird der Riesenbärenklau aufhören, dich zu belästigen.
Am Beispiel des Riesenbärenklaus wird deutlich, dass eine Idee, solange sie ihre Funktion nicht erfüllt hat, immer wieder auftauchen wird. Genauso wie ein ungelöstes Problem immer wieder in unseren Gedanken auftauchen wird, und sobald das Problem gelöst ist, hört der Gedanke auf, uns zu belasten. Genauso können die Ideale eines Volkes wiederbelebt werden, auch wenn das vorherige Volk aus irgendeinem Grund an seiner Aufgabe gescheitert und untergegangen ist. Das Volk, das seine Aufgabe erfüllt hat, wird als Volk mit ehrgeizigeren und anspruchsvolleren Aufgaben wiedergeboren.
Es muss an dieser Stelle gesagt werden, dass eine direkte Analogie mit einer Pflanze oder einem Volk nicht für einen Menschen geeignet ist. Wenn wir über eine Pflanze sprechen, hat sie ein bekanntes Ziel und eine bestimmte Aufgabe. Im Gegensatz zu einer Pflanze hat der Mensch einen freien Willen, den er sich im Laufe seines Lebens aneignen kann, indem er sich eine fähige Methodik erarbeitet. Dank seines freien Willens kann er alle Grenzen überwinden, seien sie kultureller oder genetischer Natur. Je höher die Rationalität eines Systems ist, desto mehr Wahl- und Handlungsfreiheit hat es, und desto mehr Freiheit schafft es sich selbst. Gleichzeitig kann jede Analogie nur dazu beitragen, ein interessantes Modell der Realität zu schaffen, aber ob dieses Modell der Realität selbst entspricht, ist eine andere Frage. Ob dieses Modell die Ereignisse in der Praxis richtig vorhersagt, muss überprüft werden. Und wie es wirklich um die menschliche Seele bestellt ist, bleibt abzuwarten.
Allerdings kann eine solche Analogie einige Aspekte unseres Lebens von einer aufschlussreichen Seite zeigen. Zum Beispiel, wenn das höchste Gut in vielen westlichen Religionen die Erlangung der Unsterblichkeit der Seele im Paradies ist. Die Erlangung eines solchen Zustands bedeutet, dass sich die Software, die für die Seele verantwortlich ist, nicht mehr verändert. Das Streben nach dem Unveränderlichen ist höchst irrational. Jeder Verstand entwickelt sich durch Veränderung und das Lösen gewisser Aufgaben. Sobald die einfachen Aufgaben gelöst sind, stellt sich der Verstand mehr und mehr komplexen Aufgaben. Lediglich extrem primitive und einfache Programme können aufgrund der Stabilität der Umgebung, in der sie sich befinden, unverändert bleiben. Der Verlust des Strebens nach Veränderung ist gleichbedeutend mit dem Verlust des Sinns des Lebens. Erst die Einführung von etwas Neuem in das Gesamtsystem macht das Leben eines jeden Elements sinnvoll.
Andererseits existiert in vielen östlichen Religionen die Idee, den Kreislauf der Reinkarnation zu verlassen. Doch in diesen Religionen soll der Ausweg darin bestehen, sich von der Welt zu lösen und in den Zustand des Nirwana einzutauchen, doch in der Realität kann dies nur durch die Erfüllung der eigenen Mission erreicht werden. Wenn ein Mensch seinen Auftrag verstanden und ihn ehrenhaft in vollem Maße erfüllt hat, dann kann er mit gutem Gewissen den Platz für neue, schwierigere Aufgaben freimachen, die von neuen Generationen gelöst werden müssen.
Sicherlich kann eine Seele, wie auch eine Idee, eine sehr lange Zeit leben. Aber wie jede Information kann sie auch getilgt werden. Am zielführendsten wird es sein, Informationen dann zu löschen, wenn sie ihre Aufgabe bereits erfüllt haben und es neuere Vorgehensweisen und Algorithmen gibt, die getestet werden müssen. Die Wiedergeburt der Seele durch die Erfüllung ihrer Aufgabe scheint am sinnvollsten zu sein. In diesem Fall hat nicht nur der einzelne Mensch eine Bestimmung, sondern auch ein ganzer Familienverband, ein Volk bzw. der Planet. Wenn jeder an seinem Platz seine Bestimmung erfüllt, trägt er dazu bei, sie für das gesamte System zu erfüllen.
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Sklave der Angst zu sein, ist die schlimmste Art der Sklaverei
Im Herbst des Jahres 2012 war ich für mehrere Monate auf einer Geschäftsreise in Moskau. Da ich bei meiner Arbeit eine große Menge an Nachrichten zu verarbeiten hatte, erinnere ich mich noch gut an die Angsthysterie, die damals von den Medien geschürt wurde. Jetzt werden sich viele wahrscheinlich gar nicht mehr daran erinnern, aber für den 21. Dezember 2012 wurde ein weiterer Weltuntergang vorausgesagt, der zeitlich mit dem Ende des langen Zyklus des Maya-Kalenders zusammenfiel.
Der Wintereinbruch in Moskau war wie immer nasskalt, obwohl ich sogar noch einen Frost von -15 Grad Celsius abbekam. Den Weltuntergang habe ich in der Hauptstadt aber nicht mitbekommen, denn meine Geschäftsreise endete früher als geplant. Als ich zu Hause ankam, erinnerte ich mich nicht mehr an das unglückselige Datum, und es verging für mich und den Rest der Bewohner des Planeten unbemerkt, wie ein weiterer Tag an der Schwelle zum neuen Jahr. Aber dieser Zustand, der auf die Gesellschaft übertragen wurde, ließ mir keine Ruhe, und ich beschloss, endlich zu verstehen, was es mit der Angst im Leben der Menschen auf sich hat.
Nachdem ich begonnen hatte, die mir zur Verfügung stehenden Informationen zu diesem Thema zu analysieren, habe ich für mich Folgendes festgestellt. Angst ist ein Phänomen, das auf die tierischen Instinkt-Programme des Menschen zurückgeht. Eigentlich ist sie ein Signal der unbewussten Ebenen der Psyche für äußerste Alarmbereitschaft angesichts einer möglichen Lebensbedrohung. Für Tiere ist sie ein unmissverständliches Signal für ein sofortiges Handeln zur Verteidigung des eigenen Lebens. Für Menschen ist die Angst ein Zeichen für die Unfähigkeit, angemessen auf eine Situation zu reagieren. Anders als Tiere können Menschen die Ursache der Angst erkennen und eine angemessene Reaktion darauf entwickeln.
Als Nächstes stellte ich mir die naheliegende Frage: Was ist die Hauptursache für Angst? Als Ergebnis der Analyse konnte ich zwei Hauptursachen für Angst ausmachen.
1. die Unfähigkeit, einen Ausweg aus der Situation zu finden;
2. der Unglaube an die eigene Stärke, das Gefühl, Geisel der Umstände zu sein, bei gleichzeitigem Gefühl der Unvermeidbarkeit einiger ungünstiger Auswirkungen.
Der erste Grund ist nur ein Symptom für eine unzureichende Weltanschauung, die den Menschen daran hindert, seinen freien Willen in vollem Umfang zu verwirklichen und angemessen auf die Umstände zu reagieren. Eine gestörte Weltanschauung kann dazu führen, dass ein Mensch nicht in der Lage ist, die Zukunft vorherzusagen. Wenn die Zukunft ungewiss ist, kommt die Angst vor dem Unbekannten voll zum Tragen.
Die zweite Ursache der Angst hängt damit zusammen, dass der Mensch sich selbst als Objekt in seinem Leben wahrnimmt. Er glaubt, dass sämtliche Probleme für ihn gelöst werden müssen und dass er selbst nicht in der Lage ist, etwas zu tun. Dieser Zustand tritt bei einer Person auf, die beschlossen hat, Subjekt oder Herr ihres Lebens zu werden, aber aufgrund ihres mangelhaften Wissens nicht in der Lage ist, die Probleme zu lösen, denen sie gegenübersteht.
Wenn ein Mensch angemessene Lösungen entwickelt und dies für ihn zur Gewohnheit wird, wird die Angst von selbst vergehen, so wie die Angst vor dem Autofahren bei einem Menschen vergeht, der bereits gut gelernt hat, Auto zu fahren.
Mir wurde klar, dass es einfach ist, eine Atmosphäre der Angst in einer Gesellschaft zu schüren, in der die Mehrheit der Menschen statistisch gesehen nicht über diese Dinge nachdenkt, und sie so zu manipulieren, indem man sie auf die Stufe von Tieren herabsetzt und den Menschen zu einem Objekt der Steuerung macht. Hier kommt der Aphorismus von A. W. Suworow „Wer Angst hat, ist schon halb besiegt“ zum Tragen. Und auf einer solchen Welle ist es möglich, dem verängstigten Menschen irgendein Wundermittel zu verkaufen, das die tierischen Instinkte für eine Weile beruhigt, um dann eine neue Welle der Angst auszulösen und ein neues Mittel anzubieten, und so weiter bis ins Unendliche.
Um ein Leben in ständiger Angst zu vermeiden, ist es wichtig, die Mechanismen ihres Auftretens zu verstehen, nicht aufzuhören, sich neues Wissen anzueignen und eine dem Leben angemessene Weltanschauung aufzubauen.
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Zeit für Glück
Einmal unterhielt ich mich mit meinem langjährigen Freund Sergej. Er war erst vor kurzem erneut Vater geworden und hatte noch andere ältere Kinder. Wir sprachen über Folgendes:
– „Glaubst du, dass Zeit existiert?“, fragte Sergej.
– „Ich glaube nicht, dass es eine streng festgelegte Zeitskala für das gesamte Universum gibt.“ – antwortete ich. – „Meiner Meinung nach ist der Zeitfluss bei jedem Prozess anders. Außerdem vergeht die Zeit für jedes Lebewesen anders. Für Pflanzen vergeht die Zeit langsam, für Mikroorganismen sehr schnell. Für Insekten vergeht sie ein wenig langsamer als für Mikroorganismen, aber schneller als für andere Tiere.
Ein Gesetz lässt sich jedoch überall beobachten - Ursache und Wirkung. Auf eine Ursache folgt immer eine Wirkung, und diesen Übergang nehmen wir als das Phänomen der Zeit wahr. Dieses Phänomen ist objektiv und real. Aber seine Geschwindigkeit kann variieren.
Wenn wir die Geschwindigkeit von Prozessen ermitteln und sie miteinander in Beziehung setzen, können wir auf dieser Grundlage eine Zeitskala erstellen.“
– „Ich habe aus folgendem Grund gefragt“ – sagte Sergej. – „Ich habe bei meinen Kindern oft festgestellt, dass es ihnen, wenn sie gerade erst sprechen lernen, sehr schwer fällt, Begriffe wie 'gestern' oder 'morgen' zu begreifen. Erst die Älteren beginnen zu verstehen, was das ist. Und da dachte ich, dass es vielleicht 'gestern' und 'morgen' gar nicht gibt. Vielleicht gibt es nur das Hier und Jetzt, und alles andere ist nur eine Illusion, die wir haben?“
– „Gibt es so etwas wie die Zahl '2'?“ – fragte ich, ohne darauf eine Antwort zu erwarten. – „Gibt es die Funktion der Addition? Zwei plus zwei wird immer und überall gleich vier sein, auch auf dem Mond oder in einer anderen Galaxie. Es mag so aussehen, als würden viele Dinge nur in unserer Vorstellung existieren, aber das bedeutet nicht, dass sich dahinter keine objektiven Prozesse verbergen. Wir können überprüfen, ob wir, wenn wir zwei Äpfel zu zwei Äpfeln addieren, vier Äpfel erhalten. Hinter den Begriffen 'gestern', 'morgen', 'Vergangenheit' und 'Zukunft' verbirgt sich das objektive Gesetz von Ursache und Wirkung. Wenn wir den Zyklus der Sonnenbewegung am Firmament kennen, wissen wir immer, wann der nächste Tag anbricht.“
– „Ich ziehe die Frage mal von einer anderen Seite auf.“ – sagte Sergej, den meine Antwort noch nicht zufrieden stellte. – „Der Begriff der Zeit ist weitgehend geklärt, aber ein anderer Punkt ist mir nicht klar. Ein Kind, das im Hier und Jetzt lebt, ist so glücklich und enthusiastisch, dass es den ganzen Tag lang mit einfachen Dingen glücklich sein kann. Erwachsene leben oft in der Vergangenheit oder in der Zukunft, aber warum gibt ihnen das so wenig Glück?“
– „Das ist doch mal eine Frage mit Substanz!“ – antwortete ich. – „Jetzt habe ich auch verstanden, warum dich das Thema so interessiert.
Ich habe schon gesagt, dass die Zeit für jedes Lebewesen anders vergeht. Es ist zum Beispiel sehr schwierig, eine Fliege mit den Händen zu fangen, denn selbst unsere schnellen Handbewegungen werden von ihr als sehr langsam wahrgenommen. Sie lebt sozusagen in einer anderen Zeit. Während einer Sekunde, die sie sich in der Luft bewegt, kann sie ihre Richtung mehrmals ändern.
Jeder Prozess besteht aus ein paar einfachen Schritten:
1. Informationserfassung
2. Entscheidungsfindung
3. Informationsübermittlung an das gesteuerte Objekt.
Dieser Zyklus kann bei jedem Lebewesen unterschiedlich lange dauern. Bei einer Bakterie verläuft er sehr schnell, bei einer Fliege etwas langsamer, usw.
Je langfristiger die Prozesse sind, die ein Mensch steuert, desto länger ist der Steuerungszyklus, und desto mehr lebt er mit solchen Begriffen wie Vergangenheit und Zukunft. Für einen Landwirt, der Gemüse anbaut, beträgt ein solcher Zyklus zum Beispiel ein Jahr, in dem die gesamte Ernte Zeit zum Wachsen hat, wonach man wieder von vorne anfangen muss. Für jemanden, der Apfelbäume heranzüchtet, kann ein solcher Zyklus mehrere Jahre dauern. Für jemanden, der Eichen heranzieht – Dutzende von Jahren.“
– „Vielleicht sollte ein Mensch sich nur mit den aktuellen Aufgaben befassen, wenn sie die einzigen sind, die ihn glücklich machen? Vielleicht sollten wir wie Kinder nur im gegenwärtigen Moment leben?“
– „Kinder leben nur im Hier und Jetzt, weil sie nicht wissen, wie sie längerfristige Prozesse steuern können. Für sie ist es wesentlich effektiver, sich mit schnell ablaufenden Lernprozessen zu beschäftigen.
Ein Kind freut sich sehr über einfache Prozesse, deshalb bedeutet ein solcher Prozess für das Kind Entwicklung. Wenn ein kleines Kind zum Beispiel den Deckel eines Topfes auf den Boden fallen lässt, hört es ein lautes Poltern. Für das Kind ist das etwas Neues und Unerforschtes, und deshalb ist es interessant. Wenn jemand einen Prozess bereits bestens verstanden hat, hört er auf, sich daran zu erfreuen, weil er für ihn keine neuen Erkenntnisse mehr mit sich bringt. Es gibt daher zwei Möglichkeiten: Entweder man geht mehr ins Detail oder man studiert längerfristige Prozesse. Besser ist es, beide Möglichkeiten zu nutzen. Je länger der Prozess ist, desto mehr Details werden benötigt, um ihn zu steuern.
Auch ein Gärtner, der Eichen züchtet, kann sich darüber freuen und glücklich sein, wenn er das tut, was er gerne tut. Zu sehen, wie die Eichenwälder Jahr für Jahr wachsen und sich die Umgebung verändert, ist für ihn ein Prozess, der ihm wahre Freude bereitet.
Es kann verschiedene Gründe dafür geben, dass ein Erwachsener nicht glücklich ist, wenn er mit einem langwierigen Prozess zu tun hat:
1. Für ihn sind alle Prozesse klar und die Arbeit ist zur Routine geworden. Es gibt nichts grundlegend Neues.
2. Die Person sieht keine Ergebnisse ihrer Arbeit. Für einen Erfinder beispielsweise, dessen Erfindungen nirgendwo hinführen und nirgendwo angewandt werden, gibt es keinerlei Rückmeldung, und dann verliert seine ganze Arbeit jeglichen Sinn. Er bringt nichts in das Gesamtsystem ein. Alle Informationen, die der Erfinder aussendet, werden von der Organisation, in der er sich befindet, blockiert.
Der zweite Grund besteht im Verlust der Bedeutung der Arbeit und möglicherweise des Lebens. Der Bedeutungsverlust zeigt sich oft, wenn ein System nur um seiner selbst willen existiert, ohne dass es in ein umfassendes System eingebunden ist. Arbeit um der Arbeit willen, Leben um des Lebens willen sind Zeichen des Bedeutungsverlusts.
Glück entsteht durch Entwicklung und ein tiefes Verständnis für den Sinn, das durch klare und erstrebenswerte Ziele sowie durch sichtbare Ergebnisse der eigenen Aktivitäten ergänzt wird.“
Nach diesem Gespräch gestand Sergej, dass seine Arbeit teilweise ihren Sinn verloren hat. Er war sehr in operative Tätigkeiten eingebunden und bemerkte die Veränderungen nicht, die er sich von seiner Arbeit erhoffte. Er und ich vereinbarten, dass wir gemeinsam ein Bild von der Zukunft und den Bedeutungen erarbeiten und ein System aufbauen würden, in dem unser Handeln auf das gewünschte Ergebnis ausgerichtet ist. In einem solchen System sollte die Arbeit oder besser gesagt die gemeinsame Arbeit zu wahrem Glück führen.
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Geschichte aus eigener Hand
Einmal unterhielt ich mich mit einem Freund, der sich mit Ahnenforschung und Ortsgeschichte beschäftigt. Er konnte stundenlang darüber reden, was früher einmal war, über seine Vorfahren bis 12 Generationen vor ihm, und über vieles mehr. Das war sehr interessant, aber meiner damaligen Meinung nach weit von der Realität entfernt.
Ich beschloss, herauszufinden, wie sich diese Erkenntnisse in der Praxis anwenden lassen und wie man dieses Wissen im Hier und Jetzt nutzen kann.
Ich habe meinem Freund diese Frage gestellt und wir begannen gemeinsam darüber nachzudenken.
Nachdem er einen Moment lang nachgedacht hatte, sagte er:
– „Nachdem ich erfahren hatte, wo und wann meine Vorfahren lebten, begann ich mich dafür zu interessieren, wie sie lebten: Was waren ihr Alltag, ihre Bräuche und Rituale? In einem metrischen Buch liest du zum Beispiel, dass die Tochter einer gewissen Awdotja Wassiljewa mit einem Hochzeitszug in ein anderes Dorf geschickt wurde und dort den Sohn von Iwan Stepanow heirate. Sofort wollte ich wissen, was es mit diesen Hochzeitszügen auf sich hat. Das hat mich dazu gebracht, Geschichte zu studieren, es hat mich sozusagen motiviert. Vorher haben mich solche Fragen überhaupt nicht interessiert. Und in den Geschichtslehrbüchern steht nicht viel darüber. Was steht denn da? Es war einmal ein Zar, der machte diese und jene Gesetze, kämpfte gegen diese und jene, und so weiter. Aber das einfache Volk bleibt dabei außen vor. Als ob vom Volk überhaupt nichts abhängen würde. Auch in der Sowjetzeit wurde den Schulbüchern nicht sonderlich viel hinzugefügt, nur die Rhetorik änderte sich ein wenig: Die Zaren wurden als Unterdrücker und Blutsauger bezeichnet. Aber über das Volk selbst wurde nichts ergänzt. Die entsprechenden Studien muss ich selbst finden und ordnen.“
– „Ja,“ – stimmte ich zu – „Motivation ist gut, gibt es vielleicht noch etwas?“
– „Nun, wenn du erwartest, dass ich dir erzähle, dass ich meine Zugehörigkeit zu einer fürstlichen Familie ausgegraben oder die Karte von einem vergrabenen Schatz gefunden habe, dann leider nein. Nicht einmal leider, denn es ist gut, dass es nicht so ist. Die Verwandtschaft mit diesen 'Adligen' ruft in mir jetzt keine Freudensbekundungen hervor, und die Jagd nach Schätzen führt in der Regel zu nichts Gutem. Obwohl viele Menschen die Zugehörigkeit zu irgendeiner Familie feststellen. Das ist gang und gäbe.
– „Interessant. Und was stellen diese Leute mit dieser Information an?“ – fragte ich.
– „Ich weiß es nicht, Gott war bisher gnädig. Es bleibt noch eine Menge zu studieren, ich habe nur einen Zweig 300 Jahre zurückverfolgt, die anderen bisher nur 200. Das kostet eine Menge Zeit. Die Archive in unserem Land sind nicht digitalisiert, also muss ich persönlich dort hin und die Wartelisten sind oft sechs Monate im Voraus bereits voll.“
– „Verstehe, das ist also kein leichter Job, was?“
– „So ist es. Es hat sich schon eine ganze Industrie entwickelt. Die Leute suchen gegen Geld gewerbsmäßig nach Vorfahren und erstellen Stammbäume. Aber das ist sehr teuer.
– „Und was hat die örtliche Geschichte zu bieten?“ – fragte ich.
– „Oh, das ist sogar noch interessanter. Manchmal stellt sich deine Welt ganz und gar auf den Kopf. Ich meine, du hast gewisse Vorstellungen gehabt, aber erfährst etwas, das dem diametral entgegengesetzt ist. Der praktische Nutzen liegt dabei auf der Hand. Heutzutage versuchen viele, die Geschichte umzuschreiben. Aber wenn du aus historischen Dokumenten selbst etwas erfahren hast, ist es sehr schwer im Nachhinein deine Meinung zu ändern. Übrigens habe ich erst vor kurzem dahingehend Forschungen angestellt. Und aus praktischer Sicht sind diese äußerst hilfreich.“
– „Na los, raus damit“ – sagte ich fasziniert.
– „Ich habe beschlossen, eine Grabstätte, also einen Friedhof, zu digitalisieren. Viele Informationen findet man dort nicht: den vollen Namen, Geburts- und Sterbedaten. Unser Dorf ist klein, 4.000 und ein bisschen. Ich dachte, es würde schnell und einfach gehen, aber ich hatte ganz schön daran zu knabbern. Aber am Ende hatten wir eine Datenbank.“
– „Und was hast du mit diesen Daten gemacht?“ – fragte ich, weil ich es nicht verstanden hatte.
– „Ich habe diese Daten analysiert, Tendenzen identifiziert und eine Statistik erstellt. Um ein simples Beispiel zu nennen: Ich habe Vor-, Nach- und Vatersnamen gezählt. Es hat sich herausgestellt, dass die meisten der begrabenen Landsleute Alexander und Maria hießen. Schaut man sich die Vatersnamen an, so hießen die meisten Iwanow oder Iwanowa. Unter den Familienmamen waren die gängigsten zu finden. Aber diese Informationen sind mehr zum Spaß. Am interessantesten wurde es bei den Geburts- und Todesdaten. Denn was kann man mit deren Hilfe bestimmen?“, versuchte mein Freund, mich zum Nachdenken zu bringen.
– „Das Alter.“ – vermutete ich.
– „Richtig. Und das Alter kann uns Einiges erzählen. Zum Beispiel habe ich schnell herausgefunden, dass das Durchschnittsalter der Dahingeschiedenen 64 betragen hat. Ich habe ermittelt, wie viele Menschen über 100 Jahre alt wurden. Aber das war mir zu wenig und ich habe mich dazu entschlossen zu veranschaulichen, wie viele Menschen in den verschiedenen Jahren gestorben sind. Ich habe schließlich ein Diagramm erstellt, an dem der Zustand der Sterblichkeit pro Gemeinde sichtbar wird. Und Folgendes habe ich für mich herausgefunden: Es hat sich herausgestellt, dass die Sterblichkeit während der Pandemie (seit 2020) die Sterblichkeit in einigen anderen Jahren, beispielsweise 2005, nicht überstiegen hat. Und wir alle dachten, dass die Sterblichkeitsrate so hoch wie nie zuvor ist.“
– „Konntest du herausfinden, warum?“ – fragte ich und hoffte auf eine Erklärung.
– „Ich habe angefangen, weiterzudenken. Mich hat nicht interessiert, warum die Sterblichkeit im Jahr 2021 so niedrig war, sondern warum diese Ende der 90er Jahre und Anfang der 2000er Jahre so hoch war. Ich habe mich daran erinnert, dass in den 90er Jahren in der Gemeinde viele Produktionsstätten geschlossen worden sind und die Leute schlicht und einfach angefangen haben, sich zu betrinken. Übrigens sowohl Männer als auch Frauen. Und weil man von Alkoholismus nicht sofort stirbt, war die erhöhte Sterblichkeit etwas verzögert und brach sich erst in den 2000er Jahren bahn. Auch unser Präsident spricht immer und immer wieder davon, dass der Bevölkerungsverlust des Landes damals den der Nachkriegszeit übertroffen hat.
– „Ja,“ – gestand ich ein – „das ist ein Argument.“
– „Ich habe auch das Durchschnittsalter der Verstorbenen nach Jahren untersucht. Es hat sich gezeigt, dass es sich nicht wesentlich verändert hat.“
– „Vielleicht solltest du die Toten auch nach Altersgruppen aufschlüsseln, wie es die Statistik von Rosstat tut. Vielleicht war die Sterblichkeit der jüngeren Generation in diesen Jahren höher? Und es würde auch nicht schaden, die Zahlen nach Geschlecht aufzuschlüsseln, um ein realistisches Bild zu erhalten.“
– „Möglicherweise. Danke für den Tipp. Wir werden sehen, was sie jetzt sagen.“
Nachdem ich mich von meinem Freund verabschiedet hatte, dachte ich lange über die Statistiken nach und was daraus hervorgehen könnte. Ich beschloss, dass ich diese Informationen zumindest mit meinen Bekannten teilen sollte.
Ich persönlich würde mir aber wünschen, dass die Menschen mehr Interesse an ihrer Vergangenheit zeigen. Es wäre doch toll, wenn sich alle an die wahre Geschichte der eigenen Familie und Sippe erinnern, nicht nur die Geschichte von Politikern und fürstlichen Familien kennen würden, sondern auch von einfachen Menschen, die fleißig sowohl Biografien als auch einfache interessante Geschichten aufbewahren, sie für die Nachkommen aufschreiben, und wenn alle öfter kommunizieren und sich an Ereignisse der vergangenen Jahre erinnern würden. In diesem Fall wird es weitaus schwieriger, auf der Ebene der Geschichte zu manipulieren, und Menschen, die ihre Vergangenheit kennen, fällt es leichter, sich im globalen historischen Prozess zu orientieren.
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Welche Art von Gerechtigkeit hat Sokrates hinterlassen?
Ich mag es, in guter Gesellschaft über komplexe Themen zu diskutieren. Oft sind sie gar nicht deshalb so kompliziert, weil es so viele Details gibt oder weil nur wenige mit dem Thema vertraut sind. Manchmal sind auch die Antworten auf die einfachsten Fragen kompliziert. Zum Beispiel: Was ist Gerechtigkeit? Was bedeutet es, gerecht oder ungerecht zu handeln? Gibt es ein Kriterium für Gerechtigkeit?
Natürlich waren wir nicht die ersten, die über solche Fragen diskutierten. Eine der berühmtesten und ältesten Diskussionen dieser Art ist uns in Form von Platons Dialog "Der Staat" überliefert. In diesem Dialog diskutierten Sokrates und seine Gefährten, bevor sie die ideale Struktur des Staates erörterten, zunächst das Thema der Gerechtigkeit. Sokrates äußerte dann seine Meinung zu diesem Thema, die schließlich von allen geteilt wurde. Für Sokrates ging es bei der Gerechtigkeit nicht darum, jemanden zu bestrafen oder zu belohnen; für ihn sollte die Gerechtigkeit, wie gute Musik, weder Feind noch Freund schaden. Gerechtigkeit bedeutete für Sokrates, dass sich jeder mit seinen eigenen Angelegenheiten befassen und sich ganz einem Beruf widmen sollte, den er sein ganzes Leben lang ausüben sollte, ohne sich von anderen Tätigkeiten ablenken zu lassen. Eine solche Idee nannte Sokrates die ideale, unveränderliche Ordnung, nach der alle streben sollten.
Obwohl seit der Niederschrift des Dialogs "Der Staat" fast zweieinhalbtausend Jahre vergangen sind, ist die Idee der Gerechtigkeit nach Sokrates auch heute noch lebendig. Am stärksten tritt diese Idee in den europäischen Ländern in Erscheinung. Vor allem in Frankreich, Deutschland und Großbritannien. In diesen Ländern ist am deutlichsten zu erkennen, dass die Menschen zumeist eng gefasste Spezialisten sind, die dem System in Angelegenheiten, die nicht ihren Beruf betreffen, vollkommen vertrauen. Das zeigt sich sogar in der Struktur der französischen, deutschen und englischen Sprache, wo es eine strenge Reihenfolge der Wörter innerhalb eines Satzes gibt. Die Menschen sind, wie die Wörter in einem Satz, in einem klaren System angeordnet, in dem jeder seinen Platz kennt.
Dieses System gibt es übrigens nicht nur in einzelnen Ländern, sondern auch in der überstaatlichen Steuerung, wo jedes Land zur besseren Steuerbarkeit eine enge Spezialisierung zugewiesen bekommt. Ein Land wird eine Quelle für landwirtschaftliche Produkte sein, ein anderes ein Urlaubsort, ein anderes ein Gendarmenstaat und ein anderes eine Tankstelle. Die enge Spezialisierung schränkt die Souveränität der Länder ein und lässt viele Hebel für eine überstaatliche Steuerung zu.
Diese Art von Gerechtigkeit führt zu einer Einteilung der Menschen in Kasten, in denen „jeder Schuster bei seinem Leuten bleibt“. Die enge Spezialisierung führt zu einem zentralisierten Regierungssystem, in dem sich hinter der Gerechtigkeit ausschließlich die Gesetzmäßigkeit verbirgt. Wenn das, was legal ist, das ist, was gerecht ist, dann ist jedes menschenfeindliche System möglich.
Demgegenüber können wir das russische System oder die russische Welt stellen. Sogar in der russischen Sprache selbst, mit ihrem außerordentlichen Reichtum und ihrer willkürlichen Wortfolge, kann man ein völlig anderes System erkennen. Die russische Welt ist durch ein verstreutes, dezentralisiertes System gekennzeichnet, das nicht auf Steuerung, sondern auf Selbststeuerung beruht.
Welche Vorstellung von Gerechtigkeit trägt die russische Welt in sich? Es ist schwierig, dies in einem Satz zu sagen. Aber wenn ich müsste, würde ich sagen, dass das, was für die russische Welt gerecht ist, zur Steigerung der Vernunft beiträgt. Wenn wir andere Nationen menschlich behandeln, ihnen helfen, sich zu entwickeln, ihre Kultur zu bereichern und zusammenzuleben, indem wir einander helfen – dann ist das gerecht, weil es zur allgemeinen Steigerung der Vernunft beiträgt. Wenn jeder Mensch sich nicht nur in einem enger gefassten Fachgebiet, sondern auch in verwandten und allen anderen Bereichen weiterentwickelt, trägt dies ebenfalls zur Steigerung der Vernunft bei. Wenn jeder unter Wahrung seiner Souveränität die Souveränität der anderen respektiert und versucht, ein konfliktfreies System aufzubauen, das auf tiefem Verständnis und Respekt für die anderen beruht, dann trägt auch dies zur Steigerung der Vernunft bei. Je verständiger ein System ist, desto mehr menschliche Bedingungen benötigt es und desto mehr solcher Bedingungen schafft es für sich selbst.
Für mich persönlich habe ich beschlossen, dass ein Leben unter sokratischer Gerechtigkeit für mich nicht akzeptabel ist. Die russische Welt ist mir viel näher. Und ich sehe es als meine Hauptaufgabe an, sie zu unterstützen und zu entwickeln.
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Ist das Streben nach Einfachheit immer gerechtfertigt?
Kürzlich beschwerte sich ein Kollege während eines regulären Geschäftstreffens bei mir, dass es für ihn jetzt schon sehr schwierig sei, die Informationen in seinen Messenger-Chats zu organisieren, und dass er manchmal einige Informationen verliere und nicht in der Lage sei, das zu erledigen, worum er gebeten wurde. Gerade während dieser Sitzung haben wir eine weitere Gruppe bzw. einen Chatraum für ein neues Projekt eingerichtet.
Ich kann nicht sagen, dass mich dieses Problem besonders gestört hat, aber bei einem Lauf nach diesem Treffen kam mir eine gute Idee, wie ich das Problem lösen und meinem Kollegen helfen könnte, die Informationen zu organisieren. Ich kam auf die Idee, dass es eine gute Idee wäre, wenn eine Messenger- oder Chat-Software Chats nach Themen, Projekten oder anderen Kriterien gruppieren könnte. Im Idealfall könnte man ineinander verschachtelte Gruppen erstellen, die nicht nur einzelne Chats bündelt, sondern auch diese Bündel wieder zu einer allgemeinen Gruppe zusammenfasst.
Zum Beispiel könnten mehrere Chats, die Neuigkeiten zu einem von mir benötigten Thema enthalten, in einer Gruppe „Neuigkeiten zu diesem und jenem Thema“ zusammengefasst werden. Dann könnte diese Gruppe mit der allgemeinen Gruppe des Projekts, in dem ich Mitglied bin, zusammengelegt werden und Chats mit Kollegen zu verschiedenen Themen könnten dort ebenfalls hinzugefügt werden. Dann könnte dieses Projekt in ein größeres Projekt verschachtelt werden, usw.
Als ich von meinem Spaziergang zurückkam, begann ich nach einer Lösung zu suchen und war sogar bereit, die Entwickler dieses Messengers zu kontaktieren, da es sich um ein Open-Source-Programm handelt. Nachdem ich jedoch im Internet recherchiert hatte, stellte ich zu meiner Überraschung fest, dass dieser Messenger bereits über eine solche Funktion verfügt, die "Ordner" genannt wird. Man kann verschiedene Chats zu diesen "Ordnern" hinzufügen und sie werden ganz bequem auf der Startseite der Anwendung angezeigt.
Leider war das nicht genau das, was ich wollte, denn man konnte keine Ordner erstellen, die andere Ordner enthielten. Nur Chats konnten in Ordnern gespeichert werden. Aber es war schon ein gutes Werkzeug zum Organisieren der Informationen, und ich begann das Programm zu testen. Nachdem ich meine Chats in verschiedene Ordner eingeteilt hatte, war ich von der praktischen Handhabung begeistert und wollte sie unbedingt mit meinen Freunden und Kollegen teilen. Zu meiner Überraschung wusste keiner der Personen, mit denen ich meine Erfahrungen austauschte, von dieser Funktion. Aber alle fanden sie sehr gut und begannen, sie ebenfalls zu nutzen.
All dies hat mich zu den folgenden Überlegungen geführt. Mir ist nämlich aufgefallen, dass sich seit fast zehn Jahren eine Tendenz in der Benutzeroberfläche moderner Anwendungen abzeichnet. Die Benutzeroberfläche versucht, die Steuerungselemente so weit wie möglich auszublenden und so viel Platz wie möglich für Informationen zu schaffen. Die Steuerungselemente selbst erscheinen nur, wenn der Benutzer irgendeine Art von Aktivität zeigt, z. B. durch Klicken auf ein Objekt auf der Karte oder durch Zoomen.
All dies führt dazu, dass viele Menschen gar nicht wissen, welche Funktionen ein Programm hat. In der Vergangenheit hatte beispielsweise jedes Programm ein Menü, in dem alle möglichen Funktionen des Programms aufgeführt waren. Heute versuchen viele Anwendungen, wie z. B. moderne Browser, dieses Menü zu verstecken, indem sie es in Form einer Schaltfläche mit drei Punkten oder Balken anzeigen, so dass nur Benutzer, die davon wissen, es finden können.
Dieser Trend zur Veränderung der Art und Weise, wie die Anwendung mit dem Benutzer interagiert, ist jedoch auch auf einer globaleren Ebene zu beobachten. So gibt es zum Beispiel im Fernsehen und im Informationsraum weniger populärwissenschaftliche Sendungen, die echte Wissenschaftler zeigen, welche tiefgreifende Probleme aufwerfen. Der Informationsraum ist im Wesentlichen voll von Dokumentarfilmen für die am wenigsten vorgebildeten Zuschauer. In solchen Filmen werden die grundlegendsten Kenntnisse auf Sekundarschul- und Kindergartenniveau vermittelt. Echte Probleme, die tiefere Kenntnisse in höherer Mathematik, Medizin, Geschichte und Politik erfordern, werden praktisch nicht gezeigt.
Darüber hinaus wird in vielen modernen Filmen das Bild einer magischen Zivilisation vermittelt. In einer solchen Zivilisation ist niemandem klar, warum dieses oder jenes Phänomen existiert, alle führen einfach nur gewisse Rituale durch, die aus irgendeinem unbekannten Grund zum Ziel führen. All diese "Herren der Ringe", "Harry Potter" und andere Arten von Zwergen und Elfen verbreiten die Vorstellung eines verborgenen Wissens über die wahre Struktur unserer Welt. In diesen Welten verfügen nur die Auserwählten über dieses Wissen und verstehen wirklich, wie alles funktioniert.
Ich bemühe mich immer, alle Werkzeuge, mit denen ich arbeite, genau zu verstehen. Selten entgeht mir eine der Funktionen. Manchmal verwende ich sogar versteckte Browsereinstellungen, die unter "about:config" zu finden sind. Trotzdem möchte ich, dass die Werkzeuge nicht versteckt werden, sondern dass ihre Funktionen mir angezeigt werden und mir helfen. Es ist sehr frustrierend, wenn kommerzielle Organisationen anfangen, sich auf die Masse der unbedarften Benutzer zu konzentrieren, vor denen komplexe Steuerelemente versteckt werden. Der Wunsch nach Einfachheit führt dazu, dass viele Benutzer nicht nur nicht alle Funktionen der Anwendung nutzen, sondern nicht einmal darüber nachdenken.
Ich selbst versuche immer, jedes Thema möglichst tiefgründig darzustellen, damit die Menschen das Wesentliche der Prozesse verstehen. In einer komplexen, sich wandelnden Welt ist es äußerst ineffizient, den Zugang zu Wissen und Führung zu begrenzen. Ich appelliere an alle, eine Welt zu schaffen, in der Wissen offen und für jedermann zugänglich ist, um zu lernen.