Weltanschauliche Erzählungen – Sammlung 6

Weltanschauliche Erzählungen – Sammlung 6

DUR – Denn ohne DUR ist alles MOLL

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorwort
  2. Die russische Schule
  3. Wie ein enger Spezialist alles zerstören kann
  4. Die Tiefe der Wahrheit
  5. Die Fähigkeit, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun
  6. Worauf beruht die Sakralität von Macht?


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📍 Sammlung 6


Vorwort

Diese weltanschaulichen Geschichten wurden aus dem Russischen ins Deutsche vom Team des Telegramkanals „DUR – Deutschland und Russland“ übersetzt. Die Autorenschaft obliegt dem Autorenkollektiv Na'um Matrin (Наум Матрин).

Besonders gut eignen sich diese Erzählungen als Einsteigerlektüre für jene, die sich für die Themen Steuerung und Konzeption gesellschaftlicher Sicherheit interessieren: Sie sind relativ kurz, einfach zu lesen und zu verstehen. Auch als Diskussionsmaterial oder Vorlesestoff für Kinder können sie dienen. Letztere sind sogar äußerst wünschenswerte Umstände.

Sowohl die Autoren als auch wir, die Übersetzer, freuen uns, wenn diese Geschichten maximale Verbreitung finden. Das ist uns lieber als eine irgendwie geartete Bezahlung, denn es gibt unserem Tun einen gesellschaftlichen Sinn und Nutzen. Nichts könnte uns eine größere Freude sein, als die Gesellschaft zu einer besseren zu machen.

Und nun, lieber Leser, wünschen wir Dir viel Freude beim Lesen.

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Die russische Schule

↗️ Russischer Originaltext

Ich hatte einmal die Gelegenheit, mich mit Wladimir, einem Lehrer für Informatik, zu unterhalten. Trotz der Tatsache, dass uns eine ziemlich große Entfernung trennte, etwa tausend Kilometer, fanden wir ein geeignetes Format für ein Gespräch unter vier Augen.

Wladimir war außerdem Lehrer für Geografie und Mathematik, in der Vergangenheit war er Fabrikdirektor und hatte in seinem Leben schon alles gemacht. Er nannte sich selbst einen Universallehrer. Und man muss sagen, dass diese Bezeichnung nicht von ungefähr kam.

Ein gemeinsames Thema hat uns miteinander verbunden - sowohl er als auch ich waren an einer Frage sehr interessiert: "Was ist die russische Schule?". Wladimir brannte diese Frage besonders unter den Nägeln. In den Jahren, in denen er an einer Grundschule, aber auch in der Oberstufe arbeitete, hatten sich bei ihm eine Menge wichtiger Fragen angesammelt. Hier nur ein Bruchteil davon: "Was ist der beste Ansatz für den Unterricht?", "Was sollte man den Kindern beibringen?", "Wie lassen sich Bildung und sittliche Erziehung miteinander verbinden?".

Ich hatte keinen so reichen Erfahrungsschatz im Lernen und Unterrichten. Allerdings war mir dieses Thema nicht fern - ich habe alle möglichen Arten von Kursen abgehalten. Darüber hinaus habe ich viele Berufe erlernt, in denen ich eine gewisse Meisterhaftigkeit erreicht habe, und dieses Wissen habe ich immer gerne mit anderen geteilt.


"In letzter Zeit interessiert mich eine Frage sehr: Was ist die russische Schule?", sagte Wladimir während unseres Gesprächs.

"Ich schlage vor zu vergleichen, was die russische Schule von der östlichen und westlichen unterscheidet.", antwortete ich, "Auf diese Weise können wir die Frage zwar nicht direkt beantworten, aber es wird um Einiges klarer werden."

"Sehr interessant.", antwortete Wladimir, "Von diesem Standpunkt aus habe ich die russische Schule noch nicht betrachtet. Vielleicht kann man so das Wichtigste für sich selbst herausarbeiten."

"Gut. Zunächst einmal habe ich für mich festgestellt, dass verschiedene Kulturen und Zivilisationen eine unterschiedliche Einstellung zu dem Potenzial haben, das dem Menschen innewohnt. Jeder Mensch wird mit unterschiedlichen Veranlagungen geboren. Manche haben eine Begabung für Musik, manche für Mathematik, manche für die Arbeit mit Menschen. Jede Schule muss entscheiden, welche Fähigkeiten in welchen Bereichen bei einem Menschen von klein auf gefördert werden sollen."

"Soweit ich weiß, wird die Bildung heute von der Idee beherrscht, dass man das entwickeln sollte, wofür man Talent hat", fügte Wladimir hinzu, "gibt es denn noch andere Möglichkeiten?"

"Das ist es ja gerade. Die Idee, das zu entwickeln, wofür man eine Veranlagung hat, ist in der westlichen Zivilisation dominant. Es begann mit Platons 'Staat' mit seiner 'gerechten Ordnung', in der jeder sein eigenes und nur sein eigenes Ding machen sollte. Das kommt dem Sprichwort nahe: 'Schuster, bleib bei deinen Leisten'. In diesem Paradigma sollte jemand, der von Kindheit an musikalisch begabt ist, sich ausschließlich mit Musik beschäftigen und ein brillanter Komponist werden. So wird jeder zu einem Superprofi auf seinem Gebiet. Aber gleichzeitig wird er auch ein enger Spezialist werden, der nichts anderes kennt als sein Fach. Damit sich solche Spezialisten untereinander absprechen oder ein Gespann bilden können, müssen Schulen Sportwettkämpfe veranstalten, bei denen sich die Gruppen zusammenfinden. Auch bei Sportspielen hat jeder seine eigene Veranlagung: der eine ist ein guter Torwart, der andere ein Stürmer, der nächste ein Trainer und Stratege. Deshalb schenken westliche Schulen den Sportwettbewerben und der Teambildung große Aufmerksamkeit. Außerdem wird in fast allen westlichen Filmen viel Wert auf die Bildung eines Teams gelegt. Oft läuft alles nach dem gleichen Schema ab: Jemand versammelt für die Aufgabe enge Spezialisten, die sich in der Regel nicht mögen, und diese müssen zusammenarbeiten und die Aufgabe im Laufe des gesamten Films erfüllen. So löst man im Westen das Problem der ganzheitlichen Projektentwicklung."

"Ja, das westliche Paradigma ist in der heutigen Kultur sehr stark vertreten. Über die russische Kultur wird gar nicht viel gesagt, während die östliche Zivilisation mit einem Heiligenschein aus Geheimnis und Rätselhaftigkeit umhüllt ist", sagte Wladimir.

"Mysterien können aus dem Nichts entstehen. Um die östliche Kultur und ihre Stärken und Schwächen zu verstehen, muss man meiner Meinung nach wissen, wie sie das Problem der Entwicklung eines Menschen in Bezug auf seine Veranlagung gelöst hat. Während die westliche Kultur das entwickelt, was bereits gut entwickelt ist, entwickelt die östliche Kultur das, was jetzt notwendig ist. Wenn es zum Beispiel notwendig ist, jetzt Reis anzupflanzen, wird jeder lernen, Reis anzupflanzen. Im Grunde genommen versucht die östliche Kultur, die besten Verfahrensweisen der Menschheit zu bewahren. Die wichtigste Motivation in der Schule ist die Pflicht gegenüber den Vorfahren und den Lehrern. Lehrer und ältere Menschen im Allgemeinen werden als Hüter von Erfahrung und Wissen wahrgenommen, die sie an die Schüler weitergeben. Aus diesem Grund ist die östliche Zivilisation übrigens seit mindestens tausend Jahren, seit der Errichtung der Seidenstraße, die 'Fabrik' der Welt. Eine Fabrik ist ein Ort, wo die besten Verfahrensweisen angewandt werden müssen und nach dem Standard für die Massenproduktion gearbeitet wird."

"Die besten Traditionen zu bewahren und eine Massenproduktion zu schaffen, ist eine notwendige und wertvolle Tätigkeit", sagte Wladimir, "aber ich bin gespannt, was es mit der russischen Schule auf sich hat. Entwickelt dann die russische Schule das, was schlecht entwickelt ist?

"Das kommt der Sache sehr nahe. Ich würde jedoch sagen, dass die russische Schule Ganzheitlichkeit entwickelt, sodass jemand im Grunde in allen Bereichen bewandert ist, ohne vielleicht bestimmte Kleinigkeiten zu kennen. Wenn jemand zum Beispiel eine Begabung für Mathematik hat, wird er die Grundlagen der Mathematik rasch begreifen. Aber andere Fächer können ihm nur mit großen Schwierigkeiten vermittelt werden. Infolgedessen verbringt er viel Zeit damit, sich mit ihnen zu beschäftigen. So verbringt er fast seine gesamte Zeit mit Dingen, in denen er nicht gut ist."

"Gerade jetzt ist mir klar geworden, dass ich als Lehrer die meiste Zeit genau damit verbringe", sagte Wladimir nach einer Pause, "ich muss den Kindern genau das beibringen, was sie nicht gut können. Ich dachte unbewusst, das sei das Wichtigste."

"Ja, aber du musst auch verstehen, wie man anderen Menschen etwas beibringt. Denn da gibt es verschiedene Wege. In der russischen Schule wird mehr Wert auf die Methodologie gelegt, mit der man lernt, das Wesen der Phänomene zu verstehen, sowie auf das Grundlagenwissen. Und dann kann der Schüler die Methodologie und das Grundlagenwissen in jeder spezifischen Situation kreativ und auf seine eigene Weise anwenden. In der russischen Schule der Kampfkünste zum Beispiel liegt der Schwerpunkt auf der Mechanik, man spricht von Drehpunkten, Hebeln und Momenten. Dann versteht jeder in einem echten Kampf, wie er seine Kraft einsetzen muss, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. In der östlichen Schule wird das Hauptaugenmerk auf die Wiederholung von Bewegungen gelegt. In der Schule der Shaolin-Mönche verbringen die Schüler Jahrzehnte damit, bestimmte Bewegungen zu perfektionieren. In der westlichen Schule liegt der Schwerpunkt auf den neuesten Errungenschaften der Wissenschaft und dem Nutzen eines Vorteils in einer Sache. In Filmen wird James Bond zum Beispiel als Spezialagent gezeigt, der über die modernsten 'Gadgets' verfügt, mit denen er sich im richtigen Moment einen Vorteil verschaffen kann."

"Was die Wiederholung in den östlichen Schulen angeht, so habe ich mich an die Erfahrung einer meiner Freundinnen erinnert, die ein Praktikum in genau so einer Schule gemacht hat, und sie hat festgestellt, dass die Lehrer die Erfahrungen der vorherigen Generationen durch Wiederholungen bewahren", fügte Wladimir hinzu.

"Ich würde hier auch das Bild einer idealen Waffe für jede Zivilisation einbringen. Wenn die westliche Zivilisation die neueste Generation von Waffen mit allem Drum und Dran braucht, braucht die russische Zivilisation vor allem eine zuverlässige Waffe, die auch unter den unvorhersehbarsten Bedingungen nicht versagt. Das Kalaschnikow-Sturmgewehr gilt zu Recht als eine solche Waffe, die im Vergleich zum M16, der am weitesten verbreiteten Waffe der westlichen Zivilisation, zwar weniger genau ist, aber unter allen Bedingungen einwandfrei funktioniert."

"Dann würde ich sagen, dass in der östlichen Zivilisation die bevorzugte Waffe diejenige ist, mit der schon die Vorfahren gekämpft haben", fügte Wladimir hinzu, "zum Beispiel lässt sich in der japanischen Kultur der Kult um das Katana gut zurückverfolgen – ein Schwert, das fast eine Kugel aufhalten und ganze Schiffe zerschneiden kann."

"Ich würde sagen, dass die ideale Waffe in der östlichen Kultur jene ist, die sie gut beherrschen. Wenn sie gelernt haben, ein Katana zu führen, dann ist es ein Katana. Wenn sie gelernt haben, mit einem Stock zu kämpfen, dann ist es ein Stock. Der Ehrgeiz, tausende von Jahren an Erfahrung zu bewahren, führt genau dazu.

"Ja, durch dieses Beispiel wird vieles über die russische Schule verständlicher", sagte Wladimir, "außer, dass es immer noch nicht klar ist, warum eine derartige Aufteilung in verschiedene Schulen überhaupt notwendig ist."

"Ich würde dann schauen, in welchen Situationen welche Ansätze gut und in welchen sie schlecht funktionieren. Die westliche Schule funktioniert zum Beispiel gut, wenn du ein Problem schnell lösen musst. Einen einzelnen Bereich zu erforschen, vor allem einen, der einem leicht fällt, ist viel einfacher, als ganzheitlich alle Bereiche zu erforschen oder zu lernen, was gerade gebraucht wird. Das ist im Grunde das, was Hacker tun, wenn sie sich intensiv mit einem Thema beschäftigen und die Verteidigungsanlagen komplexer Systeme knacken."

"Hier würde ich noch ein gutes Beispiel dafür anführen, wie Großbritannien Chinas Verteidigung während der Opiumkriege mit Waffen und Drogen geknackt hat“, führte Wladimir an, "davor war China für die Europäer unerreichbar, da es ihnen verboten war, sein Territorium zu betreten."

"Das ist ein großartiges Beispiel", sagte ich, "der östliche Ansatz ist gut anzuwenden, wenn du eine Massenproduktion organisieren musst und sich die äußeren Bedingungen nicht großartig ändern. Nicht umsonst gibt es in China die Verwünschung 'Mögest du in interessanten Zeiten leben'. Der russische Ansatz hingegen ist gut, wenn sich die Umstände stark verändern. Unter solchen Umständen weißt du nicht im Voraus, was du brauchen wirst, und du musst ganzheitliches Wissen in vollem Umfang anwenden. Ganzheitliches Wissen ist auch notwendig, um harmonische und dauerhafte Systeme zu schaffen. Engstirnige Spezialisten und Bewahrer von altem Wissen werden schlechter abschneiden, wenn es darum geht, das ganze System bis ins letzte Detail zu durchdenken, und das nicht selten unter neuen Bedingungen."

"Sehr interessant und aufschlussreich", sagte Wladimir, "Ich habe eine Menge Antworten gefunden, nach denen ich schon lange gesucht hatte. Als praktizierender Lehrer würde ich von dir auch gerne eine Antwort auf folgende Frage hören: 'Was ist die wichtigste Fähigkeit, die die russische Schule vermitteln sollte?'"

"Ich würde zwei wichtige Fähigkeiten herausstellen, die sich gegenseitig ergänzen:

1. Die Fähigkeit, in Prozessen statt in Zuständen zu denken und zu verstehen, wie unterschiedliche Stereotypen in Weltanschauungen und Weltbildern die Wahrnehmung und das Verständnis von realen Prozessen einschränken können

2. Die Fähigkeit, neue Aufgaben zu lösen. Das heißt, ein Schüler sollte lernen, Probleme zu lösen, die noch nie jemand zuvor gelöst hat."

"Hier hast du mich wirklich erwischt", wandte Wladimir ein, "Ich stimme dem Ersten voll und ganz zu, und höchstwahrscheinlich braucht man dafür ganzheitliches Denken, nicht nur Logik und Mathematik, die, wie Lomonossow sagte, 'den Verstand in Ordnung bringen', sondern auch bildhaftes Denken und den Gebrauch der Intuition. Aber die Fähigkeit, ungelöste Probleme zu lösen - davon höre ich zum ersten Mal. Als Lehrer unterrichte ich immer noch das Lösen von Standardproblemen, die bereits von vielen Menschen gelöst wurden."

"Ja, es ist nicht einfach, aber ich bin sicher, dass es möglich ist", sagte ich. "Wie Henry Ford zu sagen pflegte: 'Wenn du denkst, dass ein Problem nicht gelöst werden kann, hast du recht. Wenn du denkst, du kannst es, hast du auch recht."

"Denkst du, man kann eine universelle Schule schaffen?", fragte Wladimir.

"Die Verschiedenartigkeit der Kulturen und die unterschiedlichen Ansätze sind notwendig für Beständigkeit und Besonnenheit. Ich würde sagen, dass alle drei Ansätze zu einer gemeinsamen Schule des wahren Menschen kombiniert werden können, in der man in jungen Jahren durch Wiederholung tausende von Jahren an Erfahrung lernt (östlicher Ansatz), dann in der Jugend an Ganzheitlichkeit gewinnt (russischer Ansatz) und dann mit tiefem Verständnis einen oder mehrere der Bereiche kennenlernt, die einem am meisten am Herzen liegen (westlicher Ansatz). Ohne Ganzheitlichkeit wird man zu einem engen Spezialisten, und ohne die Erfahrungen der Vergangenheit zu studieren, wird es schwierig sein, Ganzheitlichkeit zu erwerben. Die Besonderheit von Kulturen und Zivilisationen bleibt bei einem solchen Ansatz erhalten, weil sie an sich wertvoll ist und durch die Unterschiede in den natürlichen und geografischen Entwicklungsbedingungen der Kulturen und in der bisherigen Geschichte ihrer Entwicklung bedingt ist."

– "Es ist eine äußerst interessante Idee, alle Ansätze zu kombinieren. Die russische Schule ist meiner Meinung nach am harmonischsten für ein solches Prinzip geeignet und wird oft auf diese Weise realisiert."


Wir hatten ein langes Gespräch zum Thema russische Schule und diskutierten Ansätze, wie wir den Unterricht hinsichtlich der Fähigkeit, ungelöste Probleme zu lösen, gestalten können. Wir diskutierten auch über die Rolle der verschiedenen Fächer im Schulplan. Wladimir lag vor allem das Fach Informatik am Herzen, dem er den größten Teil seiner Zeit widmete. Er schlug vor, dass es einen wichtigen Platz im Lehrplan einnehmen sollte, weil es die Computersimulation ist, die aus statischen Informationen und Formeln oft einen - wenn auch virtuellen - Prozess macht. Deshalb kann die Informatik eine der Brücken sein, um zu lernen, Prozesse hinter Zuständen zu erkennen.

Wir erinnerten uns an die Beispiele unserer russischen Schulen, in denen der Schwerpunkt auf der Ganzheitlichkeit liegt. Wir erinnerten uns an A.S. Makarenko, W.A. Suchomlinskij, W.I. Schochow. Wir erinnerten uns an herausragende Absolventen der russischen Schule, wie M.W. Lomonossow, I.A. Jefremow, K.E. Ziolkowski und viele andere. Ihre Biografien und die Wege, die zu ihren herausragenden Leistungen führten, erwiesen sich als äußerst interessant.

Wir haben auch für uns selbst beschlossen, dass wir weiter daran arbeiten werden, die Ideen der russischen Schule weiterzuentwickeln und die Unterschiede der russischen Schule zu anderen, sowie ihre Vor- und Nachteile herauszuarbeiten. Wir werden uns bemühen, eine echte russische Schule zu schaffen, in der der Mensch eine ganzheitliche Sicht auf die Welt erlangen kann, indem er die Erfahrungen aller Zivilisationen einbezieht. Uns ist auch klar, dass eine so komplexe Aufgabe nicht allein oder von einer kleinen Gruppe gelöst werden kann. Dazu ist es notwendig, eine Gesellschaft und noch besser ein Gemeinschaftsunternehmen zu gründen, in dem jeder wie ein guter Freund alles Notwendige tut, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Es wäre sehr ermutigend, wenn solche Gemeinschaftsunternehmen überall auf der Welt entstünden.

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Wie ein enger Spezialist alles zerstören kann

↗️ Russischer Originaltext

Es war ein goldener Herbst. Auf der Straße raschelten die Blätter unter den Füßen und auf den Feldern wurde die Ernte eingeholt. An einem dieser Tage kam mein Nachbar Jewgeni mit einem Sack voller Blätter zu mir, die er in seinem Garten gesammelt hatte, und fragte mich, ob ich nicht ein paar Säcke mit Laub gebrauchen könnte.

Ich habe meinem Nachbarn schon des öfteren erklärt, dass jegliches organische Pflanzenmaterial, das man auf den Boden legen kann – man nennt das „Mulch“ – der beste Dünger für Pflanzen ist. So schafft beispielsweise die Laubschicht in jedem Wald hervorragende Bedingungen für die Feuchtigkeitsspeicherung und die Vermehrung von Regenwürmern, welche die Bodenstruktur lockern und verbessern und die Fruchtbarkeit des Bodens erhöhen. Allerdings ist diese Erkenntnis bei meinem Nachbarn noch nicht so richtig angekommen, und ich habe ihn jeden Herbst vor dem "überflüssigen" Laub "gerettet".


In dem Moment, als mein Nachbar mich fragte, ob ich die Säcke gebrauchen könnte, war ich sehr beschäftigt. – Ich belud gerade mein Auto und wollte in Kürze losfahren. Jewgeni erklärte sich bereit, mir zu helfen, und so fragte er: "Wo sollen die Blätter denn hin?". Automatisch wies ich auf die am weitesten entfernten Beete in meinem Gemüsegarten. Die letzten Zucchini waren dort bereits geerntet und ich war mir sicher, dass die Beete leer waren. 

Als ich mit dem Beladen des Autos fertig war, entschied ich mich, für alle Fälle nachzuschauen, und ging zu meinen Beeten. Schon als ich mich ihnen näherte, sah ich, dass unter einer dicken Laubschicht noch nicht geerntete Kürbisse hervorlugten. So musste ich das Laub beiseiteharken, um die ganze Ernte zu finden.

 

Als ich Jewgeni das nächste Mal traf, kamen wir ins Gespräch:

– „Hast du etwa, als du das Laub ausgeschüttet hast, die dicken Kürbisse nicht gesehen, die noch auf dem Feld lagen?“, fragte ich.

– „Doch, habe ich.“, antwortete mein Nachbar.

– „Warum hast du dann das Laub auf diese Beete gekippt?“

– „Na, du hast doch selber gesagt, dass es dorthin soll.“

– „Ja, aber ich habe doch etwas übersehen können, und du hattest es vor Augen.“

– „Na ja, weißt du: «Jeder Befehl, der missverstanden werden könnte, wird missverstanden.»“, sagte Jewgeni und rief sich eine Redewendung wieder ins Gedächtnis.


Redewendungen geben die Erfahrung mehrerer Jahre eines Volkes wider, wobei allerdings auch sie Fehler und Ungenauigkeiten enthalten können. Die beste Methode, diese zu bereinigen, ist, sich eine neue Redewendung als Ersatz für die alte auszudenken.


Nachdem ich darüber nachgedacht hatte, antwortete ich Jewgeni, dass ich ihm eine neue Redewendung vorschlage, eine genauere: «Ein Dummkopf versteht jeden, selbst den am idealsten formulierten, Befehl falsch, wohingegen ein kluger Mensch selbst den unverständlichsten Befehl zum Wohl der Allgemeinheit umsetzen kann». Und es lässt sich noch eine weitere Redewendung hinzufügen: «Wenn du einem Dummkopf sagst, er solle zu Gott beten, schlägt er sich noch die Stirn dabei auf» [analog: Blinder Eifer schadet nur]. Damit mein Nachbar sich nicht vor den Kopf gestoßen fühlte, erzählte ich ihm noch von der Erfahrung unseres Heerführers Suworow, der vor einem Kampf den Angriffsplan mit seinen Untergebenen absprach und sagte: „Wenn ich dir während des Kampfes sage, du sollst geradeaus gehen, und du siehst, dass du nach rechts gehen musst – dann geh nach rechts, du hast es im Blick!“

Diese Ansätze spiegeln unterschiedliche Haltungen gegenüber dem Menschen wider. Während der erste davon ausgeht, dass der Mensch ein Rädchen im System ist, das lediglich eine von jemand anderem zugewiesene Funktion erfüllt, geht der zweite davon aus, dass der Mensch über eine eigene Sicht auf die Situation, eine persönliche Verantwortung für die Angelegenheit, einen kreativen Ansatz, ein Bewusstsein und einen freien Willen verfügt. Der erste Ansatz impliziert eine enge Spezialisierung («Schuster bleib bei deinen Leisten», wie es so schön heißt). Enge Spezialisten erzeugen oftmals Probleme in Bereichen, die an die ihren grenzen. Selbst wenn sie ihre Arbeit bestmöglich verrichten, ist es möglich, dass sie gar nicht bemerken, dass sie in einem angrenzenden Tätigkeitsbereich etwas beschädigt oder zerstört haben.


Diesmal stimmte Jewgeni mir zu und sagte, dass er versuchen werde, darauf zu achten, ob er mit seinen Handlungen jemandem schaden könne, selbst wenn die Person ihn darum gebeten habe. Dieser Fall führt zu der Frage: Was ist ein Mensch? Und wie wir einen Menschen behandeln, welche sittlichen Entscheidungen wir in Bezug auf ihn treffen, wird bestimmen, in welcher Art von Gesellschaft wir leben werden und wie viele Konflikte und Fehler es in ihr geben wird. Je vielfältiger und gebildeter ein Mensch ist, desto besser werden seine Kenntnisse in der Praxis erprobt, desto weniger Fehler wird er bei anderen verursachen.

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Die Tiefe der Wahrheit

↗️ Russischer Originaltext

Einmal besuchte ich einen Freund im Ural. Das Wetter war herrlich warm und sommerlich. Auch meine Schwester und ihre beiden Kinder besuchten meinen Freund. Das ältere von ihnen hieß Jegor. Jegor war ein leidenschaftlicher Angler, und wir gingen fast jeden Morgen zusammen an einem benachbarten See angeln.

Eines Tages, an einem Wochenende, flutete mein Freund das Badehaus. Und ich habe Jegor und seine Mutter bei dem folgenden Gespräch erwischt:

 

– „Jegor, du musst dich waschen“, sagte die Mutter.

– „Ich möchte mich aber nicht waschen, ich bin sauber. Ich möchte an den See gehen – angeln oder ein Feuer machen.“, sagte Jegor.

– „Der Arzt hat dir gesagt, dass du nicht schwitzen darfst, also musst du dich waschen.“, entgegnete ihm die Mutter.

– „Aber ich bin doch sauber und schwitze gar nicht. Ich will mich gar nicht waschen.“, antwortete daraufhin Jegor.


Das Gespräch zwischen Mutter und Sohn ging noch lange so weiter. Ich sah, dass sie sich in eine Sackgasse manövriert hatten. Um den Streit zu schlichten und alle Beteiligten zu besänftigen, schritt ich ein:

– „Jegor, schau mal, niemand sagt, dass du dreckig bist und dich deshalb waschen sollst. Im Gegenteil, wir wissen deine Sauberkeit sehr zu schätzen. Wenn du dich allerdings nicht wäschst, wird sich deine Mutter große Sorgen um dich machen. Fällt es dir denn schwer, deine Mutter zu beruhigen, indem du ein kleines Prozedere durchziehst? Sie ist keine Fremde für dich. Tu es ihr zuliebe.“

 

Nachdem Jegor ein wenig darüber nachgedacht hatte, willigte er daraufhin ein, sich zu waschen, und der Streit löste sich auf. Alle waren zufriedengestellt. Die Mutter war sehr zufrieden damit, dass Jegor sich nun wusch. Jegor war zufrieden damit, dass die Prozedur, die ihm sinnlos erschien, nun einen Sinn hatte.


Später diskutierten wir dieses Gespräch alle gemeinsam. Ich erklärte, dass zu diesem Gespräch jeder seine eigene Wahrheit beigetragen hat. Die Mutter hielt mit ihren Gefühlen hinterm Zaun und führte ablenkende Fakten an, um Jegor zu überreden. Man könnte sagen, dass die Wahrheit der Mutter eher oberflächlich war. Jegor lieferte hingegen handfestere Argumente. 

Jegor hatte den Streit gewonnen, weil er mit seiner Wahrheit jedes Argument seiner Mutter entkräften konnte. Jegors Wahrheit war tiefgehender. Als ich mich in das Gespräch einklinkte, zeigte ich Jegor die wahren, inneren Absichten seiner Mutter auf. Der eigentliche Sinn des ganzen wurde ihm dabei klar, worin er eine vernünftige Absicht erkennen konnte. Wirkliche Freude erfahren wir im Umgang miteinander, insbesondere, wenn wir etwas Gutes für Andere tun. Eine, wenn auch nicht sehr angenehme, Prozedur auszuführen, um der Mutter etwas Gutes zu tun, erschien Jegor vollkommen vernünftig. Man könnte sagen, dass meine Wahrheit gewonnen hat, weil sie am verständlichsten und tiefgründigsten war.

Oft heißt es, die Kraft liege in der Wahrheit. Jedoch kann die Wahrheit auch oberflächlich und nicht überzeugend auftreten. Ich würde sagen, dass die Kraft immer auf der Seite der tiefgreifenderen Wahrheit liegt. Eine oberflächliche Wahrheit kommt eher einer Manipulation gleich. Kinder fühlen das ganz besonders stark. Ich hoffe wirklich, dass die Familie nach unserer Unterhaltung mehr aufrichtige und herzliche Beziehungen pflegt, wobei niemand seine Gefühle verstecken muss und jeder eine stärkere Position einnimmt, die auf einer tiefgehenderen Wahrheit fußt.

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Die Fähigkeit, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun

↗️ Russischer Originaltext

Im Sommer war ich in den entlegenen Gegenden unserer riesigen Heimat im Urlaub. Diesmal führte mich das Schicksal in die Uralsteppe in der Nähe eines großen Sees. Den Menschen vor Ort zufolge stand an diesen Orten früher ein dichter Wald. Doch im Zuge der umfangreichen Bauarbeiten vor Beginn des Großen Vaterländischen Krieges wurde dieser Wald fast vollständig abgeholzt. Auf dem so entstandenen Feld war kein einziger Baum mehr zu sehen und es wurden darauf kontinuierlich verschiedene Feldfrüchte angebaut: Flachs, Hafer, Weizen und so weiter.

Trotz der dicken schwarzen Erde konnte man mit bloßem Auge erkennen, dass das Feld an Fruchtbarkeit verlor. Der Boden wurde immer trockener und brüchiger. All dies war auf das Fehlen von Bäumen zurückzuführen. Der nächste Wald war fünf Kilometer von diesem Ort entfernt. Und man konnte auf der Karte leicht erkennen, dass aus diesem Wald ein Bach floss. Gerade der Wald ist es, der das richtige Mikroklima schafft und es ermöglicht, das gesamte Regenwasser zu speichern und zu absorbieren, und er trägt auch dazu bei, dass dieses Wasser langsam wieder verdunstet. Leider denken die Menschen oft nicht an die langfristigen Prozesse, d. h. daran, dass Einsparungen bei der Wiederaufforstung in der Zukunft zu schweren negativen Folgen führen können. Dieser Gedanke hat mich während meines gesamten Urlaubs begleitet.


Eines Tages wachte ich wie üblich vor allen anderen auf, und als ich auf dem Grundstück in der Nähe des Hauses umherging, sah ich etwas von einer riesigen Birke fallen. Zu dieser Zeit wehte kaum ein Lüftchen, so dass das Ding nicht schwer zu entdecken war. Ich hoffte, dass es Samen sein würden, und meine Vorahnung hat mich nicht enttäuscht. An der Birke waren die „Ohrringe“ reif. Als ich einen abzupfte und abstreifte, hielt ich viele Samen in der Hand. Jeder Samen hatte zwei kleine Flügel, durch die er mit dem Wind vom Baum wegfliegen konnte.

Ich beginne jeden Morgen mit einem kleinen Lauf. Diesmal habe ich nicht lange überlegt und habe eine Tasche voller „Birkenohrringe“ mitgenommen und bin den Steppenweg entlanggelaufen. Unterwegs traf ich einen Hirten, der eine Kuhherde hütete. Ich grüßte ihn und der Hirte antwortete mir, dass er neidisch sei, weil er morgens nicht spazieren gehen könne. Ich wies ihn darauf hin, dass auch er eine schöne Arbeit im Freien habe. Er wusste dies jedoch nicht zu schätzen.

Der Weg führte weiter und entlang der Straße gab es offenkundig wilde Felder, die von niemandem genutzt wurden. Das Wetter war bereits sehr warm, was typisch für Mitte Juli ist. Zu dieser Zeit begannen gerade die Erdbeeren zu reifen. Als ich das Feld mit den Erdbeeren erreichte, blieb ich stehen, um sie zu essen, und begann gleichzeitig, die Samen von den Birken zu schälen, die auf der anderen Seite des Weges standen. Als ich den Rückweg antreten wollte, ging ich auf die Seite, an der keine Bäume stansen, und während ich Erdbeeren pflückte, säte ich Birkensamen aus.


Auf dem Rückweg traf ich wieder denselben Hirten. Ich wusste nicht, was dort zuvor gewachsen war, also fragte ich ihn:

– „Können Sie mir sagen, ob es auf diesen Feldern früher Bäume gab? Speziell Birken?“

– „Ich kann mich nicht mehr erinnern, aber man sagt, dass hier vor dem Krieg (dem Großen Vaterländischen Krieg) welche gewachsen sind.“

– „Ich habe mich gefragt, ob hier irgendwann einmal Birken gewachsen sind, denn wenn ich laufe gehe säe ich Birkensamen aus“, antwortete ich.

Er war sehr überrascht, konnte aber nur fragen: 

– „Wie sind Sie denn auf diese Idee gekommen?“

– „Ich habe mich schon immer für Biologie, Landwirtschaft und alle natürlichen Prozesse interessiert“, antwortete ich dem Hirten, „als ich also morgens die Samen von der Birke fallen sah, war mir sofort klar, wie ich das ausnutzen kann.“


Ich erzählte ihm auch, dass ich immer versuche, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Zum Beispiel habe ich gleichzeitig mit dem Joggen ein Sonnenbad genommen, Erdbeerfelder erkundet, Erdbeeren verkostet und Bäume gepflanzt.

Der Hirte war völlig außer sich vor Staunen. Er bedankte sich bei mir und sagte, dass ich seine Laune für den Tag gehoben habe. Wir verabschiedeten uns und ich wünschte dem Hirten, er möge mehrere nützliche Dinge gleichzeitig tun.

Während unseres Gesprächs fiel mir auf, dass der Hirte nicht besonders gut aussah. Er sah eher aus wie eine vertrocknete Rosine. Ganz dunkel und ausgemergelt, mit vielen Falten und einer heiseren Stimme. Wahrscheinlich lag es daran, dass er rauchte wie eine Dampflock. Leider ist eine solche Lebensweise nicht gerade förderlich dafür, dass ein Mensch über wichtige Dinge nachdenkt und kreative Prozesse in Gang setzt. Wenn seine Sitte die Einstellung hat, dass es in Ordnung ist, sich zu vergiften, dann steht sie der Entwicklung kreativer Prozesse diametral entgegen.


Nach diesem Treffen kamen mir folgende Gedanken: Es kostet die Menschen oft nichts, eine gute Tat zu vollbringen, so wie es mich nichts kostete, meine Taschen mit Samen zu füllen und Birken zu säen. Je mehr ein Mensch weiß und kann, desto weniger Mühe kostet es ihn, etwas Nützliches zu tun.

Bei meiner Arbeit versuche ich, die Menschen anhand meines eigenen Beispiels zu guten Taten zu inspirieren. Noch besser ist es, wenn sich Gleichgesinnte zusammenfinden und gemeinsam gute Taten vollbringen. Es hat mich in letzter Zeit viel Zeit gekostet, eine solche Gemeinschaft aufzubauen. Ich bin jedoch überzeugt, dass diese Arbeit nicht weniger wichtig ist als jede andere.

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Worauf beruht die Sakralität von Macht?

↗️ Russischer Originaltext

Eines Tages waren Wladimir und ich auf der Suche nach einer zuverlässigen Person für ein gemeinnütziges Gemeinschaftsprojekt. Wladimir war mit Nikita gut bekannt, der sich bereits bei einem der gemeinschaftlichen Produkte etabliert hatte, und so beschlossen wir, uns mit ihm zu unterhalten und ihn zu bitten, bei unserem mitzumachen.

Da jeder in einer anderen Stadt wohnte, fand unser Treffen online statt. Bei unserem Telefonat erzählten Wladimir und ich Nikita zunächst das Wesentliche über unser Projekt und luden ihn ein, uns Fragen zu stellen.


– „Was passiert, wenn wir uns in einer wichtigen und grundlegenden Frage nicht einigen können, wie werden wir das Projekt dann aufteilen?“, fragte Nikita.


Da wir uns gut verstanden, warfen Wladimir und ich uns gegenseitig einen Blick zu und zeigten uns sehr überrascht von dieser Frage. Nikita hatte in seiner Frage bereits den Eindruck erweckt, dass es einen Konflikt zwischen uns geben könnte. Damit hatten wir, ehrlich gesagt, nicht gerechnet und wollten ihm sagen, dass er im Gespräch durchgefallen sei. Ich beschloss jedoch, weiterzumachen und das Gespräch in eine konstruktive Richtung zu lenken:


– „Du willst also den Algorithmus für die Konfliktlösung in unserer Gemeinschaft ermitteln?“, fragte ich.

– „Nein“, beharrte Nikita, „selbst wenn wir bereits alle möglichen Lösungsalgorithmen durchgespielt haben und uns nicht einigen konnten, was werden wir dann tun?“

– „Willst du damit sagen, dass es ein Thema geben könnte, bei dem wir uns grundsätzlich nicht einigen könnten?“, fragte Wladimir, „Ich kann mir so etwas in unserer Gemeinschaft nicht vorstellen. Ich hatte vor, dass sich auch andere Teilnehmer zu den gleichen Bedingungen an dem Projekt beteiligen sollten.“

– „Das ist keine gute Idee!“, sagte Nikita, „Ich möchte wirklich verstehen, was passiert, wenn jemand mit jemandem nicht einverstanden ist, wer wird die beiden trennen oder entscheiden, wer geht und wer bleibt, wer ist für das Projekt verantwortlich?“

– „Wir haben uns angewöhnt, alle Probleme gemeinsam zu lösen, und jeder von uns weiß alles“, sagte Wladimir, „Eigentlich arbeiten wir nach dem Prinzip, das Suworow uns überliefert hat, denn in seiner Armee musste jeder alles wissen, wie er in seiner 'Wissenschaft des Siegens' schrieb: 'jeder Soldat muss sein Manöver verstehen'. Es wird sehr oft verdreht und gesagt, dass 'jeder Soldat sein Manöver kennen muss', aber 'kennen' und 'verstehen' sind oft sehr unterschiedliche Dinge. Um zu verstehen, muss man die Gesamtsituation sehr viel genauer kennen.“

– „Das klingt ja alles ganz toll,“, sagte Nikita, „aber du hast immer noch nicht meine Frage beantwortet, wer für das Projekt verantwortlich ist – wer wird die Entscheidung treffen, wer rausgeworfen wird und wer bleiben darf?“

– „Gut, ich habe noch ein anderes Beispiel“, fuhr ich fort, „Es gibt einen Mann namens Pieter Hintjens, der sich mit der Schaffung offener Gemeinschaften befasst hat, die nur von Freiwilligen aufrechterhalten wurden. Auf der Grundlage dieser Arbeit hat er ein Buch mit dem Titel 'Soziale Architektur' geschrieben. Darin beschreibt er das Phänomen des 'Non-Tribalismus'. Er hat dieses Phänomen als negativ bewertet und ein Beispiel angeführt, wie sich dieses Phänomen äußert: Wenn eine alternative Idee oder sogar ein neues Projekt in der Gemeinschaft aufkommt, das in einigen Aspekten von der ursprünglichen Idee abweicht und sogar in gewisser Hinsicht mit ihr konkurriert, dann ist das schlecht, insofern die Reaktion darauf negativ ist, wenn sie  aber positiv ist, dann ist das gut. Ich möchte hier hinzufügen, dass die Wahrheit keine Angst vor Konkurrenz hat, denn in der Praxis gewinnt sie immer, während die Lüge immer versucht, allein zu bleiben.“

– „Das ist alles schön und gut, aber du hast meine Frage trotzdem nicht beantwortet“, sagte Nikita, „Wer ist der Chef?“

– „Dann lass uns mal noch eine weitere sehr wichtige Frage betrachten, die unmittelbar notwendig ist, um deine zu beantworten“, fuhr ich fort, „Was ist die 'Sakralität von Macht'?“

– „Die Sakralität von Macht beruht auf dem Glauben der Menschen an die Auserwähltheit der Herrschenden“, sagte Nikita.

– „Das ist noch immer eine Konsequenz, und außerdem kommt es vor, dass das System völlig offen und transparent ist und es keinen blinden Glauben gibt, die Sakralität aber noch immer vorhanden ist“, wandte Wladimir ein, „In der Armee von Suworow wusste jeder alles, aber Suworow selbst war für jeden wie ein Vater.“

– „Dieses Beispiel zählt nicht“, sagte Nikita.

– „Aber warum denn nicht?!“, entgegnete ich, „Ein einfacheres Beispiel: Ein Computerfachmann kommt zu dir, und du hast keine Ahnung von Computern. Käme es dir nicht wie ein Wunder vor, wenn er für dich alle Fehler beheben würde?“

– „Das hat damit doch gar nichts zu tun, oder?“, sagte Nikita, „Ist der Computerfachmann ein Beamter oder eine Steuerungskraft?“

– „Macht das einen Unterschied?“, sagte Wladimir, „Er hat doch das Problem gelöst, also ist er eine Steuerungskraft. Er kann die Computer-Hardware und -Programme auf eine Weise steuern, die dir fremd ist. Für dich ist seine Macht über Computer also sakral, von Geheimnissen und Magie umhüllt.“

– „Ja, gut. Aber was soll das bringen?“, fragte Nikita.

– „Ich wollte damit sagen, dass Macht kein Platz in einem Büro ist, keine Position und kein Titel.“, sagte ich, „Macht ist die Fähigkeit, Probleme zu lösen. Sogar in einem Wolfsrudel wird der Anführer nicht nach seiner Stärke, sondern nach seiner Entscheidungsfähigkeit ausgewählt, wie ein Mann herausfand, der etwa zwei Jahre lang mit Wölfen zusammenlebte.“

– „Ich würde noch ergänzen: 'Die Fähigkeit, Probleme im Bereich der Verwaltung zu lösen'“, fügte Wladimir hinzu, „Oder noch richtiger: Macht ist die Fähigkeit, die größtmögliche Anzahl von Akteuren in dein Bild von der Zukunft einzupassen und Probleme zu lösen, um dieses zu erreichen.“

– „Was bedeutet denn 'in dein Bild einpassen'?“, fragte Nikita.

– „Sich in dein Bild einpassen heißt im besten Fall, sich auf deine Seite zu stellen, und in der vertretbaren Ausführung zumindest, den Widerstand gegen die Verwirklichung des Zukunftsbildes auf ein vertretbares Maß zu reduzieren.“, antwortete ich.

– „Aber man kann doch auch ohne eine Vorstellung von der Zukunft und die Fähigkeit, Probleme zu lösen, steuern!“, widersprach Nikita.

– „Willst du damit sagen, dass der Steuerknüppel eines Flugzeugs das Flugzeug besser steuern kann als der Pilot, weil er die Steuersignale an die Seitenruder weiterleitet?“, fragte ich, „Nein, es sind der Pilot und seine Vorstellung von der Zukunft, wohin er das Flugzeug fliegt, sowie seine Kenntnisse über den Aufbau des Flugzeugs, die es ihm ermöglichen, das Flugzeug zu steuern. Wenn jemand steuert, ohne eine Vorstellung von der Zukunft zu haben, bedeutet das nur, dass er der Steuerknüppel in den Händen eines erfahreneren Piloten ist. In der Sprache der hinreichend allgemeinen Theorie der Steuerung (HATS) bedeutet dies, dass man die vollständige Steuerungsfunktion betrachten muss.“

– „Alles klar, die HATS habe ich studiert. Und was bedeutet dann die 'Sakralität von Macht'?“, fragte Nikita.

– „Eine Sakralität von Macht liegt vor, wenn zur Steuerung wichtige Informationen vor der Gesellschaft verborgen werden“, sagte ich, „Das Wichtigste dabei ist, was verborgen wird – nämlich sind das die Methoden zur Lösung von Steuerungsaufgaben, die im Wesentlichen darin bestehen, verschiedene Elemente miteinander zu vereinen. Und unter dem strengsten Verbot sind das die Methodologie des Erkennens und Schaffens sowie ein ganzheitliches Weltbild. In unserem Projekt hingegen regen wir jeden dazu an, sich ein ganzheitliches Weltbild, eine Erkenntnis- und Schaffensmethodologie sowie Problemlösungsfähigkeiten zu erschließen.

– „Und wer wird nun entscheiden, wer bleibt und wer nicht?“, fragte Nikita.

– „Wer dazu fähig ist, Aufgaben zu lösen, der wird auch bleiben“, antwortete Wladimir, „Wer das nicht kann, geht. Wenn das mehrere betrifft, werden sie sich in mehrere Gruppen aufteilen und das Projekt parallel weiterentwickeln. So wird es nur besser.“

– „Ihr habt immer noch nicht darauf geantwortet, wer den Konflikt lösen wird!“, entgegnete Nikita.

– „Du denkst in Kategorien und Zuständen“, sagte ich, „Wie können wir diese Frage jetzt beantworten? Wir wissen nicht, wie sehr sich die Meinungsverschiedenheiten zuspitzen werden und was sie möglicherweise mit sich bringen. Wir können nicht vorhersagen, was weiter geschieht. Wie soll man unter solchen Bedingungen eine Entscheidung treffen?“

– „Wie soll ich denn denken, wenn nicht in Kategorien und Zuständen?“, fragte Nikita.

– „In Zuständen zu denken heißt in fertigen Antworten zu denken“, sagte ich, „Zum Beispiel: 'Du bist der Chef, ich der Idiot; ich bin der Chef, du der Idiot' – das ist ein typisches Zustandsdenken. Auch du stellst deine Frage im Rahmen des Denkens in Zuständen. Wir versuchen allerdings, stets in Prozessen zu denken und eine Antwort zu entwickeln, die nicht auf der Grundlage von Autoritäten oder vorgefertigten Antworten zustande kommt, sondern direkt aus dem Stegreif, indem wir die Folgen unserer Entscheidungen voraussehen.“

– „Wie kann man denn die Folgen voraussehen?“, fragte Nikita.

– „Wir können den weiteren Verlauf von Ereignissen simulieren, weil wir wissen, wie sich die Teilnehmer an den Ereignissen verhalten werden“, antwortete Wladimir, „Kennt man die Sittlichkeit eines Menschen, seine Ziele, Wünsche und Bestrebungen und denkt sein Verhaltensprogramm auf, dann lässt sich vorhersagen, was eine Person tun wird.“

– „Warum kann das nicht im Voraus gemacht werden?“, fragte Nikita.

– „Die Situation kann sich ändern“, antwortete ich, „Ja, und auch die Menschen ändern sich häufig.“

– „Das ist ein bisschen kompliziert, oder?“, sagte Nikita.

– „Selbstverständlich erzeugen wir hier keine Mafia mit einer starren Hierarchie, wo es ausreicht, den herrschenden Klans seinen Gehorsam zu zeigen, um sich ein warmes Plätzchen zu sichern“, sagte Wladimir, „Wir müssen eine Aufgabe lösen!“


Nach diesem Gespräch stellten Wladimir und ich fest, dass wir nun die Natur von Macht besser begreifen und einige Termini und Phänomene verstanden haben. Wir mussten auch feststellen, dass die Menschen manchmal ein tief sitzendes Verlangen nach Dogmen und vorgefertigten Antworten haben und nicht bereit sind, mit dem eigenen Kopf zu denken. Unmittelbar danach wollte ich etwas tun, um anderen Menschen zu helfen, sich das Wissen anzueignen, das uns klarer geworden war. Leider ist es schwierig, einen allgemeingültigen Ansatz zu entwickeln. Es wäre viel besser, wenn diejenigen, die bereits gelernt haben, Lösungen im Verlauf der Entwicklung zu entwickeln, andere unterrichten würden und versuchen würden, möglichst viele von ihnen zu gewinnen.

Im weiteren Verlauf des Lebens stellte sich heraus, dass Nikita kein Problem lösen, sondern sich auf das Franchise verlassen und davon leben wollte. Eine der wichtigsten Möglichkeiten, um dies zu erreichen, bestand seiner Meinung nach darin, eine Autoritätsperson zu finden und mit ihr zu vereinbaren, ihre Autorität gegen Geld zu tauschen. Leider verlieren diejenigen, die Autorität gegen Geld tauschen, am Ende sowohl die Autorität als auch das Geld.

Für Nikita war Geld außerdem der bedeutendste Wert. Seiner Meinung nach musste man erst einmal viel Geld verdienen, um mit dessen Hilfe etwaige Probleme zu lösen. Für ihn hatte Geld alle Attribute von Macht und Sakralität. Geld erschien wie Magie und ein Wunder, wie ein Zauberstab, der alle Probleme löst. Leider, oder eher zum Glück, löst Geld nicht alle Probleme. Alles, was Freundlichkeit, Liebe und Weisheit hervorbringt und fördert, kommt oft ohne Geld aus. Geld ist sehr gut geeignet, um ein Getriebe für den Verfall zu erzeugen. Ein Instrument wie Geld muss sehr bewusst und sorgfältig eingesetzt werden.

Ich halte es für äußerst wichtig, das Wesen von Macht zu verstehen, nämlich dass es sich dabei nicht um einen Platz im Chefsessel handelt und auch nicht um eine Position, sondern um die Fähigkeit, Aufgaben und Probleme zu lösen, was vor allem von der Erkennis- und Schaffensmethodologie abhängt. Die Methodologie ihrerseits basiert auf einer bestimmten Weltanschauung. Ich denke, jeder, der sich ein besseres, freundlicheres und gerechteres Bild von der Zukunft wünscht, sollte darüber nachdenken, Ansätze zur Problemlösungsfähigkeit zu studieren, anstatt Wissen vor der breiten Masse zu verbergen, um einen bestimmten Posten zu besetzen.

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