Weltanschauliche Erzählungen – Sammlung 4

Weltanschauliche Erzählungen – Sammlung 4

DUR – Denn ohne DUR ist alles MOLL

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorwort
  2. Eine Revolution ist kein Zelt, das man einfach irgendwo aufstellt
  3. Liegt das Glück im Ausland?
  4. Die tiefsitzende Ursache sozialer Krankheiten
  5. Wie man konstruktive Debatten führt
  6. Wie man in einer Pandemie gesund wird
  7. Echte Helden


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Vorwort

Diese weltanschaulichen Geschichten wurden aus dem Russischen ins Deutsche vom Team des Telegramkanals „DUR – Deutschland und Russland“ übersetzt. Die Autorenschaft obliegt dem Autorenkollektiv Na'um Matrin (Наум Матрин).

Besonders gut eignen sich diese Erzählungen als Einsteigerlektüre für jene, die sich für die Themen Steuerung und Konzeption gesellschaftlicher Sicherheit interessieren: Sie sind relativ kurz, einfach zu lesen und zu verstehen. Auch als Diskussionsmaterial oder Vorlesestoff für Kinder können sie dienen. Letztere sind sogar äußerst wünschenswerte Umstände.

Sowohl die Autoren als auch wir, die Übersetzer, freuen uns, wenn diese Geschichten maximale Verbreitung finden. Das ist uns lieber als eine irgendwie geartete Bezahlung, denn es gibt unserem Tun einen gesellschaftlichen Sinn und Nutzen. Nichts könnte uns eine größere Freude sein, als die Gesellschaft zu einer besseren zu machen.

Und nun, lieber Leser, wünschen wir Dir viel Freude beim Lesen.

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Eine Revolution ist kein Zelt, das man einfach irgendwo aufstellt

↗️ Russischer Originaltext

Was ich an langen Zugreisen schätze, sind die interessanten Mitreisenden und die wertvollen Eindrücke, die sie bei mir hinterlassen. Und dieses Mal war die Reise recht lang, ich hatte mehr als vierundzwanzig Stunden Fahrt vor mir. Mit dabei hatte ich praktische Geschenke und ein Glas hausgemachten Honig, den ich bei meiner Ankunft meinen Gastgebern schenken wollte.

Dieses Mal war meine Reisebekanntschaft sehr freundlich und sympathisch. Vorgestellt hat er sich mir als Onkel Mischa aus Usbekistan. Ich war sehr an seiner Lebensgeschichte interessiert, und so verlief unser Gespräch sehr angenehm und mit beiderseitigem Interesse.

Als erstes fiel mir auf, dass er etwas betrunken und daher sehr gesprächig war. Vor allem beschäftigten ihn die Ereignisse, die sich damals in Kasachstan zutrugen. Er erzählte enthusiastisch, wie die Menschen in Kasachstan aufbegehrten und anfingen, Geschäfte zu demolieren, die direkt oder indirekt der Familie des ehemaligen Präsidenten gehörten. Onkel Mischa sprach von dem großen Vermögen, das die Präsidentenfamilie im Ausland besaß. In Russland setzte er seine Hoffnungen auf eine ziemlich berühmte Person, Platoschkin, der zwar in Haft genommen worden war, dem er aber großen Respekt zollte und von dem er glaubte, dass er wegen seiner Ansichten zum Schweigen gebracht wurde.

Was mich am meisten aufhorchen ließ, war die Tatsache, dass Onkel Mischa glaubte, dass Russland in etwa einem Monat, wie er es ausdrückte, „völlig am Arsch“ sein würde, weil die Menschen das unterstützen würden, was in Kasachstan passiert war. Besondere Hoffnung setzte er auf seine Landsleute und andere Auswanderer aus den ehemaligen Sowjetrepubliken.


Trotzdem war Onkel Mischa kein dummer Mann, vor allem nicht, nachdem er wieder nüchtern geworden war. Er war zu Sowjetzeiten ein Meisterschaftsanwärter im Judo gewesen, hatte bedeutende Siege im Schwimmen errungen, den Afghanistankrieg miterlebt und fast die gesamte Sowjetunion bereist, als er bei den Eisenbahntruppen seinen Dienst verrichtete. Durch ihn habe ich viel Neues darüber erfahren, wie die Menschen in Usbekistan leben.

Es hat mich zutiefst erschüttert zu sehen, wie einfach es ist, Menschen zu manipulieren, die absolut keine Ahnung von staatenübergreifender Steuerung und globaler Politik haben. Ich erklärte ihm, dass der systematische Untergang der UdSSR unmittelbar nach Stalins Tod im Jahr 1953 einsetzte. Viele Volksinitiativen wurden absichtlich in Projekte geleitet, die zum Scheitern verurteilt waren, wie z. B. die Kampagne zur Erschließung von unbewohnten Gebieten. In der Presse wurden unzählige Lügen verbreitet, die nicht nur Einzelpersonen, die den Staat stärken wollten, sondern auch die gesamte Geschichte Russlands diffamierten. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR im Jahr 1991 brach eine unverhohlene Kolonialherrschaft über uns herein, die sich sogar in den neuen Titeln der Ämter ausdrückte: Präsident, Bürgermeister, Gouverneur.


Daraufhin erzählte Onkel Mischa, wie er sich einen idealen Präsidenten vorstellte. Als Beispiel nannte er den pakistanischen Präsidenten, der seiner Meinung nach selbst seine Kühe weidete, zu Fuß ohne Leibwächter zur Arbeit ging und dessen Frau als Reinigungskraft arbeitete. Er versprach sich von einem Präsidenten, dass er das Vertrauen des Volkes gewinnen und die Situation sehr schnell ändern würde, indem er die Oligarchen entmachtet.

Darauf antwortete ich, dass der Kolonialstatus in den meisten Ländern der Welt minimale Befugnisse der Präsidenten impliziert, die im Grunde für nichts verantwortlich sind. In der gegenwärtigen Situation, in der ein gewisser Druck auf die Regierung besteht, der im Extremfall sogar zu Attentaten führen kann, kann es sich ein wirklich unabhängiger Präsident oder ein anderer hochrangiger Politiker nicht leisten, ohne Personenschutz herumzulaufen. Darüber hinaus kann auch eine hochrangige Führungspersönlichkeit, selbst wenn sie die entsprechende Macht hat, die Situation im Land nicht schnell verändern. Viele Oligarchen sind möglicherweise Handlanger einer anderen, stärkeren und größeren Macht, die das Land als Rohstoffanhängsel betrachtet. Die leichtfertige Entlassung eines solchen Oligarchen aus dem Amt würde eine heftige Konfrontation mit einem mächtigen Gegenspieler bedeuten.


Onkel Mischa gab mir recht, war aber sehr besorgt über die Höhe der Renten in einigen Ländern der ehemaligen UdSSR. Auch wenn er persönlich überhaupt keine Rente benötigte, da er von allerlei Verwandten unterstützt wurde (er hatte allein siebzehn Enkelkinder), so brachte ihn die Höhe der Rente von neuntausend Rubel (~ 95 €) doch in Rage. Als Beispiel für eine hohe Rente führte er die baltischen Länder an.

Ich fragte ihn, ob er wisse, weswegen die Europäische Union und andere westliche Länder hohe Renten zahlen können? Ich erklärte ihm, dass es sich im Wesentlichen um Kolonialmächte handelt, die durch ihre Dominanz in den Bereichen Finanzen, Technologie und in allen möglichen überstaatlichen Institutionen Ressourcen aus ihren Kolonien herauspressen, die angeblich als unabhängige Staaten betrachtet werden.

Wir waren uns einig, dass es nicht richtig ist, auf Kosten anderer zu leben und dass, wenn jemand dies doch tut, dies nicht bedeutet, dass wir dem gleich tun müssen. Außerdem diskutierten wir über die internationale Lage im Land und die staatenübergreifende Politik vieler Staaten, die mit allen möglichen Methoden versuchen, die Politik anderer Länder zu kontrollieren, sowie über die Verhandlungen Russlands mit der NATO.


Der vielleicht wichtigste Punkt, über den wir gesprochen haben, ist jedoch, dass es, um eine Veränderung herbeizuführen, nicht ausreicht und sogar absolut unnötig und schädlich ist, Pogrome und Aufstände zu veranstalten. Zu diesem Zweck ist es notwendig, ein eigenes Bild bzw. eine eigene Vorstellung von der Zukunft zu haben, die Methodik zu besitzen, dieses Bild entstehen zu lassen sowie die Theorie zu studieren und selbständig zu entwickeln, die es ermöglicht, dieses Bild Realität werden zu lassen. Ich habe ihm von der obersten Priorität erzählt – der Priorität der Weltanschauung –, anhand derer ein Mensch diese oder jene Entscheidungen trifft.

Wir waren uns auch einig, dass alle möglichen manipulativen Methoden sehr leicht anzuwenden sind, wenn eine Person unter Alkoholeinfluss steht. Onkel Mischa fiel es anscheinend äußerst schwer, diese Gewohnheit aufzugeben, wenn man bedenkt, dass er von seinen 62 Jahren 50 Jahre Raucher war. Ich habe ihm daraufhin gesagt, dass die sittliche Entscheidung, sich selbst zu vergiften, was zur Zerstörung des Organismus führt, auch in anderen Bereichen des Lebens zu Fehlentscheidungen führt. Zum Beispiel ist der Wunsch, die Probleme im Land durch Zerstörung statt durch konstruktive Tätigkeiten zu lösen, die Konsequenz einer solchen sittlichen Entscheidung. Er versprach, darüber nachzudenken.


Ich habe ihm meinerseits eine andere Lösung für die Probleme im Staat vorgeschlagen. Das Entscheidende, was einen positiven Effekt bewirkt, ist nicht der richtige neue Anführer, dem man die ganze Verantwortung zuschieben kann, sondern der allgemeine Bildungsstand der Bevölkerung. Wenn die Menschen wissen, was Steuern/Regieren bedeutet, wenn ihre Weltanschauung es ihnen ermöglicht, derartige Prozesse zu erkennen, die im weitesten Sinne als Prozesse des Sammelns, Verarbeitens, Erstellens und Verbreitens von Informationen bezeichnet werden können, erst dann werden sich die Menschen nicht mehr nur auf die Anführer verlassen, sondern sich selbst, statt an zerstörerischen, an konstruktiven Aktivitäten zum Wohle des Staates beteiligen.

Was die Ereignisse in Kasachstan angeht, rezitierte ich die Worte des Königs von Afghanistan: „Eine Revolution ist keine Jurte, man kann sie nicht hinstellen, wo man will“. Ich möchte hinzufügen, dass eine Revolution nicht durch Zerstörung, sondern durch gedankliche Aufarbeitung und Bewusstwerdung durchgeführt werden sollte. Und sie kann nicht auf einem leeren Platz verwirklicht werden, d. h. ohne entsprechende theoretische Vorbereitung, die auf das Wohl der Gesellschaft ausgerichtet ist.


Leider schienen ihm weltanschaulichen Problemfragen unerreichbar hoch und unverständlich zu sein. Ich wurde wieder einmal davon überzeugt, dass Trunkenheit die kreative Entwicklung eines Menschen blockiert und er einfach immun gegen komplexe und vielschichtige Informationen wird. Wie leicht ist es doch, solche Menschen zu manipulieren, wenn sie die Wahrheit manchmal aus nächster Nähe nicht erkennen und wahrnehmen können, weil sich als komplizierter herausstellt, als sie erwartet haben und in der Lage sind wahrzunehmen.

Unsere Wege trennten sich derweil, denn er musste viel früher aussteigen als ich. Ich weiß nicht, wie viel Einfluss unser Gespräch auf ihn hatte, aber ich bin mir sicher, dass auch solche netten Unterhaltungen im Zug eine Wirkung haben. 

Die Menschen werden erkennen, dass es neben der Hoffnung auf Anführer und materielle Bedürfnisse eine ganz neue Wissensebene über das Thema Steuerung gibt, dank derer sie sich nicht mehr zwischen zwei falschen Optionen entscheiden müssen, indem man ihnen entweder destruktive Aktivitäten in Verbindung mit dem Vertrauen in Autoritäten oder das Nichtstun anbietet. Ich selbst versuche, mich auf unterschiedliche Weise mit den Problemfragen der Aufklärung zu beschäftigen, unter anderem durch Gespräche mit x-beliebigen Menschen.

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Liegt das Glück im Ausland?

↗️ Russischer Originaltext

Als ich wieder einmal die Nachrichten durchsah, stieß ich auf einen interessanten Bereich der Internetseite lenta.ru mit dem Titel „Russen im Ausland“. Dort schildern unsere Landsleute ihre Eindrücke vom Leben im Ausland. Da ich selbst viele Male fern der Heimat war, beschloss ich, alle Artikel zu lesen, um meine eigenen Eindrücke mit denen der anderen vergleichen zu können. Ich konnte in allen Artikeln gemeinsame Themen und Botschaften erkennen.

Für uns, die wir in Russland leben, gibt es keine Probleme, sich auf Russisch zu verständigen, denn die Sprache wird von allen Bewohnern des Landes von Kaliningrad bis zu den Kurilen gleichermaßen verstanden. Auf meinen häufigen Reisen durch das Land ist es mir nicht ein einziges Mal passiert, dass ich nicht verstanden wurde oder ich meinen Gesprächspartner nicht verstanden habe, selbst wenn es sich um jemanden mit anderer Muttersprache handelte. In vielen anderen Ländern jedoch, unterscheiden sich die Dialekte mitunter so sehr, dass die Bewohner am einen Ende des Landes große Schwierigkeiten haben, die Bewohner am anderen Ende des Landes zu verstehen. Das betrifft auch direkt die englische Sprache, die zwar als internationale Verständigungssprache anerkannt ist, de facto jedoch in jedem Land neu erlernt werden muss, unter Berücksichtigung der regionalen Herangehensweise an Aussprache und Wortbildung. Diese Besonderheit der Sprachen wirkt sich auch auf die Weltanschauung ihrer Sprecher aus. Für die Menschen wird es dadurch schwieriger, eine gemeinsame Sicht der Dinge zu entwickeln.

Für viele Bürger Russlands ist unsere Medizin ein heikles Thema. Sie wird den Bedürfnissen der Menschen tatsächlich kaum gerecht und hat noch viel Spielraum, sich weiterzuentwickeln. Ich selbst habe die Gleichgültigkeit und Inkompetenz von Ärzten bei zahlreichen Gelegenheiten erlebt, bis ich die Verantwortung für meine Gesundheit selbst in die Hand nahm. Schaut man jedoch auf die Länder des Westens, so ist es dort überaus schwierig, eine annehmbare Gesundheitsversorgung zu erhalten. Entweder ist sie sehr teuer oder man benötigt eine bei Weitem nicht günstige medizinische Versicherung. Den medizinischen Notdienst oder Hausbesuche vom Arzt kann man gleich vergessen - der Notdienst kommt nur, wenn du im Sterben liegst und kostet dich eine Menge Geld. Das Universalheilmittel im Westen ist Paracetamol, das bekommt man bei jedwedem Leiden verschrieben. Und das, obwohl Paracetamol 2018 als extrem schädliches Präparat für das menschliche Fortpflanzungssystem anerkannt wurde: Die Einnahme von Paracetamol führt zu einer Unterversorgung der Plazenta und einer Beeinträchtigung der Fortpflanzungsfähigkeit. Darüber hinaus erhöht die Einnahme von Paracetamol während der Schwangerschaft das Risiko einer Fehlgeburt und das Auftreten von Problemen bei der Entwicklung des Nervensystems des Embryos.

In Russland sind wir daran gewöhnt, dass es im Winter in der Wohnung ziemlich warm sein kann und wir die Fenster zum Lüften öffnen müssen. Das muss ich regelmäßig tun, auch wenn es draußen -20°C hat. Mein Haus ist mit einem Wärmemengenzähler ausgestattet und die Temperatur des Heizkörpers wird automatisch geregelt. Für uns scheint dieses Erbe der UdSSR in Form der Zentralheizung ganz selbstverständlich zu sein. Aber für die Bürger vieler Länder der Welt ist eine angenehme Temperatur im Haus ein unerschwinglicher Luxus, für den man Unsummen ausgeben muss. Besonders deutlich wird dies vor dem Hintergrund der aktuellen Energiekrise. Die Menschen in den Ländern des "entwickelten" Westens sterben buchstäblich an Unterkühlung in ihren Häusern, weil sie ihre Rechnungen nicht bezahlen können. In den meisten Ländern der Welt machen die Ausgaben für Energie und Telekommunikation einen beträchtlichen Teil der Haushaltsausgaben der Bevölkerung aus und sind in der Regel viel höher als in Russland, selbst wenn man den Einkommensunterschied berücksichtigt.

Für uns in Russland ist es selbstverständlich geworden, viele Dinge über das elektronische Portal der staatlichen Dienste zu erledigen, ohne Warteschlangen und unnötigen Papierkram. Ich nutze dieses Portal ständig und zahle auch meine Steuern online über die Website der Aufsichtsbehörde. Von Jahr zu Jahr werden immer weniger Bescheinigungen benötigt, und die meisten fälligen Zahlungen erfolgen proaktiv, also vollautomatisch. In den meisten Ländern der Welt ist jedoch Papier die Grundlage für alles, und vielerorts geschieht dies nur über den Postweg. Daher verzögert sich die Erlangung von Zertifikaten und Genehmigungen und kann viele Monate dauern. Im fortschrittlichen Japan haben die Behörden in Tokio erst im Jahr 2021 damit begonnen, die Verwendung herkömmlicher Disketten einzustellen, obwohl ihre Produktion weltweit bereits vor 10 Jahren eingestellt wurde.

"Russisch bedeutet nüchtern" - Diesen Satz hört man in letzter Zeit immer öfter, letztendlich kam er sogar in einigen Filmen vor, die ich gesehen habe. In den letzten 10 Jahren ist der nüchterne Lebensstil für viele unserer Landsleute, vor allem für die Jugend, zur Selbstverständlichkeit geworden. Ich erinnere mich an die Zeit der UdSSR und hätte mir nicht vorstellen können, dass nüchterne Hochzeiten und Feiertage immer beliebter werden würden. Das ist ein unverzichtbares Erbe unserer Heimat und der großen Nüchternheitsbewegung, die alle Schichten unserer Gesellschaft durchdrungen hat und zu der auch ich meinen Beitrag geleistet habe. Wir haben in dieser Richtung noch viel zu tun, aber wir sind auf dem richtigen Weg. Im Rest der Welt ist das Bild nicht so erfreulich. Alkohol und Tabak werden im Normalfall nicht als genetische Waffen anerkannt und die Bevölkerung ist aktiv von diesen Giften abhängig. Besonders auffällig ist das in den EU-Ländern, wo die Tradition des Trinkens in der Geschichte verwurzelt ist. Es ist traurig, wenn man sich die Straßen der europäischen Städte nach großen Feiertagen ansieht, sie erinnern an unsere 1990er Jahre. In China hingegen ist das Problem der Tabaksucht besonders akut.

Für mich, wie für die meisten Menschen in Russland, ist es das Natürlichste der Welt, nach einem Anruf noch am selben Tag zu Besuch zu kommen. Im Westen ist ein solches Format ein unerschwinglicher Luxus, und in vielen Fällen muss man ein Treffen Wochen oder sogar Monate im Voraus vereinbaren. Die Bevölkerung dieser Länder befindet sich in einem Zustand der permanenten Vollbeschäftigung, in dem sie keine Zeit hat, nicht nur mit Freunden zu reden, sondern auch über etwas anderes als Arbeit und Alltag nachzudenken. Das verengt den Blick der Menschen und wirkt sich äußerst negativ auf ihre Weltanschauung aus. Leider dringt diese Form der Beschäftigung durch Millionenstädte wie Moskau auch zu uns durch. Aber selbst in Moskau finden unsere Leute Zeit, allgemeine zivilisatorische Aufgaben zu lösen, die über die engen Grenzen der Sicherung des eigenen Fortbestehens in der Umwelt hinausgehen.

Von meinen Freunden in den USA habe ich persönlich von der starken Schichtung der Gesellschaft erfahren. Die reichsten Menschen leben direkt an der Küste, und die ärmeren wohnen näher im Landesinneren. Und während in den reichen Vierteln alles mehr oder weniger in Ordnung ist, kommt es in den ärmeren Vierteln durchaus vor, dass man morgens aufwacht und eine Leiche unter dem Fenster sieht. Viele Menschen weisen in ihren Artikeln auch darauf hin, dass es oft Orte oder sogenannte Ghettos gibt, in die man aus Sicherheitsgründen besser nicht gehen sollte. Bei meinen häufigen Reisen durch fast ganz Russland bin ich noch nie auf solche "Ghetto"-Orte gestoßen, auch nicht in der hintersten Ecke des Landes, im Gegenteil, die Menschen dort sind meist freundlicher.


Wenn ich mit Freunden aus dem Ausland spreche, erinnere ich mich immer mit Stolz an das damals beste Bildungssystem der Welt, das von der UdSSR geschaffen wurde. Seine Basis ist immer noch der Nährboden für die moderne Wissenschaft und Bildung. Aber in einer stark veränderten Welt müssen wir ein neues System aufbauen und dabei die Logik des sozialen Verhaltens der Menschen berücksichtigen, die sich aufgrund des Gesetzes der Zeit verändert hat. Dazu müssen wir auch die Fehler sowohl des Westens als auch des Ostens berücksichtigen. In der Welt ist das moderne Bildungssystem im Großen und Ganzen so aufgebaut, dass es eng gefasste Spezialisten hervorbringt, die nicht in der Lage sind, die Rolle ihrer eingegrenzten beruflichen Tätigkeit in den allgemeinen Prozessen zu berücksichtigen. Die Folge davon ist die gegenwärtige Krise in fast allen Bereichen der menschlichen Tätigkeit, die unmittelbar zur Schädigung der Biosphäre des Planeten geführt hat.

Eines der Bilder, die sich seit meiner Kindheit stark in mein Gedächtnis eingebrannt haben, sind die langen Schlangen vor den Lebensmittelläden in der späten UdSSR. Ich erinnere mich, dass ich bei jedem Wetter auf der Straße stehen musste, bevor der Laden öffnete, um ein einfaches Brot und Milch zu kaufen. Ganz im Gegensatz zu dem, was nach dem Zusammenbruch des Landes geschah, als sich der heimische Markt öffnete und importierte Waren in Hülle und Fülle auf den Markt strömten. Damals reagierten wir mit Freude auf dieses Ereignis. Niemand machte sich Gedanken über die Qualität der Lebensmittel, mit denen uns die ganze "fortschrittliche Welt" zu versorgen begann. In einem Gespräch mit einem großen Geschäftsmann aus Deutschland erzählte er mir voller Neid, dass die UdSSR nicht über eine solche Lebensmittelindustrie verfügte wie sein Land schon zu jener Zeit. Er sagte, wir hätten Glück gehabt und wir hätten einen Vorsprung von 30 Jahren gewonnen, in denen die Bevölkerung noch nicht mit dem chemischen Müll vergiftet wurde, den sie jetzt produzieren und Lebensmittel nennen. Beide seiner Töchter leiden unter schweren Allergien, und er, der in der Lebensmittelindustrie arbeitet, kennt zwar die Ursachen, kann aber aufgrund der Lebensmittelkultur nichts dagegen tun. Die Bevölkerung im Westen ist insgesamt sehr kränklich, weil die Lebensmittelindustrie nicht mehr von der Chemieindustrie zu unterscheiden ist. Und Vollbeschäftigung impliziert einen Kult von Fast Food und Fertiggerichten.


Wenn ich die Geschichten von Emigranten lese, die im Ausland leben, und sie mit dem vergleiche, was ich mit meinen eigenen Augen gesehen habe, frage ich mich immer wieder: Warum sind sie eigentlich ausgewandert? Die Antwort war immer dieselbe: Sie sind wegen des von Hollywood und den Medien geschaffenen Bildes eines Konsumparadieses ausgewandert. Aber das wahre Leben ist ein sehr gutes Mittel gegen solche Illusionen, und die meisten von ihnen haben nicht das bekommen, wovon sie geträumt haben, auch wenn sie es nicht einmal sich selbst gegenüber zugeben wollen. Der Preis für dieses Bild war hoch: eine innere Leere, die fehlende Möglichkeit, über das Leben zu sprechen, ständiger Stress und eine in dieser Form bestehende Existenz ohne Bedeutung.

Gerade die Herzlichkeit und die Möglichkeit, mit Freunden und nahestehenden Menschen die heikelsten Themen zu besprechen, reizt mich so sehr an Russland. Viele derjenigen, die ins Ausland gegangen sind, erzählen mir, dass sie sich hauptsächlich mit denen treffen, die Russland verlassen haben, weil es unmöglich ist, mit den Einheimischen ein Gespräch von Herz zu Herz zu führen. Die meisten derjenigen, die ausgewandert sind, wollten ein Leben in Reichtum und Wohlstand. Viele gute Fachkräfte, die für ihre Arbeitgeber von großem Wert waren, bekamen sogar, was sie wollten, kehrten aber wegen der seelischen Qualen, die sie erleiden mussten, zurück.

Es gibt verschiedene Gründe, die ein Gespräch von Herz zu Herz erschweren können. Einer der häufigsten Gründe ist der Unterschied in der Weltanschauung. Wenn für eine Person die äußere materielle Hülle wichtiger ist, wird es für sie schwierig sein, mit demjenigen übereinzustimmen, für den die inneren Qualitäten wichtiger sind. Viele Auswanderer eint das Streben nach materiellem Wohlstand, das typisch für die westliche Weltanschauung ist. Ein solcher Weg führt sie weiter weg von der Herzlichkeit. Aber auch sie spüren in der Fremde ein seelisches Vakuum, und diejenigen, die ihre Herzlichkeit noch nicht verloren haben, kehren in der Regel irgendwann nach Hause zurück.


Ich möchte eine weitere interessante Beobachtung mitteilen. Ein großer Teil der Weltbevölkerung sieht Russland immer noch als "Wodka, Bären und Balalaika", was in keiner Weise stimmt. Einige unserer Landsleute sind auch nicht in der Lage, sich von den durch Hollywood geprägten Bildern des Lebens im Ausland zu lösen. Selbst der Präsident sagte kürzlich, Russland müsse die russische Welt für die russischen Bürger populär machen: "Unsere Aufgabe ist es, sie zu stärken, zu entwickeln und für unsere Bürger, für die ganze Welt, attraktiv zu machen.

Obwohl in den 1990er Jahren viele gesellschaftliche Phänomene aus dem Westen zu uns kamen, verändert sich Russland immer noch allmählich. Und es liegt an uns, seinen Bürgern, zu entscheiden, in welche Richtung diese Veränderungen gehen werden. Ich persönlich habe für mich beschlossen, dass ich selbst darüber entscheide, welches Zukunftsbild des Landes ich haben möchte. Zu diesem Zweck habe ich mit Gleichgesinnten ein Kollektiv gebildet, und gemeinsam werden wir diese Zukunft verwirklichen. Wir müssen dafür nicht aus dem Land verschwinden, denn wir wissen, dass man vor sich selbst nicht weglaufen, wohl aber sich selbst und sein Umfeld verändern kann.

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Die tiefsitzende Ursache sozialer Krankheiten

↗️ Russischer Originaltext

Irgendwann einmal musste ich beruflich verreisen. Ich suchte mir eine Strecke aus, kaufte eine Fahrkarte und stand kurz darauf auf dem Bahnsteig und wartete auf den Zug. Er sollte erst in ein paar Minuten ankommen, also lief ich gemütlich vor mich hin.

Obwohl das Rauchen in diesem Bereich verboten war, sah ich weiter entfernt von mir und auf der anderen Seite des Bahnsteigs Leute rauchen. Die Erfahrung im Umgang mit Rauchern hat mich davon überzeugt, dass es absolut sinnlos ist, auf Vorschriften zu verweisen und über Bußgelder zu sprechen. Viel effektiver ist es zu erklären, dass sie die Luft um sich herum mit giftigem Tabakrauch verpesten und dadurch das Wohlbefinden der anderen beeinträchtigen. Wann immer es möglich ist, versuche ich, Menschen, die rauchen, darauf aufmerksam zu machen, dass sie sich äußerst unschön verhalten, wenn sie in der Gegenwart anderer rauchen, besonders, wenn auch kleine Kinder anwesend sind.

In einem Fall hatte ich sogar mit einem Raucher zu tun, der in meiner Nähe rauchte. Ich wies ihn darauf hin, dass er die Luft verschmutzt und dass es sehr unangenehm ist, in seiner Nähe zu sein. Er war darüber sehr erstaunt und sagte, er habe nie darüber nachgedacht. Nicht über die Folgen nachzudenken ist ein typisches Problem von Rauchern.

Wie oft werfen sie Zigarettenstummel weg, die sich dann auf dem Boden anhäufen und den Anblick verderben. Zudem weiß jeder Raucher, dass Rauchen gesundheitsschädlich ist, und dass "Rauchen tötet", wie auf der Zigarettenschachtel steht. Sie haben also die sittliche Entscheidung getroffen, dass es in Ordnung ist, sich "zu töten". Mit einer solchen unbewussten Geisteshaltung ist es nicht mehr weit, das Leben der Menschen um einen herum zu beeinträchtigen, wenn auch nicht zu töten. Und das Vermüllen der Straßen mag im Vergleich dazu wie eine Kleinigkeit erscheinen. So zieht eine sittlich verwerfliche Entscheidung andere Probleme nach sich.


Und in diesem Fall hat sich eine sehr aufschlussreiche Geschichte zugetragen. Als ich den Bahnsteig entlangging, kam ein junger Mann auf mich zu. Das Einzige, woran ich mich bei ihm erinnerte, war, dass seine Augen leer waren, es brannte kein Feuer in ihnen.


"Haben Sie eine Zigarette?" – fragte er mich.  

"Ich rauche nicht, und ich würde Ihnen auch davon abraten" – sagte ich, und nach einer Weile fügte ich hinzu: "Ich kenne nichts Dümmeres, als sich zu vergiften und dafür auch noch mit dem eigenen Geld zu bezahlen."

"Die Luft ist auch nicht gesund, es gibt viele gesundheitsschädliche Dinge hier in der Umgebung" – sagte er nach einer kurzen Bedenkzeit.

"Ja, die Luft mag schlecht sein, aber zumindest bezahle ich nicht dafür, ich habe sie umsonst bekommen, und extra dafür zu bezahlen, dass die Luft noch schmutziger wird, ist wirklich nicht sehr klug."

- "Aber es gibt eine Menge Leute, die rauchen und die Luft verschmutzen" – sagte er erneut. 

- "Es mag viele Dummköpfe auf der Welt geben, aber ist das eine Entschuldigung dafür, selbst einer zu sein? Oder ist es eine Rechtfertigung, beispielsweise seinen Müll einfach fallen zu lassen, weil alle dies tun?"

"Vielleicht möchte ich ja so schnell wie möglich dieses Leben verlassen?" – Das war sein letztes Argument. 

 

Leider oder zum Glück trennten sich unsere Wege. Der Zug kam, und ich musste einsteigen. Wir verabschiedeten uns, und ich konnte nur noch beiläufig sagen, dass ich schon lange keine solche Hoffnungslosigkeit mehr gesehen hatte und dass er sich mit dem Sinn seines Lebens beschäftigen sollte.

Ich analysierte unser Gespräch und stellte fest, dass alle seine Argumente Standard waren. Das erste war, dass "alles schädlich ist" und das zweite war, dass "jeder raucht und ich rauche". Diese Argumente offenbaren immer den fehlenden Willen eines Menschen. Der Mensch hat kein Ziel, für das er leben will und für das er Schwierigkeiten überwinden würde.


Diese Geschichte hat mich wieder einmal davon überzeugt, dass schlechte Gewohnheiten ein Symptom für eine noch tiefgreifendere Krankheit sind. Und diese Krankheit entsteht durch den Verlust des Sinns des Lebens. So wie ein Blatt, das von einem Baum abgerissen wird, schnell zu verwesen und zu verrotten beginnt, weil es aufhört, für etwas anderes zu arbeiten, als es selbst, so beginnt ein Mensch, der den Sinn des Lebens verliert oder denkt, dass er nur für das Lebens selbst lebt und nicht für etwas anderes, sich im direkten Sinne des Wortes zu entwürdigen und zu zerstören. 

Ich würde mir wünschen, dass viele Menschen erkennen, dass es nicht um den Kampf gegen schlechte Gewohnheiten geht, sondern um einen gesunden Lebensstil, große und beflügelnde Ziele, ein helles und attraktives Bild von der Zukunft. Nur so werden viele soziale Krankheiten von selbst vergehen.

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Wie man konstruktive Debatten führt

↗️ Russischer Originaltext

Wassilij ist ein hervorragender Argumentateur. Er ist in der Lage, zu fast jedem Thema Stellung zu nehmen. Ich unterhalte mich gerne mit ihm, weil ich dann ein viel tieferes Verständnis für das betreffende Problem bekomme. Wenn es jedoch darum geht, eine Lösung zu finden, fällt es uns manchmal sehr schwer, dies gemeinsam zu tun. Gleichzeitig liefert Wasja manchmal sehr wichtige und hilfreiche Vorschläge, die einfach notwendig sind, um ein bestimmtes Problem zu lösen.

Eines Tages, während eines weiteren guten Gesprächs mit Wasja, wies ich ihn darauf hin, dass es sehr schwierig ist, mit ihm übereinzukommen, wenn es darum geht, eine Lösung zu finden, da er sehr heftig argumentiert. Daraufhin stellte mir Wasja folgende Frage:


– "Wie unterscheide ich denn, wann ich diskutieren muss und wann nicht? Wenn ich sehe, dass etwas nicht richtig ist, warum sollte ich dann zustimmen?" 

– "Erinnerst du dich an das letzte Mal, als du uns bei einem Projekt sehr geholfen hast", antwortete ich. Du hast damals den wahren Grund für die Verlangsamung des wirtschaftlichen Teils unseres Projekts ermittelt. Und du hast ihn nicht nur ermittelt, sondern auch eine gute Lösung dafür angeboten, indem du sagtest, dass ein Teil der Einnahmen wieder in den Umlauf gebracht werden sollte."

– "Ja, natürlich erinnere ich mich! Es hat mich viel Energie und Nerven gekostet, diese Lösung zu finden. Ich musste viel diskutieren und erklären."

– "Wunderbar. Ich wollte dir damit ein Beispiel für einen Fall aufzeigen, in dem es notwendig war, zu diskutieren. Du hast haben einen kompletten Steuerungszyklus identifiziert und damit ein echtes Problem gefunden, eine würdige Lösung vorgeschlagen und diese in der Diskussion verfeinert."

– "Mache ich das nicht immer so?"

– "Leider nein. Oft diskutierst du nur, weil dir etwas nicht gefällt. Du versuchst nicht den wirklichen Grund zu finden, warum dir etwas nicht gefällt, du diskutierst nur und bringst Gegenargumente. In einer solchen Diskussion ist es sehr schwierig, die Wahrheit herauszufinden."

– "Was schlägst du vor?" 

– "Ich schlage vor, immer zu versuchen, den wahren Grund herauszufinden, warum uns möglicherweise etwas nicht gefällt. Danach sollten wir zunächst versuchen, eine konstruktive Lösung zu finden und die möglichen Vor- und Nachteile eines solchen Ansatzes durchdenken. Und erst danach sollten wir einen konstruktiven Dialog führen. Dies ist besonders wichtig, wenn es darum geht, eine möglichst ausgewogene und durchdachte Lösung zu finden." 

– "Und wenn mir etwas einfach nicht gefällt, warum kann ich dann nicht meine Meinung sagen?"

– "Du kannst und du solltest. Meiner Meinung nach ist es jedoch nicht konstruktiv, darüber zu diskutieren."

– "Und warum nicht?" 

– "Wenn du nicht herausgefunden hast, warum dir etwas nicht gefällt, bedeutet das, dass du das Ziel deiner Argumentation nicht erkannt hast. Und wenn du das Ziel nicht identifiziert hast, ist es wahrscheinlich, dass das Ziel dir von außen zugetragen wurde. Du hast diese Verhaltensweisen vielleicht in einem Film gesehen oder in einem Buch gelesen. Abgesehen davon ist es durchaus möglich, dass du die wahren Ziele gar nicht teilst. Es kann sein, dass du diskutierst und unbewusst zu deinem eigenen Nachteil arbeitest."

 

Nach dem Gespräch fingen wir an, konstruktivere Dialoge miteinander zu führen. Wir begannen, unsere Gespräche in zwei Kategorien zu unterteilen. Die eine besteht darin, die wahren Ursachen für einen Prozess zu ergründen, um herauszufinden, warum wir etwas mögen oder nicht mögen. Und die anderen, eher praxisbezogenen Gespräche sind diejenigen, in denen wir eine wichtige Lösung finden müssen.

Wir achten jetzt mehr auf unsere Emotionen und können die wahren Gründe erkennen, warum wir mit etwas unzufrieden sind. All das ist wichtig, um zu vermeiden, dass wir zur Geisel der Ideen, Ziele und Überzeugungen anderer Menschen werden.

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Wie man in einer Pandemie gesund wird

↗️ Russischer Originaltext

Ich hatte mit meinem alten Bekannten Andrej ein sehr wichtiges Thema zu besprechen. Als ich ihm vorschlug, sich mit mir zu treffen, verhielt er sich jedoch sehr seltsam – er sagte, dass er das Haus praktisch nicht mehr verlässt und selbst für den Einkauf von Lebensmitteln bereitete er sich wie auf eine militärische Operation vor. Er zeigte sich äußerst besorgt über die Situation und glaubte, es grassiere eine schwere Epidemie. Deshalb sah ich mich gezwungen, ihn anzurufen und dieses Thema ausführlich zu besprechen.

Zunächst sollte er einmal darüber nachdenken, was "Gesundheit" ist, wie sie definiert werden könnte und wie die moderne Medizin sie definiert. Nach der Definition der WHO beispielsweise ist "Gesundheit" ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Fehlen von Krankheiten und körperlichen Defekten. Auf den ersten Blick scheint diese Definition ziemlich vollständig zu sein. Ich bin jedoch anderer Ansicht. Eine solche Definition verleitet dazu, in Zuständen zu denken. Die Definition selbst sagt, dass Gesundheit ein "Zustand" ist. Wenn sich ein Mensch beispielsweise im Moment körperlich und psychisch gut fühlt, bedeutet das nicht, dass es ihm nicht schon in einer Sekunde oder einer Minute schlecht gehen könnte und er nicht erkranken würde. Ein Mensch, der in Zuständen denkt, ist wie ein Frosch, der durch langsames Erhöhen der Wassertemperatur langsam gekocht wird.


– „Und wie sollte man 'Gesundheit' dann definieren?“ – fragte mich Andrej.

„Ich würde eine völlig andere Definition vorschlagen, die uns beibringt, in Prozessen und nicht in Zuständen zu denken. In aller Kürze würde ich Gesundheit so definieren, dass die produktiven und wiederherstellenden Prozesse im Organismus in ihrer Kraft die abbauenden und zerstörenden Prozesse überwiegen und der Organismus so wiederhergestellt sein muss, dass er alle seine Funktionen erfüllen kann.“

– „Kannst du mir vielleicht ein Beispiel nennen?“

– „Ja, natürlich! In jedem lebenden Organismus laufen zwei Prozesse parallel zueinander ab, der eine ist produktiv und der andere destruktiv. In technischen Objekten, zum Beispiel in einem Auto oder einem Haus, finden ohne menschliches Zutun jedoch nur destruktive Prozesse statt. Selbst wenn die Maschine nagelneu ist und ihre Funktionen voll erfüllt, finden in ihr ausschließlich destruktive Prozesse statt und sie wird unweigerlich kaputt gehen. Ein modernes Auto kann als gesund angesehen werden, wenn es rechtzeitig gewartet und repariert wird.“

– „Muss man sich immer an Produktion und Zerstörung orientieren?

– „Ein besonderer Fall von produktiven bzw. destruktiven Prozessen sind die Prozesse der Reinigung und Verschmutzung. Wenn in diesem Fall jeden Tag ein Kilogramm Müll ins Haus gebracht und nur ein halbes Kilogramm herausgenommen wird, dann ist früher oder später unweigerlich das ganze Haus mit Müll gefüllt. In einer solchen Umgebung können sich leicht alle Arten von Parasiten und Krankheitserregern entwickeln.“

– „Das scheint alles zu stimmen und ziemlich offensichtlich zu sein, aber was bedeutet das für die menschliche Gesundheit? Wie sieht es da konkret aus?“

– „Um die positiven Prozesse zu erkennen und die negativen zu dämpfen, ist es notwendig zu verstehen, wie der menschliche Körper funktioniert und welche Prozesse in ihm ablaufen. Zum Beispiel schließt jeder Eingriff von außen, sei es ein Medikament, eine Operation oder eine andere Einwirkung, den Steuerungskreislauf nach außen. Der Mensch entwickelt dann nicht seine inneren produktiven Prozesse, sondern nutzt eine externe Ressource. Eine solche Beeinflussung ist nur im Extremfall möglich, z. B. wenn eine Operation notwendig ist, um einen Fremdkörper aus dem Körper zu entfernen. Ein solcher Einfluss verändert jedoch nur den Zustand des Organismus. Wenn er produktive und destruktive Prozesse beeinflusst, macht er eine Person abhängig von äußeren Einflüssen.“

– „Was kann man dann tun? Wie lassen sich produktive Prozesse unterstützen, um nicht von Medikamenten und Arzneien abhängig zu werden?“

– „Es gibt eine sehr gute Methode - du musst deine Lebensweise ändern. Im Grunde genommen musst du die Voraussetzungen dafür schaffen, dass dein Körper sich selbst reguliert. Als Erstes müssen wir auf das achten, was wir jeden Tag tun. Wenn wir jeden Tag Chemieprodukte zu uns nehmen, denen Konservierungsstoffe, also Gifte, zugesetzt wurden um die Haltbarkeit zu verlängern, beginnen diese Gifte unweigerlich, unseren Körper zu belasten. Es ist wie in dem Sprichwort: Wenn du dir einmal in den Finger schneidest, wird er heilen, wenn du dir aber jeden Tag in diesen Finger schneidest, wird er nie wieder heilen.

Meiner Meinung nach werden wir die positivsten Veränderungen erzielen, wenn wir auf unsere Ernährung achten, uns abhärten und uns jeden Tag intensiv körperlich ertüchtigen. Abhärtung fördert eine gesunde Haut, eines der größten Organe unseres Körpers, das uns nicht nur schützt, sondern auch in der Lage ist, Schadstoffe über den Schweiß und die Talgdrüsen auszuscheiden. Körperliche Ertüchtigung beschleunigt einfach alle Prozesse und verhindert, dass sich im Körper Stagnation bildet. Und die Ernährung ist der engste Kontakt mit der Welt um uns herum, nicht umsonst sagt man - du bist, was du isst.“

– „Und alle sollen dasselbe tun, sich abhärten, Sport treiben und richtig essen?“

– „Auf gar keinen Fall! Ich denke, das Wichtigste ist, sich klarzumachen, dass jeder Mensch anders ist und dass alle Prozesse individuell ablaufen. Bei manchen Menschen sind die produktiven Prozesse intensiv und sie können es sich leisten, Fehler zu machen oder etwas falsch zu machen. Bei anderen gehen sie eher langsam vonstatten. Jeder Mensch benötigt eine individuelle Vorgehensweise. Jede Veränderung sollte langsam, unter sorgfältiger Kontrolle und mit Sachkenntnis durchgeführt werden. Zudem sollte man nicht nur auf den Zustand des Körpers achten, sondern auch auf die Psyche des Menschen, die ebenfalls mit nutzlosen und sogar schädlichen Programmen belastet sein kann.

– „Und wie wird in diesem Fall der Begriff 'gesunde Ernährung' definiert?“

– „Genauso wie der Begriff Gesundheit. Eine gesunde Ernährung ist eine Ernährung, die den gesamten Bedarf des Körpers an Energie und allen Arten von Nährstoffen deckt und gleichzeitig zur Entschlackung des Körpers beiträgt, ohne ihn zu belasten und zu vergiften. Produkte, die die zweite Bedingung erfüllen, sind rohes Obst und Gemüse. Es besteht die Meinung, dass man vorrangig auf Gemüse achten sollte, da es nur wenig Nährwerte und Geschmack hat, aber sehr gut für die Reinigung des Verdauungssystems ist. Zugleich sollte die Ernährung vollwertig sein. Daher solltest du deinem Körper vertrauen und andere naturbelassene Produkte essen, wenn du ohne Gewürze und Geschmacksverstärker und ohne aufwändige Verarbeitung Appetit auf sie hast. Die besten Nahrungsmittel, um Nährstoffmängel auszugleichen, sind oft tierischen Ursprungs. Als besonders schädlich können chemisch verarbeitete Lebensmittel angesehen werden, die alle Arten von Konservierungsstoffen und Lebensmittelzusatzstoffen unnatürlichen Ursprungs enthalten.“


Gegen Ende unseres Gesprächs diskutierten wir ein weiteres sehr wichtiges Thema. Wir kamen zu dem Schluss, dass wir nicht nur verstehen sollten, wie der menschliche Körper funktioniert, sondern auch, wie die menschliche Gesellschaft und die Medizin im Besonderen funktionieren. Wenn sich die Medizin nämlich vom Prinzip der Profitmaximierung leiten lässt, ist es für sie äußerst profitabel, den Menschen in einem chronisch kranken Zustand zu halten, sowohl auf körperlicher als auch auf psychischer Ebene. Und wenn sich die Medizin auf die falsche Grundeinstellung stützt, dann ist die Medizin als Institution selbst wie ein blindes Katzenjunges und kann als Werkzeug in den Händen einer umfassenderen Steuerung benutzt werden.

Außerdem kamen wir zu dem Schluss, dass es für die Gesundheit eines jeden Systems notwendig ist, dass der Sinn der Existenz dieses Systems über das System selbst hinausgeht. Wenn die Medizin nur um der Medizin willen betrieben wird, die Wirtschaft nur um der Wirtschaft willen, das Geld nur um des Geldes willen, und in der Politik nur um der Ordnung willen Ordnung herrscht, dann wird sich ein solches System in ein Krebsgeschwür der Gesellschaft verwandeln. Nur wenn sich das System Ziele setzt, die über seine Grenzen hinausgehen, kann es dem gesamten System nützen. Wenn ein Mensch nur darauf hofft, dass irgendein Politiker oder Held das Problem für ihn löst, dann wird ihm diese Lösung höchstwahrscheinlich nicht gefallen. Besser ist es, das Problem von der Ebene der Weltanschauung aus anzugehen. Nur wenn wir die Prozesse nicht nur im menschlichen Körper erkennen, sondern auch verstehen, wie die Gesellschaft aufgebaut ist und wie und durch welche Algorithmen sie gesteuert wird, können wir ein neues, vernünftigeres und gerechteres Bild von der Zukunft entwerfen und es verwirklichen, indem wir die gesamte Umwelt in diese Tätigkeit einbeziehen. Nur so kann man negativen Tendenzen widerstehen.

Nach unserem Gespräch beruhigte sich Andrej und hatte keine Angst mehr vor dem Unbekannten. Wir diskutierten mehr als nur einmal über die Gründe für die aktuellen Prozesse und die Rolle der globalen Akteure dabei. Und vor allem haben wir für uns beschlossen, dass wir die Verantwortung für unsere Gesundheit selbst in die Hand nehmen werden. Gleichzeitig werden wir neue Ansätze erforschen und entwickeln, und was am wichtigsten ist, wir werden es gemeinsam tun und uns dabei gegenseitig helfen.

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Echte Helden

↗️ Russischer Originaltext

Ich arbeite so gerne in meiner Werkstatt. Am meisten liebe ich die Arbeit mit Holz. Es ist ein sehr angenehmes Material. Wenn du ein Hummelnest baust, ist es ein Genuss zu beobachten, wie das Hummelvolk im Frühjahr das Nest bezieht und dann die kleinen Hummeln ausfliegen, um Nektar zu sammeln.


Pascha, ein Junge aus der Nachbarschaft, war geradezu besessen davon, mich zu besuchen, wenn ich am Arbeiten war. Ich zeigte ihm, wie man sägt, hobelt, Nägel einschlägt und mit einer Bohrmaschine bohrt. Er wühlte sehr gerne in der Kiste, in der ich alle Materialreste sammelte. Darin befanden sich auch runde Teile, die wie ein Rad aussahen. Er erkannte schnell, dass man damit ein kleines Auto oder eine Karre aus Holz bauen konnte. Vier Räder, vier Nägel, eine Karosserie und fertig ist das Auto. Paschas Großeltern freuten sich sehr, dass ihr Enkel eine so nützliche Fähigkeit erlernte. Allerdings machten sie sich auch Sorgen – nicht nur um ihn, sondern auch um mich, weil er mich sehr ablenkte. Ich beruhigte sie und sagte, dass nichts wichtiger sei, als die zukünftige Generation auszubilden.


Eines Tages arbeitete ich wie immer in der Werkstatt und baute ein neues Werkzeugregal. Da sah ich meine Nachbarn ankommen. Die Großeltern waren gerade mit ihrem Enkel Pascha eingetroffen. Bevor ich das Tor öffnen konnte, rannte Pascha schon in meine Werkstatt, um mir seine neueste Errungenschaft zu zeigen. In der Hand hatte er die Figur eines kleinen Mannes in einem rot-blauen Anzug. Noch vor der eigentlichen Begrüßung fing er an, mir von seinem Geschenk zu erzählen, das ihm seine Eltern gemacht hatten. Es war eine Spider-Man-Figur.

Alles, was Pascha mir erzählte, war mir bestens bekannt. Ich fragte ihn, ob er beispielsweise etwas über Bellingshausen und Lasarew, Prschewalski, Miklucho-Maklai oder Ziolkowski wusste? Er kannte sie nicht. Ich fühlte mich ein bisschen gekränkt, dass er die fiktiven Geschichten eines fiktiven Superhelden so gut kannte, während er so wenig von den echten Geschichten echter Helden wusste. Menschen, die Ozeane bezwungen und ferne Länder, den Weltraum und die Tiefen des Ozeans erforscht haben, die die Tiefen der Wissenschaft ausgelotet und neues Wissen entwickelt haben. Ich wollte ihm von den echten Helden erzählen. Aber ich hatte nicht viel Zeit, also beschloss ich, die Sache aus einem anderen Blickwinkel anzugehen.

 

– „Weißt du, wofür all diese Helden, die du so sehr bewunderst, kämpfen, Pascha?“

– „Sie kämpfen gegen das Böse.“ 

– „Nun hast du gesagt, gegen was sie kämpfen. Ich habe dich aber nicht gefragt, wogegen sie kämpfen, sondern wofür sie kämpfen.“

– „Wahrscheinlich für Gerechtigkeit“, antwortete Pascha.

– „Tatsächlich ist das nicht ganz richtig. Es gibt nämlich sogar eine Liga von Superhelden, die angeblich für die Gerechtigkeit kämpft. Allerdings musst du hier die Besonderheiten der Sprache berücksichtigen. Sie alle sprechen Englisch, wo das Wort "justice" nicht nur mit Gerechtigkeit, sondern auch mit Gesetzmäßigkeit übersetzt wird. Für sie bedeutet es automatisch Gerechtigkeit, wenn etwas im Einklang mit dem Gesetz geschieht. Aber ist das auch so? Ist es möglich, dass etwas nach dem Gesetz geschieht und es nicht wirklich gerecht ist?“

– „Ja, ich denke, das kann vorkommen. Wenn die Gesetze von ein paar Schurken geschrieben werden, kann das sehr wohl passieren.“

– „Eben das ist der springende Punkt: All diese Helden kämpfen nicht für Gerechtigkeit, sondern für die Rechtsordnung. Für die Erhaltung der bestehenden Ordnung. Bekämpft beispielsweise einer der reichsten Helden der Liga, der mit der Fledermausmaske unterwegs ist, die Armut? Schafft er Bedingungen, unter denen die Menschen gar nicht erst das Bedürfnis haben, Verbrechen zu begehen?“

– „Aber er bekämpft das Böse.“

– „Ja, aber auf eine sehr ineffektive Art und Weise. Er kämpft mit Gewalt und seinen Fäusten – auf die uneffektivste Art und Weise. Soll ich dir etwas über den größten Superhelden aller Zeiten erzählen?“

– „Ja, natürlich, bitte!“

„Jeder kennt den Heiligen Georg den Siegreichen, der auf dem Wappen von Moskau abgebildet ist. Dort wird er gezeigt, wie er einen Drachen mit seinem Speer erschlägt. Vor langer Zeit gab es jedoch eine ganz andere Legende. Darin erschlug Georg den Drachen nicht einfach mit der Kraft seiner Waffe, sondern redete ihm zu und sie begannen gemeinsam, für das Gute und die Wahrheit zu kämpfen. Es gibt sogar ein altes Fresko in der Festung von Alt-Ladoga, das den Moment der Zähmung des Drachens darstellt.

Kannst du dir vorstellen, wie viel klüger und stärker du sein musst, um nicht einfach nur durch die Überlegenheit der Stärke zu gewinnen, sondern deinen Gegner allein durch die Macht der Worte auf deine Seite zu ziehen?“


Pascha war ein wenig überrumpelt und konnte lange Zeit nichts sagen. Hinterher haben wir noch viel darüber gesprochen. Ich erzählte ihm von echten, nicht fiktiven Helden. Ich erzählte ihm die Geschichte von unseren Reisenden Prschewalski und Miklucho-Maklai. Über Kapitän Bellingshausen und Leutnant Lasarew, die den neuen Kontinent Antarktis entdeckten. Es ist sehr wichtig, mit Kindern über die Vergangenheit zu sprechen und ihnen die wahre Geschichte unserer Vorfahren zu erzählen. Unsere Zukunft hängt davon ab, nach welchen Vorbildern wir unsere Kinder erziehen. Für die Erziehung der zukünftigen Generation sind wir alle verantwortlich.

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