Weltanschauliche Erzählungen – Sammlung 2

Weltanschauliche Erzählungen – Sammlung 2

DUR – Denn ohne DUR ist alles MOLL

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorwort
  2. Was ist Leben?
  3. Wie man erfolgreich ist, ohne zu betrügen
  4. Das kollektive Subjekt oder der vollwertige Herr über das eigene Leben
  5. Die tiefen Ursprünge des Faschismus und der Grundgedanke des westlichen Projekts
  6. Warum die soziale Zeit immer mehr an Fahrt gewinnt


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Vorwort

Diese weltanschaulichen Geschichten wurden aus dem Russischen ins Deutsche vom Team des Telegramkanals „DUR – Deutschland und Russland“ übersetzt. Die Autorenschaft obliegt dem Autorenkollektiv Na'um Matrin (Наум Матрин).

Besonders gut eignen sich diese Erzählungen als Einsteigerlektüre für jene, die sich für die Themen Steuerung und Konzeption gesellschaftlicher Sicherheit interessieren: Sie sind relativ kurz, einfach zu lesen und zu verstehen. Auch als Diskussionsmaterial oder Vorlesestoff für Kinder können sie dienen. Letztere sind sogar äußerst wünschenswerte Umstände.

Sowohl die Autoren als auch wir, die Übersetzer, freuen uns, wenn diese Geschichten maximale Verbreitung finden. Das ist uns lieber als eine irgendwie geartete Bezahlung, denn es gibt unserem Tun einen gesellschaftlichen Sinn und Nutzen. Nichts könnte uns eine größere Freude sein, als die Gesellschaft zu einer besseren zu machen.

Und nun, lieber Leser, wünschen wir Dir viel Freude beim Lesen.

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Was ist Leben?

↗️ Russischer Originaltext

An einem langen Winterabend trafen wir uns mit alten Freunden zu Tee und Gesprächen. Ein gutes Gespräch in guter Gesellschaft ist eine starke Kraft. Sich in ein komplexes Thema hineinarbeiten und ein gemeinsames Verständnis für ein Phänomen zu schaffen, ist so viel wert. Zum Beispiel der grundlegende Begriff „Leben“. Was ist das? Wie kann man ihn definieren? Wie Lebendiges von nicht Lebendigem unterscheiden?


🔴 Was ist Leben? – fragte ich in Erwartung eines interessanten Gesprächs.

🟠 Das Leben ist eine Existenzform von Proteinkörpern! – stieß Sergej aus dem Ural selbstbewusst heraus.

🟢 Sind denn alle Proteinkörper lebendig? – entgegnete Wladimir. – Eine Leiche besteht auch aus Protein, ist aber keineswegs lebendig. Und was das für eine Existenzform ist, ist auch nicht klar.

🔵 Ein Physiker meint, dass sich das Lebendige vom nicht Lebendigen durch das Vorhandensein eines Programms unterscheidet. – sagte Alexej. Er war unser Spezialist für physikalische Phänomene. – Ein totes Tier hat zum Beispiel kein Programm mehr, weil seine materielle Komponente tot ist, obwohl es den Anschein hat, dass es alle Eigenschaften eines lebendigen Tieres hat.

🟠 Das Programm ist subjektiv. – entgegnete Sergej. – Auf eine solche Definition kann man sich nicht verlassen.

🔴  Nicht in allen Punkten, aber ich stimme Sergej zu. – sagte ich. – Die Naturgesetze sind objektiv und können genau wie die Objekte, die uns umgeben, studiert werden. Ein Programm ist so ein Gesetz. Allerdings ist für den Begriff „Leben“ das einfache Vorhandensein eines Programms nicht genug. In der unlebendigen Natur, die wir kennen: Steine, Wasser, Feuer usw. gibt es auch Programme. Es ist offensichtlich, dass in einem Kristall die Atome nach einem bestimmten Programm geordnet sind, auch Feuer verhält sich nach einem bestimmten Algorithmus. Aber sind sie lebendig? 

🟢 Vielleicht sind Kristalle und Feuer ja doch lebendig? – sagte Wladimir zögerlich und in Gedanken versunken.

🔵 Ich hab's! Lebendes unterscheidet sich von nicht Lebendigem durch das Vorhandensein eines Kopierprogramms. – fügte Alexej aufgeregt hinzu. – Wenn ein Organismus ein Kopierprogramm hat, ist er lebendig.

🟠 Vergesst nicht die Entwicklung. – ergänzte Sergej. – Ein lebendiges Wesen muss sich entwickeln.

🟢 Ja, aber ist das Wachstum vom Kristallen und die Ausbreitung von Feuer keine Entwicklung? – entgegnete Wladimir.

🔴 Ich würde gerne den Begriff „Entwicklung“ näher erläutern.– fügte ich hinzu. – Schaut mal, jedes beliebige Objekt kann man sich als informations-algorithmisches System vorstellen, d. h. als ausführendes System, das nach einem bestimmten Algorithmua funktioniert und bestimmte Informationen verarbeitet.

🔵 Ich verstehe. – fuhr Alexej fort. – Die Entwicklung muss auf allen Ebenen stattfinden: auf der Informationsebene, auf der Ebene der Algorithmen oder Programme und auf der Ebene des ausführenden Systems. Kristalle und Feuer funktionieren immer nach dem gleichen Algorithmus. Selbst wenn Feuer eine Million Jahre lang an einem Ort brennt, bleibt es Feuer, es wird keine Entwicklung in seinen Verbrennungsalgorithmen geben.

🟠 Da hast du es, ich habe doch gesagt, dass man die Entwicklung nicht vergessen darf. – fügte Sergej hinzu.

🟢 Also sind Kristalle und Feuer doch nicht lebendig. – sagte Wladimir nachdenklich.

🔵 Dann ist ein Wesen lebendig, das sich weiterentwickeln und selbst kopieren kann. – fügte Alexej hinzu.

🔴 Und was ist, wenn ein Objekt nicht fähig ist, sich selbst zu kopieren? – sagte ich. – Zum Beispiel die hybride Form aus Pferd und Esel, das Maultier. Ist das etwa nicht lebendig?

🔵 Ohne die Fähigkeit, sich selbst zu kopieren, wird es auf jeden Fall innerhalb einer Generation aussterben.– antwortete Alexej. – Aber ich nehme an, das ist in der Definition nicht so wichtig.

🟢 Was wäre, wenn es ein lebendiger Planet wäre? – fragte Wladimir. – Wie in der Geschichte „Solaris“ von Stanislaw Lemm. Dieser Planet hat vielleicht nicht die Fähigkeit, sich selbst zu kopieren, aber wäre er dann auch nicht lebendig?


Es gab eine kleine Pause, alle waren ein wenig nachdenklich und suchten nach einer Antwort auf die Frage nach den Merkmalen für das Lebendige. Die Frage war sehr schwierig und nicht offensichtlich.


🔴 Ich kann noch eine Definitionsvariante vorschlagen. – sagte ich. – Ein Lebewesen muss die Fähigkeit zur Selbstreparatur haben, nicht zur Selbstkopie. Die Selbstkopie ist nur eine Möglichkeit der Selbstreparatur, die oft so primitiv ist, dass sie selbst den einfachsten Organismen zur Verfügung steht. Je komplexer ein Organismus also ist, desto besser kann er die Fähigkeit zur Selbstreparatur beherrschen, wie zum Beispiel ein lebender Planet.

🔵 Nach dieser Definition wäre ein Maultier lebendig, obwohl es sich nicht fortpflanzen kann. – fügte Alexej hinzu. – Seine Wunden heilen, also kann es sich selbst reparieren.

🟠 Eine Honigbiene kann sich nicht selbst reparieren oder gar fortpflanzen. – fügte Sergej hinzu. – Sie ist also nicht lebendig.

🔴 Ein Bienenvolk kann sich sehr gut selbst reparieren und kopieren. – wandte ich ein. – Außerdem sagen viele Imker, dass eine Wabe, wenn sie rechtzeitig erneuert wird, fast ewig an einem Ort leben kann. Es gibt Imker, deren Bienenvolk schon seit über hundert Jahren am selben Ort lebt. Sie geben dieses Volk von Generation zu Generation weiter. Und Solitärbienen, wie die Osmia, können sich generell selbst fortpflanzen.

🟢 Das heißt, dass nur das Bienenvolk als Ganzes lebendig sein kann? – fragte Wladimir.

🔵 Ja, ich habe gehört, dass eine Biene, die von ihrem Volk getrennt wird, sehr schnell stirbt, buchstäblich in 24 Stunden, obwohl sie unter günstigen Bedingungen bis zu einem Jahr in dem Volk leben kann. – sagte Alexej.

🔴 Eine Biene in einem Volk ist wie eine Zelle in einem vielzelligen Organismus. – fügte ich hinzu. – Genauso wie eine Blutzelle ihre Funktionen weiter erfüllt, nachdem sie den Organismus aus irgendeinem Grund verlassen hat, aber sehr schnell stirbt, genauso verliert eine Biene ohne Volk ihren Existenzbedeutung und stirbt sehr schnell.

🔵 Mir ist gerade ein interessanter Gedanke gekommen. – sagte Alexej. – Die Wiederherstellung ist wie eine Reparatur, die ohne einen Vernunft unmöglich ist. Es zeigt sich, dass Leben und Vernunft Hand in Hand gehen, Seite an Seite.

🟢 Trotzdem könnte die Wiederherstellung durch Selbstkopie erfolgen, was ein ziemlich einfaches Programm sein könnte. – wandte Wladimir ein. – Und das kann man kaum intelligent oder vernünftig nennen.

🔴 Ja, aber der Gedanke ist sehr interessant. – fügte ich hinzu. – Es scheint, dass das Leben und die Vernunft tatsächlich sehr eng miteinander verbunden sind. In der Definition des Lebendigen steckt auch Entwicklung. Bedeutet Entwicklung nicht auch Vernunftbegabung?

🟢 Man kann kaum jemanden vernünftig nennen, der sich nicht weiterentwickelt. – stützte Wladimir die These.

🔵 Also ist die letzte Aussage, auf die wir uns geeinigt haben, die, dass ein lebendiges Wesen als ein solches Wesen betrachtet werden kann, das die Fähigkeit zur Selbstreparatur und Entwicklung hat. – fasste Alexej zusammen.

🔴 Ich würde noch etwas ändern. – sagte ich. – Nicht nur ein „Wesen“, sondern generell jede Entität. Zum Beispiel kann ein Gedanke als „lebendig“ bezeichnet werden, wenn er bewahrt und kopiert wird, sich aber gleichzeitig entwickelt. Andernfalls wäre ein solcher Gedanke tot oder dogmatisch.


Unser Gespräch endete damit nicht, sondern wir diskutierten auch darüber, wie Aufbauprozesse ablaufen und wie die Definition des Begriffs „Gesundheit“ damit zusammenhängt, die nicht den Zustand, sondern den Prozess der Vorherrschaft von Aufbauprozessen im Körper gegenüber Abbauprozessen anzeigen soll. Dabei wurde deutlich, dass in nicht lebenden Objekten ohne äußeren Einfluss nur Zerstörungprozesse stattfinden, während lebende Objekte noch Selbstreparaturprozesse haben. In den folgenden Gesprächen haben wir solche Prozesse bereits in Bezug auf die menschliche Gesundheit und das menschliche Leben und speziell jeden von uns identifiziert.

Für viele moderne Wissenschaften, die hauptsächlich die unbelebte Natur erforschen und nicht an die Selbstreparaturprozesse in lebenden Organismen denken, ist ein lebendes Objekt nur eine Ressource. Wenn man die Komplexität des Lebens und seine Wechselbeziehung mit der Vernunft versteht und erkennt, dass alles im Leben voneinander abhängt, wird man von einem tiefen Respekt vor der Welt um uns herum und dem Wunsch beseelt, das Leben auf dem Planeten zu erhalten und zu vermehren. Und es wäre sehr gut, wenn jeder über seinen Auftrag nachdenken und ihn an der Aufgabe ausrichten würde, die regenerativen Prozesse auf dem Planeten Erde zu erhalten und so zur Erhaltung und Vermehrung des Lebens beizutragen.

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Wie man erfolgreich ist, ohne zu betrügen

↗️ Russischer Originaltext

Einmal habe ich meine alte Freundin Olga auf der Straße getroffen, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe. Wir unterhielten uns eine Weile und es stellte sich heraus, dass die erst kürzlich eine Arbeit als Immobilienmaklerin aufgenommen hatte. Durch ihre Arbeit und die Kommunikation mit vielen Menschen wurde ihr klar, dass verschiedene Menschen in denselben Situationen manchmal entgegengesetzte Entscheidungen treffen, manche sogar zum Nachteil ihrer eigenen Interessen. Sie begann sich für die Frage zu interessieren, was die Entscheidung eines Menschen in einer bestimmten Situation bestimmt.

Ich äußerte meine Meinung über die Sittlichkeitsstandards, die die Entscheidungen eines Menschen bestimmen. Ich schlug ihr vor, einen kurzen Spaziergang zur nächsten Kreuzung zu machen, und versuchte gleichzeitig herauszufinden, was sie unter dem Wort Sittlichkeit verstand. Während des Gesprächs wurde deutlich, dass Olga keine klare Vorstellung davon hatte. Sie sagte sogar: „Alle reden immer von Sittlichkeit und man solle sittlich sein, aber ich verstehe nicht, was das sein soll".


🔴 Wohin wollen wir gehen, nach links oder nach rechts? – fragte ich, als wir zu der Kreuzung kamen.

🟡 Ist mir egal. – antwortete Olga.

🔴 Dann gehen wir nach rechts. – schlug ich vor. – Aber richte deine Aufmerksamkeit erst einmal auf diese Situation, denn im Wesentlichen modelliert sie die Funktionsweise unserer sittlichen Entscheidungen. Die Kreuzung steht bildlich für eine Situation, die im Leben entstanden ist, und die Sittlichkeit ist der Mechanismus zur Wahl einer Option für das weitere Handeln, mit anderen Worten: ein Wegposten. Wenn die erforderliche Bedingung für den Wegposten erfüllt ist, lenkt er in die eine Richtung, wenn nicht, dann in die andere Richtung. Eine Person, die, wenn sie zu verschiedenen Zeiten mit denselben Situationen konfrontiert wird, immer eine eindeutige Entscheidung trifft, ist eine Person, deren sittliche Standards klar definiert sind. Wenn die Person jedoch zögert und jedes Mal anders reagiert, verhält sie sich unsittlich.

🟡 Unsittlich? – fragte Olga.

🔴 Ja. Stell dir vor, eine Person geht geht den Weg des Lebens entlang und trifft an jeder Kreuzung keine bewusste oder angemessene Entscheidung. An welchem Punkt wird sie schlussendlich landen? Höchstwahrscheinlich wird ihr der Ort nicht gefallen.

🟡 Heißt das, ein unsittlicher Mensch ist schlecht und ein sittlicher Mensch ist gut?

🔴 Nein, ein sittlicher Mensch zu sein, reicht nicht aus. Es gibt auch noch Kategorien der Sittlichkeit: niedrige und hohe. Alles ist davon abhängig, wie die sittlichen Standards bei der Person definiert sind.

Eine bewusste Wahl zu treffen reicht nicht aus, um ein guter Mensch zu sein. Man kann auch immer bewusst verwerfliche Entscheidungen treffen. Ein hochsittlicher Mensch handelt in Entscheidungssituationen nicht nach dem Prinzip „Das Ziel heiligt die Mittel“, d. h. er versucht nicht, ein Ziel um jeden Preis zu erreichen, er lebt maximal ehrlich und berücksichtigt die Interessen der anderen. Ein Mensch mit niedriger Sittlichkeit hat eine andere Herangehensweise, für ihn sind alle Mittel gut, um das Ziel zu erreichen, in seinem Fall sind Betrug und Lügen Normalität.

🟡 Aber wie beeinflusst die Sittlichkeit das Leben eines Menschen? Schließlich kann auch eine Person mit niedriger Moral ihre Ziele erreichen. Welchen Unterschied macht es dann?

🔴 Der Unterschied ist, dass sittliche Standards das Modell der Welt im Kopf eines Menschen definieren. Je angemessener dieses Modell der Realität ist, desto weniger Fehler macht ein Mensch im Leben. Bei einem hochsittlichen Menschen wird dieses Modell immer vollständiger sein und er wird auf lange Sicht gewinnen, auch wenn es von außen betrachtet so aussehen mag, als sei ein unehrlicher Ansatz, der im Moment Vorteile verspricht, das Optimum, um das Ziel hier und jetzt zu erreichen.

In unserer Welt ist alles kausal bedingt, sodass selbst eine kleine Lüge durch Verkettungen rückwärtiger Verbindungen über andere Menschen und Lebensumstände immer wieder auf einen Menschen zurückfällt. Deshalb verliert eine Person mit niedriger Sittlichkeit, die im Moment unehrlich gewonnen hat, zwangsläufig in der Zukunft, und in der Regel sind diese Verluste viel schwerwiegender als der Gewinn, obwohl sie zeitlich gestreckt werden können. Nur wenn wir uns ständig an hohe sittliche Standards halten, können wir eine Zukunft ohne plötzlich auftretende Katastrophen garantieren. Das gilt sowohl für den Einzelnen als auch für die Menschheit als Ganzes.

Ich führe dir ein Beispiel aus deinem Tätigkeitsbereich an. Wenn ein Immobilienmakler immer den unmittelbaren Vorteil wählt, lügt und Kunden täuscht, dann wird er vielleicht in der Anfangsphase Erfolg haben und seine Verkäufe werden steigen. Aber auf lange Sicht wird er sich eine Menge Probleme einhandeln. Er wird so viel negatives Rückmeldungen erhalten, dass seine Karriere ruiniert sein wird. Du erinnerst dich vielleicht an ein Sprichwort von Sun Tsu: „Strategie ohne Taktik ist der langsamste Weg zum Ziel. Taktik ohne Strategie ist der Lärm vor der Niederlage.“ Derjenige, der sich von langfristigen Interessen leiten lässt und die Interessen anderer berücksichtigt, hat auf lange Sicht viel mehr davon.


Wie sich später herausstellte, war unsere Unterhaltung von praktischer Bedeutung in Olgas Leben. Wir trafen uns nach einigen Jahren wieder und sie erinnerte sich an unser Gespräch, das ich schon völlig vergessen hatte. Sie erzählte, dass, obwohl es anfangs sehr schwierig war und sie ständig versucht war, unehrlich zu handeln, bemühte sie sich um eine hochsittliche Herangehensweise bei der Entscheidungsfindung und erzielte schließlich sehr gute Ergebnisse.

Manchmal kann ein einziges freundliches Gespräch einen großen Unterschied im Leben eines Menschen bewirken, wenn es ihn dazu bringt, seine sittlichen Entscheidungen zu ändern.

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Das kollektive Subjekt oder der vollwertige Herr über das eigene Leben

↗️ Russischer Originaltext

Ich bin gern bei meinem Freund Paul auf der Datsche. Er lädt häufig alle seine Bekannten ein und veranstaltet kleine Treffen. Man kann dort Tischtennis spielen, durch den Wald spazieren oder zu einer Quelle wandern. Ich bevorzuge allerdings ein gutes Gespräch.

Einmal, als ich bei einem solchen Treffen zugegen war, kam zu Pauls Datschengrundstück auch Genadij – der Mann von Pauls Schwester. Es entwickelte sich eine Unterhaltung, in der ich versuchte zu erklären, wie wichtig es ist Herr seines eigenen Lebens zu werden. In dem Moment brachte sich Genadij in das Gespräch ein:


🔵 Dem stimme ich zu. Ich, zum Beispiel, bin vollwertiger Herr über mein Leben. Ich habe eine eigene Firma, welche Ersatzteile vertreibt. Ich verdiene gutes Geld. Ich bringe eine Menge Mittel in die Familie ein.

🔴 Das ist gut, aber lass uns deine Vollwertigkeit doch mal auf den Prüfstand stellen. – sagte ich. – Ich sehe, du kontrollierst gut einen Bereich deines Lebens. Aber bist du beispielsweise mit den Gesetzen im Staat zufrieden?

🔵 Bisher ist alles zu meiner Zufriedenheit. Diese Gesetze ermöglichen es mir, gutes Geld zu verdienen. – antwortete Genadij.

🔴 Das Schlüsselwort ist „bisher“. Es reicht nicht aus, zufrieden zu sein, man muss auch Verantwortung übernehmen und diesen Aspekt kontrollieren und gegebenenfalls steuern.

🔵 Nun ja, meine finanzielle Situation ist es doch, die es mir erlaubt, im Notfall die Kontrolle über alles zu übernehmen. – antwortete Gena.

🔴 Finanzen sind nicht das Instrument, mit dessen Hilfe sich ein Staat effektiv steuern lässt. – antwortete ich. – Ja, und wenn du denkst, dass Finanzen irgendwas entscheiden, dann wirst du in diesem Ozean nur ein kleines Fischlein sein. Selbst Menschen mit sehr viel Vermögen, sind manchmal nicht in der Lage, Einfluss auf eine Veränderung zu ihren Gunsten auszuüben.

Ich führe noch ein weiteres Beispiel an, damit es klarer wird. Wir haben die russische Sprache, die wir sprechen. Was ist, wenn es darin das Wort „Gerechtigkeit“ nicht gäbe, und stattdessen gäbe es nur das Wort „Rechtmäßigkeit“. Was wäre dann?

🟡 Wahrscheinlich würden wir dann meinen, dass etwas, das einem Gesetz entsprechend passiert, auch gerecht ist. – brachte sich Paul ins Gespräch mit ein.

🔴 Ganz genau! – stimmte ich zu. – Allerdings können wir eigentlich nicht beurteilen, ob diese Gesetze gerecht sind. Möglicherweise wurden diese Gesetze im Interesse eines engen Personenkreises verfasst, und nicht im Interesse der Mehrheit.

Oder ein anderes Beispiel: Was, wenn in der Sprache das Wort „Ware“ synonym zum Wort „Frau“ gebraucht würde? Welche Beziehung bestünde unterbewusst zum schönen Geschlecht?

🔵 Wie zu einer Ware. – antwortete Genadij sofort.

🔴 All die Beispiele sind übrigens echten Sprachen entlehnt. Zum Beispiel bedeutet „justice“ im Englischen nicht nur Gerechtigkeit, sondern auch Rechtmäßigkeit. Deshalb könnte man die Hollywoodfilme über die „League of justice“ als „Gerechtigkeitsliga“ oder als „Liga derjenigen, die das geltende Recht unterstützen“ übersetzen.

Und das Wort „Ware“ bedeutet auf Englisch „ware“. Eine Bedeutung davon ist „Frau“, wenn auch scherzhaft gebraucht.

🟣 Wie schrecklich! – sagte Larissa, Pauls Frau.

🔴 Das alles habe ich aus folgendem Grund erzählt. All diese Dinge erscheinen uns als völlig selbstverständlich und wenn wir sie nicht steuern, dann kann es passieren, dass sie uns steuern. Wenn wir zum Beispiel unsere Sprache, die wir sprechen und in der wir denken, nicht steuern, dann steuert sie uns teilweise und bindet uns in ihre Matrix ein.

Können wir uns als vollwertige Herren unseres Lebens bezeichnen, wenn wir solche grundlegenden Dinge nicht kontrollieren?

🟡 Was schlägst du denn vor? Es ist wohl kaum möglich, alles zu kontrollieren und zu steuern. – sagte Paul.

🔴 Der Begriff „Subjekt“ oder „Herr über das eigene Leben“ hat eine weitere Eigenschaft, die den Bereich der Verantwortung definiert. Wenn jemand die Verantwortung nur für die Finanzen übernommen hat, kann er sich nicht als vollwertiger Herr bezeichnen, weil er nur einen Aspekt seines Lebens steuert. Er muss permanent seinen Verantwortungsbereich erweitern. Natürlich muss er nicht alles selbst steuern, es reicht aus, die Schlüsselindikatoren zu kontrollieren und bei Bedarf bereit zu sein, die Steuerung zu übernehmen.

Außerdem: Um aus den schwierigsten Situationen herauszufinden und dabei keine Geisel einer Wahl zu sein, die man dir stellt, muss man sich die richtige Methodologie aneignen, bei der die Welt sich nicht einfach als Komplex unzusammenhängender Fakten darstellt, sondern komplexer lebendiger Organismus, in dem alles kausal bedingt ist. Du musst in der Lage sein, über die Grenzen hinauszugehen, die jemand vor dir gesetzt hat.

🟡 Und wie kann man seinen Verantwortungsbereich erweitern, reicht dafür überhaupt die Zeit? – fragte Paul.

🔴 Dafür muss man sich mit anderen Gleichgesinnten zusammentun und als ein Subjekt auftreten, in dem jeder einen bestimmten Aspekt oder mehrere Aspekte des Lebens kontrolliert und sich so gegenseitig ergänzt.

🟡 Habe ich dich richtig verstanden, – fragte Paul – dass es, um vollwertiger Herr über sein Leben zu werden, es nötig ist, nicht nur irgendeinen Aspekt seines Lebens zu kontrollieren, sondern auch sowohl seinen als auch den kollektiven Verantwortungsbereich zu erweitern und dabei Kenntnisse zu beherrschen, die es einem ermöglichen, effizient zu sein?

🔴 Ja, das ist sehr nah an dem dran, was ich sagen wollte. – antwortete ich. – Aber für ein vollwertiges kollektives Subjekt fehlt eine Kleinigkeit: Man muss auch in der Lage sein, sein Wissen an künftige Generationen, an seine Schüler, weiterzugeben. Es gibt Projekte, die unmöglich in der Lebenszeit eines Menschen verwirklicht werden können, aber wenn dieser jemand sein Wissen und seinen Erfahrungsschatz teilt, dann können die künftigen Generationen diese Projekte verwirklichen.

🟡 Das klingt, als würdest du nicht mehr über den Herrn des eigenen Lebens sprechen, sondern über ein kollektives Subjekt oder einen kollektiven Herrn über das eigene Leben.

🔴 Ja, das ist tatsächlich so. Es ist viel besser, wenn ein Teil des Ganzen das Ganze unterstützt und bereichert, als dass dieser es bekämpft und in Konflikt mit ihm gerät.


Am Ende des guten Gesprächs, bevor alle ihrer Wege gingen, beschlossen wir, uns gegenseitig besser zu unterstützen und zu versuchen, eine vollwertige Gemeinschaft aufzubauen, die alle Aspekte unseres Lebens steuert.

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Die tiefen Ursprünge des Faschismus und der Grundgedanke des westlichen Projekts

↗️ Russischer Originaltext

Vor gar nicht allzu langer Zeit reiste ich nach Kaliningrad. Ich hatte mich dazu entschieden zu erfahren, wie das Leben in der westlichsten Region unseres Landes aussieht. Der Zufall wollte es, dass ich Sergei traf, der in der Stadt lebte. Wir trafen uns im Zentrum, in der Nähe von der Kant-Insel. Sergej und ich haben uns bei der Arbeit an einem sehr interessanten und wichtigen Projekt kennengelernt, bei dem es um die Förderung eines nüchternen Lebensstils ging, insbesondere um verschiedene Aktivitäten zur Stärkung von Geist und Körper.

Da ich nicht allein nach Kaliningrad gekommen war, nahm ich mir früh am Morgen Zeit, um den Rest des Tages damit zu verbringen, in den Osten der Region zu reisen, um die lokalen Sehenswürdigkeiten und das Leben der einfachen Leute zu erkunden. Sergej und ich waren uns bisher noch nie persönlich begegnet, sondern hatten nur online miteinander kommuniziert, aber das machte es nicht schwer, uns bei unserem Treffen gleich zu erkennen. Wir einigten uns sofort darauf, dass wir nur wenig Zeit für das Treffen hatten, und beschlossen daher, am Ufer entlang zu spazieren und dabei verschiedene Themen zu besprechen. Unser Gespräch begann sehr unerwartet, Sergej teilte mir seine innigsten Gedanken mit:

– “Weißt Du, ich fühle mich in meiner Seele irgendwie unruhig und rastlos”, sagte Sergej, “In diesem Moment finden kriegerische Handlungen statt, aber mir ist so, dass die Hauptfront nicht im Kriegsgebiet verläuft, sondern ganz woanders. Dieses Gefühl, dass diese Probleme nicht mit Gewalt zu lösen sind, und wenn doch, dann aber nicht final.

– “Ja, ich stimme Dir zu, mit Gewalt lässt sich das Problem nur kurzfristig lösen. Die Hauptfront besteht im Kampf der Ideen. Und für den Kampf der Ideen muss man seine eigenen und fremde Ideen – ihre Vor- und Nachteile – gut verstehen. Ich empfehle, Dir die Grundidee des westlichen Projekts mal anzuschauen.”

– “Sehr interessant”, sagte Sergej, “Was ist das für eine Grundidee?”

Ich habe das Wesentliche der stattfindenden Ereignisse analysiert und habe herausgefunden, dass in der gesamten tausendjährigen Geschichte des westlichen Projekts der Grundgedanke des Lebens die Aufrechterhaltung der Ordnung war. Das sieht man sehr gut in Hollywood-Filmen, wenn man weiß, wo man hinschauen muss. So zum Beispiel in dem Kult-Trickfilm ‘König der Löwen’ – Mufasa suggeriert Simba, dass die großen Könige diese Welt geschaffen haben, wo jeder seinen Platz im ewigen Kreis des Lebens finden und einnehmen muss.

In der Serie ‘Snowpiercer’ wurden alle auf verschiedene Kasten aufgeteilt. Die meisten Menschen essen Kakerlaken im letzten Waggon, wohingegen einige wenige im ersten Waggon wie die Made im Speck leben. Der Protagonist, der über die ungerechte Behandlung der Menschen im Zug empört ist, inszeniert einen Aufstand und gelangt in den allerersten Waggon, wo ihm der Erbauer des Zuges erklärt, dass das wichtigste in diesem Zug die Aufrechterhaltung der Ordnung ist.  Nur diese Struktur ermöglicht es, das Gleichgewicht aufrechtzuerhalten, und die wiederkehrenden Aufstände ermöglichen es, die Anzahl der Bevölkerung zu regulieren.

Auf dem Dollarschein können wir die Aufschrift ʼneue Weltordnungʼ lesen oder ʼneue Ordnung der Zeitalterʼ.

Über die ʼneue Weltordnung wird in letzter Zeit häufig in den Nachrichten berichtet. Und wenn man darüber nachdenkt, sollten sich die Gespräche eigentlich um eine neue globale Lebensweise drehen. Doch schon das Wort "Ordnung" unterstreicht, dass es nur darum geht, wie man alle dazu bringt, nach festen Regeln zu leben, und nicht darum, wie man in Harmonie, Liebe, mit Weisheit und in gegenseitigem Verständnis lebt.

Unsere fünfte Kolonne gibt uns ständig zu verstehen: ʼUnser Land ist groß und reich, aber es gibt keine Ordnung darin, kommt und herrscht über uns!ʼ Die westliche Ordnung ist für sie sehr attraktiv.

– „Und woher kommt diese ʼOrdnungʼ?“, fragte Sergej.

– „Ich habe ihre Ursprünge im Alten Ägypten gefunden.“ , antwortete ich. „Vor rund 8.000 Jahren war die Sahara eine blühende Savanne, in der viele Völker und Zivilisationen lebten. Im Laufe der Zeit begann das Gebiet zu veröden, was höchstwahrscheinlich durch unvernünftiges menschliches Handeln verursacht wurde, indem Wälder abgeholzt oder der Boden umgepflügt wurde. Die einzige Oase, die geblieben war, war ein schmaler Streifen des Nils auf dem Gebiet Ägyptens. Der Nil, der jedes Jahr auf den Tag genau Hochwasser führte, brachte fruchtbaren Schlamm aus den südlichen Regionen Afrikas mit und schuf so gute Bedingungen vor allem für den Anbau von einjährigen Pflanzen. Verschiedene Völker kamen in diese Oase und vergaßen ihre einheimische Kultur, so dass sie zu einer grauen Masse in den ʼSchmelztiegelnʼ der ägyptischen Zivilisation wurden.

Entsprechend war auch die Religion Ägyptens. Aufgrund der ständigen Ausbreitung der Wüste war der Hauptgedanke, dass Gott, der alles erschaffen hatte, im Sterben lag, Chaos und Zerstörung drohten und man ihm helfen musste, indem man eine kosmische Ordnung schuf. Die wichtigsten Götter waren Horus, der Gott von Unterägypten, der die Ordnung und die Macht des Pharaos symbolisierte, und Set, der Gott von Oberägypten, der Chaos, Tod, Sandstürme und die Macht der Krieger symbolisierte. Unterägypten expandierte hauptsächlich kulturell, während Oberägypten mit Gewalt expandierte. Da Unterägypten praktisch keine Nachbarn hatte, konzentrierte es sich auf innere Angelegenheiten. Oberägypten griff immer wieder nubische Stämme an, brannte ihre Dörfer nieder und richtete Konzentrationslager für die Menschen ein, um die Nubier als Sklaven und Krieger zu benutzen.

Die wichtigste Göttin war jedoch Maat. Schon das Wort Maat bedeutete für die alten Ägypter sowohl Ordnung und Gerechtigkeit als auch den Sinn des Lebens. Der Sinn des Lebens, in dem der Krieg zwischen Ordnung und Chaos nie endet.

– „Sehr interessant, aber welche ʼOrdnungʼ haben sie denn konkret errichtet? Doch nicht etwa die, die von der Pyramide symbolisiert wird?“, fragte Sergej.

– „Die tiefere Bedeutung der Struktur von Ordnung habe ich in einem anderen Werk gefunden. Es heißt „Der Staat“ von Platon. In diesem Werk diskutieren Sokrates und seine Gefährten über die ideale Struktur des Staates. Im Dialog erkennen sie, dass es bei Gerechtigkeit nicht darum geht, die Schuldigen oder Feinde zu bestrafen. Sie sollte wie eine gute Musik sein - sie sollte jedem Harmonie und Glück bringen, egal ob er Freund oder Feind ist. Aus dem Munde von Sokrates klang diese Gerechtigkeit so: ʼdass jeder mit seiner eigenen und nur seiner eigenen Angelegenheit beschäftigt sei, der er am meisten zugeneigt ist, und sich nicht in die Angelegenheiten anderer Leute einmischeʼ.

– Das ist eine reizvolle Idee, sie klingt sehr überzeugend", sagte Sergej, "ich würde es eine 'gerechte Ordnung' nennen.

– Ja, das klingt sehr verlockend, führt aber dazu, dass ein Mensch, der von Kindesbeinen an Töpfe aus Ton herstellt, nach dieser Logik dies auch weiterhin tun und sich in keiner Weise in andere Angelegenheiten einmischen sollte. Es ist offensichtlich unnötig, dass er sich dafür interessiert, wie ein Staat regiert wird; dafür gibt es speziell ausgebildete Leute. Eine solche enge Spezialisierung sieht zwar recht harmonisch aus, führt aber letztendlich dazu, dass die ganze Gesellschaft ihren Sinn verliert. Jeder enge Spezialist "fährt nur den Karren" und merkt nicht, dass er einen Tempel baut. Jeder hat nur eine Vorstellung vom Sinn des Lebens - mehr Nutzen für sich selbst zu erzielen. Ohne an das Gemeinwohl zu denken, fängt ein solcher Spezialist an, Ressourcen im Übermaß zu verbrauchen, was zu deren Überkonsum führt und schließlich die Natur, den Boden und alles um ihn herum auslaugt. Vielleicht ist es dieser Vorstellung von Gerechtigkeit zu verdanken, dass sich die Sahara in eine Wüste verwandelt hat.

Wenn das kollektive Denken auf der Idee einer ʼgerechten Ordnungʼ aufbaut, führt dies dazu, dass es den Sinn anderer Menschen verschlingt und sie zu Müll verarbeitet. Genau so funktioniert die kapitalistische Wirtschaft heute: Sie produziert riesige Mengen an Müll und erschöpft erneuerbare und nicht erneuerbare Ressourcen.“

– „Resultiert das nicht alles aus der Idee von ʼAlles für den eigenen Profitʼ?“, fragte Sergej.

– „Einfache Ideen wie ʼAlles für den eigenen Profitʼ oder ʼteile und herrscheʼ führen dazu, dass Menschen auf den Plan treten, die taktisch und maximal ein paar Jahre voraus denken. Solche Menschen müssen von starken philosophischen Ideen wie ʼkosmische Ordnungʼ oder ʼgerechte Ordnungʼ ʼabgedecktʼ werden. Eine solche ʼAbdeckungʼ kann man an verschiedenen Utopien sehen, wie der ʼStadt der Sonne von Tommaso Campanella, ʼMenschen, Göttern gleichʼ von H. G. Wells, ʼSchöne neue Weltʼ von Aldous Huxley, in denen all diese ʼgerechte Ordnungʼ dargestellt wird.“

– „Ist das in unserer modernen Gesellschaft in Russland auch genauso aufgebaut?“, fragte Sergej.

– „Trotz der Tatsache, dass eine solche ʼgerechte Ordnungʼ, bei der ʼjeder Schuster bei seinem Leisten bleibtʼ, überall auf der Welt aggressiv durchgesetzt wird, behält jede Nation ihre eigene kulturelle Einzigartigkeit. Eine besondere Rolle in der Kultur spielt die Sprache, mit der die Menschen kommunizieren. Das Interessanteste an der Sprache ist der Algorithmus, mit dem Wörter zu Sätzen kombiniert werden. In westlichen und östlichen Sprachen ist der Algorithmus im Wesentlichen derselbe wie im Deutschen, Französischen, Englischen und sogar im Chinesischen. - Es gibt eine strenge Anordnung der Wörter.“

– „Anordnung?!“, stieß Sergej aus.

– „Ja, Anordnung. Russisch ist eine der wenigen Sprachen, in denen es keine strenge Wortfolge gibt. Außerdem ist der Mechanismus der Satzbildung dort ganz anders. Im Russischen ist jedes Wort sehr vielfältig, z. B. laufen, weglaufen, rauslaufen, zum Ziel laufen usw. Um einen Satz zu bilden, muss man daher zuerst jedes Wort aussprechen und dann alle Wörter durch Endungen miteinander koppeln. Das ist viel schwieriger, als die Wörter einfach in die richtige Reihenfolge zu bringen.“

– „Ich glaube, ich habe verstanden. Wenn es in anderen Gesellschaften, um eine Arbeit zu erledigen, nur notwendig ist, die Rollen zu verteilen oder sozusagen alle in eine bestimmte Ordnung einzupassen, dann müssen vom Standpunkt der russischen Sprache aus gesehen die Menschen zuerst auf eine Seite eingestellt (gebeugt) werden, und dann müssen sie miteinander gekoppelt werden, so dass sie ein geschlossenes Gespann werden“, sagte Sergej emotional, als hätte er eine neue Wahrheit entdeckt.

– „Ja, die Analogie ist mehr als passend!“, sagte ich. „Wenn die gesamte Denkweise auf bestimmten Regelmäßigkeiten beruht, ist es nicht verwunderlich, dass diese Regelmäßigkeiten auch in anderen Bereichen des Lebens angewendet werden. Und wenn es in der Sprache keine solchen Algorithmen gibt, wird es auch sehr schwierig sein, sie zu verstehen. Es zeigt sich, dass die russische Zivilisation andere Zivilisationen aufgrund der Komplexität ihrer Sprache, in der eine Ordnung nicht zwingend notwendig, aber möglich ist, leicht verstehen kann. Für andere Zivilisationen kann es dagegen sehr schwierig sein, die russische Zivilisation und ihre Art und Weise, ihre Ziele zu erreichen, zu verstehen.“

– „Offenbar ist es notwendig, dass alle Russisch lernen, damit sich die verschiedenen Zivilisationen miteinander verständigen können, oder?, fragte Sergej.

– „Ja, aber nicht nur. Es braucht auch aufrichtiges Interesse und eine menschliche Herangehensweise. Eine gemeinsame Sprache, die die Vielschichtigkeit der verschiedenen Kulturen beschreiben kann, wird eine gute Grundlage schaffen“, antwortete ich.

– „In der modernen Kultur gibt es viele Beispiele dafür, wie man alle in eine Ordnung zwängt", sagte Sergej. „Kannst du mir nicht zumindest ein Beispiel für Beugung und Kopplung nennen?“

– „Eines der anschaulichsten Beispiele war die Armee von A. W. Suworow“, sagte ich. „Im Gegensatz zur preußischen Ordnung, wo die Soldaten nur Rädchen oder Sprungfedern waren, brachte Suworows Armee ein Wunder von Helden hervor, wo jeder Soldat sein Manöver nicht nur kannte, sondern auch verstand. Für alle Beteiligten war die Armee eine kameradschaftliche Familie, deren Hauptziel der Sieg war. In seiner Armee gab es keine Fahnenflucht, denn jeder verstand, dass er sich nur in ihr voll entfalten konnte.“

– „Alles klar. Die Grundidee des westlichen Projekts habe ich kapiert. Aber wie kann das helfen, eines der Hauptprobleme zu lösen, auf das wir immer wieder zurückkommen müssen – den Faschismus?“, fragte Sergej. „Warum ist der Faschismus, der im Großen Vaterländischen Krieg besiegt wurde, wieder zurückgekommen, und dann auch noch in einem Nachbarland?“

– „Allein das Verständnis der Idee einer "gerechten Ordnung" kann aufzeigen, wo die Wurzeln des Faschismus liegen.“, antwortete ich. „Die Idee vom Kampf zwischen Chaos und Ordnung symbolisiert eigentlich die Idee des Kampfes zwischen Leben und Tod, und wenn gegen den Tod gekämpft wird, ist für den Sieg jedes Mittel recht. Selbst einer der herausragenden Vertreter der westlichen Zivilisation, der das Französische im Wesentlichen als Sprache der kolonialen Steuerung übernahm – ie rote Eminenz, Kardinal Richelieu – sagte: ʼum deinen Rivalen in die Irre zu führen, ist der Betrug zulässig; gegen deine Feinde kannst du jedes Mittel einsetzenʼ. Das Prinzip ʼDas Ziel heiligt alle Mittelʼ impliziert eigentlich das Fehlen einer Rückverbindung, wobei den Folgen des eigenen Handelns keine Aufmerksamkeit beigemessen wird.“

– „Du willst sagen, dass die westliche Zivilisation das Prinzip ʼDas Ziel heiligt alle Mittelʼ anwendet und das ständig in Eroberungskriegen, Kolonialreichen und sogar in der praktisch vollständigen Ausbeutung von einigen Ur-Völkern Ausdruck findet, wie es zum Beispiel bei den Indianern der Fall war?“, fragte Sergej. „Ist das das Wesen des Faschismus?“

– „Meiner Ansicht nach, nicht ganz.“, antwortete ich. „Das Wesen des Faschismus ist weitaus tiefgründiger. Die Rückverbindungen fehlen nämlich nicht nur bei der Erreichung außenpolitischer Ziele, wie der Errichtung von Kolonialreichen, sondern auch in der Innenpolitik. Eigentlich wird die gesamte ansässige Bevölkerung von einer mächtigen Staatsmaschinerie unterdrückt, die wie ein clanähnliches Konzernkonglomerat aufgebaut ist, in dem einige wenige Leute vollen Zugriff auf fast alle Ressourcen haben und die gesamte Steuerung in der Hand haben. Es ist wie in vielen Sprachen, in denen es eine strenge Wortfolge in einem Satz gibt, und einen Platz für das Wort, das die Hauptbedeutung definiert, und weniger wichtige Wörter, die diese nur ergänzen. Im Deutschen zum Beispiel steht das Hauptwort ganz am Ende des Satzes.“

– „Also ist diese Unterdrückung der Bevölkerung das Wesentliche am Faschismus?“, fragte Sergej 

– „Nicht ganz.“.antwortete ich. „Das Schlimmste beginnt, wenn die Menschen am unteren Ende der sozialen Pyramide anfangen, es für normal und das einzig Richtige zu halten und im Wesentlichen genau diese Maschine unterstützen, die sie der Möglichkeit beraubt, nach Menschlichkeit und zu streben und sich vollständig zu entfalten. Zum Beispiel kämpften im Zweiten Weltkrieg in Frankreich viel weniger Menschen gegen den Faschismus, als unter dem faschistischen Deutschland dienten.“

– „Offenbar steckt in der Logik des Aufbaus vieler Sprachen das Konzept ʼIch bin Chef – du bist Dummkopf, du bist Chef – ich bin Dummkopfʼ“, sagte Sergej.

– „Interessante Schlussfolgerung, auch wenn die Sprache selbst, wie gesagt, nur eine sekundäre Manifestation der Steuerungskonzeption ist. Sie wurde in Institutionen unter einer bestimmten Steuerung entwickelt und geschaffen.“, antwortete ich. „Und die Konzeption selbst könnte von einer früheren Zivilisation stammen.“

– „Und was könnte die Alternative sein?“, fragte Sergej.

– „Ein alternativer Weg ist die Erreichung der Ziele entsprechend der Konzeption ʼDie Mittel rechtfertigen das Zielʼ, wobei es nicht einfach nur notwendig ist, das Ziel zu erreichen, sondern auch im Vorfeld alle negativen Konsequenzen der Mittel zu bedenken, die für die Zielerreichung eingesetzt werden. 

– „Ist das nicht viel komplizierter?“, fragte Sergej.

– „Natürlich ist es das!“, antwortete ich. „Das ist nicht so, als würdest du eine künstliche Intelligenz fragen, die nur darauf ausgelegt ist, dir eine Antwort zu geben, die dir plausibel erscheint. Jede Entscheidung muss gründlich durchdacht und begründet werden, und es müssen neue Werkzeuge für die Zusammenarbeit der Menschen entwickelt werden, die auf eine ganzheitlichere Sichtweise bei der Lösung eines Problems abzielen. Das ist wesentlich interessanter, als einfach nur ein Ziel mit einer Lösung zu erreichen, die nur für einen selbst von Vorteil ist. Hierbei ist es viel wahrscheinlicher, dass solche Lösungen für künftige Generationen von größerem Nutzen sein werden.“

Wir spazierten noch einige Zeit durch die prächtige Stadt Kaliningrad und näherten uns bereits unserem Ziel - dem Parkplatz in der Nähe der Kant-Insel. Es gab noch so viel zu besprechen: warum solche Ideen so erfolgreich waren und wie der Faschismus eine Kultur des Lügens hervorbringt, wie die Menschen an ihr festhalten, als hingen sie an einem Haken, wie alles, was für der Gesellschaft dienlich ist, in einem solchen System zum Nutzen von nur einer kleinen mafiösen Gruppe von Führungskräften ausgelöscht wird, und wie man den Westen selbst von dieser parasitären Idee befreien kann, die ihn daran hindert, seine Bestimmung zu erfüllen. Deshalb verabschiedeten wir uns am Zielort herzlich und vereinbarten weitere gemeinsame Unternehmungen, um die verschiedenen Kulturen der Völker unseres Planeten zu studieren und einen systematischen Ansatz zur Vereinigung der Zivilisationen für eine harmonische Entwicklung ohne Faschismus zu entwickeln.

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Warum die soziale Zeit immer mehr an Fahrt gewinnt

Vor kurzem besuchte mich ein alter Freund und während wir Tee tranken, entwickelte sich unser Gespräch zu einer Diskussion über den Unterschied zwischen unserem Leben und dem der Generationen unserer Vorfahren. Dabei entdeckten wir ein interessantes Muster, das ich Euch anhand der Geschichte der Familie meines Freundes zeigen werde.


Von der älteren Generation hat er seine 1901 geborene Urgroßmutter zu Gesicht bekommen. Sie hat alle Kriege und Revolutionen des zwanzigsten Jahrhunderts überlebt und ist im Alter von 96 Jahren bei vollem Bewusstsein gestorben. Ihr ganzes Leben lang kümmerte sie sich um die Erziehung ihrer Kinder und die Organisation ihres Haushalts und beklagte sich nicht über das Leben, obwohl sie es satt hatte. Ihre Grundschulbildung an der Kirchenschule reichte aus, um in der Gesellschaft ihrer Zeit uneingeschränkt leben zu können, obwohl sie den Fernseher nur schwer handhaben konnte und nie ein Telefon besessen hat.

Sein Großvater, geboren 1914, stammte aus einer kasachischen Nomadenfamilie, schloss die 4. Klasse der Grundschule ab und war nach dem Tod seines Vaters gezwungen, in den Ural zu ziehen, wo er in einem Eisenhüttenwerk zu arbeiten begann. 1938 trat er in die Armee ein, und ein Jahr nach seiner Einberufung begann der Große Vaterländische Krieg. Als Mitglied der 36. Garde-Schützen-Division erlebte er den ganzen Krieg und landete schließlich in Österreich. Danach arbeitete er sein ganzes Leben lang im Patrouillen- und Kontrollpunktdienst der Miliz.

Die Nachkriegsgeneration der Jahrgänge seines Vaters, der 1950 geboren wurde, hatte das Glück, in einer relativ friedlichen Zeit geboren zu sein. Sowohl er als auch seine Mutter erhielten eine sekundäre Berufsausbildung, aber im Gegensatz zu ihren Eltern mussten sie ihre Qualifikationen ständig verbessern oder sich auf neue Berufe umschulen.

Mein Freund selbst wurde 1979 geboren, bald darauf folgte der Krieg in Afghanistan, dann die Perestroika, der Zusammenbruch der UdSSR, die Erschießung des Obersten Sowjets, der Schwarze Dienstag ('Default' im Jahr 1998), der 11. September 2001, usw. Diese Generation geriet in eine Zeit, in der sich die Gesellschaft grundlegend veränderte. Im Laufe seines Lebens hat er eine sekundäre und akademische Ingenieurausbildung erhalten, sich ständig weitergebildet und eine Vielzahl von Berufen erlernt, die ihm in seinem Leben immer wieder hilfreich sind.

Sein Freund wurde 1991 geboren, ein Jahr nach dem Tod seines Großvaters, und das bereits in einem anderen Land und einer anderen Kultur. Er hatte weder die Möglichkeit, mit Glühbirnen in der Elektrotechnik zu arbeiten, noch mit einem schnurgebundenen Telefon zu telefonieren, noch Papierbriefe zu schreiben, er fing stattdessen früh an, einen Computer zu bedienen und sich hinters Steuer zu setzen.


Und hier haben wir ein interessantes Muster entdeckt: Mit jeder neuen Generation, die ins Leben tritt, können wir sehen, wie die Menge an Wissen und Fähigkeiten, die für das Leben notwendig sind, immer mehr zunimmt. Warum ist das so?

Als ich kürzlich die Nachrichten durchsah, stieß ich auf eine Meldung, dass das Durchschnittsalter russischer Frauen bei der Geburt ihres ersten Kindes im Jahr 2020 bei 27-28 Jahren lag. In der Vergangenheit schwankte das Durchschnittsalter von Müttern bei der Geburt ihres ersten Kindes über einen langen Zeitraum der Menschheitsgeschichte hinweg zwischen 20 und 25 Jahren. Da bei der Empfängnis genetische Informationen ausgetauscht werden und das neugeborene Kind einen neuen genetischen Code in sich trägt, lässt sich feststellen, dass etwa alle 25 Jahre ein Informationsaustausch auf biologischer Ebene in jeder neuen Generation stattfindet.

Die Menschen sind eine biologische Spezies, die alles, was sie von der Natur erhält, verarbeitet und mit Kreativität etwas Neues schafft. So hat die menschliche Gesellschaft in der Biosphäre die Technosphäre geschaffen, die sich ständig verändert und weiterentwickelt. Besonders im 20. Jahrhundert hat sich das Entwicklungstempo der Technosphäre stark erhöht. Das hatte radikale Auswirkungen auf die Geschwindigkeit der Informationsverbreitung in der Gesellschaft. Wenn früher die maximale Geschwindigkeit der Informationsübertragung durch die Geschwindigkeit einer Pferdekutsche begrenzt war, ist sie heute fast nur ein Wimpernschlag. Wir können sehen, dass die Frequenz des technologischen Wandels kontinuierlich zunimmt. Aber technische Informationen sind nur ein Teil der allgemeinen Informationen in der Kultur der Menschheit; im Grunde unterliegt auch die gesamte Kultur diesem Gesetz der Veränderung.

Nachdem wir all dies analysiert hatten, stellten mein Freund und ich fest, dass sich die Frequenz des Generationswechsels im Laufe der Geschichte kaum verändert hat, während die Frequenz des Technologiewandels dramatisch gestiegen ist. Während unserer Lebenszeit gibt es mehrere Veränderungen in der uns umgebenden Gesellschaft (Veränderungen im Informationszustand der Gesellschaft). Auch die Einstellung der Menschen zu dem, was um sie herum geschieht, ändert sich. Und wir haben erkannt, dass es in der modernen Gesellschaft notwendig geworden ist, sich ständig neue Kenntnisse und Berufsfelder zu erschließen, unsere Stereotypen zu überdenken und zu ändern. Jetzt erkennen wir, warum einige unserer Freunde in uninteressanten und schlecht bezahlten Jobs festsitzen. Um uns an solch rasante Veränderungen anzupassen, müssen wir in der Lage sein, uns im Laufe unseres Lebens ständig neues Wissen anzueignen, und dafür müssen wir in der Lage sein zu lernen, also eine Methode zur Aneignung neuen Wissens erarbeiten.

 

Das sind die Gedanken, zu denen wir kamen, als wir über die Vergangenheit nachdachten. Manchmal ist es gut, mit alten Freunden Tee zu trinken.

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