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Benjamin Schäfer


I


Er spürte wie sie sich daran machte aufzustehen. Er würde sich nicht umdrehen. Als sie kurz darauf im Bad verschwunden war, stand er auf und sammelte seine Kleidung vom Boden. Die Klamotten vom Vortag notdürftig übergeworfen ging er in die Küche. Auf dem Weg öffnete er die Balkontür. Einen Moment lang blieb er in der offenen Tür stehen. Die kalte Herbstluft verbließ den Geruch von kaltem Rauch und sein Blick schweifte über die Stadt, die grau und fremd da lag.

In der Küche bereitete er Kaffee zu. Eine Tasse – sie würde keine Zeit haben eine zu trinken. Das störte ihn überhaupt nicht.

Sie verließ das Badezimmer, eilte durch die Wohnung um ihre restlichen Sachen zusammen zu suchen und schlüpft in ihre Schuhe. Er stand mit der Tasse Kaffee in der Hand an den Türrahmen gelehnt. Schweigend folgte sein Blick ihren Bewegungen.

»Danke für den schönen Abend.«

Sie küsste ihn.

»Wir hören uns.« sagt sie und lächelte dabei.

»Na klar.« erwiderte er und versuchte sich ebenfalls an einem Lächeln.

Beide wussten, dass dies nicht der Fall sein würde und keiner von beiden würde dies wirklich bedauern.

Ein paar Sekunden später war sie verschwunden und er fühlte Erleichterung wieder allein zu sein.

Unerbittlich hatte die kühle Hand des Herbstes in den vergangenen Tagen über die restliche Wärme des endenden Sommers triumphiert. Nachdem er die Balkontür geschlossen hatte setzte er sich auf die Couch und atmete tief durch.

Wieviel Zeit man doch mit der Suche nach Intimität vergeudete.

Der restliche Sonntag war ereignislos. Der Fernseher vertrieb die Stille und das kalte Grau, welches der Herbst mit sich brachte, passte besser zu zu den Gefühlen, die sich in ihm verbargen. Es gab Wunden, die die Zeit nicht heilte.

Sein Blick war immer noch auf den Fernseher gerichtet, aber sein Kopf war kilometerweit entfernt als die Werbung über den Bildschirm flimmerte. Ein Mann löste seine Krawatte und ließ sich in einen Sessel fallen. Das Glas in seiner Hand war halbvoll. Er setzte an und leerte es in einem Zug. Ehe er der Kamera sein zufriedenes Gesicht zeigen konnte hatte Lucas den Fernseher ausgeschaltet. Durst war das letzte was er in dieser Stimmung gebrauchen konnte.

Er mühte sich auf. Ein weiterer Tag war bedeutungslos vergangen. Aber es gab weit aus schlimmeres als bedeutungslose Tage. Gerne wäre er wütend gewesen. Auf den Typen in der Werbung, auf das leere Gefühl, dass die letzte Nacht hinterlassen hatte, auf irgendetwas – als er den Karton erblickte. Isabell’s Sachen, oder besser gesagt “Dinge, die ihn an sie erinnern könnten”. Sie hatte niemals ernsthaft genug vorgehabt bei ihm zu bleiben um etwas wichtiges hier zu lassen, das war ihm danach klar geworden. Miststück.

Vielleicht war es endlich an der Zeit, die Sachen in den Keller zu räumen um sie dort zu vergessen. Sie zu vergessen.


II


Er griff sich den Karton und seine Schlüssel vom kleinen Tisch neben der Haustür, bevor er sie hinter sich ins Schloss warf. Tief in Gedanken versunken schlurfte er den Flur Richtung Fahrstuhl hinunter, aber die Fremdartigkeit seiner Umgebung holte in rasch in die Gegenwart zurück.

Die Korridore außerhalb seines Apartments fühlten sich an wie eine andere Welt - fremd und düster und im gleichgültigen Licht kalter Neonröhren auch irgendwie  unwirklich. Die abgestandene Luft hinterließ einen seltsamen Geschmack auf seiner Zunge und wurde immer wieder bereichert von unbekannten Gerüchen, Düfte die die in ihm Vorstellungen von fragwürdiger Reinlichkeit und fremdartigen Speisen hervor riefen. Und immer wieder auch erdige Tabakaromen und süßliche Aromen. Aber dahinter so schien es ihm,  unfähig von den anderen Gerüchen überdeckt zu werden, der widerliche Geruch von Moder, Verfall, Exkrementen und den scharfen Reinigungsmitteln mit denen man versucht hatte sie zu beseitigen.

Er hatte sich hier noch nie richtig zuhause gefühlt. Nicht in dieser Stadt, nicht in diesem Haus und ja, wahrscheinlich nicht einmal in seinem eigenen Apartment. Aber die Flure, die hier draußen zwischen hunderten nebeneinander her-lebenden Menschen verliefen, schienen dies in einer abstrakten Art explizit zum Ausdruck bringen zu können: Er fühlte sich verloren.

Ohne es zu merken ging er schneller. Am Enden des Gangs bog er links ab und stand kurz danach vor dem Fahrstuhl.

Er drückte den Knopf und wartete. Während er dort stand senkte er den Kopf und blickte auf das Paket in seinen Händen. Langsam legte er seine linke Hand auf den Karton und begann damit ihn zu öffnen, verharrte aber in der Bewegung. Er betrachtete seine Hand, die still auf dem Karton lag.

Ja, er war glücklich mit ihr gewesen, das mag sein, aber er wusste nicht, ob dies in einem Verhältnis zu dem Preis stand, den er dafür gezahlt hatte. Mit dem Schmerz hatte er gerechnet und er wäre auch auf Trauer gefasst gewesen, aber was stattdessen kam war Wut. Ein schwarzer Tumor der sich durch seine Seele fraß.

Lucas schreckte auf, als der Fahrstuhl vor ihm hielt und sich mit einem “Kling!” öffnete.

Er betrat den leeren Metallkasten, drückte die Taste für das Untergeschoss und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand. Er spürte ein seltsames Gefühl in der Magengrube, als der Fahrstuhl ruckartig damit begann den Schacht hinab zu fahren.

Die vergangenen Monate waren nicht leicht gewesen. Tage erfüllt von Zorn und Groll. Emotionen die ihn aufrieben und auf eine schmerzhafte Weise wach hielten. Jeder Moment der Ruhe führte ihn an diesen dunklen Ort tief in ihm und er konnte sich kaum daran erinnern wie sich Frieden anfühlte - an eine ein Zeit bevor sein Kopf randvoll mit Feuer war. Er wusste, dass er nicht die Kraft hatte dies lange auszuhalten.

Der Aufzug kam im Keller an.


III


Der Fahrstuhl hielt und die Tür glitt zur Seite. Das Licht der Kabine schnitt eine helle Schneise durch die Finsternis des dunklen Raums. Lucas verließ den Aufzug und drückte auf den Lichtschalter.

Die Kellerbeleuchtung erwachte zum Leben und vertrieb die Dunkelheit mit sterilem Licht. Mehrere Türen führten aus diesem Raum und zu verschiedenen Kellern und Anlagen, die hier unten verborgen sein mussten. Gedankenverloren öffnete Lucas die Tür, die zum Flur mit seinem Kellerabteil führte und ging weiter.

Leitungen und Kabel die auf grobem weißen Putz verlegt waren zogen sich wie Adern den Korridor entlang. Der Klang seiner Schritte auf dem Fliesenboden hallte durch die leeren Gänge. Niemand war hier.

Der Gang bog rechts ab und danach konnte man die Tür sehen die zu dem Raum führte in dem sich auch sein Abstellraum befand. Lediglich auf der rechten Seite des Gangs zweigte ein weiterer Flur ab.

Doch etwas hatte sich hier verändert, stellte er fest als er sich dieser Stelle näherte. Es schien als hätte die Beleuchtung des abzweigenden Gangs den Geist aufgegeben.

Tief in seinen Gedanken versunken schritt Lucas die letzten Meter den Flur entlang und trottete dabei an der Abzweigung vorbei. Er blieb stehen. Ein kalter Schauer durchfuhr ihn. Aus dem Augenwinkel  hatter er etwas in der Abzweigung gesehn, die nun in trübes Zwielicht getaucht war, genährt von dem bisschen Licht welches vom beleuchteten Gang in den Flur fiel.

Zögernd machte er einen Schritt zurück und drehte dabei langsam den Kopf um den Flur einsehen zu können. Er war nur ein paar Meter tief und führt zu drei Türen, jeweils eine links und eine rechts - und eine am Ende des Flurs.

Lucas blickte verstört auf die Tür am Ende des Gangs, der nun halb von der Dunkelheit verschlungen wurde. Er war sich sicher diese Tür zum ersten mal zu sehen und hätte geschworen, dass sie bisher nicht existiert hatte – nicht bevor das Zwielicht in diesem Flur geherrscht hatte.

Er spürte wie eine eisige Faust sich in seinen Magen grub und seine rechte Hand beginnen wollte zu zittern. Er wandte sich ab und nahm eilig die letzten Meter zu seinem Keller in Angriff. Er öffnete die Tür zu seinem Abteil, stopfte den Karton mit Isabell’s Sachen grob in eine der herumstehenden Kisten und machte sich auf den Rückweg.

Als er diesmal an der Abzweigung zu dem dunklen Korridor vorbei kam, zwang er sich gerade aus zu blicken. Gerne wär er in der Lage gewesen das Gefühl in ihm zu ignorieren, aber dazu war es viel zu deutlich – der Anblick der Tür hatte ihn mit Angst erfüllt.

Er ging so langsam es ihm sein Stolz erlaubte, was immer noch recht zügig war, zurück zum Aufzug.


IV


Schon im Fahrstuhl hatte er begonnen sich etwas besser zu fühlen, wobei die vertrautere Umgebung bestimmt zuträglich war und als er die Flure seiner Etag hinter sich ließ und die Tür seines Apartments hinter ihm ins Schloss fiel, amüsierte ihn seine heftige Reaktion von eben fast schon.

Die Tür war schon immer dort gewesen. Sie musste schon immer dort gewesen sein. Er hatte den Flur bisher nur noch kein einziges Mal betrachtet, bis heute Abend das Licht nicht wie gewohnt brannte.

Das war die einzige logische Erklärung und jede andere war abwegig, ganz davon abgesehn, dass alles andere unmöglich war.

Er lachte etwas verzweifelt in sich hinein und schüttelte dabei dabei den Kopf. Er setzte sich auf die Couch, zündete sich eine Zigarette an und schaltete den Fernseher wieder ein. Heute war vielleicht nicht viel passiert, aber es war genug gewesen.

Später am Abend betrat er das Schlafzimmer und blickte aus dem Fenster. Die Stadt war durchzogen mit tausenden Lichtern, aber zwischen ihnen war mehr Dunkelheit als man erahnen konnte.

Erschöpft fiel er ins Bett und driftete kurz darauf durch das dunkle Tor des Schlafs.


V


Das erste was er spürte war das eiskalte Wasser an seinen Füßen. Dann konnte er fühlen wie jemand seine Hand nahm und begann ihn durch das seichte Wasser zu führen. Die Hand fühlte sich glatt und kühl an. Die Gestalt die ihn führte war von Kopf bis Fuß in ein dunkles Gewand gehüllt.

Gemeinsam schritten sie an einem Fluss entlang. Unter seinen Füßen spürte er glatte Steine, die im silbrigen Licht tief schwarz glänzten. Als er seinen Kopf hob sah er, dass der gesamte Boden aus diesen Steinen bestand und sich bis zum Horizont erstreckte. Dahinter hing ein tiefschwarzer Himmel und gab den Blick auf zahllose Sterne frei, die sich im klaren Wasser des Flusses spiegelten und die Steine am Grund magisch funkeln ließen.

Trotz der Kälte des Wassers und dem unwegsamen Gelände fühlte sich Lucas wohl und spürte eine vertraute Zuneigung zu der Gestalt vor ihm, die ihn mit sicheren Schritten den Fluss entlang führte. Kein einziger Gedanke kam ihm in den Sinn, alles war erfüllt von der unfassbaren Gegenwärtigkeit des Augenblicks.

Er wusste nicht wie lange sie unterwegs gewesen waren, bis sie an einem Vorsprung ankamen hinter dem der Fluss in die endlose Nacht stürzte. Kurz vor dem Abgrund lagen zwei  Felsen im Wasser und die verhüllte Gestalt führte ihn auf sie zu.

»Setz dich.«, sagte sie, wobei er nicht sicher war, ob die Gestalt wirklich sprach oder er ihre Stimme in seinen Gedanken hörte.

Er nahm Platz und der Verhüllte tat es ihm gleich. Er wandte sich zu ihm und nahm Lucas’ rechte Hand in die seinen. Der Fremde fuhr mit seinem Zeigefinger über die Linien seiner Handfläche. Lucas musterte die Gestalt und und ihre Bemühungen seine Hand zu ergründen. Ihr Gesicht war in der tiefen Kapuze ihres Umhangs verborgen. Sie gab keinen Laut von sich, aber er konnte fühlen wie konzentriert sie war.

»Du wirst dich entscheiden müssen. Bald.« sagte der Verhüllte, wobei er die Stimme wieder in seinem Kopf spürte.

»Du weißt es schon, aber du kannst es noch nicht sehen – zwei Pfade liegen vor dir, aber du kannst nur einen von ihnen nehmen.«

Für Lucas gab es keinen Zweifel daran, dass es sich dabei um die Wahrheit handelte. Der Fremde wusste wer er war. Das konnte er spüren.

Gerade als er ansetzen wollte etwas zu sagen wurden sie von schwarzen Wogen weggespült.


VI


Er erwachte unsanft, ein Ruck durchfuhr seinen Körper und er schreckte hoch als wäre irgendwo ein nicht-hörbarer Alarm ertönt. Mit aufgerissenen Augen blickte er in die Dunkelheit des Schlafzimmers, die ihm nun als Leinwand für einen einzigen Gedanken diente:

Die Tür. Sie war zuvor nicht da gewesen. Er hatte sie heute zum ersten Mal gesehn und sich etwas anderes einzureden war zwecklos – er wusste, dass sie zuvor nicht dort gewesen war.

Lucas setzte sich auf und rieb sich das Gesicht. Ein Blick auf den Wecker sagte ihm es war 01:17.

Er stand auf, ging ins Wohnzimmer und griff nach seinen Zigaretten und stand kurz darauf rauchend in der halb offenen Balkontür.

Was zur Hölle stimmt mit dir nicht? Du willst ein Mann sein? Hast du Angst vor einer scheiß Tür? Kein Wunder, dass Isabell nichts mit einem Loser wie dir zu tun haben möchte. Wahrscheinlich lässt sie es sich gerade von einem richtigen Kerl besorgen und schämt sich dafür jemals ihre Zeit mit jemandem wie dir verschwendet zu haben.

Lucas Kiefer arbeitete sichtbar während er in die schwärze der Nacht starrte.

Du bist ein Loser, Mann. Eine verdammte Pussy.

Seine Faust schlug hart in die Wand neben der Balkontür. Der Schmerz ließ die Stimme in seinem Kopf verstummen – zumindest für den Moment. Wie gerne hätte er sie ertränkt. Er schnippte die Kippe in die Dunkelheit. Am meisten hasste er sie dann wenn sie recht hatte.

Er ging zurück ins Schlafzimmer und zog sich an. Er würde sich nicht vor einer Tür fürchten, wie eine verdammte Pussy. Ein paar Momente später war er zur Tür hinaus.

Die Wut in seinem Bauch ließ in hastige Schritte Richtung Fahrstuhl gehen während er sich noch den Schlaf aus den Augen rieb.

Der Rufknopf für den Aufzug knarzte unter seinem wütenden Druck. Lucas wollte diese lächerliche Geschichte hinter sich bringen und vergessen. Der Fahrstuhl hielt und die Türen öffneten sich. Er stieg ein und ließ auch den Knopf für das Untergeschoss seine Überzeugungskraft spüren, woraufhin die Türen sich schlossen und die Kabine abwärts fuhr.

»Ich werde diese scheiß Tür aufmachen, mir ansehen was dahinter ist und das war’s dann.«, dachte er, die Hände zu Fäusten geballt.

Davon kommt sie auch nicht wieder zurück, du Verlierer.

»Ich will die Schlampe nicht zurück!«, erwiderte er der Stimme. Eigentlich hatte er es nur gedacht, aber er spürte wie er es durch seine knirschenden Zähne hindurch äußerte.

»Meinetwegen soll die dumme Fotze am Schwanz von diesem Arschloch ersticken. Hoffentlich versteht sie irgendwann, was für eine wertlose Hure sie ist. Ich hoffe du krepierst verzweifelt und alleine und ich hoffe du weißt dann...« – das plötzliche Halten des Aufzugs riß ihn aus seinem Monolog. Er war der Stimme auf den Leim gegangen – wieder einmal.

Er verließ den Aufzug und machte sich umgehend auf den Weg zu der Tür, noch bevor die Beleuchtung die Dunkelheit gänzlich aus den Fluren vertreiben konnte. Mit eiligen Schritten lief er den Gang entlang.

»Ich mach sie auf, werde sehn, dass nichts besonderes dahinter ist, ein Heizungsraum oder so und dann werde ich mich hinlegen und diesen Mist vergessen.« formulierte er in Gedanken als Plan.

Er bog auf den Flur in dem sich die dunkle Abzweigung befand und spürte wie er langsamer wurde. Je näher er der Abzweigung kam, desto deutlich konnte er wachsendes Widerstreben in sich spüren. Eine eisige Hand griff nach seinem Herz und er merkte wie sein Eifer, sich der Tür zu stellen, begann ins Wanken zu geraten.

»Nein!« klang es verbissen durch seinen Kopf. Er würde nicht den Schwanz einziehen. Er würde diese beschissene Tür öffnen und dann konnten sich diese dämliche Stimme in seinem Kopf und die dumme Schlampe, an die er seine Zeit verschwendet hatte, ins Knie ficken. Sie würden schon noch begreifen aus was für einem Holz er geschnitzt war. Eines Tages würden sie es alle begreifen.

Sein Blick fixierte die Abzweigung, hinter der sich die Tür befand. Lucas zwang sich die letzten Meter hinter sich zu bringen und bog um die Ecke in das Zwielicht des unbeleuchteten Korridors.

Er blieb stehen. Das flaue Gefühl in seinem Magen hatte sich zu echter Übelkeit gewandelt und er konnte spüren wie seine Hände kalt wurden. Vor ihm lag die Tür im Schatten. Lucas ging langsam die letzten Schritte auf sie zu, bis er direkt vor ihr stand und betrachtete sie.

Auf den ersten Blick handelte es sich um eine gewöhnliche Metalltür, wie sie im gesamten Untergeschoss verwendet wurden, aber sie wirkte deutlich älter. Die graue Lackierung war schmutzig und von einer starken Patina überzogen, an vielen stellen war die Farbe bereits abgeblättert und wölbte sich sich in rostigen Beulen. Die Türklinke wirke abgegriffen und gab an manchen Stellen den Blick auf blankes Metall frei. Auch wenn die trüben Lichtverhältnisse eine vernünftige Einschätzung unmöglich machten, so wirkte die Tür trotz allem deplaziert und alt, zu alt für dieses Gebäude.

Lucas atmete durch. Sein Blick ruhte auf der Türklinke. Er hob sein Hand und legte sie zitternd auf den Griff.

»Eines Tages würden sie alle begreifen aus welchem Holz er geschnitzt war – ALLE!«, hallte es in seinem Kopf wieder und getrieben von Scham und Wut drückte er die Klinke herunter und öffnete die Tür.


VII


Sie war unverschlossen und als sie aufschwang weiteten sich seine Augen. Er senkte den Kopf und betrachtete ungläubig die steile Treppe die sich hinter der Tür in die Tiefe grub. Wie tief konnte er nicht abschätzen, aber Lucas vermutete, dass es sich bestimmt um vier oder fünf Stockwerke handelte.

Die Wände wiesen den gleichen groben Putz wie die restlichen Kellerräume auf, jedoch waren sie schmutzig und zahlreiche Risse gaben an vielen Stellen den Blick auf den Beton dahinter frei. Alle paar Meter wurde der Abstieg von einer vergitterten Lampe dimm beleuchtet.

Am fernen Ende der Treppe bildete sich Lucas ein die letzten Stufen in ein flackerndes gelbes Licht getaucht zu sehen, das ihn an Kerzenschein denken ließ.

Er fuhr sich mit ein Hand übers Gesicht. Das war absurd. Eine Weile lang stand er einfach nur da, eine Hand auf der Türklinke und den Blick auf das in der Tiefe liegende Ende der Stufen.

Er war so verwundert, dass er die lähmende Angst, die ihn umfangen hatte, für den Moment vergaß und er etwas anderes fühlte. Er war neugierig geworden. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals und seine Gedanken wirbelten durcheinander, aber nach eine paar langsamen Atemzügen war er sich sicher: er wollte wissen was sich dort unten verbarg und er würde es herausfinden. Auch wenn das bedeutete, dass er sich dazu zwingen musste – er würde nicht aufgeben. Diesmal würde er seinen Willen bekommen.

Lucas’ Hand ließ vom Türgriff ab, als er vorsichtig den ersten Schritt über die Schwelle tat. Seine andere Hand tastete zugleich nach dem Handlauf, der an der linken Wand den Abstieg hinab verlief und schloss sich fest um ihn.

Zaghaft nahm er die ersten paar Stufen. Er war gerade dabei mit dem Fuß nach der nächsten Stufe zu tasten, als er von einem lauten Donnern zusammen schreckte. Reflexartig griff er auch mit der anderen Hand nach dem Handlauf und zog sich fest an ihn. Er blickte sich suchend um und verstand was geschehen war: die Tür hinter ihm war ins Schloss gefallen.

Eilig schwang er sich herum und hastete die Treppe nach oben, wobei er fast stürzte, sich jedoch gerade noch fangen konnte.

Getrieben von der Angst hier unten fest zu sitzen kam er an der Tür an und schlug die Klinke nach unten. Ein erleichtertes Seufzen entkam ihm, als die Tür sich problemlos öffnen ließ.

Kurz betrachtete er den Spalt, durch den das trübe Licht des Flurs hereinfiel. Er könnte einfach gehen und die Sache vergessen. Kurz dachte er darüber nach – und dann schloss er die Tür sachte und drehte sich um.

Lucas fasste das ferne Ende des Abstiegs mit ernstem Gesichtsausdruck ins Auge. Erneut nahm er die ersten Stufen. Seine Schritte waren energischer und überzeugter und in diesem Tempo spürte er, dass die Treppe deutlich steiler war, als die im restlichen Gebäude. Die einzelnen Stufen waren höher und so gestaltete sich der Weg nach unten unwegsam und anstrengend.

Konzentriert und mit einer Hand fest das Geländer umgriffen nahm er eine Stufe nach der anderen den Blick fest auf das Ende der Treppe gerichtet, dass Schritt für Schritt näher kam.

Er musste die Hälfte bereits hinter sich gelassen gebracht haben und konnte das flackernde Licht, welches die letzten Stufen der Treppe beleuchtete, immer deutlicher sehen. So seltsam die Umstände auch waren, die ihn zu dieser merkwürdigen Tür und der Treppe dahinter geführt hatten, dort unten wartete etwas noch fremdartigeres auf ihn. Er konnte es fühlen und er würde nicht aufgeben bis er wusste was es war. Diesmal nicht.

Lucas spürte sich das Tempo noch weiter steigern, als er sich allmählich dem Ende der Stufen näherte. Er konnte den Raum am Fuß der Treppe bereits recht gut einsehen und mit jedem weiteren Schritt konnte er noch mehr erkennen. Boden und Wände bestanden aus unverputztem Beton, der sich in mäßigem bis schlechtem Zustand befand.

Dann kam nach und nach die hintere Wand zum Vorschein und Lucas verstand erst nicht ganz was er sah. Zögerlich nahm er die letzten Schritte während sich sein Gesicht vor Unglaube und Überraschung verzog.

Mit großen Augen betrachtete er die hintere Wand der spärlich beleuchteten Passage, in der er sich nun befand. Sie war von der gleichen Beschaffenheit wie der Boden und die anderen beiden Wände, aber in noch schlechterem Zustand. Sie war von zahlreichen Rissen überzogen und an vielen Stellen fehlten ganze Stücke des Betons und gaben den Blick auf altes brüchiges Mauerwerk aus bräunlichem Gestein frei, welches sich dahinter verbarg.

Das gelbliche Licht, das Lucas bereits von oben erblickt hatte, kam von zwei Lampen, deren unruhiges Flackern den Anschein erweckte, als wären sie an einen Stromkreislauf mit schwankender Spannung angeschlossen. Sie wirkten altertümlich und deplaziert. Aber der Grund für Lucas’ Erstaunen war die Tür, die sich zwischen ihnen befand.  


VIII


Die Tür musste alt sein. Sehr alt. Sie war aus massivem, dunklen Holzbrettern gefertigt und auf ihrer glänzenden Oberfläche reflektierte sich das unruhige Licht der Lampen und Lucas’ schemenhafte Umrisse vor den unteren Stufen der düsteren Treppe, die zu ihr führten.

Der obere Teil der Tür war nicht eckig, sondern abgerundet. Zwei schwarze Eisenbeschläge verankerten sie im Mauerwerk und der Türgriff, der aus dem gleichen Material zu bestehen schien, bestand aus einem kunstvoll geschmiedeten Blatt, das durch starke Abnutzung fast wie poliert wirkte. Es schien einst auch schwarz gewesen zu sein funkelte nun allerdings metallisch im Schein der Lampen.

Lucas wusste nicht genau wie lange er da stand und einfach nur die Tür betrachtete. Ungläubig musterte er sie mit einem Gesichtsausdruck, der sowohl Faszination als auch Mißtrauen widerspiegelte. Die Tür vor der er stand wirkte nicht einfach nur fremdartig  – sie und die Umstände, die ihn zu ihr geführt hatten waren absolut surreal.

Tausende von Fragen bohrten sich durch seinen Kopf, als würde eine aufgeregte Menschenmenge laut durcheinander reden.

War er alleine hier unten? Das Licht brannte. Bedeutete das nicht, dass hier noch jemand sein musste? War es verboten hier runter zu kommen? Was war wenn ihn jemande hier erwischen würde? Würde er Ärger bekommen? Eine Anzeige? Sollte er vielleicht nicht doch lieber umkehren?

Aber lauter als alle andere Fragen drängte sich eine in den Vordergrund: Was zum Teufel war hinter dieser Tür?

Tiefer als die Furcht vor diesem unheimlichen Ort und seine Bedenken, die ihn wohlwollend in Sicherheit zurück zerren wollten, saß der verbissene Eifer diesmal nicht klein beizugeben.

Lucas ging langsam auf die Tür zu und blieb kurz vor ihr stehen. Die Türklinke befand sich nun direkt vor ihm und so nah an der Wand konnte er die beiden betagten Lampen elektrisch summen hören. Er musste schlucken.

Er hatte Angst, deutlich konnte er sie spüren, aber da war noch ein anderes Gefühl: Respekt – fast Ehrfurcht. Der Gedanke war irrational und entsprang wohl der seltsamen Atmosphäre hier unten, aber er konnte ihn nicht ignorieren: Er war sich sicher, dass dies hier keine gewöhnliche Tür war.


IX


Ein großer Teil von ihm hoffte, dass die Tür verschlossen war und er mit gutem gewissen Umdrehen konnte, aller Neugierde zum trotz. Aber als Lucas nach der Türklinke griff und sie nach unten drückte, gab sie nach bis sich die Tür mit einem leisen »Klack« öffnet und er sie langsam aufschwingen ließ.

Die Tür hatte den Eindruck erweckt, dass es mit großer Anstrengung verbunden sein würde sie zu öffnen. Die Leichtigkeit mit der sie nun auf schwang erstaunte ihn. Nicht einmal die groben Scharniere gaben ein Geräusch von sich.

Er wusste nicht was er hinter dem Durchgang erwartet hatte, aber es war mit Sicherheit nicht das was Lucas vor sich erblickte, als er vor der geöffneten Tür stand.

Hinter der Türschwelle befand sich mehr von dem alten Mauerwerk, welches durch die groben Risse im Beton bereits zu sehen war. Decke und Wände waren aus dem gleichen bräunlichen Stein gefertigt wie die ausgetretenen Stufen der uralten Wendeltreppe die sich jenseits der Türschwelle in die Tiefe grub.

»Noch tiefer?«, dachte er und spürte Verzweiflung und Frust in sich.

»Das ist nicht fair!«, dachte er und seine Hand schloss sich grimmig um den Türgriff bis seine Knöchel weiß hervor traten.

»Ich quäle mich mitten in der Nacht diese verdammte Treppe runter und jetzt soll ich noch weiter?« – sein Magen verkrampfte sich und Zorn spülte sein anfängliches Erstaunen, über diese weitere Passage in die Unterwelt, fort.

Ja! Gib besser gleich auf, bevor… – meldete sich die Stimme zurück, aber noch bevor sie Gelegenheit hatte eine weitere Erniedrigung von sich zu geben hatte Lucas bereits einen Schritt über die Schwelle getan.


X


Er stand auf dem Absatz der historisch anmutenden Treppe, die ihn noch tiefer hinab führen würde. Er wollte es nicht, aber er würde weiter gehen. Er würde der widerlichen Stimme in seinem Kopf und allen anderen beweisen wer er war.

Lucas begann seinen weiteren abstieg ins Ungewisse. Seine Hand suchte Halt am groben Mauerwerk und mit tastenden Schritten nahm er die ersten Stufen, bis er nach und nach ein Gefühl für die Treppe zu entwickeln schien und sich etwas zügiger fort bewegte.

Beleuchtet wurden die Stufen von den alten Lampen, wie sie auch bei der hölzernen Tür angebracht waren. Jede halbe Windung war eine dieser Lampen an der Wand befestigt und tauchte den Weg nach unten in flackerndes warmes Licht.

Lucas stieg stetig und geduldig in die Tiefe. Er hatte kein Gefühl mehr für die Zeit, die er bereits damit beschäftigt war. Grimmig nahm er  Stufe für Stufe und schob trotzig die Bedenken auf Seite die mit jedem Schritt wuchsen. Er dachte am besten gar nicht darüber nach was zu Teufel er hier eigentlich machte.

Plötzlich bemerkte er, dass die Stufen vor ihm nur noch spärlich beleuchtet waren und sich wenige Meter weiter in der Dunkelheit verloren.

Langsam ging er weiter und wagte sich tiefer in die Finsternis, bis er vor sich nichts weiter als Schwärze sah und stehen blieb.

Er kniff die Augen zusammen und blickte in die Dunkelheit vor ihm ohne etwas erkennen zu können. Die Beleucht vor ihm musste, zumindest teilweise, ausgefallen sein und niemand konnte ihm sagen wie es dort unten weiter ging.

Lucas konnte fühlen wie ihm der Mut sank.

Er hatte sich überwunden und war ganz hier runter gestiegen. Aber nun als er hier tief unter der Erde an der Schwelle zu der Finsternis vor ihm stand , spürte er, dass er nicht weiter gehen konnte. Nicht nur Mut, hatte ihn hierher geführt, sondern vor allem Stolz, Wut und Scham – aber auch deren Macht über ihn kannte Grenzen.

Hier, alleine und verloren in der Dunkelheit war die Zeit gekommen umzukehren.


XI


Zögernd stand er da und rang mit der Verzweiflung die er in sich fühlte. Er wollte nicht umkehren, aber er wusste, dass er nicht in der Lage war auch nur einen Schritt tiefer hinab zu gehen.

Er atmete tief durch und fühlte sich geschlagen und erniedrigt, als er sich umdrehte um sich an den Aufstieg zu machen.

Eifrig begann er damit die Stufen hinauf zu nehmen, er wollte die Szene seiner Kapitulation so schnell wie möglich hinter sich lassen und unterschätzte dabei die Höhe einer Stufe und verlor das Gleichgewicht. Hastig suchten seine Hände nach Halt, rutschten jedoch am Gemäuer ab und Lucas stürzte unsaft. Mit Kopf und Schulter schlug er kräftig gegen die Wand, bevor er den Sturz ruppig auf Händen und Knien abfangen konnte. Gleißende Schmerzen fuhren ihm durch die geprellten und aufgeschlagenen Gliedmaßen und ein Lichtblitz durchfuhr seinen Schädel.

Während er noch keuchend damit beschäftigt war Luft zu holen, bemerkte er wie sich  auf der Stufe, auf der er sich abstützte, dunkle Punkte bildeten und mit einem unregelmäßigen »Plitsch« stetig mehr wurden.

Er stand auf und tastete nach der Wunde auf seiner Stirn, die der Ursprung des Bluts war. Er zog die Hand zurück und hielt sie vors Gesicht. Zwei seiner Finger glänzten im trüben Licht dunkelrot.


XII


Lucas’ Körper spannte sich. Er hatte genug. Eifrig nahm er die Stufen in Angriff die ihn zurück an die Oberfläche bringen würden. Diesmal achtete er stärker auf seine Bewegungen und erklomm konzentriert eine Stufe nach der anderen.

Er spürte das Adrenalin in seinen Adern, dass der Sturz und die Schmerzen freigesetzt hatten – er war wach und fokussiert. Doch der Aufstieg gestaltete sich deutlich anstrengender, als die Treppen hinab zu steigen und er spürte wie er begann schwerer zu atmen und begann zu Schwitzen. All dies tat seinem Tempo keinen Abbruch, er wollte diese unheimliche Unterwelt so schnell wie möglich verlassen.

Lucas schraubte sich in stetigem Tempo die Treppe hinauf, als ihm Entsetzen in Mark und Bein fuhr und er wie in der Bewegung erstarrt stehen blieb.

Panisch die Augen geweitet blickte er nach oben in eine absolute Dunkelheit. Seine rechte Hand begann zu zittern und eine lähmende Übelkeit überkam ihn. Er versuchte den bitteren Geschmack, den er spürte hinunter zu schlucken, doch seine Kehle war wie zugeschnürt. Wie versteinert stand er da und und blickte in die Finsternis, welche die Stufen vor ihm verschlungen hatte.

»Es kann nur eine kaputte Glühbirne sein.«, wiederholte es sich in seinem Kopf.

»Nur eine kaputte Glühbirne. Nichts weiter.«

Hier stehen zu bleiben würde ihm nichts bringen, das wusste er und begab sich, an der Wand entlang tastend, Schritt für Schritt in die Dunkelheit.

Furcht und Verzweiflung ließen ihn hastige Schritte nehmen. Gerne hätte er sein Tempo etwas gezügelt, sein Sturz war erst ein paar Minuten her gewesen und mahnte ihn zur Vorsicht, aber den niederen Instinkten der Selbsterhaltung war nicht beizukommen und das starke Verlangen sich aus dieser unheilvollen Situation zu befreien trieb ihn durch die Dunkelheit.

Nicht allzu lange musste er sich sich auf seinen Tastsinn verlassen. Einige Minuten nachdem er in die Schwärze eingetaucht war konnte er ein trübes Licht über sich erahnen und diese Ahnung wurde nach ein paar weiteren Schritten Gewissheit – ein Stück weiter oben waren die Stufen wieder normal beleuchtet. Er spürte eine unglaubliche Erleichterung. Nur noch ein paar Stufen weiter und er würde wieder sehen wohin er trat.

Er eilte mit großen Schritten die Treppe hinauf und als er kurz davor war wieder vernünftig sehen zu können bemerkte er etwas, dass sein Herz einen Schlag aussetzen ließ. Kalter Schweiß brach ihm aus und er bekam keine Luft mehr.

Fast wäre er wieder gestürzt. Was er im trüben Licht gesehen hatte war nicht möglich. Lucas war stehen geblieben, den Kopf erhoben und den Blick streng nach vorne gerichtet, entsetzt von der Vorstellung die Stufe vor ihm zu betrachten.

Müdigkeit und Anstrengung waren dabei ihm einen üblen Streich zu spielen, ja, das musste es sein. Niemand hatte behauptet, dass es der geistigen Stabilität zuträglich war, nachts alleine unbekannte Katakomben zu erkunden und nun zahlte er anscheinend den Preis dafür. Was hatte er sich dabei auch eingebildet.

»Reiß dich zusammen, Mann.«, ermahnte er sich streng, immer noch stur nach vorne blickend. Er schloss die Augen und nahm ein paar tiefe Atemzüge. Nachdem er seine Augen wieder geöffnet hatte nahm er seinen verbleibenden Mut zusammen und senkte den Blick um die Treppenstufe vor sich zu betrachten.

Zu seinem Entsetzen, hatte sich an der Szene nichts verändert. Was er vor sich sah war unmöglich: Auf der Stufe vor ihm befanden sich dunkle Flecken, die genauso aussahen wie jene, die er etliche Meter tiefer auf dem kalten Stein hinterlassen hatte.

Lucas betrachtete die Flecken fassungslos, die feucht im spärlichen Licht glänzten und fühlte wie ihm heiße Tränen der Verzweiflung in den Augen brannten. Langsam ging er in die Knie und streckte die Hand aus. Er zwang sich ruhig zu bleiben, aber spürte, dass er nur ganz kurz davor war die Nerven zu verlieren.

Er berührte die feuchte Stelle, brachte die Hand vor sein Gesicht und blickte auf seine Finger. Deutlich konnte er sehen wie sie im Zwielicht dunkelrot schimmerten.


XIII


Lucas spürte wie der Teil in ihm, der darum bemüht war die Fassung zu behalten, beiseite gestoßen wurde von etwas das alt und mächtig war. Alle Gedanken wurden aus seinem Bewusstsein verdrängt, von einem Instinkt der pulsierend und feuerrot durch seine Adern fuhr.

Wie ein Tier das in der Falle saß, gab es für ihn nur noch ein Ziel – fliehen und überleben. Wie im Wahn erklomm  er die Stufen, die vor ihm lagen. Er rannte die Treppe hinauf. Etliche Male stürzte er, aber ließ sich davon nicht bremsen. Er raffte sich immer wieder auf oder strauchelte und überwand Stufen zum Teil auf allen Vieren ohne Schmerzen zu spüren. Unzählige der Treppenwindungen flogen so an ihm vorbei. Das Gesicht naß von Schweiß und Tränen, geschunden und erschöpft kämpfte er sich weiter Richtung Oberfläche.

Er wusste nicht was dort unten passiert war, er wusste nur, dass er hier raus musste – und er würde entkommen. Der Ausgang konnte nicht viel weiter sein.

Noch immer fieberhaft davon besessen so schnell wie möglich das Ende der Treppe zu erreichen eilte er in halsbrecherischem Tempo weiter nach oben.

»Nein.«, war alles was er denken konnte als er abrupt stehen. Die Stufen über ihm verschwanden aufs neue in tiefer schwärze.

Er ging vorsichtig ein paar Schritte weiter.

»Nein!«, entkam es ihm diesmal wimmerhaft und hallte von den kalten Steinmauern gespenstisch zurück.

Lucas begann zu schluchzen. Er wusste, dass er keine Wahl hatte. Einsam und verzweifelt stürzte er sich in die Dunkelheit. Wimmernd und schluchzend trieb er sich weiter die Treppe nach oben. Neben Angst und Verzweiflung merkte er wie Erschöpfung seine Glieder schwerer werden ließ. Aber stärker als all das war das Verlangen diesem Ort zu entkommen – zu überleben. Und so verringerte er sein Tempo kaum als er sich grimmig durch die Finsternis kämpfte. Zitternd und schwitzend quälte er sich weiter.

Die Dunkelheit forderte ihren Preis. Häufig rutschte er ab oder stürzte, stieß sich und schürfte sich auf, aber eine sonderbare Taubheit hatte sich über seine körperlichen Schmerzen gelegt. Er wusste, dass er nicht aufgeben konnte, aber er wusste auch, dass er sich dem Ende seiner Kräfte näherte.

Hoffnungslos stieg er die Dunkelheit empor und gerade als er sich am verlorensten fühlt, erhellte ein vorsichtiges Glimmen die Stufen vor ihm. Erneut schien er seinen Weg ins Licht zurück gefunden zu haben.

So zügig es seine schwindenden Kräfte zuließen ging er weiter, aber ohne die Erleichterung zu spüren, die ihn das letzte Mal erfüllte hatte. Seine Gedanken waren gefangen vor einer furchtbaren Vorstellung.

Er musste sich zwingen die letzten Stufen aus der Schwärze hinaus zu nehmen, die er nun hinter sich zurückließ.

Vorsichtig, fast zaghaft setzte er einen Fuß vor den anderen den Blick suchend auf die steinernen Stufen vor sich gerichtet.

Er war kurz davor auf zu atmen, als er fand was er gefürchtet hatte.

»Unghh.«, entkam es ihm und seine Beine gaben nach. Er sank zu Boden. Er hatte das Gefühl,  als befände sich sein Verstand am Rande eines endlosen Abgrunds und eine unnatürliche Finsternis griff mit grässlichen Klauen nach seinem Bewusstsein. Kurz fürchtete er ohnmächtig zu werden, aber schüttelte die Regung mit seinen verbleibenden Kräften ab.

Unwillig kroch er langsam weiter bis er sich direkt vor der Stufe befand auf der er zum wiederholten Male die dunklen feuchten Flecken sah, die ihm auf so furchtbare Weise vertraut waren.

Der blanke Terror durchfuhr ihn. Greuliche Übelkeit überkam ihn und Lucas’ Körper verkrampfte sich schmerzhaft. Er wandte den Blick ab, dreht sich herum und setzte sich gekrümmt auf die Stufen.

Geistesabwesend starrte er die Treppe hinab, die unter ihm in die Dunkelheit führte. Er senkte den Kopf und spürte heiße Tränen über seine Wangen strömen.

Lange saß er in der Dunkelheit auf dem kalten harten Stein, unfähig zu auch nur einen einzigen Gedanken zu fassen. Er hatte aufgegeben und wusste nicht weiter. Er war geschlagen.


XIV


Lucas wusste nicht wieviel Zeit vergangen war, aber sein Körper fühlte sich kalt und steif an, als er sich erhob.

Jenseits der Verzweiflung und der Hoffnungslosigkeit, war ihm ein Gedanke gekommen und hatte eine sonderbar Ruhe mit sich gebracht. Erst war es eine zögerliche Ahnung gewesen, aber nach und nach hatte sie an Form gewonnen und war zu einer Idee gereift, die ihn nicht mehr loslassen wollte.

Er stand da und blickte in das Schwarz vor sich.

»Diese Treppe führt nur nach unten.«, wiederholte es sich in seinen Gedanken.

Lucas ging ein paar Stufen in das Schwarz hinab.

»Ich muss nach unten.«, flüsterte er sich selbst zu und ging weiter.

»Ganz nach unten.«

Erst langsam und dann immer forscher folgte Lucas der Treppe weiter in den Abgrund. Bald hatte er die letzten Reste des trüben Lichts hinter sich gelassen und musste sich wieder ganz darauf verlassen sich den Weg in die Tiefe zu ertasten.

Lange wandelte Lucas so in die Tiefe hinab, doch kein einzige Mal zweifelte er daran, dass er weiter gehen musste. Die Treppe gestand es ihm nicht umzukehren, er musste ihr nach unten folgen.

Es war unmöglich zu sagen wie lange er so alleine durch die Dunkelheit tiefer stieg, nur begleitet vom Geräusch seines Atems und dem Klang seiner Schritte auf den steinernen Stufen, bis er vor sich dämmriges Licht erblickte. Nach einer Ewigkeit in der der Finsternis schienen die Stufen unter ihm in ein warmes Licht getaucht zu sein.

Lucas spürte seine Schritte mutiger werden, angespornt durch die Vorstellung endlich aus der endlosen Nacht heraustreten zu können, doch das Licht in das er trat war ein anderes und ein paar Stufen weiter verstand er auch warum. An der Wand waren keine Lampen mehr angebracht, stattdessen tauchten Fackeln in geschmiedeten Halterungen die Treppe in nervös flackernden Feuerschein.

Lucas roch den erdigen Rauch, aber er sein Blick war leer und und ihm fehlte die Kraft sich erneut zu wundern.


XV


Erschöpft schleppt er sich weiter und dutzende Windungen und Fackeln später veränderte sich das monotone Bild des Abstiegs. Er hatte das Ende der Treppe erreicht, welche in einen gemauerten Gang mündete.

Lucas nahm die letzten Stufen, ging um die Ecke und blickte den Gang hinab.

Am Ende des Flurs war eine dunkle Tür ins Mauerwerk eingelassen. Tief in sich wusste Lucas, dass er nur hierher gekommen war um diese Tür zu öffnen.

Mit jedem Schritt, den er auf die Tür zu ging, spürte er ein Gefühl in sich wachsen, dass er nicht in Worte fassen konnte, aber er fühlte mit seinem ganzen Wesen, dass er sich hier an keinem gewöhnlichen Ort befand.

Es gab keinen Weg zurück. Lucas öffnete die Tür und blickte in die endlose Nacht dahinter.


XVI


Er war sich nicht sicher ob er nicht den Verstand verloren hatte. Schon als er zum wiederholten Male an seinen eigenen Blutflecken vorbei gekommen war, hatte er sich diese Frage gestellt, aber der Anblick der ihn jenseits der Tür am Ende der Treppe erwartete überstieg seine Vorstellungskraft dermaßen, dass er sich sicher war verrückt geworden zu sein.

Jenseits der Tür blickte er in einen endlosen schwarzen Himmel. Unzählige Sterne in fremdartigen Konstellationen erstrahlten leuchtend hell und spiegelten sich auf der glatten schwarzen Wasseroberfläche, die sich bis zum Horizont erstreckte.

Vor Lucas führte ein gerader Pfad aus glatten Steinen in die Nacht – und an seinem Ende wartete die dunkle Gestalt aus seinem Traum.

Lucas war wie versteinert. Er spürte wie sein Verstand unter der Mächtigkeit dieser Eindrücke zerbrechen wollte und fast wäre ihm ein zuckendes Lachen entfahren.

Wie ferngesteuert trat er auf den Pfad hinaus und begaffte das gewaltige Firmament und seine fremden Sterne mit offen stehendem Mund. Er ging weiter auf den Fremden zu. Als er den Kopf drehte, um zu sehen was hinter ihm lag, bemerkte er, dass die Tür verschwunden war. Um ihn herum befand sich nichts als der mächtige Himmel und die glatte Wasseroberfläche, die sich in die Endlosigkeit erstreckte. Aber das spielte nun keine Rolle mehr. Wieder spürte er in sich diese seltsame Ruhe und machte sich daran den Pfad weiter auf die dunkle Gestalt zu zugehen.

Als er ihr langsam näher kam bemerkte er, dass diese hinter einer Art Podest stand, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Auf dem Podest, der aus dem gleichen schwarzen Gestein wie der Pfad zu bestehen schien, befand sich etwas, aber erst als Lucas die letzten Meter auf den Verhüllten zu ging, erkannte er, dass es sich dabei um eine Art Krone handelte.

Sie war aus einem dunklen rissigen Metall geformt und auf der Vorderseite befanden sich fünf Zacken, die zu grässlichen dünnen Nadeln zusammen liefen.

Verdreckt, verschwitzt und blutverschmiert kam Lucas schweigend vor dem Fremden hinter dem Podest zu stehen. Er bildete sich ein spüren zu können, wie dieser ihn musterte.

Die Gestalt schien keine Anstalten zu machen etwas zu sagen, oder sich auch nur zu rühren und so stellte er ihm die Frage die ihn quälte.

»Bin ich tot?«

Die  dunkle Gestalt rührte sich nicht, aber eine mächtige Stimme drang durch Lucas’ Kopf.


XVII


»Ein trübes Licht erhellt die Hallen der Toten, die regungslos auf das Ende der Zeit warten. Dieses Licht hat dich her geführt.«, die dunkle Gestalt machte eine Pause.

»Und nun ist die Zeit gekommen sich zu entscheiden.«

Nach wie vor regungslos verstummte der Fremde im schwarzen Umhang.

»Ich… verstehe nicht…« war alles was Lucas heraus bekam.

Wieder spürte er die gewaltige Stimme des Fremden in seinem Kopf.

»Die Krone. Wirst du sie tragen?«