Wie ist die Lage und was braucht die Ukraine jetzt? (09.06.2022)

Wie ist die Lage und was braucht die Ukraine jetzt? (09.06.2022)

Nico Lange


09. Juni 2022 09:00 | Nico Lange

Schwerpunkte des Krieges: Donbass (1), Südwestliches Ufer des Dnipro (2) und nördlich von Charkiw (3). (Karte: Nathan Ruser)

Nach dem vorläufigen Scheitern der Angriffe auf Kiew, Tschernihiw und Sumy und dem Fall von Mariupol verlegte Russland den Schwerpunkt des Krieges in den Donbass (1). Kämpfe gibt es weiterhin am südwestlichen Ufer des Dnipro (2) und nördlich von Charkiw (3). Wie ist die Lage und was braucht die Ukraine jetzt? 


Die Lage an der Donbass-Front (Karte: Nathan Ruser)

Im Donbass konzentriert Russland die Angriffe auf die Enge von Sewerodonezk und Lyssychansk, die Stoßrichtung von Lyman in Richtung Slowjansk und einen Keil von Popasna in Richtung Bachmut.

Mit einer „Feuerwalze“ aus fast unaufhörlichen Luftangriffen und Beschuss mit Artillerie und Raketenartillerie rücken die russischen Truppen langsam und systematisch vor und verwüsten dabei jegliche zivile Infrastruktur.

Die Ukraine kann in der Enge ihre Stärken der mobilen Verteidigung kaum noch ausspielen und muss von drei Seiten ständig mit Luftangriffen, Artillerie und Raketenartillerie rechnen.

Die ukrainischen Streitkräfte verfügen derzeit nicht über die nötigen Waffen, um der massiven Übermacht aus Luftangriffen und der großen Überlegenheit bei Artillerie und Raketenartillerie wirksam entgegenzutreten. Sie versuchen daher, den Russen vor allem in den urbanen Räumen massive Verluste zuzufügen.

Das Ziel der Ukraine scheint aktuell nicht, Sewerodonezk (und wahrscheinlich auch Lyssytschansk) um jeden Preis zu halten, sondern den russischen Angriff durch möglichst hohe Verluste im urbanen Raum schrittweise zu verlangsamen und möglichst zum Stehen bringen.

Die Ukraine hat nicht die nötigen Waffensysteme, um Führungs- und Kommunikationseinrichtungen oder Logistik der russischen Seite im Donbass entscheidend zu treffen.

Für die Verzögerung des russischen Angriffs zahlt die Ukraine einen extrem hohen Preis mit sehr hohen Verlusten von 60-100 Gefallenen täglich. Viele der besten und erfahrenen ukrainischen Soldaten sind gefallen. Die zivile Infrastruktur wird fast vollständig zerstört.

Die Ukraine wird sich absehbar hinter den Fluss Siwerskyj Donez auf die Anhöhe von Lyssytschansk zurückziehen müssen, um dort den Fluss und die Höhenlage für neue Verteidigungsstellungen zu nutzen.

Insbesondere die Flußüberquerung über den Siwerski Donez, noch dazu mit einer Anhöhe auf der Gegenseite, wird für die russische Seite sehr wahrscheinlich mit weiteren hohen Verlusten verbunden sein.

Dennoch ist vor allem aufgrund der Überlegenheit bei der Artillerie mit einem langsamen Vormarsch der russischen "Feuerwalze" in die Richtungen Lyssytschansk, Bachmut, Slowjansk und Kramatorsk zu rechnen.

Ob und wo der russische Angriff an der Donbass-Front zum Stehen gebracht werden kann, ist derzeit nicht absehbar. Ohne massive Unterstützung durch Lieferungen von Artillerie mit sehr viel Munition und Treibladungen, gepanzerten Fahrzeugen und weiteren Distanzwaffen wird den ukrainischen Streitkräften das kaum gelingen.


Der Frontverlauf auf dem südwestlichen Ufer des Dnipro (Karte: Nathan Ruser)

Bereits kurz nach Kriegsbeginn geriet der russische Vormarsch auf Mykolajiw mit der für die Richtung Odessa strategisch wichtigen Brücke über den Südlichen Bug ins Stocken. Dadurch entstand im Süden der Ukraine, am westlichen Ufer des Dnipro, eine 500 km (!) breite Front.

Das Gebiet zwischen Mykolajiw und Kriwoj Rih und dem westlichen Ufer des Dnipro bei Cherson und Nowa Kachowka besteht weitgehend aus Steppe ohne natürliche Grenzen wie Höhenzügen oder Gewässern.

Die Ukraine ist hier zum Gegenangriff übergegangen, hat jedoch bisher nicht die nötigen Waffensysteme und kann noch kein Übergewicht bilden, um entscheidende Durchbrüche zu erzielen. Anders als beim geordneten Rückzug im Norden Kiews befestigen die Russen ihre Verteidigungsstellungen und kämpfen hart, um erobertes Gebiet zu halten.

Beide Seiten haben an der sehr langen Front Versorgungsprobleme. Zumindest die direkt am Dnipro liegenden, von Russland besetzten Städte Cherson und Nowa Kachowka erhalten aber von der Krim aus Verstärkungen und Nachschub.

Das Vorrücken in der Steppe, Siedlung für Siedlung ist für die Ukraine mit sehr hohen Verlusten verbunden. Insgesamt kommen die ukrainischen Streitkräfte an dieser Front sehr langsam voran.

Grundsätzlich scheint hier ein stärkerer ukrainischer Gegenangriff möglich mit dem Ziel, die Russen zunächst auf die östliche Seite des Dnipro zurückzudrängen. Personelle Verstärkungen, gepanzerte Fahrzeuge, Kampfpanzer und Artillerie sowie Munition und Treibstoff müssen dafür der Ukraine jedoch erst einmal ausreichend zur Verfügung stehen.


Nördlich von Charkiw sind weiterhin russische Truppen auf ukrainischem Staatsgebiet (Karte: Nathan Ruser)

Trotz weit verbreiteter Meldungen über das Erreichen der Grenze durch die Ukrainer bleiben im Norden Charkiws russische Kräfte auf ukrainischem Gebiet. Mit Luftangriffen und zumindest mit Raketenartillerie wird Charkiw weiterhin beschossen.

Führungs- und Kommunikationsstrukturen, Versorgung und Logistik der hier operierenden russischen Kräfte befinden sich auf russischem Staatsgebiet und sind für die derzeitigen Waffensysteme der Ukrainer nicht erreichbar.

Jedes weitere Vorrücken der Ukrainer bringt die Gefahr sehr hoher Verluste und scheint nur sinnvoll möglich, wenn ein großes Übergewicht gebildet werden kann und ausreichend gepanzerte Fahrzeuge, Kampfpanzer und Artillerieunterstützung zur Verfügung stehen. 


Was braucht die Ukraine, um der „Feuerwalze“ an der Donbass-Front standzuhalten (1) und in Richtung Cherson (2) sowie bei Charkiw (3) erfolgreiche Gegenangriffe zu führen?

Von zentraler Bedeutung sind möglichst viele gepanzerte Fahrzeuge, damit Verletzungen und Verluste in der Bewegung verhindert werden können. Durch den ständigen Artilleriebeschuss sind Schrapnelle und Splitter eine riesige Gefahr.

Bisher wurden einige unterschiedliche gepanzerte Fahrzeuge Art geliefert, vor allem Systeme sowjetischer Bauart, M113-Derivate und Infantry Mobility Vehicles aus Tschechien, Polen, UK, Niederlande, Estland, Litauen und Australien.

Die Lieferung einiger weiterer Hundert gepanzerter Fahrzeuge aus den USA, Dänemark, Portugal, Spanien, Italien, Kanada ist angekündigt, dennoch werden sehr wahrscheinlich noch deutlich mehr gebraucht werden. Auch der Marder fiele in diese Kategorie.

Die Lieferung von Artillerie mit 155mm Kaliber mit sehr vielen Treibladungen und Munition bleibt von entscheidender Bedeutung. Die Situation wird durch die Ankunft von Systemen aus USA, Kanada, Australien, Estland, Frankreich, Polen, Slowakei und Norwegen langsam besser, dennoch bleibt die russische Seite bei der Artillerie bisher noch deutlich überlegen. Die deutschen Panzerhaubitzen reihen sich hier ein, wenn sie ab Ende Juni in der Ukraine ankommen.

Die Ukraine braucht darüber hinaus dringend Distanzwaffen, die Führungs- und Kommunikationsstrukturen sowie Hochwertziele der russischen Logistik bekämpfen können. Die USA, UK und Deutschland haben die Lieferung von HIMARS bzw. MARS für den Juni 2022 angekündigt.

Die ukrainischen Streitkräfte sind inmitten brutalster Schlachten zum sparsamen Umgang mit Munition gezwungen, während Russland zumindest bei Artillerie und Raketenartillerie über sehr umfangreiche Vorräte verfügt. Massive Anstrengungen für kurz-, mittel- und langfristige Munitionslieferungen an die Ukraine sind dringend erforderlich. Das gilt auch für eine auf den speziellen Bedarf der Ukraine ausgerichtete Neuproduktion von Munition.

Dort wo die Ukraine Gegenangriffe führt, werden zusätzlich zu gepanzerten Fahrzeugen zunehmend auch Kampfpanzer dringend benötigt, gerade in der Steppe im Süden. Bisher hat die Ukraine mehr als 200 T-72M aus Polen und Tschechien erhalten. Mit zunehmender Dauer des Krieges werden mittel- und langfristig geplante Lieferungen über diese sowjetischen Legacy-Systeme hinaus notwendig sein.

Hinzu kommen der Bedarf an Treibstoffen, sowie auch oft übersehene Dinge wie kleinere Fahrzeuge für die inneren Versorgungslinien und Territorialverteidigung.

Unabhängig von der Diskussion um schwere Waffen sollte es für Länder wie Deutschland möglich sein, handelsübliche Jeeps, Pickups, kleine Trucks, Kleinbusse und Quads zu liefern - zusammen mit großen Mengen an Benzin und Diesel.

Die kurze Analyse des bisherigen Kriegsverlaufes und der Lage zeigt: Um das von der Bundesregierung formulierte Ziel „Die Ukraine darf nicht verlieren.“ zu erreichen, sind weitere, schnellere und umfangreiche militärische Unterstützungsleistungen notwendig.


Die hervorragenden Karten stammen von Nathan Ruser Nathan Ruser (@Nrg8000) / Twitter.

Eine sehr eindrückliche Reportage beschreibt den Charakter des Krieges in dieser Phase und das Voranschreiten der russischen "Feuerwalze": The Fight to Survive Russia’s Onslaught in Eastern Ukraine | The New Yorker

Eine lesenswerte aktuelle Analyse zum Abnutzungskrieg findet sich hier: The conflict in Ukraine is settling into a war of attrition | The Economist

Eine immer noch nützliche Argumentation zur Unterstützung der Ukraine für einen langen Krieg ist hier zu lesen: Supporting Ukraine for the Long War - War on the Rocks


Für die ukrainischen Streitkräfte kann man bei der Nationalbank der Ukraine spenden:

NBU Opens Special Account to Raise Funds for Ukraine’s Armed Forces (updated) (bank.gov.ua)

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