Was ist los mit den Männern?
Tanja BraidWas ist los mit den Männern? Die Antwort ist so nüchtern wie radikal: Frauen haben zum ersten Mal in der modernen Geschichte die Wahl.
Früher war die Ehe für Frauen eine Überlebensstrategie. Heute finanzieren wir unser Leben, kaufen unsere Häuser und gestalten unsere Karrieren selbst. Die ökonomische Notwendigkeit ist als Bindeglied weggefallen. Das verändert die Spielregeln grundlegend: Männer müssen keine Versorger mehr sein, sondern Partner. Es geht nicht mehr um den Körper im Haushalt oder das Gehalt auf dem Konto, sondern um emotionale Sicherheit, Intelligenz und die Fähigkeit zur authentischen Begegnung.
An diesem neuen Standard scheitern viele. Jahrhundertelang blieben Frauen, weil sie mussten. Heute bleiben sie, weil sie wollen.
Das Phänomen der "Grey Divorce"
Während die Scheidungsraten insgesamt sinken, explodieren sie bei den über 50-Jährigen. Es sind die Frauen, die nach 30 oder 40 Jahren Ehe gehen – nach den Kindern, nach den Enkeln, nach einem vermeintlich erfüllten Leben.
Der Grund ist intellektuelle und emotionale Emanzipation. Bildung, finanzielle Unabhängigkeit und psychologische Aufarbeitung haben den Blick geschärft. Viele erkennen retrospektiv: „Ich habe Jahrzehnte in einer dysfunktionalen Struktur verharrt.“ Das Gottman-Institut (USA) belegt nach 40 Jahren Forschung eine unbequeme Wahrheit: Der entscheidende Faktor für Erfolg oder Scheitern einer Beziehung ist primär das Verhalten des Mannes.
Flucht in die Regression
Anstatt jedoch in Reflexion, Therapie oder persönliche Weiterentwicklung zu investieren, flüchtet ein Teil der Männerwelt in die digitale Echokammer der „Manosphere“. Influencer ohne psychologische Expertise oder stabile Beziehungsvorbilder predigen Bitterkeit und Schuldzuweisungen – siehe INCEL-Bewegung.
Dort werden loyale, familienorientierte Männer als schwach verspottet, während Dysfunktionalität glorifiziert wird. Das ist eine paradoxe Verweigerung der Realität:
- Früher: Wirtschaftliche Abhängigkeit maskierte schlechtes Benehmen.
- Heute: Charakter, emotionale Reife und Integrität sind die einzigen Währungen, die zählen.
Die neue Messlatte
Manche Männer brechen unter diesem Druck zusammen, weil sich die Messlatte verschoben hat: von „Kann er die Miete zahlen?“ zu „Ist er fähig zu lieben?“.
Gute Männer verlieren keine guten Frauen. Wer emotional intelligent agiert, führt harmonische Beziehungen. Wer jedoch an Ego, Kontrolle und reaktionären Narrativen festhält, wird auf der Strecke bleiben.
Das ist keine Kritik an der Männlichkeit, sondern ein Aufruf zur Evolution. Frauen verlangen nicht zu viel – sie geben sich lediglich nicht mehr mit zu wenig zufrieden.