Sieben Jahre mit Yolinde
Tierarzt Dirk Schrader
Als ich meine Gefährtin Zena, eine wundervolle, hübsche Schäferhündin nach 14 Jahren des Miteinander beerdigen musste, verschwand ihr Bild in meiner Erinnerung langsam aber stetig.
Nach einem Jahr etwa zeigte mir eine Helferin unserer Praxis auf ihrem Smartphone das Bild von Yolinde. Sie war genauso hübsch anzusehen wie Zena, sie hätte ihre Tochter sein können – und sie stand zum Verkauf.
„Das ist mein Hund“, sagte ich und rief sofort die „Züchterin“ an, die innerhalb einer halben Stunde mit Yolinde in unserem Wartezimmer saß.
Yolinde – noch schöner als auf dem Bild im Internet, 5 Jahre alt und „ausgebildet“, fragt sich nur von wem und wozu.
Ich dankte der „Züchterin“ für ihr Kommen, bezahlte 500 Euro und 50 dazu. Yolinde folgte mir mit der Nase an meinen Knien in das Büro. Sie suchte und fand sofort ihr „Plätzchen“ unter einem Schreibtisch, das sie fortan als „ihrs“ betrachtete. Dieser erstaunliche Hund drängte sich in mein Leben und ließ mich fortan nicht mehr aus den Augen. Selbst ins Badezimmer folgte sie mir und suchte ständig mit Ihrer Schnauze nach meinen Händen. Sie „sagte“: Wir sind jetzt zu zweit. Und so war es auch in den nächsten sieben Jahren.
Beim Spaziergang im Wald, auf Wiesen oder am Strand in Timmendorf, Yolinde gab Gas. Sie hatte einen enormen Bewegungsdrang, geradezu unheimlich weit lief sie, aber in den nächsten Sekunden flog sie herbei und „kniff“ mich in die Hand. Und dann entstand der Satz: „Das ist Yolinde, wenn sie fröhlich ist“. Inzwischen hatte sie Freundschaft mit unserem Hund Teddy geschlossen – und, was sehr schnell gefährlich wurde: die beiden „gingen irgendwann auf Jagd“. Ein Albtraum, der nur durch konsequenten Einsatz von Langlaufleinen zu vermeiden war.
Ich spürte, dass Yolinde mich schützen wollte, wo immer sie war. Und sie wurde misstrauisch gegenüber Fremden – sie zeigte eine wölfische Begabung mit hohem Aggressionspotential. Auf dem Grundstück wurde sie zur Herrin über „Leben und Tod“. Ihr Bewegungsdrang blieb ungebremst. Der Garten wurde zur Rennpiste und ich bin mir sicher: ohne Zaun hätte es viele Verletzte gegeben. Auf Mitglieder der Familie und Bekannte wirkte sie allmählich angsteinfößend.
Ihr anderes Gesicht: Zärtlichkeit und Nähe. Yolinde war mein Superstar.
Und mich gab´s auch nur noch zu zweit, sieben lange Jahre.
Dann merkte ich, dass irgendetwas mit ihr nicht stimmte. Eine Untersuchung ergab: Sie hatte Krebs – unheilbar.
Yolinde schlief in meinen Armen ein, als mein Sohn Rudolf-Philipp ihr eine finale Narkose injizierte.
Die sieben Jahre mit ihr waren anstrengend - und schön.
Dirk Schrader, Hamburg
***
Folge Tierarzt Dirk Schrader auf Telegram - frei und unzensiert!
👉 https://t.me/DirkSchrader