Sad, rabid Puppies...

Sad, rabid Puppies...

Nona me

Wenn man Menschen bittet, die wichtigsten Konflikte unserer Zeit aufzuzählen, nennen sie gewöhnlich Dinge wie Kriege, Wirtschaftskrisen oder die Frage, warum Drucker immer genau dann kaputtgehen, wenn man sie dringend braucht.

Nur wenige würden vermuten, dass sich einer der bizarrsten Kulturkämpfe des 21. Jahrhunderts um einen Literaturpreis für Science-Fiction-Romane drehte. Doch genau das geschah. Und wie bei allen wirklich bemerkenswerten Geschichten endet sie mit homosexuellen Dinosauriern.

Um die Sache zu verstehen, müssen wir zunächst über die Hugo Awards sprechen.

Die Hugo Awards sind so etwas wie die Oscars der Science Fiction. Seit den 1950er Jahren werden dort die besten Romane, Kurzgeschichten und sonstigen Werke des Genres ausgezeichnet. Wer einen Hugo gewinnt, gehört in der Science-Fiction-Welt ungefähr zur Aristokratie. Außenstehende kennen vielleicht Isaac Asimov, Arthur C. Clarke oder neuerdings Autoren wie N. K. Jemisin. Innerhalb der Szene ist ein Hugo ungefähr so prestigeträchtig wie ein Nobelpreis, nur mit mehr Raumschiffen.

Das Besondere an den Hugos ist, dass sie nicht von einer kleinen Jury vergeben werden. Die Mitglieder der World Science Fiction Convention – kurz Worldcon – dürfen über die Nominierungen und Gewinner abstimmen. Das funktioniert normalerweise recht friedlich. Menschen lesen Bücher, diskutieren über Bücher und stimmen über Bücher ab. Schon das ist für das Internet ungewöhnlich genug.

Dann kamen die Puppies.

Zunächst die „Sad Puppies“. Der Name klingt wie eine Tierhilfsorganisation, war aber eine Kampagne einiger Autoren und Fans, die der Meinung waren, die Hugos würden zunehmend Bücher belohnen, die politisch progressiv seien, während klassische Abenteuer-Science-Fiction zu kurz komme.

Man könnte darüber diskutieren. Menschen diskutieren schließlich über alles. Es gibt Menschen, die sich in sozialen Netzwerken über die korrekte Art streiten, Tee zuzubereiten.

Doch neben den Sad Puppies entstand eine radikalere Schwesterbewegung: die „Rabid Puppies“. Übersetzt etwa: die tollwütigen Welpen. Allein dieser Name deutet bereits an, dass hier nicht unbedingt besonnene Vermittlungsarbeit geplant war. Angeführt wurde die Gruppe vom umstrittenen Autor und Blogger Vox Day. Ihr Ziel war nicht mehr bloß Kritik. Sie wollten das System selbst aushebeln.

Die Methode war verblüffend einfach.

Statt dass jeder Leser seine Lieblingswerke nominierte, veröffentlichte die Gruppe fertige Listen. Wer mitmachen wollte, übernahm die Liste komplett. Da bei den Hugos traditionell nur einige Tausend Menschen abstimmten, konnte eine gut organisierte Minderheit plötzlich einen großen Teil der Finalisten bestimmen. 2015 gelang das so erfolgreich, dass zahlreiche Kategorien nahezu vollständig von Kandidaten der Puppies dominiert wurden.

Man stelle sich vor, eine Gruppe beschließt, den Oscar für den besten Film dadurch zu gewinnen, dass sie geschlossen für dieselbe Sammlung von B-Movies stimmt. Genau so ungefähr.

Die Science-Fiction-Gemeinschaft reagierte allerdings nicht mit Resignation, sondern mit dem typischen Verhalten engagierter Nerds: Sie studierte die Regeln.

Tausende neue Mitglieder traten der Worldcon bei, zahlten ihre Beiträge und gingen wählen. Als die Preisverleihung stattfand, passierte etwas Außergewöhnliches. Die Wähler entschieden in mehreren Kategorien, lieber überhaupt keinen Preis zu vergeben als die von den Puppies durchgesetzten Kandidaten auszuzeichnen. Das Ergebnis hieß offiziell „No Award“.

Es ist schwer, sich einen vergleichbaren Vorgang vorzustellen. Das wäre ungefähr so, als würde die Fußball-Weltmeisterschaft erklären: „Wir haben die Finalisten gesehen und beschlossen, dass dieses Jahr niemand Weltmeister wird.“

Damit hätte die Geschichte bereits einen würdigen Platz in den Annalen des Internets verdient.

Aber dann erschien Chuck Tingle.

Chuck Tingle ist ein Autor, dessen Werk sich nur schwer in wenige Worte fassen lässt. Seine Bücher handeln unter anderem von Männern, die erotische Beziehungen mit Dinosauriern, Einhörnern oder abstrakten Konzepten eingehen. Manche Menschen verbringen ihr Leben damit, Quantenphysik zu erforschen. Chuck Tingle traf andere Entscheidungen.

2016 beschlossen die Rabid Puppies, ihn als eine Art Scherz auf die Nominierungsliste zu setzen. Die Idee war offenbar, die Hugos lächerlich erscheinen zu lassen. Wenn schon Chaos, dann richtig.

Leider hatten sie dabei übersehen, dass Chuck Tingle deutlich besser darin war, absurd zu sein als sie.

Statt sich vereinnahmen zu lassen, stellte er sich öffentlich gegen die Kampagne. Er kaufte sogar eine von den Organisatoren vergessene Internetadresse und leitete Besucher auf Seiten um, die LGBTQ-Projekte unterstützten. Außerdem kündigte er an, dass im Gewinnfall ausgerechnet Zoë Quinn die Auszeichnung für ihn entgegennehmen würde – eine Person, die bei vielen seiner Unterstützer ungefähr so beliebt war wie Zahnschmerzen.

Als Krönung schrieb er ein weiteres Buch über die Erfahrung, für einen Hugo Award nominiert worden zu sein. Natürlich handelte es sich dabei um eine Erotikgeschichte.

An diesem Punkt war die Realität längst weit hinter der Satire zurückgefallen.

Am Ende scheiterte die Kampagne erneut. Die Wähler bevorzugten wieder „No Award“, und die Hugo-Regeln wurden anschließend geändert, damit koordinierte Abstimmungsblöcke künftig deutlich weniger Einfluss haben. Ein neues Verfahren namens „E Pluribus Hugo“ macht es wesentlich schwieriger, mit vorgefertigten Listen ganze Kategorien zu übernehmen.

Interessanterweise erreichten die Puppies damit fast das Gegenteil ihrer ursprünglichen Ziele. Die Affäre führte zu einer stärkeren Mobilisierung der Community, zu Regelreformen und zu einer größeren Aufmerksamkeit für Autorinnen und andere Gruppen, die zuvor oft weniger sichtbar waren. In den Jahren danach gewann beispielsweise N. K. Jemisin als erste Autorin überhaupt dreimal in Folge den Hugo für den besten Roman.

Heute gilt die gesamte Episode vielen Beobachtern als früher Vorläufer jener Online-Kulturkämpfe, die inzwischen überall auftauchen – von Filmkritiken über Computerspiele bis zu sozialen Netzwerken. Die grundlegende Frage war dieselbe: Wem „gehört“ eine Kultur, wer entscheidet über Qualität, und was passiert, wenn organisierte Gruppen versuchen, ein Abstimmungssystem für ihre Zwecke zu nutzen?

Das alles sind durchaus gewichtige gesellschaftliche Fragen.

Trotzdem bleibt es bemerkenswert, dass man zu ihrer Beantwortung irgendwann zwangsläufig bei einem Mann landet, der Bücher mit Titeln wie „Space Raptor Butt Invasion“ schreibt.

Die Geschichte der Rabid Puppies ist daher vielleicht die perfekte Internet-Geschichte. Sie begann mit Literaturpolitik, entwickelte sich zu einem Kulturkrieg, führte zu Wahlrechtsreformen und endete mit homosexuellen Dinosauriern.

Wenn Historiker in tausend Jahren versuchen sollten, das frühe 21. Jahrhundert zu verstehen, werden sie vermutlich an genau dieser Stelle aufgeben.

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