MEINE IFI-STORY - STUDIEREN IN DER DDR!

MEINE IFI-STORY - STUDIEREN IN DER DDR!

richard Hebstreit


(Matrikel Nr. D5/72)


Student Hebstreit 1973


Heute im Nachhinein betrachtet, ist sicher vieles um meine Studienzeit in der DDR verklärt. Ein halbes Jahrhundert danach aus der Erinnerung aufgeschrieben, ist einiges subjektiv verbrämt. Als ich am 20.01.2001 begann, die Homepage D5/72 für meine Kommilitonen zu bauen, dachte ich..."Na ein paar Bilder aus dem alten Studi-Bilderalbum, ein bisschen Text - fertig....basta!" Aber mit der Beschäftigung mit dem Thema, mit den Bildern, alten Dokumenten und den Gesprächen mit ehemaligen Kommilitonen schalteten sich in den Tiefen des Gehirns wieder alte Erinnerungen zusammen. Davon möchte ich hier als "Zeitzeuge" einiges nieder schreiben. Auch war Im Internet zum Thema Studieren in der DDR damals fast nichts zu finden. Heute hat man mit dem Google Suchstring "Studieren in der DDR" ungefähr 21.900 Ergebnisse in 0,41 Sekunden. 

Einem Studienplatz in der DDR über den zweiten Bildungsweg zu ergattern war damals gar nicht so einfach. Zu aller erst brauchte man eine Delegierung des Betriebes. Hier wurde gesichert, dass die Studienbewerber systemkonform waren und auch später der Arbeitsplatz "eingeplant" war. Ich war damals 26 Jahre alt, schon mehrere Jahre berufstätig und arbeitete als Dreher in den Leuna Werken. Als ich diese Delegierung benötigte, bekam ich sie nicht. Grund: "Angeblich mangelnde gesellschaftliche Aktivitäten". Auch war die Personalausstattung in meiner damaligen Arbeitsstätte, der Leunaer Hauptwerkstatt, Bau 15, äußerst knapp. Als ich danach den Antrag stellte, in die SED aufgenommen zu werden, wurde das abgelehnt, weil es hieß, ich will ja nur in die Partei wegen dem Studienplatz. Was ja auch wieder stimmte. Mein Haken lag nun in einem Eintrag als politisch unsicherer "Kantonist" in der Kaderakte, den ich umschiffen musste. Der Weg war relativ einfach. Ich kündigte und gab einen anderen Betrieb (glaube, Waggonbau Ammendorf) an, in dem ich anfangen wollte. Dorthin wurde danach meine Kaderakte geschickt. In Wirklichkeit fing ich 30 Km nördlich, in den Buna Werken an. Dort erhielt ich dann die Delegierung zum Studium. Meine Kaderakte war nun wieder jungfräulich. In einer Story: https://keinverlag.de/468714.text habe ich den Ablauf der Bewerbung und Einstellung in Buna beschrieben.

Meine Frau Traudel meint, ich soll studieren, sonst tauscht sie mich um!

Zum Studium am Institut zur Ausbildung von Ingenieurpädagogen in Karl-Marx-Stadt/Chemnitz kam ich durch einen simplen Zufall. Eigentlich wollte ich in Eisleben per Fernstudium Maschinenbau studieren. Ein ehemaliger Armeekamerad, Frank Phillipp aus Halle, der zufällig schon am IFI mit einiger Begeisterung studierte, brachte mich auf die Idee, doch lieber zum Direktstudium zu gehen. "Die zwei Jahre....reitest Du auf einer A....backe ab, das zweite Jahr bist du eh im Betriebspraktikum.... und das Direktstudium ist viel, viel bequemer!"


Matrikel D5/72

Und so habe ich mich im Mai 1972 obwohl die Aufnahmezeit schon vorbei war, mal provisorisch beworben. Die Info, wie es am besten klappt, hatte ich von Frank: "Du paukst in Physik ein bissel was vom Freien Fall, in Mathe werden quadratische Gleichungen abgefragt....und liest einen Tag vor der Aufnahmeprüfung  das "Neue Deutschland". So war es und so hatte ich die Aufnahmeprüfung (eigentlich nur ein Aufnahmegespräch) im Juni 1972 an einem Vormittag bestanden und konnte am Nachmittag stolz meiner Frau per Telegramm berichten: "Ich bin immatrikuliert"

Ing.-Päd. Student Hebstreit 1973

Eine Hürde hatte ich aber doch noch zu umschiffen. Bei der ärztlichen Untersuchung wurde mir "Sigmatismus Addentalis" attestiert. Also auf gut Deutsch: Ich lispelte beim Sprechen. Und da ein Pädagoge, welcher lispelt ein Unding ist, musste ich das abstellen. Die Sprecherzieherin an der Uniklinik in Halle, welche mich dann unter die Fittiche nahm, hatte eine seltsame aber wirksame Methode: Ich musste tagelang mit einem Streichholz zwischen den Zähnen Goethe und Schiller deklamieren. Das half dann und konnte anschließend "Susi sag mal Saure Sahne" und "66666" ohne üble Zischlaute sprechen. Die Zunge blieb hinter den Zähnen.

Zu Hause in Halle Neustadt 1974

So, ehe der persönliche Bericht weiter geht, ein paar Fakten: Die "Institute zur Ausbildung von Ingenieurpädagogen" (IfI) waren zur damaligen Zeit in der DDR ein wenig seltsame und komische Einrichtungen. Innerhalb des DDR Bildungssystems entstanden in den 60er Jahren Fachschul-Bildungseinrichtungen aus ehemaligen Lehrmeisterschulen unter der Schirmherrschaft verschiedener Ministerien. Im staatlichen Bildungssystem spielten diese Bildungseinrichtungen eine Zwitterrolle zwischen Fach-Ingenieurschule und Nicht-Ingenieurschule. Auch aus diesem Grund entstand der eigentümliche umständliche Name "Institut zur Ausbildung für Ingenieurpädagogen". Karl-Marx-Stadt war für allgemeinen Maschinenbau Verarbeitungsmaschinen- und für Fahrzeugbau zuständig, Gotha für Elektrotechnik und Ingenieurökonomie. Ziel dieser Bildungsinstitute war Lehrkräfte für den berufspraktischen Unterricht für die Industrie auszubilden. Das IFI Karl-Marx-Stadt unterstand dem Ministerium für allgemeinen Maschinen- und Fahrzeugbau. (Eine heute vergleichbare ähnliche Ausbildung mit verquicktem stärkerem Praxisbezug als wie an den Fachhochschulen gibt es wieder in den Berufsakademien!)


Seminar


Was viele damals nicht wussten.....und ich aber damals durch verschiedene Zufälle schnell mit bekam.....diese Institute hatten ein großzügigeres Budget als die meisten "normalen" Ingenieurschulen in der damaligen DDR. Da die Haushaltsmittel nicht wie bei den "traditionellen" Ingenieurschulen aus dem "normalen" staatlichen Bildungshaushalt kam, sondern direkt vom Ministerium, war die Ausstattung relativ opulent. Zum Beispiel war damals ein Sprachlabor an der technischen Hochschule in Karl-Marx-Stadt fast eine Utopie. Das IfI hatte hier alles vom Feinsten. Auch die technischen Labore, die Ausstattung der Lehrkabinette und Vorlesungsräume waren auf dem neusten Stand. Ständig wurde erweitert, ausgebaut und umgebaut. Einziges Handicap. Das IfI hatte keine eigene Turnhalle. Als ich nach einem halben Jahr Hilfsassistent im Fach Methodik wurde, wurde ich auch Studi-Chef vom Fotolabor. Wenn technische Ausrüstungen für dieses Labor besorgt werden mussten, hatte ich großzügige Mittel zur Verfügung.

Fotolabor


Ein weiteres Qualitätskriterium waren die damaligen Dozenten. Hier kann ich im Nachhinein konstatieren, dass diese Lehrkräfte uns den damaligen aktuellen Stand des Wissens in den jeweiligen Fachgebieten sehr gut methodisch und didaktisch vermittelten. Besonders die Dozenten für die technischen Fächer waren Spitzenkräfte. So war nun das Ergebnis ihrer Bemühungen auch nicht von schlechten Eltern. Die IfI Absolventen waren in der damaligen Wirtschaft der DDR gefragte Leute. Man hat sich in den Betrieben um uns gerissen. Wir merkten das schnell und waren ein wenig stolz und auch nicht wenig eingebildet. Defizite gab es nur bei der CNC Ausbildung wegen irgendwelcher Ministeriumsinternen Querelen. Das wurde aber abgestellt und unsere Nachfolger hatten eine feine CNC Ausbildung.

EDV DRELOBA Labor


Die Ausbildung war straff nach einem altmodischem frontalem Unterrichtssystem organisiert und lässt sich mit heutigen Zuständen nicht mehr vergleichen. Unsere eigentlich ältere Pädagogik Dozentin, Frau Müller vermittelte uns, dass wir diesen altpreußischen Unsinn möglichst vermeiden sollten. "Setzt euch auf eine Wiese in der ersten Stunde in einem Kreis und verteilt Aufgaben der Wissensermittling rund herum an alle Lehrlinge!" Der Stundenplan war auf  sechs komplette Semester innerhalb von drei Jahren Gesamtstudienzeit fest geschrieben. Ca. 50% waren  naturwissenschaftliche technische Ausbildung, 25% Pädagogik und leider auch zwangsläufig 25% marxistisch/kommunistische Theorien des Marxismus-Leninismus (ML), Politische Ökonomie des Sozialismus aber auch Politische Ökonomie des Kapitalismus, und die bescheuerte pseudowissenschaftliche Erfindung "wissenschaftlicher Kommunismus"). ungefähr 20 Prozent der Studenten waren Mitglied der SED. In der FDJ (Freie Deutsche Jugend) waren ausnahmslos alle Studenten. Einige, so wie ich sind im 2. Lehrjahr offiziell mit einem kleinen Trick ausgetreten. (Wir waren über 27 Jahre alt und nach dem Statut der FDJ ging die Mitgliedschaft nur bis zum 26. Lebensjahr).

Feiner Austritt aus der FDJ

Der Versuch der Indoktrinierung auf Thesen und Praxis der Kommunistischen Weltanschauung war wie im gesamten damaligen Bildungssystem rabiat. Die Wertigkeit der Marxismus-Leninismus-Fächer lag vor den naturwissenschaftlichen Fächern innerhalb des Bewertungssytems des Institutes.

Die Exmatrikulationsquote lag im Institut bei ungefähr 20%. In unserer Seminargruppe D5/72 lag sie weit niedriger. Ein Student wechselte nach dem 2. Studienjahr zur technischen Hochschule. Zwei Studenten wurden auf Grund der Leistungen und aus familiären Gründen (Die Frau eines Studenten, eine Funktionärin, zeigt ihren eigenen Mann an, weil er in Karl-Marx-Stadt eine zweite Beziehung "organisiert" hatte. Ergebnis: Exmatrikulation wegen unmoralischem Verhalten.) Einziges Nebenfach war Englisch. Man konnte daran teilnehmen, wenn man in Russisch gute Leistungen hatte.

Diskutanten: Klitsch - Edel - Tschernikau

Das Studium begann Anfang September 1972 mit einem einwöchigem Immatrikulationslager in Crispendorf bei Schleiz. Das war vom Institut gut organisiert. Man hatte uns in dieser einen Woche auf Gruppenbildung trainiert, vermittelte Methoden der geistig- wissenschaftlichen Arbeit und schlug uns natürlich auch die unbeliebten ersten politischen sozialistischen Theorien um die Ohren.

Salamander saufen gab es bei uns nicht - aber Himmelfahrtsausflüge.

Kein Witz: Alle Mitglieder einer frisch gebackenen Studentengruppe werden nach der Motivation befragt, warum sie Ingenieurpädagogik studieren und wo sie herkommen. Ein frisch gebackener Student: "Ich komme vom Bund aus Frankfurt/Main und interessiere mich für das Fachgebiet Erziehung!" Ergebnis: Sofortige Exmatrikulation. Sowas gibt´s nicht, sowas darf es nicht geben. Bei der Aufnahme hatte man Frankfurt/Main mit Frankfurt/Oder verwechselt. Der war tatsächlich aus dem Westen, und hatte bis kürzlich sogar noch bei der Bundeswehr gedient. Einen dermaßen kapitalistisch/imperialistisch indoktrinierten Studenten konnte man nicht dulden, obwohl der Papa mal im Westen kommunistischer Funktionär war. Er war zum Bund gegangen, weil er seinen Bonzen Vater ärgern wollte.

Nach dem Immatrikulationslager fuhren erst einmal alle Studenten wieder nach Hause. Ich dagegen fuhr mit Frank Edel gleich nach Karl-Marx-Stadt um getreu der Devise "Wer zuerst kommt, mahlt zuerst" Quartier zu machen. Von einem älteren Studenten hatte ich erfahren, dass die Versorgung mit Studentenwohnheim-Plätzen zwar gesichert ist - das Problem, das man aber eventuell früh am Morgen 15 Km Eisenbahnfahrt von Burgstedt aus und innerstädtisch eine Straßenbahnfahrt zur Weststraße hoch am Hals hat. Und so waren wir rechtzeitig da. Der Wohnheim Platz kostete 9,00 DM im Monat und lag nur fünf Minuten weg vom Institut in der Wielandstraße. Im Radio an der Wand dudelte oft Radio Caroline: (Radio Caroline Radio Mitschnitt von 1977: https://bit.ly/3F61aV0 )

Im Wohnheim - eng aber gemütlich...im Radio an der Wand dudelt Radio Caroline....

Es ging zum Studienanfang denn relativ schnell zur Sache. Nach einigen Tagen Grundlagen Pauken bekamen wir den Stoff in gehörigen Portionen um die Ohren gehauen. Alles stöhnte, alles jammerte....."das schaffen wir nie!" Im Vergleich zum Lernen in der damaligen Polytechnischen Oberschule war vieles total anders. Grundsätzlich fast jeden Tag gab es Vorlesungen und es dauerte einige Wochen, ehe in Seminaren der Stoff differenzierter aufbereitet und verarbeitet wurde. Viele mussten nach dem normalem Lernpensum im Institut bis in die Nacht pauken. Der Anteil Hausaufgaben und sogenannter Lernmodule war wenig zu spüren. Dafür waren die Klausuren und Testate knallhart. Alles war von vorn bis hinten geplant. Sich irgendwelche Themen oder Fächer frei aussuchen war fast unmöglich. Mit einem Beziehungsnetzwerk konnte ich mal paar Vorlesungen in der Technischen Hochschule für Maschinenbau im Fachgebiet Maschinenelemente und CNC Automation belegen.

Werkstoffprüflabor, Herr Gellert

Mogeln bei Klausuren war Anfangs kaum möglich, da in A,B,C Aufgabengruppen geschrieben wurde. Die Erlösung kam dann, als wir mitbekommen hatten, das die Vorbereitungen für die Vorlesungen und Seminare zumeist von Studenten als Ing.-Arbeiten im vorigen Studienjahr als perfekte Exzerpte angefertigt wurden. Diese waren in der gut sortierten Institutsbibliothek zu finden. Da aber der Wissens-Stoff clever methodisch aufbereitet war, wurde mit der Zeit das Studieren leichter. Ein Schwerpunkt des Studienfachs "Techniken der wissenschaftlichen geistigen Arbeit" lenkte das Lernen auf das Wesentliche. Das Internet gab es noch nicht - unser Internet waren damals Bibliotheken. In diesem Zusammenhang kann ich auch die erste Exkursion in die Deutsche Bücherei nach Leipzig nicht vergessen, wo man beigebracht bekam, das man nicht unbedingt immer alles wissen muss. Man muss nur wissen wo es steht....und das möglichst fix. Gespräche mit Studenten anderer Ingenieurschulen brachten die Erkenntnisse, das dort noch nach veralteten Methoden gelehrt wurde. 

Aula + Dozenten...waren fachlich alle top!

In der Deutschen Bücherei bekam ich auch von Herrn Hahn die nette Methode beigebracht, wie man an Westliteratur rankommt. Man sammelte einfach ein paar entsprechende Bibliotheksformulare ein und drückte sie einem Studenten in die Hand, der dann den Genehmigungsantrag für Westliteratur unterschrieb und in den Kopf ein paar wichtige Abteilungsnummern eintrug. Das wurde von der Deutschen Bibliothek nie überprüft und so konnte ich ab diesem Zeitpunkt monatlich die FAZ, den Stern und natürlich auch internationale Fachliteratur lesen, welche in der Deutschen Bibliothek im sogenannten Giftsaal auslag.

Solidaritätsgeld wird gespendet


Dass das Institut ausstattungsmäßig auf der Höhe der Zeit war, hatte ich schon erwähnt. Bemerkenswert war, das diese relative kleine Bildungseinrichtung einen nicht unwesentlichen Anteil an der Produktion aktueller Fachliteratur für den Sektor Maschinenbau in der DDR hatte. Einige Dozenten waren Autoren in verschiedensten Technik-Verlagen und im Verlag Volk und Wissen. Auch in den späteren Jahren entdeckte ich oft IfI Fachkompetenz in der Fachliteratur. 

Im Labor

1+1= 2 und ein Kugellager von Kugelfischer hält nun mal drei mal so lange wie ein Kugellager aus einer Kugellagerfabrik in Leipzig. Der in den Niederschachtöfen und Elektroöfen der DDR hergestellte Stahl hatte nun mal mehr Verunreinigungen. Diese Fakten, welche wir fast täglich ausrechnen mussten, besänftigten auch die wildesten "Genossen" und ideologische Diskussionen mit wenigen linientreuen Hardlinern unter uns Studenten. Wenn wir auch zwangsläufig alle durch die Bank Mitläufer nach Außen waren, (Ein zukünftiger Pädagoge musste sich halt damals entsprechend wenigstens äußerlich kommunistisch positionieren), so kann man schon sagen, dass ungefähr 90 Prozent den ganzen Quatsch "wissenschaftlicher Kommunismus" nicht glaubten. Das sah man schon an den Klamotten. Fast jeder humpelte der westdeutschen Mode hinterher, im Radio dudelte den ganzen Tag der Bayrische Rundfunk oder Radio Luxemburg. Und wenn wir auch damals ausnahmsweise arme Hunde waren, eine Levis hatte jeder und mancher hatte sogar zwei. Das FDJ-Hemd wurde nur auf Anordnung von oben angezogen, wie für offizielle politische Meetings und Vorbeimärsche am 1.Mai vor dem Nüschel (Karl-Marx-Denkmal von Lew Kerbel). Das sozialistische Freizeitleben gab es auch auf größten Druck nicht. So aufgesetzten Unsinn, wie "Zirkel der sozialistischen Arbeit", welche man uns von der Institutsleitung auf die Nase drücken wollte, stand oft auf dem Papier des "Ankündigungsbrettes WANDZEITUNG". Von Leben und praktischer Realität war das nicht erfüllt.

Dozenten am Studententag 1974

Die Dozenten waren mäßig bis mittelmäßig linientreu. Wenn man nach den Lehrveranstaltungen mit einigen Dozenten bei einem Glas Bier hockte, bekam man auch mal eine total andere Sichtweise auf die "sozialistischen Realitäten" vermittelt, als wie einige Stunden vorher doziert. Es war praktisch wie in allen Bereichen der DDR: "Wessen Brot ich fresse, dessen Lied ich sing". Da hat eben dieser und jener Dozent mal mehr, mal weniger laut gesungen. Wir haben so, oder so da kaum hingehört.

Faxen machen im Fotolabor

Nochmal kurz zum Kern und dem Wesen einer Fach- und Hochschulbildung im "Real existierenden Sozialismus" in der DDR. Meine These war und ist, es war ein komischer "Verlautbarungssozialismus", wo wir alle, also Studenten, Dozenten, und zugeordnetes Dienstleistungspersonal in einem von einer SED Partei organisiertem Staatsgebilde wie in einem Improvisationstheater täglich und stündlich etwas spielten, was mit Sozialismus herzlich wenig zu tun hatte. Wir spielten und logen mit, daß sich die Balken biegen. Ein schönes Beispiel dazu wäre ein beliebiger Montag, wo in einer regelmäßigen Agitationsveranstaltung, Aussagen der Tagespresse vom Freitag besprochen und diskutiert wurden. Im NEUEN DEUTSCHLAND vom Freitag stimmte der Wetterbericht so halbwegs. Die Fußballergebnisse der vergangenen Woche waren ausnahmsweise nicht gelogen! Der Rest waren umfangreiche "FAKENEWS" in Reinfunktion. Beispiel: (https://bit.ly/3L6cQe8 )

Pause


Neu für uns war auch die Bekanntschaft und der Kontakt mit ausländischen Studenten. Neben einigen einzelnen Algeriern waren das bis zu 10 Prozent vietnamesische Studenten. Anfangs gab es großes Misstrauen und Vorurteile. Wir hielten die Vietnamesen für ungebildeter und primitiver. Das änderte sich aber sehr schnell. Die waren zum Teil intelligenter als wir, hatten fundiertere Grundkenntnisse und obwohl sie alle viel kleiner waren als wir, bekamen wir beim Volleyballspiel Saures. Auch waren die Vietnamesen viel fleißiger und disziplinierter. Kaum einer von denen ging zur Disko. Die lernten, die arbeiteten nebenbei für ein Moped oder eine Nähmaschine. Der eine Algerier, den wir mal kurz mit im Internat erlebten ging nach einem Jahr an die FU in Berlin. Obwohl sein Vater ein großer kommunistischer Gewerkschaftsbonze in Algerien war, zog er ein Studium im kapitalistischem Westberlin vor. Er hatte noch fix ein Karl-Marx-Städter Mädchen geschwängert und verschwand wieder.

Kulturbeitrag

Neben dem Studium war wie auch heute bei den jungen Leuten vieles viel viel wichtiger. Die Freizeitaktivitäten nahmen bedeutende Umfänge an. An allererster Stelle stand bei vielen die Themen "AUSGEHEN; PARTNERSUCHE; PARTNERWAHL"! Einige spielten in einer Band, machten Sport, sangen in Singegruppen oder machten in einem Studentenkabarett mit. Die zeitliche Organisation der Partnerwahl war anders determiniert als heutzutage. So hatte mancher wenigstens eine zeitweilige Partnerschaft, aus denen sich manchmal eine Ehe entwickelte. Einige Studenten und auch Studentinnen wechselten ihre Beziehungen alle paar Wochen. Öfter in der Woche die Tanzsäle, Kneipen und Diskotheken zu frequentieren war normal. Es gab auch Komillitonen, die hatten einen Partner in ihrem Heimatort und einem Partner in Karl-Marx-Stadt oder dem Umland. Manche trafen sich per Zufall bei Arztsprechstunden für H.u.G.-Krankheiten. Kurz nach dem Studium waren fast alle verheiratet. Heute dauert das schon mal 10 +++ Jahre länger, man nimmt sich mehr Zeit für die Karriere und wuselt als Single viele Jahre solo herum.

Kartoffeernteneinsatz Herbst 1973

Das knappe Stipendium wurde wie auch heute bei spärlichem BFÖG durch Nebenjobs aufgebessert. Die Aussagen in manchen Publikationen, dass das in der DDR reglementiert war, habe ich selber nicht erlebt. Ich hatte Glück und wurde im 2. Studienjahr Hilfsassistent im Fach Methodik. Das gab 80 DDR-Mark/monatlich extra. Als ich dann noch als Bildjournalist jobbte und in der Nachtredaktion der Tageszeitung "Freie Presse" ab und zu die Pickel der damaligen Nomenklaturkader retuschierte, war es finanziell fein auszuhalten. Auch nebenberufliche selbständige Tätigkeiten wurden schon organisiert. Nachhilfe Stunden geben, Babysitting, Nachtschicht schrubben in Erziehungs- und Kinderheimen, ein Student fuhr "Schwarz-Taxi", Ich arbeitete als Express-Fotograf bei Veranstaltungen und produzierte "Faulenzer-Schmuck (Meine Schmuckdesignstory https://bit.ly/36WKkoD ). Job-Restriktionen, wie an manch anderen Bildungseinrichtungen gab es bei uns nicht. Das waren auch Jobs, welche interessant waren und wo man neben dem Studium auch manches dazu lernte, was man später im Berufsleben gut gebrauchen konnte. Einziger Nachteil - in mancher Vorlesung bin ich schlicht und einfach eingeschlafen. Es gab auch manche Studenten, welche hart in vielen Nachtschichten auf dem Güterbahnhof oder dem Bahnpostamt ihre Zusatz-Brötchen verdienten. Einige Studenten verkauften im Herbst Einkellerungskartoffeln, pflückten Äpfel oder Weintrauben bei Dresden und so hatten wir dadurch auch einige Kilos "Fressereireserven"). In den Semesterferien hat man als zukünftiger Pädagoge zumeist in Ferienlagern gearbeitet. Bei freier Kost und Logis und ordentlicher Bezahlung waren das gesuchte Jobs. Die Nebenjobstrukuren wurden von älteren Studenten geerbt und als wir unser Studium beendet hatten, haben wir nach völlig marktwirtschaftlichen Gegebenheiten die Jobs auch wieder weitervererbt. Das geschah kaum umsonst oder für ein paar gute Worte. Meine Nebenjobs habe ich für 200 Mark weiter verkauft. Das war keine Korruption, sondern erarbeitetes oder auch schon mal gekauftes gebündeltes schriftliches und mündliches Wissen/ Können/ Fähigkeiten/ Fertigkeiten. Das war schlicht und einfach die Essenz unseres Berufes. Eltern verschenken den Inhalt ihres Gehirns, Pauker und "Lehrmeister" arbeiten wie Söldner seit 2000 Jahren schon immer für Salär!

Geografisch gesehen wohnten und lernten wir auf dem Kaßberg. Hatten Bäcker, Fleischer und Molkereiladen in der Nähe. Kutschten mit der Straßenbahn für ein paar Pfennige in die Innenstadt zum "Dreckigen Löffel" und/oder dem "Kaffee am Arsch". Schwofen gingen wir oft in den Stadtkeller, wo ein älterer dicker Discjockey die neuste Westmusik spielte, wenn man früh genug am Eingang war. Nicht wenige brachten am Montag dicke Fresspakete von zu Hause mit. selbst eingekochte Marmelade, Kuchen, Käse, Eier, selbst geschlachtete Leberwurst und den Hackepeter im Glas. Das Stipendium für das Grundstudium betrug damals 190 DDR-Mark. Ich war verheiratet und meine Frau verdiente ganz gut. Unsere Miete lag bei rund 60 Mark und hatte im Gegensatz zu meinen Mitstudenten, die noch im Hotel Mama residierten einen kompletten Hausstand.

Nebenjobs Im Buna Kinder-Ferienlager in der Dübener Heide

Wir wurden ja Berufspädagogen für die Praxis, also Ausbilder für größere Ausbildungseinheiten der Industrie, wodurch es erklärlich wurde, sich mit den organisatorischen Dingen des Berufslebens cleverer auseinander zu setzen, als ein Lehrer einer polytechnischen Oberschule. Wir wurden psychologisch gedrillt, um ohne Eigenschaden mit einer rabiaten, pädagogisch nicht leicht beeinflußbaren Zielgruppe, die sich im Zustand "Adoleszenz, Teenager, Pubertät" befand, konfliktlos auseinander zu setzen!

Studentenfasching

Ein grundsätzliches Problem nach dem Studium war für alle Studenten die freie Arbeitsplatzwahl. Fast alle waren durch eine Betriebsdelegierung zum Studienplatz gekommen und hatten dadurch die Verpflichtung am Hals, im Delegierungsbetrieb auch die Arbeit aufzunehmen. Wenn sich dann durch eine Partnerschaft eine andere Konstellation in Hinsicht auf einen gemeinsamen Wohnort ergab, gab es Probleme. Manche haben das ganz gut gemeistert, manche aber auch nicht gleich und mussten ein bis zwei Jahre in den sauren Apfel Arbeitsplatzbindung beißen. Der allgemeine Trick das zu umgehen, war ein offizieller Umzug nach der Arbeitsplatzaufnahme. In der Arbeitsgesetzgebung der DDR gab es keinen Grund mehr, dann die Arbeitsplatzbindung aufrecht zu erhalten. Man musste diesen Trick aber kennen. Aber die meisten wussten das. Eine Besonderheit bei uns war, das fast ausnahmslos alle einen Facharbeiterbrief in der Tasche hatten. Einige wenige hatten den "Berufsausbildung mit Abitur" Abschluss. Ein Student hatte Abitur und ein Jahr Praktikum absolviert.

Einmal in der Woche Sport

Wie heute auch noch, hatte die materielle Unterstützung durch die Familien einen hohen Stellenwert. Am Wochenende fuhren viele in ihre Heimatorte. Man fuhr mit dem Schülerfahrkartentarif der Deutschen Reichsbahn und dieser war spottbillig. Ehemalige Reichsbahnangehörige fuhren absolut gratis und hatten auch noch Freifahrkarten für Kameraden übrig. Am Montag waren die Kühlschränke regelmäßig voll.

Schülerfahrkarte

Auch eine Fahrkarte nach Prag kostete damals nur die 8,10 DDR-Märker. Ich bin manchmal am Wochenende nach Prag gekutscht und habe mich in einem Wohnheim des internationalen Studentenbund (Junior-Hotel-Praha) für sechs Mark/Tag inklusive Vollverpflegung einquartiert. Der Liter Bier kostete damals im Ufleku 3 Kronen und so hatte man für wenig Geld ein schönes erholsames und interessantes Wochenende.

Fahrkarte nach Prag der Deutschen Reichsbahn

Im Vergleich zu dem Studium meiner Kinder war das Studentenleben allgemein gesehen sorgloser und bequemer. Man hatte nach dem Studium keine BAFÖG Schulden am Hals, die Jobs wurden einem hinterher getragen. Aber auch viele sehr unangenehme Nachteile gab es damals. Als größten Nachteil empfand ich die geistige und politische Bevormundung. Wie man zu Denken hatte, war vorgeschrieben. Meinungsfreiheit und Demokratie stand zwar in der Verfassung auf dem Papier. Die Realität war anders. Eine sture ideologische und dogmatische degenerierte Parteienkaste bestimmte nach diktatorischen und zum Teil noch nach stalinistischen Prinzipien das gesellschaftliche Leben und hebelte dazu tausende Jahre alte wirtschaftliche Regularien des Wettbewerbs aus. Die SED hatte sich ein Gebiet Deutschlands gerippt und zu einem Pseudo Staat mutieren lassen.

Viele Studenten kamen aus der Praxis der Betriebe und sahen die Realitäten einer sozialistischen Mangelwirtschaft täglich an vielen Beispielen. Hier gab es für viele das Problem, dann später im berufspraktischem Unterricht und Seminar trotz besseren Wissens das pure Gegenteil zu heucheln. Es gab aber noch Studenten, welche damals in der Mitte der siebziger Jahre dachten, das komische gesellschaftliche pseudosozialistische System der DDR wäre zu verbessern und zu reformieren.

Dozenten machen Kultur

Später in der Berufsrealität nach dem Studium gab es zwei Möglichkeiten. Entweder man heulte mit den Wölfen mit und machte mit dem guten Fundament der IFI Fach-Ausbildung seine Karriere, oder man ging in die innere Emigration. So nach ersten Befragungen der ehemaligen Kommilitonen kann ich sagen, das das Verhältnis so 50/50 war. Ich war 10 Jahre Berufs- und Studienberater und habe mich danach ideologisch gesehen "abgeseilt". Bin in die Industrie in eine Entwicklungsabteilung und habe mich danach selbständig gemacht!


Oft schaut man den ganzen "Blödsinn DDR" einfach nur zu!


Gut organisiert innerhalb des Studienablaufs war der Anteil der Exkursionen, der theoretischen und praktische Übungen. Für die Leipziger Herbst- und Frühjahrsmesse gab es gratis Fahrkarten, Messeausweis und Studienaufträge, welche glashart bewertet wurden. Ich war regelmäßig bei Seiko und Toyo (japanische Wälzlagerhersteller) auf der Matte. Beim zweiten Besuch hatten die schon eine Aktentasche mit den neusten Produktionsunterlagen und neusten wissenschaftlichen Ergebnissen voll gepackt. Publikationen des IFI waren in Japan bekannt durch mich, weil ich die neusten Methodikunterlagen den Japanern als kompletten Foliensatz in die Aktentasche packte. Der "Lohn" meiner kleinen "Industriespionage" war dann ein klappbarer Overhaedprojektor, den ich aber sofort mit nach Hause, nach Halle Neustadt transportierte. Eine Story von mir dazu: https://is.gd/knaMoB

Meine Lehrlinge in Buna mit DDR Overhaedprojektor Polylux

Gerne hätten mich die Seiko Mitarbeiter mal nach Japan eingeladen Nur es wusste ja auch dort jeder, das ging nicht! Offiziell sollte ich zwar bei der sowjetischen Wälzlagerindustrie recherchieren, denn offizielle NSW (Nicht sozialistischer Wirtschaftsbetrieb) -Kontakte waren rigoros verboten! Nur, niemand hat sich speziell auf der Leipziger Messe daran gehalten! Das neuste war damals in der Sowjetunion eine russische Übersetzung der Wälzlagerberechnungstabellen der Fa. Kugelfischer aus Schweinfurt aus dem Jahre 1936. Und da wurden solche Ergebnissätze für Diplomarbeiten wie dieser formuliert. ("Der harte kapitalistische Wettbewerb zwang die Fa. Kugelfischer aus Westdeutschland eine führende Position im Weltmarkt einzunehmen, welches aber nicht im geringsten an die hervorragenden Leistungen der sowjetischen Genossen heranreicht".) Das war bewusst gelogen - und wurde so dringendst verlangt. Die aktuelle wissenschaftliche technische Orientierung bei uns Studenten lag trotz aller Widernisse auf neuste westliche wissenschaftlich technische Ergebnisse, Erzeugnisse und Fachliteratur. Echtes Weltniveau stand nun mal in den Publikationen westdeutscher Verlage. Ein Glücksumstand der technisch- wissenschaftlichen Einflüsse waren die Patentstrukturen im DDR Patentamt der Mohrenstraße in Berlin. Das Patentamt wurde für mich sowas wie der Petersdom in Rom! Das Münchner Patentamt der Bundesrepublik lieferte aus internationalen Vereinbarungen heraus jede Patent- und Musterakte in die DDR. Es war in diesem Zusammenhang auch Pflicht da vergleichsweise Erkenntnisse zu erarbeiten und zu dokumentieren.

Manchmal wurde getrampt

Ende 1973 gab es eine Einladung über den internationalen Studentenbund aus Eisenstadt in Österreich. Die hatten in der dortigen nagelneuen  Höhere Technische Bundeslehranstalt davon gehört, das wir für komplizierte technische Abläufe einfache methodische Handreichungen erarbeitet hatten und wollten mit uns diskutieren. Es kam dann auch zu einer Reise. Nur mit dem kleinen Hindernis, das nicht wir, die eingeladenen Studenten und Dozenten nach Eisenstadt gefahren sind, sondern drei Funktionäre des FDJ-Bezirksvorstands Karl-Marx-Stadt. Wir mussten denen, welche in den Fachbereich Maschinenbau wie die Sau ins Uhrwerk blickten, unsere Unterlagen rausrücken. Damit fuhren die dann 14 Tage ins schöne Österreich und spielten dort Wälzlager Experten.

Viele Jahre danach lernte ich Kollegen aus Klagenfurt am Plattensee kennen, welche diese "Experten" kennen gelernt hatten. Deren Resümee: "Die hatten keine Ahnung, konnten aber gut Saufen"!



Im Dritten Jahr ging es wieder zurück in den Betrieb. Einmal im Monat für eine Woche nach Karl-Marx-Stadt zur Konsultation. Das gute Verhältnis von Praxis und Theorie brachte uns viele neue Erkenntnisse und Erfahrungen im letzten Studienjahr und bildete einen fließenden Übergang in die volle Berufstätigkeit als Berufspädagoge.


Als ich dann voll im Beruf als Ingenieurpädagoge im Buna Werk steckte, merkte ich, das ich was total falsches für mich studiert hatte. Die Verquickung von Pädagogik und Technik fand ich zwar immer noch richtig - nur der zunehmende Anteil der politischen Einflussnahme entsprechend der Staatsdoktrin auf die Berufsschüler ging mir total gegen den Strich. Als vordringliches Arbeitsziel eines Berufspädagogen kommunistische Erziehung mit penetrant zu integrieren, war gegen meine Überzeugung. Eine Rettung wäre für mich die Erwachsenenweiterbildung gewesen, wo Ideologieinhalte kaum eine Rolle spielten, weil man die Werktätigen so schnell wie möglich wieder im Produktionsprozeß zurück haben wollte. Nach einem dreiviertel Jahr Praxis nutzte ich eine Gelegenheit, um mich dem wenigstens teilweise zu entziehen. Ich verschwand regelrecht im Sektor Berufsberatung/Studienberatung und manchmal auch im Bereich der Erwachsenenweiterbildung.

Straßenbahn Kaßbergauffahrt Chemnitz


Auf Grund der guten flexiblen Ausbildung konnte ich aber die IFI Kenntnisse auch ohne weiteres in anderen Tätigkeiten anwenden. Am IFI wurde auf Lernflexibilität und Kenntnisflexibilität gesetzt und der sinngemäße Schlusssatz unseres damaligen Rektors bei der Abschlussfeier "Das Lernen hört nie und nimmer auf!", bewahrheitete sich und ist auch heute ein halbes Jahrhundert danach noch voll für mich gültig. Dass das Lernen auch Spaß machen kann, habe ich im Verlaufe meines Lebens erst im IFI gelernt und bin somit den ehemaligen Dozenten dafür heute noch dankbar. Besonderer Dank gilt unserem Seminargruppenbetreuer Herrn Zschiedrich, der es sehr gut verstand, unseren wilden Haufen zu zähmen und uns vielfältige Unterstützung bei der Lösung der Studienaufgaben zu geben.

© 20.01.2001 - 07.03.2023 Richard Hebstreit


Alte Homepage-Variante: http://www.rhebs.de/bln/d572/index.html


Alte Homepage von 2001



PS:

Viele Publikationen zum Thema "Studieren in der DDR" publizierten, dass Arbeiter und Bauern besonders zum Studium gelenkt werden und Kinder der Intelligenz schlechtere Karten hatten. Hier hat einer vom anderen abgeschrieben, denn es mutierte sich um die 70er Jahre herum für meine Erkenntnisse schon ganz anders. Nach dem Studium war ich 10 Jahre Berufsberater mit sehr tiefen Einblicken in entsprechende Statistiken, die ich selber mit organisierte.

Der KasusKnaxus war, das es inzwischen viele, ja sehr viele seltsame "Arbeiter und Bauern" gab, die eigentlich in der größten DDR der Welt den Status als professionelle Funktionäre hatten, waren Leitende Angestellte in der Industrie und in der Verwaltung, auch selber Fach- und Hochschulabsolventen aller Sparten und hatten noch nie in ihrem Leben eine Werkbank oder einen Acker gesehen. Alles in Allem waren diese bestens funktionalen oberen Vertreter des Arbeiter- und Bauern-Staates eigentlich eine Art Mafia Clan, der seinen Söhnchen und Töchterchen jeden, aber auch jeden Studienplatz bereit stellen konnte. Diese ganze Kamarilla kopierte sich auf Fach- und Hochschulbildung bezogen einfach mit sich selbst! Am feinsten machte es da das Ministerium für Staatssicherheit. Opa, Pappa, Sohn, Tochter, Enkel - alle, aber auch alle waren bei der Stasi fest oder halbfest eingestellt! Aber wenige in den unteren Rängen des Wachregimentes! Denn sie alle wollten im Arbeiter- und Bauernstaat nie und nimmer an die Werkbank oder zum Kühe melken in den Stall. Bei uns Studenten der Ingenieurpädagogik waren auch einige mit diesem imaginären !ARBEITER und BAUERN" - Spezialfunktions-Backround anwesend. Da war der eine Papa LPG-Vorsitzender, eine Mama war Kreisschulrat, Parteisekretär. Selbst ein Diplomat mit Moskauer Parteihochschulenabschluss deklarierte sich selbst als Arbeiter und scheuchte seine Tochter mit sehr bescheidenem Intellekt zum Studium. Trotzdem, die meisten bei uns hatten 10. Klasse-Abschluss und einen richtigen Arbeiterberuf von der Pike auf gelernt. Einen Stasiprotagonisten hatten wir aber auch, was wir erst viele Jahre nach dem Zusammenbruch der DDR erfuhren.

Meiner ersten Klasse in Buna habe ich in meiner ersten Stunde erzählt, was man mit den Zerpanungsfacharbeiter-Beruf alles so in der DDR machen kann außer in Nachtschichten mit den Händen arbeiten! Dass sie diesen Beruf nie ausüben müssen, sich nie an den scharfen heißen Drehspänen verletzen brauchen und als richtige echte "Arbeiter" eine tolle Chance zum Fach- und Hochschulstudium in der DDR haben. Sie bräuchten nur jeden Tag mit Spaß was neues lernen und jede Woche mindestens bei mir paar gute Noten in das Klassenbuch schreiben lassen! Dann könnt ihr den Bonzenkindern die Studienplätze weg schnappen!

Was man am IFI so lernte: (Man sollte eine Messe der Meister von Morgen mit initiieren und organisieren!")

Infografik zu Neurer in volkseigenen Betrieben der Landwirtschaft der DDR 1977


Wie motiviert man mit Neurerideen die Lehrlinge?

(Aus meiner Ingenieurarbeit)

LC Kugellager mit Kugeldruckschraube

In der Landwirtschaft verdrecken und verschleißen Wälzlager sehr schnell und lassen sich oft nur mit dem Schweißbrenner demontieren. Wichtige Wellen müssen dann ersetzt werden. Dieses neue Wälzlager mit dreilippiger Dichtung und Feststellschraube kann jeder minutenschnell konfliktlos demontieren und neu montieren.

Aufgabe an Lehrlinge:

1. Formulieren Sie bitte einen Neurervorschlag "Wälzlagersubstitution"

2. Berechnen Sie dazu den Kostenvorteil dieses Lagers im Verhältnis zu traditionellen Wälzlagern, die mit Preßpassungen montiert werden. (Jährlich ca. 25.000 DDR Mark Reparaturkosten an Landmaschinen wegen traditionellen Wälzlagern)

3. Legen Sie gleich eine Neurervorschlag - Prämenberechnung für das erste Jahr (5% von 25.000 DDR Mark sind 1250,00 DDR Mark steuerfreie gesetzliche Neurerprämie. ) mit bei!

4. Kontrollieren Sie für weitere 2 Jahre die Zahlungseingänge auf ihrem Sparkassenkonto!


Das war die DDR: Kätes neue Strümpfe (Ein Film aus dem Neurerwesen)

Kätes Strümpfe....so klappte es manchmal nicht in der DDR

https://www.ardmediathek.de/video/prisma/kaethes-neue-struempfe-neuerer-im-veb-isolier-und-kaeltetechnik-rostock/ard/Y3JpZDovL2hyLW9ubGluZS8xMTMxODU

Die Neuererverordnungen der DDR Verordnungen von 1953 bis 1971 - Faksimile mit einer Einleitung von Peter Koblank:

https://www.koblank.de/ideethek/d_nvo.pdf


Tja, was macht so ein Ingenieurpädagoge den lieben langen Tag?


Das erklärte ich mal meiner Frau, die als Kindergärtnerin ja auch eine pädagogische Ausbildung intus hatte und mir meinen Arbeitsaufgaben absolut nichts anfangen konnte. Dazu diente mal ein Tag der offenen Tür

in meiner ehemaligen Arbeitsstelle, der Hauptwerkstatt Bau 15 in Leuna, mit der wir eine Ausbildungskooperationsvereinbarung hatten wegen spezieller Maschinen in Leuna und Buna. Sie war hinterher fix und fertig wegen der Fülle der Lehr-Aufgaben für die damaligen Facharbeiter im Maschinenbau. Es gab 10 Tonnen Karussell-Drehmaschinen und 20 Gramm-Geräte mit der man Rolex -Teilchen so nebenbei anfertigen konnte. (Ich kannte einen Dreher Kollegen, der drehte kleine Uhrenteilchen, wenn seine 40 Tonnen Kopfmaschine mehrere Tage schnurrte.) Inzwischen sind um die 50 Jahre vergangen. Sehr viel ist computerisiert und dadurch körperlich leichter, aber geistig auch viel anspruchsvoller geworden. Der Satz des Pythagoras reicht schon lange nicht mehr aus!

Mittlere Karusseldrehmaschine komplett manuell ohne EDV!



Damalige und heutige Lehrmethoden; Ausbildungs- bzw. Unterweisungsmethoden:


Man bläute uns damals in der DDR Lehrmethoden von Anton Semjonowitsch Makarenko aus der Sowjetunion, ein die er in der Gorki Kolonie praktizierte. (https://de.wikipedia.org/wiki/Anton_Semjonowitsch_Makarenko) Die Jugendlichen lernten ausgehend von ihrer Lebenswirklichkeit, im praktischen Tun entwickelten sie Fertigkeiten und Kompetenzen, entsprechend ihren Neigungen und Begabungen konnten sie mit Makarenko als Lehrer und Mentor Berufe erlernen. Beispiel Diplomarbeit aus Wien:  (https://services.phaidra.univie.ac.at/api/object/o:1278404/get)

Anton Semjonowitsch Makarenko 1888 -1939


Makarenko war eigentlich Spezialist für Verwahrlosenerziehung. In der von ihm organisierten Selbstverwaltung und durch die demokratische Mitbestimmung, der Delegation von Verantwortung an die Jugendlichen selbst, vermied Makarenko autoritär-hierarchische Strukturen. Durch diese Elemente sind auch reformpädagogische Aspekte in Makarenkos Pädagogik enthalten. Zum Beispiel schickte er zwei ehemalige Straßenräuber und Einbrecher bewaffnet mit Schrotflinte und Revolver in der 10 Werst entfernten Kreisstadt das monatliche Geld für die komplette Kolonie ab zu holen! So 30% seiner Zöglinge aus der Zeit des Bürgerkrieges wurden Ausbilder!



Ausbildungs- bzw. Unterweisungsmethoden:

#Lehrvortrag / Vortrag  (Mechanik Geschichte, Geschichte der Drehmaschinen)

#Einzelarbeit (Maschineneinrichtungen - Rüstzeit) (Drehen eines Flaschenöffners mit Universaldrehmaschine)

#Brainstorming (wie wird mein Moped/Motorrad schneller?)

Zylinderkopf abdrehen um 0,7mm macht Mofa 20 Km schneller!


#Vier-Stufen-Methode (3D Produktion)  (Würfel bis Hohlkörper)

#Lehrgespräch (Elemente der industriellen Revolution)

#Lernauftrag (CNC Grundprogrammierung am PC)

#Kooperatives Lernen (Think-Pair-Share) 

#Leittextmethode  (Vom Zentimeter zum tausendstel Millimeter)

#Rollenspiel /Kein Terminstress wegen perfektem #Planungspiel!)

#Projektmethode (Montage/Demontage-Training)

#Fallmethode / Fallstudie  (Z.B. Thermische Presspassung oder Kugeldruckschrauben - Befestigungen)

#Moderationsmethode (4 Azubis lösen 1 Problem)

#Zukunftswerkstatt (Jugend forscht heute, damals Messe der Meister von Morgen) 

#Juniorfirma: (Schmuckproduktion nach Industriemethoden, mechanisch oder chemisch)

#Demonstrationsmethode: Gewindeschneiden 15 Minuten; 5 Minuten; 20 Sekunden!

#Meta-Plan (Pinnwand, Packpapier, Karten, für Ideensammlung)

#Diskussion (Misserfolge untersuchen - Erfolge feiern!)



Berufsbildung von der deutschen Teilung bis zur Einheit – gemeinsame Wurzeln, verschiedene Wege

Auch wenn die Berufsbildung in der DDR nach den grundlegenden Prinzipien des Staates – Parteilichkeit, Planwirtschaft, Zentralismus usw. – funktionierte, so war sie doch in wesentlichen Punkten mit der in der Bundesrepublik kompatibel. https://www.bibb.de/veroeffentlichungen/de/publication/download/7737

Radsatz Drehmaschine im Dampflokwerk Meiningen


Berufsausbildung in der DDR Versuch einer Einschätzung

https://library.fes.de/gmh/main/pdf-files/gmh/1973/1973-03-a-179.pdf


Pädagogische Wissenschaft in der DDR

https://library.oapen.org/bitstream/handle/20.500.12657/59280/Klinkhardt_2022_TenorthWiegmann_DDR.pdf;jsessionid=87BB6D257E0C40646818014F0B1F6261?sequence=1




Ein Ingenieurpädagoge nennt sich heute Berufspädagoge! Wege zur Berufsbegleitenden Fortbildung heute: https://berufspaedagoge-werden.de/


Geprüfter Berufspädagoge (IHK) im Fernstudium:

https://www.sgd.de/kursseite/gepr-berufspaedagoge-ihkgepruefte-berufspaedagogin-ihk.html?referrer=S_GS_SK_0000454&gclid=Cj0KCQiApKagBhC1ARIsAFc7Mc4FPeDogpQ9thRx7c-B5vEkZp1wvX94GRSedZYS60CT_j9dbFsgitgaAvNYEALw_wcB


Tipps für Ausbilder:

https://www.bleumortier.de/

Linksammlung Historie füe Mechatroniker:

Drehmaschine

https://de.wikipedia.org/wiki/Drehmaschine

Drechseln und Drehen – Seit vier Jahrtausenden bekannt

https://www.drehteile-marktplatz.de/2015/01/01/die-geschichte-der-drehmaschine.html

DIE DREHMASCHINE: EINE WERKZEUGMASCHINE MIT GESCHICHTE?

https://www.followmachines.com/de/die-drehmaschine-eine-werkzeugmaschine-mit-geschichte/

Drehmaschinen: 4000 Jahre Entwicklung

https://www.werkstatt-betrieb.de/a/grundlagenartikel/drehmaschinen-4000-jahre-entwicklung-242137

DIE ENTWICKLUNG & GESCHICHTE DES CNC DREHENS

https://www.bmk-baumann.de/entwicklung-geschichte-cnc-drehens/

Neues Online-Special: Drehen/Drehfräsen

https://www.werkstatt-betrieb.de/a/news/neues-online-special-drehendrehfraesen-240180

Heutige Ausbildungsmethoden in der Übersicht

https://www.wirausbilder.de/ausbildungsmethoden/die-ausbildungsmethoden/


ENDE!







Report Page