Mütterchen Russland 

Mütterchen Russland 

Tierarzt Dirk Schrader

die eurasische Riesin und die westliche Hybris

Von Klaus Wagener 

Der Krieg des „Wertewestens“ mit Hilfe des herbeigeputschten Kiewer Nationalistenregimes ist für die russische Führung nicht gerade ein neues Phänomen. Die Größe des Landes, seine strategische Bedeutung, vermutete Schwächen seiner staatlichen und militärischen Strukturen wurden seit Jahrhunderten als Einladung zu Invasionen verstanden.

Russland war schon in den frühesten Zeiten seiner staatlichen Herausbildung aus den slawischen Stammesgesellschaften im 9. Jahrhundert ein umkämpftes Territorium. Ein Blick in die russische Geschichte ist daher unabdingbar, wenn man das Handeln der russischen Führung verstehen will.

Eroberungsversuche 

Zu Beginn des 13. Jahrhunderts drang die gefürchtete „Goldene Horde“ in Richtung Europa vor. Die mongolischen Reiterarmeen hatten binnen weniger Jahrzehnte eines der größten Weltreiche überhaupt erobert. Sun Südosten kommend eroberten sie große Teile der Fürstentümer der Rus, die von der Weichsel im Westen bis zum Fuß des Kaukaus und der Karparten erstreckte. Die Städte Nowgorod im Norden und Kiew im Süden bildeten die ersten Zentren.                                    

Durch die Uneinigkeit der Fürsten der Rus hatten die Tartaren (Mongolen) leichtes Spiel und konnten fast zwei Jahrhunderte lang ihre Vorherrschaft aufrechterhalten. Erst die vereinten russischen Armeen unter dem Moskauer Großfürsten Dimitri Donskoi konnten die „Goldene Horde“ 1380 in der Schlacht von Kulikow endlich schlagen. Im Norden hatten die Nowgoroder unter Alexander Newski 1240 eine Invasion der Schweden in der Schlacht an der Newa und 1242 die deutschen Kreuzritter vernichtend schlagen. 

Gestärkt durch den Sieg über die Mongolen, kämpften die Moskauer Großfürsten um die Vorherrschaft der Rus. Gestärkt wurden sie durch den Untergang von Byzanz 1433, wodurch Moskau sich die christlich-orthodoxen Traditionen aneignete und seither als das „Dritte Rom“ gilt. 

Im Westen war Polen-Litauen aufgestiegen, eine von der Feudalaristokratie gestützte föderale Wahlmonarchie, die bis heute offensichtlich in den Köpfen der Warschauer Führer eine in praktische Politik umzusetzende Bezugsgröße ist. Es kam seit Ende des 15. Jahrhunderts zu zahlreichen Kriegen. Polen-Litauen erstreckte sich, eine russische Schwächeperiode nutzend, in seiner größten Ausdehnung, 1619, von der baltischen Ostseeküste bis zum Schwarzen Meer und von Schlesien bis Moskau. Allerdinmgs führte die starke Überdehnung der polnisch-litauischen Fähigkeiten zu einem raschen Zerfall des zusammengeraubten Reiches. Österreich, Preußen und Russland teilten das Land Endde des 18. Jahrhunderts nach und nach und nach unter einander auf. Nach der dritten Teilung 1795 existierte die polnisch-litauische „Adelsrepublik“ nicht mehr.

Bedrohung aus dem Westen 

Zur gleichen Zeit begannen die aus der Revolution von 1789 siegreich hervorgegangenen expansiven Kräfte Frankreichs das Momentum der Revolution zu nutzen, um sich zur dominanten Macht Europas aufzuschwingen. Napoleon Bonaparte hatte 1812 für seinen Feldzug gegen Russland eine Koalitionsarmee aus 15 Ländern und Fürstentümern Europas zusammengezogen. Ein Muster, das bis heute Geltung hat.

Nach der extrem blutigen Schlacht bei Borodino, etwa 100 Kilometer westlich von Moskau, musste Napoleon im September 1812 erkennen, dass er den Gegner unterschätzt hatte. Als er wenig später Moskau erreichte, war seine Armee bereits auf ein Sechstel zusammengeschrumpft. Die katastrophale Niederlage des französischen Hegemonieversuchs war nicht mehr abzuwenden. 

Zweihundert Jahre später versuchte sich das Deutsche Kaiserreich und sein Erbe, der deutsche Faschismus, an einer Neuauflage der napoleonischen Großmachtpläne.
Die nun mit den Mitteln industrieller Großproduktion und der Rekrutierung von Millionenarmeen radikalisierte Kriegführung, begleitet von beispiellosen Vernichtungsprogrammen, machte diesen Zweiten Dreißigjährigen Krieg (1914 – 1945) zu einem der furchtbarsten Einzelereignisse der Weltgeschichte, in dem allein mehr als 30 Millionen Menschen im zaristischen Russland beziehungsweise der Sowjetunion starben.

Einkreisung 

Die Oktoberrevolution hatte die ideale Legitimationsfolie für die Deutschen Eroberungs- und ebenso für die angelsächsischen Weltherrschaftspläne geliefert: Antikommunistische aufgeladen, ging es von nun an gegen Russland. In den Pariser Vorortverträgen nach dem Ersten Weltkrieg hatten siegreichen Entente-Mächte das revolutionäre Russland mit einem Cordon sanitaire von extrem konterrevolutionären bis faschistischen Staaten umgeben. Wie seinerzeit dieser Sperrgürtel, der von Finnland über die baltischen Staaten, Polen, die Tschechoslowakei, Ungarn, die Türkei bis Saudi-Arabien und Iran reichte, suchen heute die US-Kriegsmaschine und ihre NATO-Vasallen nach Westen hin zu isolieren und mit ihren Erstschlagswaffen existentiell zu bedrohen und erpressbar zu machen.
Eine der großen Errungenschaften der NATO-Ostlandreiter ist die Wiederbelebung der „Hyäne Europas“. So nannte Winston Churchill Polens trittbrettfahrende, ultra-antikommunistische wie antisemitische, profaschistische Feudalelite der 1920er und 30er Jahre. Ebenso wie sich diese 1938 an der Plünderung der Tschechoslowakei beteiligte, sucht sie sich heute an der von Washington dem Untergang preisgegebenen Ukraine zu bereichern. 

Der „Wertwesten“ versucht die lange Tradition der russischen Abwehr – und Selbstbehauptungskämpfe vergessen zu machen. In Russland kennt sie jedes Schulkind. In gewisser Weise kristallisiert sich heute im Ukraine-Konflikt eine ähnliche Konstellation heraus wie im Ersten Krim-Krieg 1853 bis 1856. Schon damals sahen die durch die industrielle Revolution militärtechnisch und ökonomisch am weitesten entwickelten Staaten Westeuropas, Britannien, Frankreich, Italien (Königreich Sardinien-Piemont), die Chance, den Konflikt des zaristischen Russlands mit dem Osmanischen Reich zu ihren Gunsten auszubeuten und Russland, die dominante Macht des Wiener Kongresses von 1815 , strategisch zu schwächen.
Das absolutistische Russland war ökonomisch und technologisch gegen die industrialisierten bürgerlichen Westmächte in Rückstand geraten, so dass es diesen Krieg verlor. Im Krimkrieg begann die nur phasenweise taktisch durchbrochene geostrategische Frontstellung der damals europäischen, später europäisch-nordamerikanischen Hauptmächte gegen das zaristische Russland, später gegen die sozialistische Sowjetunion und heute gegen die kapitalistische Russische Föderation.

Russland heute 

Wie schon Napoleon nach der Schlacht bei Borodino müsste, wenn Rationalität noch eine Rolle spielen würde, die Führung in Washington erkennen, dass sie den Gegner unterschätzt hat. Russland widersteht nicht nur dem monetär-ökonomischen Krieg, sondern auch der mit allen verfügbaren Mitteln hochgerüsteten Ukraine. Nicht Russland ist ruiniert, wie Außenministerin Annalena Baerbock halluziniert, sondern die Sanktionen treffen immer stärker ihre Absender.
Der Globale Süden wendet sich mit Riesenschritten den alternativen, vom Imperialismus unabhängigen Organisationen der eurasischen und globalen Integration zu. 

Russland ist ein föderal gegliederter Vielvölkerstaat, bestehend aus acht Föderationskreisen und 83 Föderationssubjekten, in dem über 100 Ethnien zusammenleben. Seine große Geschichte umfasst selbstverständlich auch die 74 Jahre des Roten Oktober, eine der großen Lokomotiven der Weltgeschichte, wie auch den Großen Vaterländischen Krieg und die Befreiung Europas vom Faschismus. Sie umfasst die Jahre der Sowjet-Stagnation, der, um es zurückhaltend auszudrücken, Naivität und Ratlosigkeit Gorbatschows, wie auch des Jelzinschen Ausverkaufs an das Finanzkapital. 

Im letzten Vierteljahrhundert, dem Wladimir Putin seinen Stempel aufgedrückt hat, ist Russland auf die Weltbühne als die souveräne Macht zurückgekehrt, die dem mit allen Mitteln entfesselten hybriden Krieg des US-geführten „Wertewestens“ widerstanden hat und nun gemeinsam mit der VR China die Errichtung einer von Washington unabhängigen Staatengemeinschaft des Globalen Südens initiiert und organisiert. 

Fehleinschätzung und Ernüchterung

Vom „Haus Europa“ zum Krieg gegen Russland

Nach der Niederlage des Roten Oktober im Dezember 1991 war bei vielen Menschen, vermutlich auch bei der jetzigen Führung in Moskau, der Glaube an eine Friedensdividende lebhaft vorhanden. Michail Gorbatschow und Helmut Kohl hatten von einem „gemeinsamen Haus Europa“ gesprochen, Wladimir Putin hatte noch 2010 eine Freihandelszone „von Lissabon bis Wladiwostok“ vorgeschlagen, viele Linke glaubten an Abrüstung, soziale Verbesserungen, an das „globale Weltdorf“. 

Dem allem lag die Fehleinschätzung zugrunde, dass der Anfang der 1940er Jahre nur kurzzeitig unterbrochenen Frontstellung des anglo-amerikanisch geführten Westens gegen die Sowjetunion der Antikommunismus zugrunde lag. Selbstredend waren die Führungen in Europa und in den USA beinharte Antikommunisten. Aber dieser Antikommunismus hatte vor allem ideologische Funktionen. Er lieferte der US-Führung die ideale Legitimationsgrundlage für ihren endlosen Krieg, für die 64 Regime-Change-Operationen allein im Ersten Kalten Krieg, die zum Aufbau des US-Imperiums notwendig waren.
Die absurde antikommunistische Hysterie half die astronomischen „Verteidigungs“-Budjets zu begründen, mit denen das Pentagon in aller Welt Krieg führte und rund 1.000 Militärstützpunkte errichtete. Dabei war jedem nüchtern Denkenden klar, dass weder die Sowjetunion noch die Russische Föderation jemals über den Willen noch die Mittel verfügte, eine Invasion des US-Festlandes durchzuführen. 

Diese Lektion hat Putin erst mühsam lernen müssen. Der konservative, dem kapitalistischen Westen eher zugeneigte russische Präsident hätte ja noch im Frühjahr 2022 lieber einen Deal mit dem wortbrüchigen Westen versucht, als tatsächlich diesen Konflikt zu wagen.

Erst der konsequente Kriegskurs Washingtons, längst in den strategischen Dokumenten führender US-Thinktanks publiziert, machte dem Kreml klar, dass ihm keine Wahl blieb. Die von den US-Neocons beherrschte US-Führung glaubt fest an die Möglichkeit, ein weiteres „Amerikanisches Jahrhundert“ herbeibomben zu können. Zu diesem Zweck müssen vor allem Russland und China strategisch geschwächt werden. 

Das Muster, das, vom Zerfall der Sowjetunion völlig unberührte, seine Wirkung entfaltet, lautet: Russland, „Putin“, der neue Stalin, ist das Ur-Übel schlechthin und buchstäblich für alle Missstände dieser Welt verantwortlich. „Putin“ ist auf erstaunliche Weise gleichzeitig schwach und unfähig, andererseits omnipotent und übermächtig. Mit dem trivialen Propagandamuster der Roten Flut“ führte die US-Kriegsmaschine seit Korea 1950 einen Krieg nach dem anderen. Der Austausch von Stalin gegen „Putin“ ist eher eine Petitesse. Das erklärte Ziel lautet: Überdehnung und Zerfall Russlands entlang seiner ethnischen und religiösen Gruppierungen. 

Dass das Pentagon und seine ukrainischen Hilfstruppen bei diesem Unternehmen nicht gerade erfolgreich sind, stört die neokonservativen Hardliner erkennbar wenig. Der militärisch-industrielle Komplex mit seinen ausgedehnten Wucherungen verdient prächtig. Hier werden die Hunderte Milliarden recycelt, welche die westlichen Händler des Todes großzügig der Ukraine „spenden“. 

Der eigentliche Gegner heißt ohnehin China. So dient dieser Konflikt in den Augen vieler China-Falken nur als Vorspiel zum eigentlichen Endkampf vor Chinas Küste. Der Führer der US-Konservativen, Mitch McConnell, äußerte gegenüber Wladimir Selenski in der letzten Woche: „Sie kämpfen einen guten Kampf. Dies ist Amerikas Kampf. Es zeigt China: Wir bleiben stark.“

Eine halbe Million tote Ukrainer, ein zerstörtes Land für eine leere Supermann-Pose gegen China. 

In der Ukraine können Waffen, vor allem Raketen und Drohnen und gegnerische Luftabwehrmittel, getestet werden. Logistik, neue Produktionskapazitäten können auf- und ausgebaut, neue Stützpunkte vor Russlands Haustür errichtet werden. Dennoch markiert der desaströse Ausgang des mit allen Mitteln geführten hybriden Krieges eine historische Wende. Die Phase der anglo-amerikanischen Dominanz geht, für alle sichtbar, unaufhaltsam ihrem Ende entgegen. Deren Basis wurde im ersten globalen Konflikt, dem Siebenjährigen Krieg 1756 bis 1763, gelegt. Mit dem Sieg über die französisch-spanische Flotte bei Trafalgar 1805 wurde sie definitiv festgeschrieben. Eine andere Welt wird nun auch machtpolitisch möglich. Im Globalen Süden herrscht Aufbruchstimmung.

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