Internes Konfliktpotential

Internes Konfliktpotential

Tierarzt Dirk Schrader

Georg Auernheimer zur Frage, wie die Ukraine zum Kriegsschauplatz wurde

Wo Panzerketten rasseln, hat es das Nachdenken schwer. Allenfalls aufgeschrieben sind kritische Stimmen noch zu vernehmen. Georg Auernheimer, emeritierter Professor für Erziehungswissenschaften und scharfsinniger Analytiker deutsch-europäischer Außenpolitik, hat seine Sicht auf die Ursachen und die zu erwartenden Folgen der Kriegskatastrophe in der Ukraine in knapper Form zusammengefasst. Auernheimers lesenswerter Text gibt Auskunft über den „geopolitischen und geschichtlichen Kontext“, er untersucht kritisch die „orangene Revolution“ und den Putsch in Kiew von 2013 /14, beschreibt den „Einfluss der Rechtsradikalen auf die Politik“ und weist die Behauptung zurück, dass der russische Angriff auf die Ukraine ein Vernichtungskrieg“ sei.

Auernheimer erinnert nüchtern daran, dass die USA 1991 pro Tag rund 1.000 Luftangriffe gegen den Irak flogen und – wie ein internationales Komitee unter Leitung des früheren US-Justizministers Ramsey Clark später feststellte - „in 19 Punkten gegen internationales Recht verstießen“. Und auch daran, wie die von den USA geführte NATO beim völkerrechtswidrigen Angriff auf Jugoslawien Brücken, Krankenhäuser, Schulen, Klöster, das Fernsehzentrum, die Strom- und Wasserversorgung und zahlreiche Industriebetriebe zerstörte oder beschädigte.

Für die USA und die NATO sei die Ukraine „als Einfallstor in den eurasischen Raum strategisch bedeutsam“, schreibt Auernheimer. Wegen seines „internen Konfliktpotentials“ habe sich das Land „angeboten als Gelenkstelle für Destabilisierungsstrategien“. Wäre der Westen, da ist sich Auernheimer sicher, bereit gewesen, mit Moskau ernsthaft zu verhandeln, „wäre die Ukraine nicht zum Kriegsschauplatz geworden“.

Was auf die Ukrainer nach einem von den NATO-Ländern geforderten „Sieg“ über Russland zukommen könnte, lässt Auernheimers Kapitel über „Verlierer und (mögliche) Gewinner“ bereits ahnen. Millionen haben vor und nach dem russischen Angriff ihre Heimat verlassen und werden sich spätestens nach dem Ende des Krieges in den EU-Ländern auf den geballten Unwillen der Behörden einstellen müssen. Geflohen sind die Ukrainer schon vor dem Krieg, schreibt Auernheimer – nicht vor Bomben und Raketen, sondern vor Armut, Hungerlöhnen und Korruption. Mögliche Einnahmen aus der Rolle einer Kornkammer“ werden dem Land beim Wiederaufbau absehbar nur eingeschränkt zur Verfügung stehen: Bereits vor dem Krieg wurden 30 Prozent der fruchtbaren ukrainischen Schwarzerde von westlichen „Agrarholdings“ kontrolliert. Das kalifornische Oakland Institute ging von schätzungsweise 3,4 Millionen Hektar aus (manche Schätzungen sprechen von bis zu sechs Millionen Hektar), die sich in den Händen ausländischer Unternehmer und Fonds befinden.

Hansgeorg Hermann

Georg Auernheimer: Der Ukraine-Konflikt. Wie Russlands Nachbarland zum Kriegsschauplatz wurde. Hintergrund.

Frankfurt am Main 2023 88 Seiten, 10,90 Euro

https://www.hintergrund.de/politik/unsere-neuen-buecher-der-ukrainekonflikt/



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