Die Hinrichtung

Die Hinrichtung


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Ich werde zur Hinrichtung abgeholt. Es gibt keinen Aufschub. Es wird Jetzt geschehen, d.h. sobald der Ort erreicht ist, wo die Vorbereitungen getroffen wurden. Meine Hände auf dem Rücken gefesselt, meine Augen verbunden, spüre ich mächtige Hände, die links und rechts meine Arme hart umfassen und mich nach vorne treiben. Fast habe ich das Gefühl, beim Gehen mit den Beinen nur in der Luft zu strampeln, so fest halten mich die Hände während sie mich irgendwie nach oben drücken. Diese Männer müssen Bären sein, stelle ich mir vor. Ich hatte sie nicht gesehen. Sie waren erst gerufen worden, als meine Augen bereits verbunden waren. In meinem Magen ist Aufruhr, mein ganzer Körper kribbelt. Jetzt, Jetzt, Jetzt… denke ich nur noch, immer nur dieses eine Wort: Jetzt… Jetzt… Jetzt… Wie ein Mantra, wie ein Rettungsring ist es. Es trägt mich, ich fließe auf diesem Jetzt. Und in Sekundenschnelle strömt durch meinen Kopf, wie es begonnen hatte. Vor 11 Jahren war die erste Nachricht gekommen, dass ich mich darauf vorbereiten müsste, zur Hinrichtung abgeholt zu werden. Was der Grund sei, wüsste ich ja bereits. Wann ich abgeholt würde stünde noch nicht fest, jedoch „in nächster Zeit“. Ich war entsetzt, ich konnte nicht glauben, was ich da las. Ich wüsste den Grund bereits? Gar nichts wusste ich. Ich hatte nichts getan. Ich setzte mich mit der Stelle in Verbindung, von der der Brief stammte, zitternd, unendlich aufgeregt, voller Angst… es konnte doch nur ein Irrtum sein, ich brauchte mich deshalb doch nicht zu fürchten. Trotzdem fürchtete ich mich schrecklich. Vertrauen in die Macht über den einzelnen gab es ja schon seit längerem nicht mehr. Früher einmal hatte man sich auf Gerechtigkeit und Gutwilligkeit und Aufrichtigkeit verlassen können, aber das war lange vorbei. Willkür herrschte. Aber doch nicht sooo eine Willkür? So weit konnten sie doch nicht gehen! Wenn man wirklich nichts getan hatte? Warum denn auch? Der Beamte dort suchte in den Unterlagen, fand etwas, las unverständlich murmelnd, und erklärte mir dann nüchtern, dass das schon seine Richtigkeit habe mit dem Bescheid. Ich müsse diesen so hinnehmen. Weiteren Einblick könne er mir leider nicht gewähren. „Dann werde ich zu einem Anwalt gehen!“ schrie ich hysterisch. Der Beamte verzog keine Miene, nickte nur, sagte aber, was seinem Nicken ganz zuwiderlief: „Das wird nichts ändern, die Einspruchsfrist ist bereits abgelaufen.“ Mein Herz raste. „Wie kann das sein, ich habe diesen Bescheid doch heute erst erhalten!“ Der Beamte blickte noch einmal auf die Unterlagen, blätterte zurück, las, und sagte: „Sie haben diesen Bescheid bereits vor acht Wochen zugestellt bekommen. In dieser Zeit hätten sie Einspruch einlegen können. Jetzt geht das nicht mehr. Sie haben sich also einverstanden erklärt, indem sie sich nicht geäußert haben.“ Mir wurde abwechselnd heiß und kalt… und ich schrie: „Ich habe keinen solchen Bescheid erhalten… vor acht Wochen!“ „Hier ist ein Vermerk, dass er abgeschickt wurde… nein, sogar persönlich übergeben wurde von dem Beamten K. Erinnern Sie sich daran nicht?“ „NEIN!! Bei mir war kein Beamter K!“ „Aber wir haben hier sogar eine Bestätigung des Erhalts von Ihnen!“ Er runzelte die Stirn, weil er ja eigentlich keinen weiteren Einblick in die Akte geben durfte, rang sich dann aber durch, den kleinen roten Zettel aus dem Ordner zu nehmen und ihn mir vor die Augen zu halten. „Hier“ sagte er und deutete auf die Unterschrift im rechten unteren Eck: „Ist das nicht Ihre Unterschrift?“ Ich starrte auf die Unterschrift… ich konnte das nicht glauben. Das war wirklich meine Unterschrift. Jedenfalls sah sie genauso aus. Plötzlich wich alle Kraft aus meinem Körper. Ich sank zusammen. Der Beamte stürzte hinter seinem Schreibtisch hervor, hielt mich, half mir auf die Holzbank, die an der Wand stand. „Warten Sie, ich bringe Ihnen ein Glas Wasser.“ Wie aufmerksam von ihm. Ich wartete nicht, dass er zurückkäme. Wie in Trance stand ich auf und verließ das Büro und das Gebäude, taumelte die Straßen entlang. Ich konnte nichts mehr denken. Irgendwann stand ich auf einer Brücke, starrte in das Wasser unter mir, ich weiß nicht wie lange… als ich auf einmal direkt neben mir eine Stimme hörte: „So schlimm wird es schon nicht sein.“ Ich starrte den gütig lächelnden weißhaarigen Mann an, der neben mir stand. Ich wurde wütend. „Was wissen SIE denn?! Nichts!“ „Dann sagen sie mir das, was ich nicht weiß“, erwiderte er ruhig. Ich konnte mich seiner Ausstrahlung nicht entziehen und wurde durch seine Anwesenheit tatsächlich aus diesem Horror gerissen, der sich in mir abspielte. Sein Lächeln war weich und offen. Mir gelang tatsächlich ein kleines Lächeln als ich sagte: „Gut, ich erzähle Ihnen, was geschehen ist. Sie werden es sicher, genau wie ich, kaum glauben können…“


Am Geländer der Brücke lehnend erzählte ich dem alten Mann, der eigentlich, trotz seiner weißen Haare und der Runzeln in seinem Gesicht nicht alt wirkte, was geschehen war. Ich geriet dabei mehr und mehr in Aufregung, in Hysterie… mein Puls raste wieder und meine Kehle fühlte sich an wie zugeschnürt. Beim Erzählen erlebte ich meine Hilflosigkeit der Situation gegenüber derartig stark, dass meine Stimme kippte und ich schließlich verzweifelt in Tränen ausbrach… Der alte Mann berührte mich nicht körperlich, aber als er sprach war es, als würde seine Stimme mich umarmen und halten. Er sagte: „Nimm das alles als Chance. Du bist wirklich gesegnet.“ Mein Verstand revoltierte. Gesegnet! Mein Gott! Was redete er da! Doch mein Herz öffnete sich und wollte mehr hören. „Was soll das denn heißen?“, fragte ich atemlos. „Das, was die Menschen am meisten fürchten, weil sie es nicht verstehen, ist der Tod. Und sie denken gar nicht daran, sich mit ihm zu befassen, obwohl sie ganz genau wissen, dass er auf sie zukommt, unausweichlich. Ist das nicht ein bisschen komisch? Ein schönes Gleichnis habe ich darüber einmal gehört. Unser Leben ist, als würden wir in einer vielleicht 80 Jahre währenden Zeitlupe einen Abgrund hinabstürzen. Der Tag der Geburt ist der Moment, indem wir springen – oder gestoßen werden, wie du willst. Es ist klar, was geschehen wird, es ist ganz klar, dass wir unten aufschlagen werden. Doch wir tun in der Luft alles mögliche, um die Zeit zu verbringen, so dass wir vergessen können, was geschieht. Wir halten uns an Ästen und Felsvorsprüngen fest, die aber definitiv wieder brechen und uns nicht retten. Auch das ist klar. Trotzdem tun wir alles, um das Unvermeidliche hinauszuzögern und uns dem nicht zu stellen.“ Ich blickte in seine fast schwarzen Augen, die so überaus lebendig leuchteten, und, ganz berührt von diesem Gleichnis, sagte ich: „Aber was soll man denn tun? Nicht leben? Nur den Aufschlag abwarten?“ Er schüttelte leicht den Kopf. „Was ist Leben? Ist das, was sie da verzweifelt tun, um sich abzulenken, wirklich das Leben? Was für ein verzweifeltes Leben ist das?“ Wir sahen uns an, schwiegen lange. Ich verstand ihn, irgendwie. Ich spürte, in dem, was er sagte, steckte sehr viel. Gleichzeitig spürte ich den Horror des gerade Erlebten. Und beides ging nicht zusammen. Da waren abwechselnd Gefühle von Wärme und Vertrauen und von nackter Angst. Ich sagte es ihm. Er nickte. „Das verstehe ich, durch das geht jeder, der aufgewacht ist.“ „Ich habe das nicht gewollt! Wenn das Aufwachen ist, dann will ich lieber weiterschlafen!“ „Wirklich?“ lächelte er. Ich sagte nichts. Wirklich? Wirklich?… hallte es in mir nach. Ich war nicht bereit, mich auszuliefern, denn so fühlte sich das an, was der Mann da sagte. Seine Botschaft schien zu sein: Gib auf, liefere dich aus. Nein. Ich konnte das nicht. Ich verstand ihn, aber ich konnte es nicht. Wie konnte ich das Grauen in mir denn stoppen? Doch nicht, indem ich einfach nichts tat? Einfach alles geschehen ließ?


„Probiere dies hier“, riss er mich aus meinen wirren Gedanken. „Lass alles beiseite, was nicht ,Jetzt’ ist. Alles, was in dir ist, was nicht mit ,Jetzt’ übereinstimmt. Überlasse die Entscheidung, was was ist, Deinem Herzen, es wird sich nicht täuschen. Versuche es, bis wir uns wiedersehen.“ Er machte einen Schritt, straffte den Körper, und es war klar, er hatte entschieden, dass es Zeit sei, zu gehen. „Wann sehen wir uns wieder?“ fragte ich gebannt. „Wenn du es ausprobiert hast und mir darüber berichten möchtest“, lächelte er. Er legte seine warme Hand sehr liebevoll und wie zum Gruß an meine Schulter und entfernte sich. „Aber wie… wo finde ich Sie denn?“ Er drehte sich um, winkte kurz und rief leise: „Das ist kein Problem, mach dir keine Sorgen darüber. Wir treffen uns dann schon, wenn du soweit bist.“ … … … Ich starrte ihm hinterher. „Aha…“…


Ich hatte eben mitgeteilt bekommen, dass man mich hinrichten würde, und dieser Mann gab mir so eine simple Aufgabe. Ich schüttelte innerlich mit dem Kopf. Was sollte das denn bringen?! Aber die Begegnung hatte einen starken Eindruck auf mich hinterlassen. Dieser Mann war etwas besonderes und was er sagte, hatte, auch wenn es so simpel klang, irgendwie Gewicht. Und was hatte ich für Alternativen? Von dieser Brücke hier hinunterzuspringen oder mich mit meiner Situation irgendwie zu befassen, mehr nicht. Sinnierend stieß ich mich vom Geländer weg und ging langsam nach Hause.


Ich wusste, ich hatte keine Zeit mehr. Denn ich wusste nicht, wann sie kommen würden, um mich abzuholen. Es konnte morgen sein, oder heute noch… Es konnte auch nächste Woche, nächsten Monat oder nächstes Jahr. Aber eigentlich musste ich jede Minute damit rechnen. Wie ich wusste, kam es vor, dass sie auch des nachts Menschen abholten. Eigentlich blieb mir nichts übrig, als wahnsinnig zu werden. Flucht war nicht möglich, sie fanden einen überall, sie konnten alles überwachen. Der Chip, der, wie zuvor den Hunden und Katzen, schließlich auch den Menschen eingepflanzt wurde – im Namen der Sicherheit – verriet ihnen immer genau, wo man sich aufhielt. Sie spielten ein schlimmes Spiel. In vielen Dingen des Alltags schien die Entwicklung rückwärts zu gehen… auch das alte Rollenbild von Frau und Mann war wieder aufpoliert worden. Dass Frauen arbeiten gehen wurde zwar nicht verboten aber immer stärker behindert. Die Pille wurde aus angeblich „gesundheitlichen Gründen“ immer seltener verschrieben. Frei verkäuflich war sie schon lange nicht mehr. Die Menschen sollten altmodisch leben und supermodern überwacht werden. Die totale Kontrolle war das Ziel. Das Leben sah grau aus seit sie an der Macht waren, und wurde immer grauer. Wir kamen uns manchmal vor, als wären wir Schauspieler in einem Schwarz-Weiß-Film. Wir fragten uns auch, wer eigentlich diejenigen waren, die diese Welt wollten. Sie waren nicht greifbar. Wir waren doch selber Teil davon, wir machten das doch möglich, oder nicht? Aber es gab irgendwie keine Angriffsfläche, keinen Anhaltspunkt… alles war nebelig, undurchdringlich. Und alles lief, wie sie es wollten. Jeder, der sie unterstützte, tat ja nur seinen Job. Andernfalls wäre er abgeholt und ausgetauscht worden.


Da ich also keine Zeit und keine Wahl hatte, setzte ich mich zuhause hin, um durchzuführen, was der alte Mann mir geraten hatte. Alles weg tun, was nicht „Jetzt“ war, hatte er gesagt. Ich hatte eigentlich keine Ahnung, was ich da machen sollte… ich sprach den Satz laut aus, schloss die Augen und wartete. Zuerst war da nichts, doch dann alle möglichen Gedanken. Da war so ungeheuer vieles, was nicht „Jetzt“ war… war es nicht sogar alles? Jeder Gedanke? Auf jeden Fall war das, was heute geschehen war, nicht „Jetzt“. Wie erstaunlich, diese Einsicht gleich zu Beginn! Die ganze Horrorgeschichte war „Jetzt“ gar nicht da. Jetzt war ich frei. Und alles, was durch sie in die Zukunft geschrieben schien, war ebenfalls nicht „Jetzt“, nicht da. Das Gedankenkarussell wurde immer langsamer, je mehr ich nicht zum „Jetzt“ Gehöriges aussortierte. Alle Gedanken, alle Theorien, waren weggelegt. Jetzt tauchten Gefühle auf. Waren sie dem „Jetzt“ zugehörig? Ja, eindeutig. Hinter den Gefühlen der Angst, lauerten jedoch die Gedanken… bereits weggelegte Gedanken über die Horrorgeschichte waren es. Es schien, als hätten sie die Fäden in der Hand, an deren Enden die Gefühle in meinem Leib wie Marionetten zappelten und hampelten. Ich legte diese Gedanken zum zweiten, dritten, vierten Mal weg, so oft sie eben kamen. Beharrlich. Wie viel Beharrlichkeit man doch haben kann, wenn man chancenlos ist und es nichts mehr bringt, etwas auf die lange Bank zu schieben. Irgendwann verschwanden die Gefühle der Angst, des Zorns, der Hilflosigkeit. Was war übrig? Mein Körper, den ich spürte. Meine Gliedmaßen, mein Kopf, mein Leib, meine Knochen, Muskeln, Organe. Gehörten sie dem „Jetzt“ an? Ja. Ich spürte sie jetzt. Eines Tages würden sie ein Berg toten Fleisches sein. Vielleicht schon morgen. Wieder Gedanken, die nicht dem „Jetzt“ angehörten. Ich kam zurück zu diesem sehr lebendigen, warmen Körper. Ich spürte ein leises Kribbeln in den Fußsohlen und den Handflächen. Es wurde immer stärker und breitete sich im ganzen Körper aus. Erstaunt beobachtete ich, wie sich mein Körper quasi in meiner Gegenwart – mit mir selbst als Zeugen – kribbelnd auflöste. Das Kribbeln verschwand ins Nichts und hinterließ keinerlei Körpergefühl mehr. Es war nicht mehr vorhanden. Ich spürte den Körper nicht mehr. Aber ich – die ich offensichtlich etwas anderes als der Körper war – war noch da. Dann sah ich, irgendwo von der Decke aus, ihn plötzlich unter mir liegen. Ich erschrak nicht. Ich dachte: Eigentlich müsste ich doch erschrecken… ist das nicht abstrus? Nein, es war irgendwie völlig normal. Ich war in Frieden. Da lag er, mein Körper, mit geschlossenen Augen, ganz entspannt. Ich empfand Freude über ihn. Irgendwie sah er ganz rührend aus… unschuldig und schön, als wäre er mein Kind. Ich freute mich, dass ich ihn hatte, und auch, dass ich mehr als er war. Dann schlief ich ein, mit einem, wie ich am nächsten Morgen urteilte, der Situation so gar nicht angepassten Wohlgefühl.


Ich wachte auf und musste lange nachdenken, um an mein Leben von gestern wieder anknüpfen zu können. Die Fäden waren über Nacht irgendwie völlig verworren und ihre Enden nicht so leicht wieder zu finden. Zwischendurch beschäftigte mich die Frage, was denn wäre, wenn ich das einfach nicht täte? Kann man sich nicht am Morgen ein anderes Leben ausdenken? Es besteht ja offenbar nur aus Gedanken. Nun ja, ich hatte bereits ganze Arbeit geleistet, die Kontinuität des gestrigen Traums oder Albtraums oder wozu auch immer mein Leben inzwischen geworden war, war wieder präsent. Ich war also die Person, die hingerichtet werden sollte. Ohne zu wissen wann. Und ohne zu wissen, weshalb. Und ich hatte einen alten Mann kennen gelernt, der mir mit einer einfachen Methode gezeigt hatte, dass das Leben mehr ist als das, was gedacht wird. Vielleicht ist es sogar ausschließlich das, was nicht gedacht wird. Ich trat schlaftrunken an das gekippte Fenster, um es ganz zu öffnen, da sah ich den alten Mann draußen auf der Straße gehen. Ich war nicht überrascht. Er sah direkt zu mir und hob zum Gruß kurz die Hand, lächelnd. Ein Glück, ihn zu sehen! Denn gerade hatten die Schatten des Horrors begonnen, sich wieder über mich zu legen… mich fröstelte, und ich spürte einen Druck auf der Kehle. Ich öffnete schnell das Fenster, winkte ihm, und als er näher gekommen war, rief ich hinaus: „Haben Sie Zeit für einen Spaziergang?“ Er nickte. Ich war froh. Ich musste unbedingt mit ihm über meine gestrigen Erfahrungen sprechen… und ihn fragen, wie ich weitermachen sollte.


Als wir etwas später am Flussufer entlang gingen hörte er aufmerksam zu, nickte und lächelte mit einem Leuchten in seinen Augen, das mir wie ein Rettungsanker vorkam. „Und nun? Wie geht es weiter? Heute morgen hätte mich der Horror gepackt, wenn ich nicht sofort Sie auf der Straße gesehen hätte und wir jetzt hier zusammen wären. Was soll ich mit dem Horror tun?“ „Genau das, was du gestern damit getan hast. Du hast das wunderbar gemacht, wirklich wunderbar.“ „Aber ich habe nicht das Gefühl, dass das reicht! Ich habe Angst, dass mich die Angst verschlingt!“ „Merkst Du etwas? Nun sprichst du schon gar nicht mehr vor der Angst vor der Geschichte, sondern von der Angst vor der Angst. Du machst große Schritte! Denn das ist das Paradox, das am Ende der langen Schlange von Ängsten steht: die Angst vor der Angst. Hier verrät sie sich schon selbst als gar nicht existent. Die Angst vor der Angst ist nur ein sich ständig selbst generierendes Dauerprodukt des Verstandes. Mit Gefühlen hat sie gar nichts zu tun, sie löst nur einige Körperemotionen aus. Du musst wissen: Sie ist eine Erfindung des Geistes, sie ist nicht real. Wenn sie real wäre, hätte sie dich gestern bei deiner Meditation nicht zur Ruhe kommen lassen; aber sie konnte nichts tun, weil du dich nicht um sie gekümmert hast und sie in dem Moment das war, was sie immer ist: irreal.“


„Ja, das ist alles einleuchtend. Aber…“ ich stockte… wusste nicht recht, wie ich das „Aber“ in mir ausdrücken sollte. … Schließlich sagte ich: „Aber ich will nicht Sterben! Nicht so!“ „Gut“, sagte er und nickte verständnisvoll.“ „Das ist etwas anderes, das hat nichts mehr mit der Angst zu tun. Befassen wir uns also damit. Du willst nicht sterben. Aber du stirbst bereits. Seit du geboren wurdest stirbst du schon. Ich bin mir sicher, dass du dir dessen bewusst bist. Und auf welche Weise du letztendlich deinen Körper endgültig ablegst, das steht ja gar nicht fest. Da steht etwas auf diesem Bescheid, das passieren könnte. Aber ob das passiert weißt du erst, wenn es passiert. Was ist Jetzt? Bleibe hier. Auch mit dem Widerstand gegen das Sterben, bleibe hier.“ „Ich will es versuchen, aber ich weiß gerade nicht, wie ich das machen soll. Wie kann ich mich im Jetzt mit dem Sterben befassen? Ich weiß, dass der Körper älter wird und man quasi immer ein bisschen stirbt, aber das fühle ich nicht im Jetzt. Im Jetzt bin ich eigentlich immer jung.“ Er lächelte auf eine Weise, die mir sagte, dass er sich über meine Antwort freute. „Ja, ich auch!“ Er lachte laut. „Die Falten in meinem Gesicht passen mit dem inneren Gefühl nicht so richtig zusammen. Aber sie gehören eben dazu, zu diesem Menschsein. Das Sterben gehört zum Menschsein. Aber nimm das, was ich hier sage, nicht einfach so hin. Frage nach innen, in dich hinein, was der Tod bedeutet, was er ist. Erforsche ihn selbst. Ich habe dir gesagt, dass du gesegnet bist, ich wiederhole es: sehr gesegnet bist du, dass du dich durch dieses Ereignis jetzt auf diese Weise damit befassen kannst. Du hättest es freiwillig nicht so intensiv getan, obwohl du fähig und bereit bist. Also nimm dem Schicksal diesen Streich nicht übel…“ er grinste lausbübisch. Ich grinste zurück und konnte es gleichzeitig kaum glauben, dass ich fähig war, jetzt zu grinsen. Im selben Moment spürte ich innerlich ein starkes Gezogensein, wie wenn man kurz vor der Spitze eines sehr steilen Berges steht und es einer letzten Kraftanstrengung bedarf, die Spitze zu erreichen. Eine Weile ist es nicht sicher, ob man es schafft oder ob man wieder nach unten rutscht. Doch dann kommt eben dieses Gezogensein, man macht mit Schwung den letzten Schritt, und ist oben und weiß, man kann nicht mehr zurücksinken. So kam ich mir vor. Ich fühlte mich auf einmal sicher und war voller kindlicher Neugierde. Die Spitze des Berges war nicht das Ende. Sie war ein großes Plateau, das man erforschen konnte, und an ihrem anderen Ende ging es weiter bergauf, das war vorher nicht zu sehen gewesen. Da stand ich nun also, bereit, den Tod zu erforschen.


Ich öffnete die Augen. Wir saßen auf einer Bank am Flussufer. Der alte Mann sah, was in mir geschehen war. Wir sahen uns wieder lange in die Augen. „Und jetzt?“ fragte ich ohne Worte. Da sagte er: „Leg dich zuhause hin, auf den Rücken, leg die Hände auf deine Brust, schließe die Augen. Und dann sei tot. Stelle dir nicht vor, tot zu sein, sondern sei es. Probiere das aus“, sagte er alte Mann. „Wir sehen uns wieder, wenn du es möchtest.“ Er berührte wieder meine Schulter, um sich zum Gehen zu wenden… bevor er aufstehen konnte umarmte ich ihn, küsste ihn auf die Wange. … Sofort als ich zuhause war legte ich mich auf das Bett.


Ich schloss die Augen, legte mich ganz gerade auf den Rücken, die Beine an einander, die Hände auf den Rippen. Ich überlegte noch, ob ich sie falten sollte wie man es mit den Toten machte. Ich tat es. Und irgendwie hatte ich das Gefühl, mich jetzt in einen Toten hineinfühlen zu können… Was für ein Unsinn, dachte ich sofort. Ein Toter fühlt ja gar nichts mehr, wie soll man sich in ihn hineinfühlen. Diese Körperstellung wird er sicher gar nicht mehr wahrnehmen, weil er dann schon gegangen ist. Was nimmt er im Moment des Sterbens wahr? Das ließ gleich die nächste Frage entstehen: Wann genau ist der Moment des Sterbens überhaupt? All die Fragen schienen so interessant, aber ich wusste, eine Antwort würde ich nicht durch weiteres Nachdenken bekommen. Ich ließ all diese Gedanken und Fragen los und richtete meine Wahrnehmung allein auf meinen Körper, der wie tot dalag. Jahrtausende lang waren Menschen gestorben und meistens lagen sie am Ende so da wie ich jetzt. Sehr gut möglich, dass etwas sich in mir erinnerte, was diese Position bedeutet und ich auf diese Weise etwas erfahren konnte.


Plötzlich spürte ich etwas Eigenartiges. Es war, als ob all meine Körpersäfte zum Hals strömten und von da durch den Nacken in die Erde sickerten. Ich ließ es geschehen, und es fühlte sich wundervoll an, es war ein intensives, wohliges Gefühl, das immer mehr anstieg, immer intensiver wurde, ekstatisch. Es fühlte sich an, als ob ich mich in die Erde hinein erweiterte und mich in ihr immer weiter ausbreitete… und als ob ich dann von dort nach oben stieg, in die Luft… den herben Geruch und die stumpfe Berührung des Grases, durch welches ich strömte, mit mir nehmend.. und dann wusste ich nicht ob ich selbst die Luft war oder die Feuchtigkeit, welche sie trug, oder vielleicht die Wärme der Feuchtigkeit, welche die mikroskopisch kleinen Tröpfchen emporsteigen ließ. Was war ich? Ich fühlte mich überall präsent, ohne irgendeinen Zwischenraum, der nicht ich wäre… unendlich breit und hoch war ich, unendlich wach, ein unendliches Alles. Mein kleines Körperchen war vergangen, aber immer noch existent. Es lebte, verwandelt, in allen Elementen weiter. Und immer noch war etwas da, das sich selbst wahrnahm und alles beobachtete. Etwas, das voller Frieden war und voller Freude, und voller Schönheit. Es bestanden keine Fragen, es bestanden keine Probleme. Ich versuche mein bestes, aber man kann es, wenn man, zurückgekehrt, nur wieder Worte zur Verfügung hat, nicht so wiedergeben, wie es wirklich ist. – Irgendwann konzentrierte sich das, was ich war wieder – dieses Unendliche im Unendlichen wurde kleiner und kleiner, unendlich klein. Es floss aus allem, worin es war, wieder heraus und nach innen, zuerst aus allen Richtungen, dann aus immer weniger Richtungen, am Ende nur noch aus zwei Richtungen… und floss schließlich zu einem einzigen kleinen Punkt zusammen, meinem neuen Ich. Ich befand mich wieder in einem Mutterleib.


Ich sah ihn an. „Dann kribbelte auf einmal mein ganzer Körper und ich wachte auf. Ich konnte mich nicht sofort bewegen, erst als das Kribbeln abgeklungen war. Ich musste mich sammeln und erinnerte mich dann so langsam an alles, was geschehen war… falls das überhaupt wirklich geschehen ist…“ Wir saßen wieder am Fluss, wo wir ungestört waren. „Naja, es ist nicht so wichtig, welche Meinung das Denken darüber hat“, erwiderte der alte Mann. „Was Du erlebt hast, ist existentiell, das geht weit darüber hinaus. Du bist unglaublich schnell sehr weit gekommen… Man sieht, es war wirklich an der Zeit, dass etwas geschehen würde, um dir das alles bewusst werden zu lassen.“ „Ist das das Ziel für uns alle?“ „Nein. Nach meiner Auffassung gibt es keine Ziele, und schon gar nicht eines für alle. Es gibt einfach das, was ist. Jeder Mensch steht da, wo er steht und erfährt, was er erfährt. Das ist alles. Das ist das Leben.“ „Dann braucht niemand von uns etwas von jemand anderem zu lernen. Wieso lerne ich dann aber von dir?“ Plötzlich fiel mir auf, dass ich ihn duzte. Er nahm davon keine Notiz und da es so natürlich war, beließ ich es dabei, ohne es zu kommentieren. „Du lernst nicht von mir, du lernst immer nur von dir selbst. Ich bin in dem Moment einfach eine… sagen wir ,Außenstation’ von dir selbst… eine Art Leinwand, auf der du dir ansehen kannst, was in dir ist. Du kommunizierst mit dir selbst. Meine Antworten sind die Antworten, die du in dir noch nicht entdeckt hast, obwohl sie da sind. Jetzt entdeckst du sie eben in mir.“ Und fügte schmunzelnd hinzu: „Vergiss den alten Mann einfach.“ Wir blieben noch eine Weile nebeneinander am Fluss sitzen und schauten dem Wasser beim Fließen zu, was mir jetzt ebenfalls wie etwas vorkam, das von meinem Inneren nach außen geworfen wurde. Vor allem nach dem fließenden Erlebnis, das ich hatte, als ich „tot“ war. Lange saßen wir da, einfach so, ohne zu sprechen. Dann kamen, sparsam, die Worte zurück. „Ich hoffe, wir werden uns trotzdem wiedersehen, auch wenn du nur ich bist“, sagte ich lächelnd. „Das werden wir sicher, wenn du es willst.“


Es vergingen elf Jahre, in denen von Seiten der Behörden nichts geschah. Da ich das ja nicht wusste, und jederzeit damit rechnen musste, einen weiteren Schrieb zu erhalten oder gleich abgeholt zu werden, war ich zu meinem Segen mehr oder weniger gezwungen im Hier und Jetzt zu leben. Pläne? Ja, ich machte Pläne, und manchmal führte ich sie auch aus, aber auch das geschah nur im Hier und Jetzt. Ich lernte maximale Flexibilität und die Freiheit, an nichts so anzuhaften, dass der Schmerz des Loslassens mich verzweifeln ließ. Einen Plan zu ändern war nicht mehr schwierig. Etwas, was sicher schien, abblasen zu müssen, kein Drama. Ich wunderte mich selbst über die Leichtigkeit, die darin lag. Ich fühlte mich frei.


Ich nutzte die Zeit, die mir geschenkt war, um das Plateau zu erforschen, das ich vor elf Jahren mit Hilfe dieses alten Mannes erreicht hatte. Immer wieder, wenn Angst mich plötzlich umfing, spürte ich das sofort und schälte diese Hülle der Angst ab, worauf sie sich in Nichts auflöste, wie immer. Wichtig war, aufmerksam zu sein, und sie sofort zu bemerken, so dass es nicht geschehen konnte, dass sich viele Schichten der Angst um mich legten, denn dann wurde es viel schwieriger. Auch das geschah in diesen Jahren noch einige Male. Die ersten beiden Male tauchte der alte Mann auf, um mich zu unterstützen, danach schaffte ich es alleine… wobei ich mich aber nicht alleine fühlte, innerlich war er bei mir… Manchmal revoltierte mein Verstand. „Wieso muss mein ganzes Leben, das jeden Tag vorbei sein kann, mit so einer wahnsinnigen Disziplin belastet sein? Bin ich dafür auf der Welt?“ In diesen Momenten war keine Leichtigkeit mehr zu spüren, sondern nur schwere Pflicht, und es fühlte sich so an, als ob jede Nachlässigkeit von mir sofort bestraft würde. Der Gedanke erschien: „Wenn du das nicht weiter machst, dann geht’s dir richtig dreckig, wenn sie dich abholen und auch schon vorher!“ Aber ich durchschaute auch das als reines Egospiel. Immer wenn das Ego dabei war, das Ruder zu übernehmen, kam auch die Schwere. Wenn es sich zurückhielt, war das Üben nicht schwierig, sondern leicht, war eigentlich gar kein Üben, sondern einfach das Leben. Dann fühlte ich mich absolut frei. Nichts konnte mir etwas anhaben.


„Ich bin dabei, den Tod zu überwinden. Und ich habe das diesem verrückten Staat und seiner undurchdringlichen Korruption und gewalttätigen Herrschaft zu verdanken. Wie verrückt das nur ist!“ – dieser Gedanke stieg in mir hoch und berührte mich bis ins Innerste. Plötzlich sah ich alles in einem anderen Licht. Alles, auch das Böseste, konnte für den, der es erlebte, eine Hilfe sein. Zumindest ein Angebot, das er annehmen oder ablehnen konnte. Ich war froh angenommen zu haben. Ich spürte das Leben in mir fließen. Und seit meinem Erlebnis ganz am Anfang wusste ich genau, wie es war, wenn es aus mir herausfloss, und dass ich dann nicht leer zurückblieb, sondern dass ich selber das Fließen war… Mein Körper war etwas, das ich selber belebte… er war etwas, durch das ich hindurchfloss… ich floss in ihn hinein, erfüllte ihn so sehr ich konnte, und verließ ihn dann wieder. Darin war nicht Tragik, nicht Trauer, nicht Angst, sondern absolute Schönheit, absoluter Zauber. Ich war aber auch der Körper, ich wusste, wie es war, stark zu sein, immer stärker zu werden, und dann wieder Kraft zu verlieren, immer schwächer zu werden, bis ich leer war. Magie des Lebens. Ich und Du. Das Vergehen war ebenso wie das Geborenwerden und das pulsierende Leben ein großes Erlebnis. Das Kommen und Gehen geschah ewig, war unvergänglich, ein grandioses Spiel. Geborenwerden war nicht besser als Sterben, beides war das Leben. Identitäten gab es so viele wie Sterne in allen Welten… und sie erschienen und vergingen auch tatsächlich wie Sterne. Es gab keinen Verlust. Ganz offensichtlich nicht. Keinen Tod. Jedenfalls nicht in einem Sinn, der dem Leben widersprach. Auf einmal war alles ganz offensichtlich. Und ich war gänzlich bereit.


Nun spürte ich also ihre Hände, die meine Arme fest umklammerten und mich vorwärtstrieben. Meine Augen waren verbunden, in die Ohren hatte man Ohrstöpsel gesteckt, so dass ich nur noch dumpf irgendwelche Laute hörte, und meinen Mund hatten sie geknebelt. Ich war völlig orientierungslos und mein Hirn meldete mir absolute Verwirrung. Durch den Knebel fiel mir bei dem Tempo, das die Kerle links und rechts von mir vorlegten, das Luftholen immer schwerer. Ich keuchte, die Brust wurde mir eng. Ich sackte immer wieder zusammen. Panik meldete sich. Doch sie liefen im selben schnellen Tempo einfach weiter und achteten nicht auf mich. Mein Gewicht schien für sie gar nicht zu existieren. Als es schien, dass ich gar keine Luft mehr bekam, merkte ich plötzlich, wie ein erlösendes, schwarzes Nichts mich umfing. Ich weiß nicht, wie lange es währte.


Dann sah ich auf einmal den alten Mann wieder. Ich freute mich sehr, denn es waren einige Jahre vergangen, in denen ich ihn nicht mehr gesehen hatte. Er stand am Flussufer, nahe „unserer“ Bank. Im Nu, als wäre ich gar nicht gelaufen, war ich bei ihm und wir umarmten uns. Sein Lächeln war warm und er legte alle Herzlichkeit und Liebe in ein einziges Wort der Begrüßung: „Willkommen!“ Ich blickte ihn erstaunt an… was für eine eigenartige, feierliche Begrüßung. Er machte eine Geste zur Bank hin und schon saßen wir darauf.


„Sie haben dich gerade ziemlich grob und rücksichtslos behandelt, daher war dein Übergang früher als ich erwartet hätte. Du hast ihn gar nicht bemerkt.“ Er lächelte sanft und sagte: „Schau!“ Ich wusste nicht, was er meinte und wohin ich schauen sollte, doch auf einmal sah ich, was er meinte. Ich sah mich, meinen Körper, links und rechts gehalten von zwei großen, muskulösen Männern. Kraftlos hing er zwischen ihnen und war eigentlich kaum zu erkennen, mit dem fast rundum verbundenen Gesicht. Gerade betraten sie mit mir durch ein eisernes Tor den weitläufigen Innenhof eines langgestreckten, hohen Gebäudes. Es sah aus wie das Gerichtsgebäude, in welchem ich vor elf Jahren mit einem Beamten ein unvergessliches Gespräch über meine Hinrichtung geführt hatte. Welch unsagbare Verzweiflung, damals in mir war! Und nun war es soweit, und ich saß völlig ruhig und sicher auf einer Bank, in Gesellschaft meines besten Freundes, und betrachtete alles wie einen Film. Jetzt erst dämmerte mir, was geschehen war. Ich sah meinen Freund an und sagte: „Ich bin also schon tot?!“ Die Worte kamen halb fragend, halb ausrufend aus mir heraus. „Was man eben so ,tot’ nennt“, lächelte er. „Du bist weitergegangen. So wie wir alle immer weitergehen.“


Ich sah wie sie meinen Körper auf einen Holzbock legten, ihn daran festschnürten. Das hoch über meinem Kopf zwischen zwei Holzpfosten wartende, schräg angeschnittene Messer, glänzte in dem unwirklich scheinenden Licht, das die Szenerie erhellte. Ohne weitere Verzögerung wurde es gelöst und sauste mit einem eigentümlichen Geräusch hinab. Unwillkürlich zuckte ich zusammen. Ich spürte die Hand meines Freundes an meiner Schulter, er hielt mich fest. Ich schaute ihn etwas erschrocken an, und da drückte er mich fest an sich. Er drückte mich an sich. Ich fühlte mich seltsam. „Weißt du was… ich glaube, ich trauere um mich, um das vergangene Leben, ist das nicht seltsam? Als wäre ein guter Freund gestorben“… und musste doch lächeln. Ich fühlte mich gleichzeitig so frei wie noch nie zuvor. „Aber wieso habe ich eigentlich noch genau denselben Körper“, fragte ich und sah an meinem altengewohnten und völlig unversehrten Körper hinab. „Es ist nicht derselbe, es sieht nur so aus. Mach dir über solche Dinge keine Gedanken, das ist unwichtig. Lass uns gehen.“ Wir erhoben uns und spazierten flussabwärts.


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