Der moderne Hexenhammer

Der moderne Hexenhammer

A. Schlee
Der Hexenhammer; Bildquelle: dpa

Der Hexenhammer, eine scholastische Abhandlung aus dem Mittelalter. Es wurde um das Jahr 1486 von dem Dominikaner, Theologen und Inquisitor Heinrich Kramer verfasst. Es soll hier jetzt nicht um das Werk gehen, sondern viel ehr um das, als was das Werk, zumindest Teilweise angesehen oder als was es verkauft wurde.

Der Hexenhammer galt nämlich einst als eine Art "wissenschaftliche Abhandlung", in der der Umgang mit Hexen erläutert wird. Wie gefährlich sind Hexen? Wie erkenne ich Hexen? Was kann ich gegen Hexen tun? Und ähnliche Dinge behandelte dieses menschenverachtende Werk. Es ist äußerst Brutal in seinen Lösungsansätzen.

Uns interessiert hier aber mehr die sog. "Scholastik", eine Methodik zur Wissensbildung. Es geht dabei um eine gewisse Art der Denkweise und Herangehensweise bei der Beweisführung, die in der lateinischsprachigen Gelehrtenwelt des Mittelalters entwickelt wurde. Die Scholastik ist eine Art der Argumentation und Beweisführung, die auf allen Wissensgebieten gleichermaßen praktiziert wurde, also in der Medizin und Naturwissenschaft ebenso wie in der Theologie und Metaphysik. Diese Methodik zeichnet sich u.a. dadurch aus, dass eine Theorie oder eine Behauptung genügend umfassend untersucht würde, in dem man zu dessen Klärung theoretische Erwägungen, ausgehend von vorherigen Grundannahmen und Voraussetzungen (Prämissen) heranzieht. Die Scholastik war dabei keineswegs auf theologische Themen begrenzt, sondern umfasste die Gesamtheit des Wissenschaftsbetriebes. Die scholastische Methode war zudem die in der Epoche bekannteste und verbreitetste Beweisführungsstrategie,- und sie wird es scheinbar heute auch wieder.

Das deutsche Wort "scholastisch" ist seit dem 17. Jahrhundert bezeugt. Gemäß einem damals verbreiteten negativen Mittelalterbild wurden diese Ausdrücke von Anfang an oft abwertend verwendet ("engstirnig", "pedantisch", "dogmatisch"). Noch heute wird damit unter anderem die Vorstellung von begrenzter, einseitiger "Schulweisheit", schematischem, wirklichkeitsfremdem Denken, Überbetonung der Theorie, Haarspalterei und Spitzfindigkeit verbunden.

Diese Methodik war im damaligen Universitätsbetrieb die einzig akzeptierte wissenschaftliche Vorgehensweise. Berücksichtigt man jedoch die Gegenargumente nicht, bzw. die schon von Aristoteles aufgezeigte "Lehre des Trugschlusses" ("Sophistischen Widerlegungen"; letzter Teil seines Werkes "Organon"), so endet es in einem Chaos aus Trug-, und Zirkelschlüssen.

Da man von bestimmten "allgemeinen Grundsätzen" ausging und deren Richtigkeit auch niemals in Frage stellte, begann man Beobachtungen entsprechend diesen grundsätzlichen Annahmen zu Deuten und in seine jeweilige These einzupassen.

Scholastiker waren und sind überzeugt davon, dass theoretisches Wissen, das aus solchen allgemein akzeptierten Grundsätzen vermeintlich logisch hergeleitet werden kann, das sicherste Wissen ist, das es geben kann. Beobachtungen können falsch oder trügerisch sein oder falsch gedeutet werden, aber eine logisch Folgerung aus einem solchen allgemeingültigen Grundsatz ist notwendigerweise irrtumsfrei. Darum mussten Phänomene, die einer solchen Folgerung zu widersprechen schienen, so gedeutet werden, dass sie in den von diesem Prinzip und seinen Konsequenzen gesetzten Rahmen hineinpassten. Dies wurde "Bewahrung der Phänomene" genannt und spielte besonders in der Physik und Astronomie eine zentrale Rolle, wurden aber auch in allen anderen Bereichen so gehandhabt. Ergaben sich also z.B. aus einem allgemein anerkannten Grundsatz Folgerungen, die denen aus einem anderen Grundsatz widersprachen, so bemühte man sich zu zeigen, dass der Widerspruch nur scheinbar existierte und auf einem Missverständnis beruhte.

Bei Widersprüchen zwischen Aussagen anerkannter Autoritäten versuchte man meistens zu zeigen, dass beide Aussagen zutreffen, es dabei nur um Feinheiten in der Deutung ginge. Die Scholastiker verfügten über zahlreiche Möglichkeiten, Widersprüche aufzulösen, ohne allgemein anerkannte Lehrsätze aufgeben zu müssen (grenzt u.U. an Kognitive Dissonanz), z.B.:

1: Es gibt verschiedene Deutungsebenen; manche Aussagen sind nur symbolisch gemeint oder sollen einem bestimmten Zweck (z.B. einem didaktischen) dienen und sind nicht unbedingt als Tatsachenbehauptungen aufzufassen.

2: Begriffe oder Aussagen können je nach Zusammenhang unterschiedliche Bedeutungen haben.

3: Die Frage, ob die fraglichen Stelle mehrdeutig oder eindeutig ist, ist für das Verständnis entscheidend.

4: Die meisten Aussagen beanspruchen nicht absolute Gültigkeit, sondern sollen nur in bestimmter Hinsicht und unter bestimmten Voraussetzungen wahr sein (Szenarien).

uvm...



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