Demokratie braucht Religion

Demokratie braucht Religion

blinkist DE
Harmut Rosa

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Was drin ist für dich: Verstehen, warum sich unsere Gesellschaft polarisiert und wie Religion dagegen helfen kann.

Die Polarisierung in der Gesellschaft nimmt zu. Und das, obwohl wir im Globalen Norden doch alles haben. Wie kommt es, dass wir ausgerechnet heute, da der Wohlstand so groß ist wie nie zuvor, immer intoleranter gegenüber Menschen mit anderen Meinungen werden? Und wie gelangen wir zurück zu einem demokratischen Zusammenleben, in dem wir einander wieder zuhören?

Diesen Fragen ist Hartmut Rosa in seiner Rede beim Würzburger Diözesanempfang nachgegangen. Seine zentralen Thesen und Argumente haben wir für dich gebündelt. Wir analysieren den derzeitigen Zustand unserer Gesellschaft, werfen einen kritischen Blick auf das Dogma des permanenten Wirtschaftswachstums und erklären, welches Potenzial Religionen für unsere demokratische Zukunft bieten.

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Vom zwanghaften Wachstum und seinen Folgen

„Nächstes Jahr, da mache ich auf jeden Fall ein bisschen langsamer!“ Hast du dir das auch schon einmal vorgenommen? Nicht nur du – das Gefühl, immer noch etwas erledigen zu müssen, ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Aber wie kommt das eigentlich? Und vor allem: Was hat es für Auswirkungen?

Fangen wir mal etwas abstrakter an: Moderne Gesellschaften entwickeln sich weiter. Zugleich wachsen die Bevölkerungszahlen und mit ihnen die Produktion von Dingen, die fürs Leben nötig sind, wie Nahrung und Kleidung. In der Folge wächst die Wirtschaft.

So weit so gut. Doch im Globalen Norden sind wir an einem kritischen Punkt angelangt. Während die Menschen früher „bedarfsdeckend“ lebten, wie es der Philosoph Max Weber nannte, produzieren wir inzwischen längst viel mehr, als wir eigentlich brauchen.

Denk nur mal an das Smartphone: Vielleicht hat das neueste Modell tatsächlich eine bessere Kamera als sein Vorgänger, aber brauchen wir die wirklich? Natürlich nicht, und trotzdem upgraden viele Menschen ihre technischen Geräte in immer kürzeren Abständen. Die Hersteller befeuern diesen Trend, indem sie wenig Anreize schaffen, am Alten festzuhalten: Häufig sind Reparaturen fast so teuer wie ein Neugerät.

Ein weiteres Beispiel ist die Nahrung: Im Globalen Norden wird unendlich viel Essen weggeschmissen. Und auch die steigenden Raten von Übergewicht zeugen davon, dass wir mehr produzieren, als wir eigentlich brauchen. Die Liste ließe sich endlos fortführen: Autos, Gadgets, Kleidung …

Das Problem der turbokapitalistischen Gesellschaft ist also nicht, dass es uns an irgendetwas fehlt, sondern dass wir – obwohl unser Bedarf gedeckt ist – immer weiter und immer schneller produzieren müssen. Unsere Wirtschaft muss wachsen. Aber warum?

Weil unser gesellschaftliches und politisches System sonst zusammenbricht. Wenn die Wirtschaft nicht wächst, wenn also zum Beispiel die Automobilbranche nicht rasant auf E-Autos umstellt, um weiterhin hohe Absatzzahlen zu erreichen, gehen die Autobauer pleite – und unzählige Arbeitsplätze gehen verloren.

Mit steigenden Arbeitslosenzahlen steigen auch die Sozialausgaben des Staates, während gleichzeitig die Steuereinnahmen sinken. Das wiederum wirkt sich auf andere öffentliche Bereiche wie den Gesundheitssektor aus, für den dann immer weniger Geld übrig bleibt.

Wir haben es also mit einer heiklen Abwärtsspirale zu tun, die nur vermieden werden kann, indem unsere Wirtschaft immer weiter und rasanter wächst. Kurz: Der Kapitalismus hat uns fest im Griff.

Das ist aber noch nicht alles: In den Jahren des sogenannten Wirtschaftswunders nach dem Zweiten Weltkrieg brachte das Wachstum viel Wohlstand mit sich. Heute hingegen steigern wir unseren Wohlstand trotz ständigen Wachstums kaum noch.

Oder anders formuliert: Früher arbeiteten Eltern dafür, dass ihre Kinder es einmal besser haben würden. Sie arbeiteten in dem Wissen, dass sie die Lebenssituation in der Gesellschaft tatsächlich komfortabler machen konnten. Es ging ihnen darum, die Defizite der Nachkriegsjahre zu überwinden und dafür zu sorgen, dass ihre Kinder nicht mehr um Alltägliches wie Nahrung oder Unterkunft kämpfen mussten.

Heutzutage arbeiten Eltern nur, damit die nächsten Generationen es nicht schlechter haben. Das ist viel weniger motivierend, weil sie keine Belohnung in Aussicht haben – das bessere Morgen –, sondern nur von der Angst getrieben werden, dass alles den Bach runtergeht.

Gleichzeitig sind die Menschen permanent gehetzt. Und das nicht nur im Job, sondern auch in der Freizeit. Denn auch dort ist immer Raum für Verbesserung: Das neue Rennrad ist noch leichter, die neue Trainingshose noch trendiger. Schon wieder Urlaub an der Nordsee? Wie langweilig! In Dubai lassen sich garantiert noch coolere Insta-Fotos machen. Kurzum: Wir kommen nie an einen Punkt, an dem wir unser Steigerungsbefürfnis nachhaltig befriedigen.

All das führt schließlich dazu, dass wir uns in einem ständigen Aggressionsverhältnis zur Welt befinden. Mehr dazu im nächsten Abschnitt.

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Von der Unfähigkeit, miteinander zu reden

Wie eben erläutert, jagen wir ständig dem neuesten Wunschobjekt hinterher, ohne je dauerhaft zufrieden zu sein. So entsteht eine aggressive Grundstimmung, in der die Menschen zunehmend intoleranter werden. Was absolut verständlich ist. Denn jemandem zuzuhören, der eine andere Meinung hat als wir, das kostet Kraft. Und genau davon haben wir ja kaum noch etwas übrig, weil wir uns ständig in allem steigern müssen. Viel einfacher und bequemer ist es, wenn andere unser Weltbild bestätigen. Wenn man beispielsweise nicht darüber diskutieren muss, ob das Tragen einer FFP2-Maske sinnvoll ist oder nicht.

In diesem Zusammenhang hat der Politikprofessor Michael Bruter von der London School of Economics and Political Science in einer Untersuchung eine beunruhigende Tendenz ausgemacht: In den Demokratien unserer Welt wandelt sich die politische Kultur. Politisch Andersdenkende werden nicht mehr als Dialogpartnerinnen und -partner wahrgenommen, sondern als verabscheuungswürdige Feinde.

In den USA fällt dies besonders bei den Auseinandersetzungen zwischen Republikanern und Demokraten auf. In seinem Wahlkampf gegen Hillary Clinton forderte Donald Trump, seine Gegnerin einzusperren: „Lock her up!“ Das ist das Gegenteil von Demokratie. Statt miteinander zu reden, sollen Menschen mit anderen Ansichten mundtot gemacht werden.

In England hat der Brexit ähnliche Feindseligkeiten hervorgebracht, und die eingangs angesprochene Maskenpflicht oder der Konflikt zwischen Impfgegnern und -befürwortern sind weitere Beispiele für die steigende Unfähigkeit in der Gesellschaft, miteinander zu reden.

Dabei ist der Dialog essenziell für die Demokratie. Sie funktioniert nicht in dem Aggressionsmodus, den unser zwanghaftes wirtschaftliches Wachstum auslöst. Aber wie finden wir einen Weg, um als Gesellschaft wieder besser aufeinander eingehen zu können?

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Vom Innehalten und den Momenten der Resonanz

Wann hast du das letzte Mal Musik gehört? Und zwar, ohne nebenbei auf dem Smartphone zu daddeln! Hast einfach nur den Tönen gelauscht – und dich ganz von ihnen ergreifen lassen? Musikhören ist ein einfaches Beispiel für Resonanz. So nennt Hartmut Rosa die Fähigkeit, sich auf etwas einzulassen. Leider verlernen wir genau das immer mehr.

Rosa macht vier zentrale Elemente von Resonanz aus. Das erste ist die Affizierung. Es ist der Augenblick, in dem wir auf etwas aufmerksam werden und innehalten. Wir steigen aus dem Rummel, der uns umgibt, aus und widmen uns dieser neuen Sache. Dabei handelt es sich gerade nicht um etwas Alltägliches wie das Aufblinken des Smartphones, sondern um etwas Unerwartetes und Besonderes, wie eben der Klang einer speziellen, uns ergreifenden Musik.

Die Affizierung läuft nicht immer harmonisch ab. Im Gegenteil, sie ist auch eine Form der Irritation. Deswegen affizieren uns vor allem Dinge, die wir noch nicht kennen, etwa eine provozierend andere Meinung oder eine ungewohnte Denkweise. Informationen oder Meinungen, die nur unser Weltbild bestätigen, lösen hingegen keine Resonanz bei uns aus.

Das zweite Element der Resonanz ist die Selbstwirksamkeit. Wir treten mit dem, was unsere Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, in Verbindung. Rosa nennt dazu ein Beispiel aus seiner Tätigkeit als Universitätsdozent: In seinen Vorlesungen kommt es ihm oft so vor, als spräche er zu einer leeren Wand. Aber manchmal entsteht eine spürbare Energie im Raum, nämlich dann, wenn ihm die Studierenden wirklich zuhören und sich für das, was Rosa vorträgt, öffnen. Das ist dann auch tatsächlich sichtbar: durch eine veränderte Körperhaltung, einen konzentrierten Blick oder leuchtende Augen.

Vielleicht kennst du das selbst noch aus der Schule, der Berufsschule oder dem Studium. Dieser magische Moment, wenn zwischen dir und der Lehrperson plötzlich eine Verbindung entsteht, weil du von ihr etwas Neues lernst, das dich begeistert.

Das dritte Element der Resonanz ist die Transformation. Die Begegnung mit dem Neuen, Faszinierenden – was immer es gerade ist – verändert unsere Stimmung und wir kommen auf neue Gedanken. Mit einem Mal fühlen wir uns quicklebendig, weil wir nicht dem immer gleichen Trott folgen. Wir erleben einen Aha-Moment, sei es durch einen spannenden Gedanken aus einem Buch, ein anregendes Gespräch oder eine Musik, die uns verzaubert.

Das vierte Element der Resonanz, oder vielmehr eine Eigenschaft von ihr, ist die Unverfügbarkeit. Resonanz lässt sich nicht erzwingen und steht uns auch nicht per Knopfdruck zur Verfügung. Du kannst dir also nicht einfach Konzert-Tickets kaufen und dann sagen: So, jetzt hol ich mir mal Resonanz ab. Das ist auch ein Grund dafür, weshalb Weihnachtsfeiern oft im Streit enden: Alle wollen unbedingt ein besinnliches Fest erleben, doch durch diese Erwartungshaltung entsteht so viel Druck, dass es dann nur frustrierend wird.

Alles, was wir tun können, ist, uns für Momente der Resonanz offenzuhalten. Es ist also weniger eine konkrete Handlung gefragt als vielmehr eine bestimmte innere Haltung. Und genau da kommt nun die Religion ins Spiel.

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Vom hörenden Herz und dem Resonanzpotenzial der Religion

Sich bekreuzigen, die Finger ins Weihwasser tauchen oder zum Gebet niederknien: Viele christliche Rituale sind nichts anderes als bewusstes Innehalten. Die Gläubigen kappen für eine Weile die Verbindung zum hektischen Alltag und öffnen sich für eine neue Verbindung: zu einer anderen, jenseitigen Welt.

Man könnte auch sagen, religiöse Rituale trainieren die Resonanzfähigkeit. Und genau darin sieht Rosa den großen Nutzen, den Religionen für die Demokratie haben können. Warum? Rosa erklärt das so: Die Religion gibt den Menschen das Versprechen, dass sie nicht grundlos existieren. Es gibt nicht einfach nur das kalte Universum, das uns zufällig hervorgebracht hat. Um beim Christentum zu bleiben: Gott hat uns geschaffen, und als unser Schöpfer hat er ein Verhältnis zu uns, das nicht gleichgültig ist.

Über Rituale nehmen wir Verbindung zu unserem Schöpfer auf – wir treten also in ein Resonanzverhältnis mit Gott. Und weil Gott nicht nur uns Menschen, sondern alles Leben erschaffen hat, treten wir über ihn auch in eine Beziehung zum großen Ganzen.

Je mehr Menschen sich dem großen Ganzen verbunden fühlen, desto besser funktioniert auch die Demokratie. Denn Verbundensein ist das Gegenteil von Aggression, die uns intolerant gegenüber anderen und der Welt werden lässt. Ein verbundener Mensch starrt nicht gelangweilt zu Boden oder geht in Gedanken die Wochenendpläne durch, wenn andere reden – er will tatsächlich hören, was seine Mitmenschen zu sagen haben. Auch und besonders dann, wenn das Gesagte von der eigenen Meinung abweicht.

Rosa nennt diese wertvolle Fähigkeit das „hörende Herz“. In gewisser Weise ist es das Gegenstück zu Trumps „Lock her up!“-Mentalität, denn es bedeutet, sich auf die Kraft der Gemeinschaft zu besinnen. Ein Mensch mit einem hörenden Herzen fragt auch nicht ständig, welchen Nutzen er aus einem Gespräch, einer Handlung oder einer Situation für sich selbst ziehen kann. Er hört einfach zu – mit ehrlichem Interesse und ohne Erwartungen.

Für Rosa steht fest: In unserer gehetzten Gesellschaft brauchen wir Eigenschaften wie die Resonanzfähigkeit und das hörende Herz mehr denn je. Und Religionen bieten uns durch ihre sinnstiftenden Erzählungen und die damit verbundenen Rituale starke Werkzeuge, um diese Eigenschaften zu fördern.

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Fazit

Fassen wir noch einmal Rosas vier Kernargumente zusammen.

Erstens: Wir leben in einem turbokapitalistischen Wirtschaftssystem, das uns kaum Zeit zum Durchschnaufen gibt. Das ständige Gefühl, nie genug zu haben, führt zu chronischer Frustration und lässt uns ein aggressives Verhältnis zur Welt entwickeln.

Zweitens: Dieses Aggressionsverhältnis mindert unsere Bereitschaft, uns auf Menschen mit anderen Meinungen einzulassen. Wir reden nicht mehr mit Andersdenkenden, was die Basis jeder Demokratie schädigt: Es finden keine ehrlichen Debatten mehr statt.

Drittens: Ein Ausweg ist das Wiedererlernen von Resonanz, also der Fähigkeit, innezuhalten und eine tiefere Verbindung mit Menschen, Dingen und Ideen einzugehen, die nicht einfach nur unsere Vorurteile bestätigen.

Und viertens: Religionen haben ein riesiges Resonanzpotenzial. Sie sind reich an Geschichten und Ritualen, mit denen sich Resonanz erlernen und trainieren lässt.

Übrigens geht es Rosa nicht darum, die Menschen von der Existenz eines übernatürlichen Wesens zu überzeugen. Er stellt lediglich fest, dass die Religionen kulturelle Praktiken bieten, die wir in unserer Gesellschaft dringend benötigen. Auch Nichtgläubige können und sollten sich solche Praktiken abschauen und aneignen.

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