DIE SCHLACHT
Stefan BambergWladimir Megre, Anastasia, Band 07, "Die Energie des Lebens", Kapitel 5 - "Die Heiden" - Unterkapitel 1: "Die Schlacht"

Zu jener Zeit dominierte im Leben des alten Russlands die Kultur des Wedismus. Die Wedrussen bauten damals noch keine Städte. Eine Vielzahl von Siedlungen, bestens versorgt mit ungewöhnlichen Nahrungsmitteln, freudige, vom Licht erfüllte Menschen, die auf ihren eigenen Familienlandsitzen lebten - so stellte sich das vergessene Russland dar. Zur gleichen Zeit waren andere Länder schon auf ihre prunkvollen Städte stolz. In diesen Staaten war die Sehnsucht der Menschen bereits von der Macht des Geldes überschattet. Die Herrscher dieser Länder verfügten außerdem über große Armeen, mit deren Hilfe sie die ganze Welt zu erobern versuchten. Viele der damaligen Völker mussten sich bereits diesen dunklen Mächten ergeben.
So kam eine römische Elitelegion eines Tages auch nach Russland. Fünftausend römische Soldaten schlugen an der Grenze des alten Russlands in der Nähe der ersten kleinen Siedlung ihr furchterregendes Lager auf.
Die Ältesten aus der russischen Ortschaft wurden zu den Befehlshabern der Legion in das Lager bestellt. Ohne Angst erschienen die Ältesten vor den Vertretern dieser schrecklichen Macht. Die Legionäre kämen aus dem mächtigsten Land der Erde, erklärten ihnen die Heerführer, deswegen müssten nun alle Siedlungen ihren Tribut an die Großmacht entrichten. Und wer nicht bezahle, werde als Sklave mitgenommen.
"Wir werden mit unseren Nahrungsmitteln keine feindseligen Menschen und damit auch keine dunklen Großmächte versorgen", antworteten die Ältesten der kleinen Siedlung.
Der Oberbefehlshaber der Legion wandte sich an den Sprecher der Ältesten aus dem Dorf: "Eure Barbarei und eure merkwürdige Lebensweise wundern mich nicht, denn davon habe ich bereits gehört. Doch euer Verstand ist offensichtlich nicht einmal in der Lage, den Kräfteunterschied nüchtern zu bewerten. So werdet ihr in einem zivilisierten Imperium niemals frei sein können. Ein Sklavendasein oder Tod - das sind eure Alternativen."
Der Älteste aus der wedrussischen Siedlung erwiderte nur: "Wer nicht imstande ist, sich durch die Schöpfung Gottes zu ernähren, der ist nicht des Lebens würdig. Schaut doch mal her."
Mit diesen Worten zog der alte Wedrusse zwei schön und gleich aussehende, frische Äpfel aus seiner Hosentasche. Sein Blick streifte die in ihrer Rüstung glänzenden Befehlshaber der Legion und fixierte anschließend einen einfachen, jungen Soldaten. Dann trat er an den Soldaten heran, reichte ihm einen der beiden Äpfel und sagte: "Nimm diese Frucht, mein Sohn, möge diese deine Seele erfreuen."
Unter den Augen aller Beteiligten nahm der römische Soldat die Frucht entgegen und biss, ohne zu zögern, hinein. Nun beobachteten alle anderen neidisch, wie das junge Gesicht des Soldaten und sein ganzes Wesen eine noch nie erlebte Seligkeit ausstrahlten.
Der Älteste aus dem Dorf drehte sich aber zum Oberbefehlshaber der Legion um, trat mit dem zweiten schönen Apfel in der Hand an ihn heran und verkündete: "Ich verspüre in meiner Seele kein Bedürfnis, auch dir eine schöne Frucht zu überreichen. Versuche nun selbst, die Bedeutung meiner Worte zu verstehen."
Dann legte der alte Wedrusse den zweiten Apfel vor den Füßen des Heerführers ab.
"Du wagst es, alter Mann, mit vollem Ernst, dich gegenüber unserem in vielen Kämpfen erprobten Oberbefehlshaber derart frech zu benehmen?", rief ein römischer Meldereiter aus, hob schnell den Apfel auf und stöhnte plötzlich vor Verwunderung.
Alle hochrangigen Legionäre und ihre Diener starrten den Meldereiter sprachlos an ... Der wunderschöne Apfel in seiner Hand verfaulte direkt vor ihren Augen. Plötzlich erschien auch noch ein Schwarm kleiner Fliegen und machte sich genüsslich über den faulenden Apfel her.
Währenddessen fuhr der alte Wedrusse fort: "Es wird niemandem gelingen, die Göttlichen Früchte und die Schöpfung Gottes mit Gold zu kaufen oder mit Gewalt in Besitz zu nehmen. Du kannst dich als Herrscher oder Eroberer anderer Länder bezeichnen, doch du wirst schließlich die faulen Früchte deiner Vorhaben selbst essen müssen."
"Es ist keine Mystik, Wladimir, verstehe doch: Früchte von Pflanzen, die mit Liebe gezüchtet wurden, können ihre Glückseligkeit nur an diejenigen Menschen zurückgeben, die ihnen ihre Liebe geschenkt haben oder an jene, denen sie nach dem freien Willen ihrer Züchter geschenkt wurden. Das ist ein Gesetz des Weltalls. Die Beweise dafür findest du in der aufmerksamen Betrachtung der heutigen Welt. Die Menschen sind schon längst dazu verdammt, sich von Früchten zu ernähren, die lange nicht mehr frisch sind." (...) Und der alte Wedrusse aus Anastasias Erzählung war kein Mystiker. Er teilte den Römern nur etwas mit, was jedes Kind im wedischen Russland bereits wusste.
Die Antwort des Ältesten der wedrussischen Siedlung sorgte für Zorn bei den römischen Heerführern. Er wurde an Ort und Stelle gefasst und in einen Käfig gesperrt. Der alte Mann sollte zusehen, wie die Häuser und die Gärten seiner Siedlung brannten und in Ketten geschlagene Männer, Frauen und Kinder vor ihm hergetrieben wurden.
Und der Oberbefehlshaber sprach boshaft zu ihm: "Siehst du, alter Mann. All deine Stammesgenossen sind nun Sklaven. Du hast mich vor meinem gesamten Gefolge lächerlich gemacht. Zuerst wirfst du mir eine Frucht vor die Füße und lässt sie dann noch verfaulen'. Nun werden alle deine Stammes genossen als Sklaven unter Todesangst viele Früchte züchten, die nicht sofort faulen."
"Unter Todesangst können nur todbringende Früchte gezüchtet werden, selbst wenn sie nahrhaft aussehen. Ein primitiver Mensch wie du wird mein Land nie unterwerfen können. Ich habe bereits eine Taube mit Nachrichten über dich an die Wahrsager geschickt. Sie werden diese Taube sehen und dem Volk berichten ... "
Per Befehl orderte der römische Heerführer von jeder Siedlung je einen Vertreter zu einer Vorführung der Stärke, der Kampfkunst und der Ausrüstung seiner Legion. Eine Vielzahl wedrussischer Eilboten setzte alle Siedlungen davon in Kenntnis. Durch die römische Machtdemonstration sollten die Wedrussen die Fähigkeit der Legionäre erkennen, alle ungehorsamen Siedlungen von der Erdoberfläche auszuradieren und die Kinder zusammen mit den jungen Frauen als Sklaven mitzunehmen. Die Vertreter der Siedlungen wurden aufgefordert, ihren Tribut an die furchterregenden Kämpfer gleich mitzubringen. Außerdem wurde den Wedrussen vom Heerführer befohlen, auch künftig, jeweils im Herbst, einen Teil ihrer Ernte als Tribut für seine Großmacht zu den Herrschern von Rom zu bringen.
Schon bei Sonnenaufgang standen an dem genannten Tag vor dem riesigen Militärlager der Römer neunzig wedrussische junge Männer. Ganz vorne stand Radomir, der dir ja nicht unbekannt ist. Er trug ein Hemd, dass seine Ljubomila für ihn mit viel Liebe mit der Hand bestickt hatte. Auch die hinter ihm stehenden jungen Männer hatten helle Hemden an.
Ihre hellbraunen Haare waren von keinen metallenen Helmen bedeckt, sondern nur von den aus Gras geflochtenen Litzen umrahmt. Sie trugen auch keine Schilde, um sich vor den tödlichen Schlägen der Feinde zu schützen. Lediglich am Gürtel jedes Einzelnen von ihnen hingen je zwei Schwerter. Sie standen schweigend vor dem römischen Lager und jeder von ihnen hielt sein Pferd am Zaum. Die meisten Pferde waren nicht einmal gesattelt.
Beim Anblick der neunzig jungen Männer versammelten sich die Befehlshaber des gut ausgebildeten fünftausendköpfigen Heeres zu einer Beratung. Danach ging der Oberbefehlshaber zum Käfig, in dem der alte Wedrusse aus der verbrannten Siedlung gefangen gehalten wurde, und fragte: "Was haben diese Milchbärte hier verloren? Ich habe doch den Ältesten aller Siedlungen befohlen, vor mir zu erscheinen, damit ihnen das Gesetz des Kaisers meines Landes verkündet wird."
Der gefangene Wedrusse antwortete aus dem Käfig: "Die Ältesten unserer Siedlungen wissen längst, was du ihnen mitzuteilen hast. Sie mögen deine Reden nicht. Und so beschlossen sie, sich das unangenehme Gefühl der Begegnung mit dir zu ersparen. Nun stehen vor dem Lager deines Heeres nur neunzig junge Männer aus der Nachbarsiedlung. Ich sehe, sie tragen Schwerter an ihren Gürteln. Wahrscheinlich sind sie bereit, den Kampf gegen euch aufzunehmen."
,,0, diese hirnlosen Barbaren" , überlegte der 0berbefehlshaber, "es wäre sicherlich nicht schwer, einen Teil des Heeres in den Kampf zu schicken und sie alle niederzumetzeln. Doch welchen Nutzen hätten wir von den leblosen Körpern? Wäre es im vorliegenden Fall nicht besser, ihnen alles zu erklären und gesunde männliche Sklaven zum Imperator zu bringen?"
"Alter Mann, hör mir mal zu", wandte sich der Oberbefehlshaber an den Wedrussen im Käfig, "diese jungen Männer achten dich offensichtlich sehr. Erkläre doch du ihnen die ganze Sinnlosigkeit des ungleichen Kampfes. Schlage ihnen vor, sich zu ergeben. Ich bin bereit, sie am Leben zu lassen. Natürlich werden sie alle gefangen genommen und zu Sklaven gemacht. Dann müssen sie aber nicht mehr in diesem barbarischen Land leben und können als gehorsame Sklaven sogar Kleidung und Essen bekommen. Erkläre ihnen, alter Mann, wie sinnlos das Blutvergießen in diesem ungleichen Kampf für sie alle wäre."
Der alte Wedrusse antwortete: "Gut, ich werde gleich versuchen, es ihnen zu erklären. Ich sehe ja selbst, das Blut siedet schon in den Adern der jungen Wedrussen."
"Dann fang schon an, alter Mann."
Damit ihn alle vor dem Lager stehenden jungen Wedrussen gut hörten, sprach der alte Wedrusse laut aus dem Käfig heraus: "Meine Söhne, ich sehe, jeder von euch trägt an seinem Gürtel je zwei Schwerter. Heißblütige Pferde stehen neben euch, doch ihr spart ihre Kräfte für den Kampf. Jeder von euch hält sein Pferd am Zaum und ermüdet es nicht einmal mit eigenem Gewicht. Ihr habt euch entschlossen, in den Kampf zu ziehen und euer Anführer ist der weise Radomir? Antwortet mir."
Als Nächstes sahen die römischen Befehlshaber und Soldaten, wie Radomir weiter nach vorne trat und sich zum Zeichen der Zustimmung vor dem alten Mann im Käfig tief verbeugte.
"Das habe ich mir schon gedacht", sagte der alte Wedrusse und fuhr fort, "Du, Radomir, bist der Anführer und verstehst, glaube ich, ganz gut, dass die vor dir stehenden Kräfte mit deinen nicht zu vergleichen sind."
Und wieder verbeugte sich Radomir vor dem Ältesten zum Zeichen seiner Zustimmung. Bis dahin waren die römischen Heeresführer mit dem Dialog sehr zufrieden. Doch der weitere Gesprächsverlauf versetzte sie in Erstaunen.
Der alte Wedrusse setzte seine Rede fort: "Du bist jung, Radomir, und deine Gedanken sind sehr schnell. Ich bitte dich, lass diese Fremdlinge am Leben, töte sie nicht alle. Zwinge sie, zu gehen und ihre Waffen niederzulegen, damit sie dieses Spielzeug niemals mehr in die Hände bekommen."
Die Worte des Wedrussen waren so unglaublich, dass die Befehlshaber ihn zuerst nur sprachlos anstarrten. Dann schrie der Oberbefehlshaber gereizt: "Hast du den Verstand verloren? Du bist ja völlig übergeschnappt, alter Mann! Verstehst du nicht, wer hier wem das Leben retten kann? Du hast gerade alle deine Stammesgenossen zum Tode verurteilt. Gleich gebe ich den Befehl ... "
"Es ist zu spät. Hast du gesehen, wie Radomir eine Weile überlegt und dann sich wieder vor meinen Worten verbeugt hatte? Er hat den tiefen Sinn darin erkannt und lässt euch am Leben."
Im nächsten Augenblick sahen die römischen Befehlshaber, wie die vor dem Lager stehenden jungen Männer plötzlich auf ihre Pferde sprangen und rasch in Richtung des Lagers losritten. Der Oberbefehlshaber schaffte gerade noch einer herbeigeeilten Einheit von Bogenschützen den Befehl zu geben, die wedrussischen Reiter mit einem Hagel von Pfeilen zu begrüßen.
Doch als die jungen Reiter in die Reichweite der Pfeile gekommen waren, stiegen sie plötzlich von ihren Pferden ab und rannten neben ihnen weiter. Als sie ganz dicht an das römische Heer herankamen, stellten sich die jungen Wedrussen in Form eines Ovals auf, in dessen Mitte sich die Hälfte ihrer Truppe zusammen mit den Pferden befand. Die zweite Hälfte drang in die noch nicht richtig aufgestellten Reihen der Römer ein und fing sofort an zu kämpfen.
In jeder Hand hielten die wedrussischen Kämpfer je ein Schwert. Sie agierten mit beiden Händen gleichermaßen geschickt. Doch sie walzten ihre Gegner nicht ganz nieder, sondern schlugen ihnen die Waffen aus den Händen und verwundeten sie nicht tödlich.
Die verwundeten und die entwaffneten römischen Legionäre behinderten die nachrückenden neuen Soldaten, die an ihre Stelle zu kommen versuchten. So schlug sich die kleine Einheit der Wedrussen sehr rasch bis zum Zelt des Oberbefehlshabers hindurch.
Radomir zerschlug mit seinem Schwert den Riegel an dem Käfig, in dem der alte Wedrusse gefangen gehalten wurde. Er verbeugte sich vor dem Ältesten, packte ihn an der Taille, hob ihn mit Leichtigkeit hoch und setzte ihn auf ein Pferd.
Zwei junge Kämpfer aus Radomirs Einheit schnappten sich den Oberbefehlshaber, warfen ihn auf die Kruppe eines anderen Pferdes, das von ihnen sofort in die Mitte des Kämpferovals hineingezogen wurde.
Und wieder schlug sich die tollkühne wedrussische Einheit durch die Reihen der Legionäre hindurch, jedoch nicht zurück, sondern immer weiter nach vorne, bis sie aus dem Gedränge des römischen Heeres herauskam.
Die jungen Kämpfer sprangen auf ihre Pferde, ritten los, doch schon nach einigen Minuten hielten sie auf einem kleinen Hügel an. Sie stiegen plötzlich von ihren Pferden, legten sich fast alle mit ausgebreiteten Armen ins Gras und erstarrten in dieser Position.
Der gefangene römische Oberbefehlshaber stellte mit Verwunderung fest: Alle im Gras liegenden Wedrussen schliefen bereits tief. Ihre Gesichter strahlten Glückseligkeit aus. Sie lächelten im Schlaf, während neben jedem von ihnen sein Pferd stand und ganz friedlich am Gras herumzupfte. Nur zwei Späher beobachteten die weiteren Handlungen des römischen Heeres.
Ohne ihren Anführer stritten die übrigen Befehlshaber zunächst einige Zeit darüber, wer die Schuld für die Blamage trug. Dabei beschuldigten sie sich gegenseitig. Anschließend stritten sie darüber, wer nun das Kommando übernehmen sollte und wie sie weiter vorgehen wollten. Sie beschlossen letztendlich, die Einheit der Wedrussen mit eintausend Reitern, beinahe ihrer ganzen Kavallerie, zu verfolgen. Für den Fall, dass etwas Unerwartetes passierte oder dass die Einheit der Wedrussen Verstärkung bekäme, sollte sich der Rest des Heeres den Reitern nach in Richtung der Verfolgung bewegen. Der Hauptgrund für diese Entscheidung war jedoch blanke Angst.
Eine gut ausgerüstete, tausendköpfige römische Reitereinheit nahm sofort die Verfolgung auf. Als die ersten Reihen der römischen Reiter das Lager verließen, saß einer der Kämpfer Radomirs bereits auf seinem Pferd und blies zur Warnung der schlafenden Kameraden in sein Horn.
Die im Gras liegenden Wedrussen sprangen sofort auf, packten ihre Pferde bei den Zäumen und rannten los. Sie waren nach dem Kampf gut erholt und rannten daher sehr schnell. Die hinterhereilende römische Kavallerie holte die Fliehenden langsam, sehr langsam, jedoch unausweichlich, ein.
Als der Kommandeur der römischen Kavallerie den Erfolg der Verfolgungsjagd schon in greifbarer Nähe sah, gab er den Befehl, noch schneller zu reiten. Der Trompeter gab ein Signal an die Reiter.
Eintausend bereits schaumbedeckte Pferde wurden von ihren Reitern nochmal angespornt. Das ohnehin schon rasende Tempo wurde noch einmal beschleunigt, sodass der Abstand zu den fliehenden Wedrussen sich noch weiter verringerte. Die Fliehenden waren schon ganz nah ...
Der aufgeregte Kommandeur forderte eine weitere Beschleunigung der Verfolgung. Und wieder hörten die Reiter den Trompeter ... Im Eifer des Geschehens beachtete niemand, wie die ersten vom rasenden Galopp verheizten römischen Pferde stürzten. Die römischen Reiter griffen schon zu ihren Schwertern, um die Fliehenden niederzumetzeln, als plötzlich ...
Nach einem Hornsignal sprangen alle rennenden Wedrussen auf ihre Pferde und ... Der Abstand zu den römischen Verfolgern begann sich wieder zu vergrößern. Der gefangene römische Oberbefehlshaber erkannte das Wesentliche:
Die Wedrussen sparten beim Rennen die Kräfte ihrer Pferde und nun war es unmöglich, sie einzuholen. Sie tauschten sogar sein Pferd und das des alten Wedrussen gegen neue aus. Der Römer sah aber auch, dass die Wedrussen auf ihren Pferden nicht saßen, sondern lagen. Sie hielten sich an den Mähnen ihrer Pferde fest und schliefen wieder.
"Wofür regenerieren sie ihre Kräfte jetzt schon wieder?", dachte der Römer. Ein wenig später konnte er auch das verstehen ...
Die von der Verfolgung erregten Römer schlugen wütend auf ihre Pferde ein, bis diese unter ihnen zusammenbrachen. Mit den Reitern in schwerer Rüstung auf dem Rücken waren sogar die stärksten Pferde nach so einer Verfolgung nicht mehr im Stande, die nicht ermüdeten Pferde der Wedrussen einzuholen.
Als der Kommandeur der römischen Kavallerie begriff, dass seine Männer die Einheit der Wedrussen nicht mehr einholen konnten, befahl er allen Reitern, anzuhalten und von den Pferden abzusteigen. Sein Einsehen kam zu spät: Ein Teil der verheizten Pferde fiel bereits auf die Knie.
"Alle erholen!", befahl der Kommandeur der römischen Kavallerie. Und plötzlich sahen seine Soldaten, die gerade von ihren müden Pferden abstiegen, wie die wedrussische Einheit in Windeseile direkt auf sie zukam. Die jungen Reiter hielten in jeder Hand ein Schwert für den Kampf bereit. Sie ritten am Rande der römischen Kavallerieeinheit entlang, verwundeten die von ihren Pferden abgestiegenen Soldaten und schlugen die Waffen aus ihren Händen.
Diese Aktion versetzte die ganze römische Einheit in Angst und Schrecken. Die Soldaten eilten zurück zur Verstärkung, die ihnen zu Fuß folgte. Die wedrussische Einheit ritt ihnen hinterher und holte sie aus irgendeinem Grund nicht ein. Römische Soldaten, die vor Erschöpfung umfielen, wurden von den Wedrussen nicht angegriffen.
Eine große Gruppe nicht mehr rennender, sondern schwer schreitender und wankender Kämpfer blieb plötzlich stehen, als vor ihr Radomir mit zwei Schwertern in seinen Händen auftauchte. Hinter ihm standen seine Reiter - ruhig und voller Kraft.
Die Römer setzten sich auf den Boden. Wenn jemand von ihnen noch Waffen trug, dann legte er sie vor sich nieder. Sie warteten kraftlos auf die Vergeltungsaktion der Wedrussen.
Radomir und seine Kameraden liefen nun zwischen den im Gras sitzenden römischen Soldaten hin und her. Die Schwerter der Wedrussen ruhten in ihren Scheiden. Radomir und seine Kameraden redeten mit den Soldaten über das Leben. Sie nahmen ihre Kopflitzen ab und gaben die heilenden Pflanzen, aus denen diese geflochten waren, den verwundeten römischen Soldaten. Durch das Anlegen der Heilpflanzen heilten die Wunden. Aus ihnen floss kein Blut mehr und die Schmerzen wurden gelindert.
Schließlich wurde der Oberbefehlshaber an seine römische Legion zurückgegeben. In Reih und Glied marschierten die Kolonnen der Legion wieder in Rom ein. Sie kehrten von ihrem Feldzug gegen das wedische Russland zurück.
Der Kaiser war bereits von den Eilboten über die seltsamen Vorfälle mit den besten Legionären Roms unterrichtet worden. Doch der persönliche Eindruck von seinen Soldaten und ihren Befehlshabern verwirrte den Imperator und verließ ihn noch einige Wochen nicht.
Anschließend verfasste der Kaiser einen geheimen Erlass: "Alle Einheiten, inklusive Soldaten und Kommandeure, die an dem Feldzug gegen das wedische Russland teilgenommen haben, sind aus der Armee zu entlassen. Diese Männer sind auf verschiedene Ecken des Reiches zu verteilen und dort anzusiedeln. Ihnen ist streng verboten, über den betreffenden Feldzug mit anderen Menschen, sogar mit ihren eigenen Freunden und Verwandten zu sprechen."
Der Kaiser schickte keine Kampfeinheiten mehr nach Russland und schrieb sogar in sein geheimes, für die Nachfolger bestimmtes Buch hinein: "Wenn ihr das Imperium aufrechterhalten wollt, dann führt keine Kriege gegen Wedrussen, nicht einmal in euren Gedanken."
Der Kaiser war ein kluger Mann. Als er seine Krieger nach ihrem Feldzug sah, ging ihm ein Licht auf: Alle Rückkehrer waren heil und unversehrt, doch keiner von ihnen brachte irgendwelche Beute mit. Ihre Gesichter sahen gar nicht wütend aus und keiner von ihnen war mehr froh darüber, Soldat zu sein. Und wer weiß, wenn man solche Soldaten in der Armee des Reiches behält, dann stecken sie vielleicht mit ihrem Unwillen zu kämpfen schon bald die ganze Armee an.
Und doch versuchte der Nachfolger des Imperators erneut, die Wedrussen zu erobern. Er erkundigte sich nach ihrer Taktik bei denen, die bereits mit Wedrussen in Berührung gekommen waren und schickte zehntausend Krieger in einen erneuten Feldzug gegen das alte Russland. Als die Soldaten am Rand der ersten kleinen Siedlung ankamen, bauten sie ihr Lager und ihre Befestigungen schnell auf. Dann schickten sie die Eilboten hinaus, um die Ältesten der Siedlungen in das Lager zu bestellen.
Doch zu der genannten Stunde bot sich den Befehlshabern ein seltsames Bild: Aus der wedrussischen Siedlung kam zu ihrem furchterregenden Lager nur ein kleines, schätzungsweise zehnjähriges Mädchen zusammen mit einem ungefähr fünf jährigen Jungen gelaufen. Während die Krieger auseinander traten, um ihnen den Weg frei zu machen, liefen die Kinder weiter ins Zentrum des Lagers und stritten miteinander. Der Kleine zupfte seine Schwester am Rock und sprach: "Wenn du mich, Schwesterchen Palaschetschka, nicht die Verhandlungen selbstständig führen lässt, dann werde ich anfangen, schlecht über dich zu denken."
"Was willst du denn Schlechtes über mich denken, du Schlingel?", fragte das Mädchen ihren Bruder.
"Ich werde denken, Schwesterchen Palaschetschka, dass du als eine schädliche Kreatur auf diese Welt gekommen bist."
"So etwas darfst du nicht denken."
"Wenn nicht, dann lass mich doch mit den Feinden verhandeln."
"Angenommen, ich erlaube es dir, was wirst du dann über mich denken?"
"Ich werde denken, dass du schöner, klüger und gutherziger bist als alle anderen, Schwesterchen Palaschetschka."
"Du kannst, mein Brüderchen, ruhig mit den Verhandlungen anfangen. Eine Unterhaltung mit diesen Hohlköpfen passt sowieso nicht zu mir."
Die Kinder stellten sich sehr tapfer vor die römischen Befehlshaber hin, und der kleine Junge begann ohne jegliche Aufregung zu reden: "Mein Väterchen bat mich, Ihnen allen mitzuteilen, dass im Tempel unserer Siedlung heute eine Feier stattfindet. Es handelt sich um eine alljährliche Feier, bei der sich alle Menschen aus der Siedlung vergnügen. Es gäbe keinen triftigen Grund dafür, so sagte mein Väterchen, sich von der Feier zu entfernen, um eure hohlen Phrasen anzuhören. Mich schickte er - die Schwester heftete sich nur an meine Fersen ... "
Nachdem er die freche Rede des kleinen Jungen gehört hatte, kreischte der Oberbefehlshaber der Römer laut auf. Er wurde ganz blass und griff zu seinem Schwert: "Du freche Brut, wie kannst du es nur wagen, mir so etwas zu sagen? Als Sklave wirst du bis zu deinem Tode für meine Pferde sorgen ... Und deine Schwester ... "
"Ach, Onkelchen", mischte sich die Schwester plötzlich in das Gespräch der beiden ein, "ach, Onkelehen, werft schnell euer Spielzeug weg - eure Schwerter, Schilder, Speere - und rennt, so schnell ihr könnt, zurück nach Hause. Rennt um euer Leben. Seht nur, da kommt eine dunkle Wolke auf euch zu, sie wird mit euch Fremden gar nicht sprechen wollen. Sie kann ganz ohne Worte den Kampf gegen euch beginnen."
Das Mädchen packte ihr Bündel aus, holte daraus eine Prise Pollen, bestreute damit zuerst ihren Bruder und dann mit dem Rest auch sich selbst.
Währenddessen näherte sich die Wolke dem römischen Lager mit sehr hohem Tempo. Sie flog tief über der Erde, summte immer lauter und wuchs an. Und schon kurz nachdem sie das Lager der Römer bedeckt hatte, lagen Rüstungen, Schilder, Speere und Schwerter der römischen Legionäre überall auf dem Boden herum. Die Zelte der Befehlshaber und ihrer Soldaten waren leer. Und zwischen all diesen römischen Habseligkeiten stand das unversehrte Geschwisterpaar.
Der Junge sprach zu seiner älteren Schwester: "Und du hast mir doch keine richtige Möglichkeit gegeben, mit den Feinden zu sprechen, Schwesterchen Palaschetschka. Ich war mit meiner Rede noch lange nicht fertig."
"Du hast aber unsere Mission begonnen. Sei mir bitte nicht böse, wenn ich dich bei deinem Auftritt ein bisschen gestört habe - dich, den wedrussischen Kämpfer und den Beschützer seiner Heimat."
"Na gut. Ich behalte dich in meinen Gedanken als meine ganz liebe, schöne und warmherzige Schwester."
Die schöne Schwester und ihr Bruder liefen zwischen den herumliegenden römischen Rüstungen zurück zu ihrer Siedlung.
Die dunkle Wolke entfernte sich immer weiter und schien gar nicht mehr so groß zu sein. Und doch bedeckte sie zehntausend Elitekämpfer aus Rom, die in Schrecken versetzt um ihr Leben rannten. Sie fielen hin, standen auf und rannten, von Angst gepackt, immer weiter.
Denk nicht nach, Wladimir, es handelt sich auch hier um keine Mystik. Die Wedrussen haben einfach eine klare Entscheidung getroffen. Auf jedem Familienlandsitz - und es gab etwa zweihundert davon in der Siedlung - wurden je zehn Bienenkörbe geöffnet. In jedem Bienenkorbe lebten etwa fünfzehntausend Bienen. Nun kannst du dir ausrechnen, wie viele Bienen diese Wolke in sich trug [Anm.: 30.000.000 Bienen, also auf jeden Soldanten kamen 3000 Bienen]. Nach so vielen Bienenstichen wird ein Mensch zuerst von einem fürchterlichen Juckreiz und von Schmerzen geplagt. Danach kann er einschlafen und wird nie mehr aus diesem letzten Schlaf erwachen.
Und so lebten die glücklichen Wedrussen immer weiter. Sie kannten keine Kriege, kein Unheil und fürchteten sich über Jahrhunderte auch vor keinen Feinden außerhalb ihrer Grenzen. Und doch wurde Russland eines Tages erobert. Das Land hat die schlauen Winkelzüge des Feindes nicht durchschaut und baute damit selbst die Kraft der Eroberung gegen sich auf.
Anastasia hat uns bereits einige Parabeln vorgestellt, in denen das Leben des wedischen Russland beschrieben wird. Aber es könnte doch auch sein, dass jemand von Ihnen, vielleicht in Form von uralten Erzählungen oder Sagen, ebenfalls Informationen über das Leben in der damaligen Zeit besitzt. Die Hoffnung auf handschriftliche Quellen haben wir bereits aufgegeben, denn die Geschichte unserer Welt zeigt uns, wie sorgfältig diese vernichtet wurden. Man verbrannte sie in Italien, England, Frankreich und besonders eifrig in Russland.
Die Initiatoren der wütenden Vernichtung des kulturellen Lebens unserer "Ureltern" haben es trotzdem nicht geschafft, diese Kultur aus den Tiefen der Herzen und der Seelen unserer Menschen auszuradieren. Wir müssen unsere Geschichte kennen. Und nicht nur kennen, sondern auch achten. Es ist für uns auch wichtig zu verstehen: Wedismus, Heidentum und Christentum sind alles Stufen in unserer Geschichte.
Wir sollten uns über keine dieser Stufen hinwegsetzen. Wenn wir auch nur einen dieser Zeitabschnitte unserer Geschichte verurteilen würden, wäre dies eine erneute Verurteilung von uns selbst. Wir müssen dem Christentum und auch allen anderen Religionen mit Verständnis und Achtung begegnen. Erst dann werden alle Etappen unserer Geschichte eine feste Grundlage für unsere schöne Zukunft bilden.
Erkennen, Verstehen und Bewerten der Lehren aus den verschiedenen Etappen unserer Geschichte - das sind die Voraussetzungen für den Aufbau unserer neuen Zukunft. Ansonsten werden wir auch weiterhin in einer absurden Welt leben müssen.
In einer Reihe von Ländern kämpfen die Regierungen und die Gesetzgeber gegen den Terrorismus. Sie verabschieden Gesetze, die das Schüren von nationalen und religiösen Feindseligkeiten in ihren Ländern verbieten. Doch gleichzeitig werden in diesen Ländern einige Glaubenslehren ganz offiziell zugelassen und unterstützt, die zum Erreichen politischer Ziele "im Namen Gottes" großräumige terroristische Aktivitäten legitimieren.
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