Butscha: Die Propaganda wird nicht besser

Butscha: Die Propaganda wird nicht besser


Alle stehen sie brav nebeneinander, Kerzchen in der Hand, und für das Publikum wird die Geschichte von Butscha noch mal aufgewärmt, jenem Ort, der rein zufällig so heißt, wie das englische Wort für Metzger klingt. Sie hält sich schon erstaunlich lang.

Von Dagmar Henn

Früher ging das schneller, wenn solche Geschichten erzählt wurden. Die Brutkastenlüge hielt sich vom Oktober 1990 bis zum Januar 1992, dann hat sie dann selbst die New York Times platzen lassen. Auch die berühmte Szene mit Colin Powell und dem Babypuder hatte eine Haltbarkeit von zwei Jahren; dann gab es den Abschlussbericht der Irak Survey Group, der für alle sichtbar machte, dass im Irak keine Massenvernichtungswaffen gefunden wurden.

Aber Butscha ist heute bereits vier Jahre alt, und nach wie vor wird es erzählt wie am ersten Tag. Außenminister Johann Wadephul hielt es für nötig, nicht nur in den Kiewer Vorort zu reisen, um sich dort zusammen mit den anderen EU-Außenministern für ein Gedenkbildchen aufzustellen, nein, er verfasste auch noch mit Schaum vor dem Mund einen Kommentar auf X.

Butscha sei "unter der Besatzung Russlands ... zur Hölle auf Erden" geworden. "Wohin auch immer Putins Russland geht, es bringt Kriegsverbrechen und Barbarei". Da wird ordentlich aufs Gefühl gedrückt. Was auch die Tagesschau nachvollzieht und gleich zum Jahrestag der "Befreiung von Butscha" von "Augen öffnen für die Gräueltaten" titelt. Es muss eben nachgelegt werden, sonst verschwindet womöglich noch die Erinnerung, angesichts all des neuen Elends – selbst wenn das meiste davon, sei es die Schrecken im Gazastreifen oder der Mord an den iranischen Mädchen, auch in Deutschland kaum erwähnt wird.

Was aber wirklich eigenartig ist am Bericht der Tagesschau, ist ein Bild, das zu sehen ist: eine Mauer mit vielen Namen. Namen sind genau das, was die Ukraine nie herausgerückt hat. Eine Liste der angeblich von russischen Truppen Ermordeten hat sie seit 2022 verweigert. Dabei wäre der erste erforderliche Schritt einer neutralen Klärung, herauszufinden, um wen es sich jeweils gehandelt hat.

Die Löcher, die von Anfang an in der Geschichte sichtbar waren (ich hatte das erste Video damals kurz nach seiner Veröffentlichung gesehen), wurden bis heute nicht gestopft. Aber das ist kein Problem, weil anders als 1992 und 2005 heute im Westen niemand mehr übrig scheint, der ein Interesse an der Aufklärung hat. Im Gegenteil, alle sind sie damit beschäftigt, das Narrativ wieder zu verstärken; schließlich hängen so viele weitere Handlungen an dieser Geschichte. Sanktionen, Inflation, Deindustrialisierung, Milliardengeschenke an die Ukraine ...

Nicht einmal die Veröffentlichungen zum Ende der Verhandlungen in Istanbul drangen durch: dass der damalige Verhandlungsführer der Ukraine in einem Interview erklärte, es sei der britische Regierungschef Boris Johnson gewesen, der diese Friedensverhandlungen kurz vor Abschluss zum Platzen gebracht und auf eine Fortsetzung der Kämpfe gedrängt hatte. Das hätte doch ein Nachdenken auslösen sollen. Der Rückzug der russischen Truppen aus Butscha erfolgte schließlich als Zeichen guten Willens im Zusammenhang mit diesen Verhandlungen. Die auffälligerweise nicht erwähnt werden, wenn jetzt überall vom "Jahrestag der Befreiung von Butscha" die Rede ist.

Wofür es im Zusammenhang mit dem 31. März überhaupt keine Belege gibt, sind irgendwelche Opfer irgendwelcher Untaten. Die tauchten erst am 1. April auf, obwohl ukrainische Truppen und sogar Abgeordnete davor in der Stadt waren – alle geübt im Umgang mit Handykameras, viele davon äußerst willig, Propaganda für die Ukraine zu machen. Also warum gibt es keine Aufnahmen angeblich tagelang auf der Straße liegender Leichen vom 30. oder 31. März?

Es gab im Nachklang sogar einen Moment, der vorübergehend Hoffnung machte, es werde doch noch zu einer vernünftigen Betrachtung kommen – italienische Forensiker, die eine Reihe der Toten untersuchen konnten, entdeckten Flechette-Schrapnelle; eine altertümliche Form, die nur in Granaten verwendet wurde, die in der russischen Armee schon abgeschafft worden, in der ukrainischen aber noch in Gebrauch waren.

Wenn man an 1990 und an 2003 zurückdenkt, wurden diese Geschichten auch damals in den Leitmedien verbreitet. Der Auftritt der Tochter des kuwaitischen Botschafters, die damals als Krankenschwester auftrat und von Babys erzählte, die aus Brutkästen gerissen worden seien, lief auch in den deutschen Hauptnachrichten zur besten Sendezeit, genauso wie später Powell mit dem berühmten Babypuder. Allerdings, in letzterem Fall hatten es Zweifel etwas leichter, weil die Bundesregierung sich aus diesem Krieg weitgehend heraushalten wollte.

Bei Butscha läuft das anders. Weil Butscha das Fundament der gesamten Geschichte von der russischen Brutalität ist, der Moment, an dem das alte Bild des russischen Untermenschen reaktiviert wurde. So, wie eben Kriegspropaganda gemacht wird, mit ganz viel Gefühl und eher wenig Verstand. Annalena Baerbock lieferte da als Außenministerin einen tränenreichen Auftritt.

Wie gut, dass man nie groß über Odessa gesprochen, geschweige denn die Bilder und die Videos gezeigt hat. Sonst wäre es schwierig geworden, den guten Ukrainer gegen den bösen Russen zu stellen. Erst recht, weil Odessa dokumentiert ist wie kein anderes derartiges Verbrechen, während Butscha ohne eine internationale, unabhängige Untersuchung eine Behauptung bleibt.

Und logischerweise ist das der stärkste Punkt überhaupt. Russland hatte von Anfang an eine solche Untersuchung gefordert. Weder die Ukraine noch die westlichen Staaten waren dazu bereit. Dabei hätte man Länder finden können, die tatsächlich neutral waren, in Asien beispielsweise. Wer hat einen Grund, eine solche Untersuchung zu fürchten? Oder andersherum, wäre eine russische Schuld belegbar, warum sollten die Ukraine und ihre westlichen Freunde eine solche Untersuchung ablehnen, wenn sie ihre Position doch gestärkt hätte?

Aber vielleicht sollte man den Fokus vier Jahre später eher auf den anderen Aspekt legen, auf die fehlende Aufklärung. Auf die Beharrlichkeit, mit der heutzutage einmal etablierte Erzählungen aufrechterhalten werden. Oder auf den Mangel an wirklich neugierigen Journalisten, die sie in Frage stellen wollen.

Da ist dann nicht nur die beständige Drohung im Weg, die praktischerweise Ende 2022 etabliert wurde: gerade mit Blick auf den Ukraine-Krieg wurde § 130 StGB um einen Absatz erweitert, der das Leugnen oder gröbliche Verharmlosen von Kriegsverbrechen unter Strafe stellt. Streng genommen hat er bisher zu keiner Verurteilung geführt, was auch schwierig ist, weil kein internationales Gericht ein Kriegsverbrechen bestätigt hat (interessanterweise führte die Klage der Ukraine gegen Russland vor dem Internationalen Gerichtshof dazu, dass dort jetzt untersucht wird, ob nicht die Kriegsführung der Ukraine im Donbass den Tatbestand des Genozids erfüllt). Weit mehr ist es die Konformität, die die deutsche Medienlandschaft und ihre Mitarbeiter prägt. Und die Empörungskultur.

Denn es ist nicht nur so, dass eine Sau nach der anderen durchs Dorf getrieben wird, ein gefühliger Aufreger nach dem nächsten, und dazwischen keine ruhige, nüchterne Analyse mehr stattfinden kann. Auch die mediale Erinnerung verwandelt sich in eine lange Reihe von Erregungsmomenten, die so sehr in den Vordergrund geschoben wurden, dass sie inzwischen die Wirklichkeit zu definieren scheinen, wie man gerade erst bei der Fernandes-Geschichte erleben konnte. Früher war diese Sicht auf das Leben eingehegt zwischen Bild, der Bunten und Frau im Spiegel.

Es ist also nicht nur, dass niemand mehr da ist, zu fragen, es ist auch kein Platz mehr da, an dem diese Fragen ihr Publikum finden könnten, zumindest nicht außerhalb der alternativen Medien. Das Problem dabei ist eine Art Einbindungskreislauf, wie er sich am Besten bei Corona beobachten ließ: Wer auf die emotionale Überwältigung anspringt und danach handelt, also selbst beispielsweise Ungeimpfte beschimpft hat, ist weit genug involviert, um die Geschichte selbst weiter aufrechtzuerhalten, selbst wenn sie brüchig geworden ist, da die Erkenntnis, einer Lüge aufgesessen zu sein und mit ihr kooperiert zu haben, Scham auslöst. Und kaum ein Gefühl vermeidet der Mensch so sehr wie Scham. Nicht einmal Schuld, denn Scham macht klein und hilflos.

Das ist nicht kognitive Dissonanz. Es ist die Kleingeldversion eines Tricks, den schon die Nazis genutzt haben: beteilige möglichst viele, denn jene, die sich schuldig fühlen, stellen sich nicht gegen dich. Dieses Spiel funktioniert mit der Scham genausogut. Am Anfang lässt man sich mitreißen, insbesondere, wenn dann noch Lob und Anerkennung dafür herausspringen. Dann ist es das Problem, sich nach dem Eingeständnis des Irrtums ins eigene Gesicht sehen zu müssen. Wobei man in diesem Zusammenhang nicht vergessen darf, dass die Corona-Hysterie ohne Pause in die Russen-Hysterie überging.

Wie wird es all jenen gehen, die seit vier Jahren davon überzeugt sind, dass Russen Barbaren sind, dass "Putins Russland ... Kriegsverbrechen und Barbarei" bringe; die nicht einmal russische Komponisten des 19. Jahrhunderts mehr aufgeführt sehen wollen; oder all jene, die bedingungslos den israelischen Genozid im Gazastreifen decken, wenn sie erkennen, wie weit sie vom Pfad der Menschlichkeit abgekommen sind? Nein, nicht Wadephul, das wäre wirklich unwahrscheinlich, aber all den Menschen, die diese Geschichten geglaubt haben?

Das ist vielleicht der Unterschied zwischen 1992 und heute. Oder gar zwischen 2005 und heute – schließlich gingen damals die Menschen gegen den Irakkrieg auf die Straße und nicht dafür. Noch ging man in Deutschland nicht für einen Krieg auf die Straße. Da gab es auch noch nicht die Art öffentlicher Bekentnniszwang, der mit Corona etabliert wurde. Da gab es noch nicht so viel Scham zu fürchten.

Das Ergebnis ist eine Endlosschleife. Die Behauptung des Jahres 2022 verfestigt sich zu einem Ritual, ein weiterer Anlass für einen Kotau. Dass nun das Datum zwei Tage nach vorn gezogen wurde, ist eher ein Versuch, das zeitliche Loch zu stopfen, das von Anfang an bei der Geschichte störte. Damit, dass nun dieses Gedenken etabliert wird, wird so getan, als sei alles endgültig klar und damit jeder Zweifel am Ursprung dieses Krieges beseitigt. Als wäre die Behauptung über das, was in Butscha geschehen ist, Grund genug, Hunderttausende Tote zu rechtfertigen.

Denn das ist es, worum es letztlich geht: Die Erzählung von Butscha war die Initialzündung für die Jahre danach mit ihren unzähligen Opfern. Johnsons Aufforderung, weiter Krieg zu führen, brauchte diese Untermalung. Erst auf diesen Bildern baute die ganze Propaganda auf, mit deren Hilfe Milliarden in den Geldwäscheapparat Kiew geschaufelt und fast eine ganze Generation ukrainischer Männer ausgelöscht wurde.

Da ist Mitschuld, bis hinunter zu all jenen, die Städte und Dörfer mit ukrainischen Flaggen behängten. Da wird Scham sein, wenn einmal die Fakten auf dem Tisch liegen. Wenn es nicht mehr möglich ist, sich ihr zu entziehen. Wenn der Kleinmut, das blinde Vertrauen und auch die Bereitwilligkeit, die eigene Menschlichkeit preiszugeben, weithin sichtbar werden und die alte Frage wieder auftaucht: Warum hast du mitgemacht?

Jedes Jahr, in dem die entsprechenden Fragen nicht gestellt, in dem das Narrativ und das auf ihm beruhende Gemetzel fortgesetzt werden, macht die Last schwerer. Aber dennoch ist es unvermeidlich, der Tag kommt, an dem das alles wieder neu zur Hand genommen und geprüft wird. Und wenn sich die EU-Minister noch so brav in Reih und Glied stellen, um die Öffentlichkeit nochmal auf die Gründungserzählung ihres Lieblingskriegs einzunorden – die Uhr tickt.

Dann werden alle Bilder von Butscha ihren Platz finden. Neben der falschen Kinderkrankenschwester und Powells Babypuder.

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Quelle: https://de.rt.com

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