"Bundestrainer sollte ein Fulltime-Job sein"
(Foto: Jan Woitas/dpa)
Ralf Rangnick erklärt, warum ihm bei der EM die Italiener und die Dänen Spaß machen, welche strategischen Fehler die DFB-Elf schwächten - und welche Lehren der deutsche Fußball ziehen sollte.
Interview von Moritz Kielbassa
Milan, Chelsea, Schalke, Frankfurt, deutsche Nationalelf - wenn zuletzt im Spitzenfußball Trainer oder Sportchefs gesucht wurden, kam oft Ralf Rangnick ins Gespräch. Richtig gepasst hat es am Ende nirgends. Zwar sind im In- und Ausland immer mehr Trainer und Facharbeiter erfolgreich, die geprägt wurden von Rangnicks beiden Großprojekten, TSG Hoffenheim (2006 bis 2011) und RB Leipzig/Salzburg (2012 bis 2019). Doch der Begründer selbst hat seit seinem Ausscheiden aus dem RB-Konzern keinen neuen Job übernommen. Zuletzt hat Rangnick intensiv die EM beobachtet - und er hat eine überraschende Entscheidung getroffen. Mit 63 will er erst mal nicht mehr bei Vereinen arbeiten. Sondern für Vereine.
SZ: Herr Rangnick, die EM ist auf der Zielgeraden, die neue Saison läuft an. Wie sehen Ihre persönlichen Pläne aus?
Ralf Rangnick: Ich habe beschlossen, mich selbständig zu machen. Ich gründe eine GmbH, eine Fußball-Beratung, die auf vier Säulen basiert. Und diese vier Bereiche bilden im Prinzip genau das ab, was ich in den letzten 15 Jahren bei RB und in Hoffenheim gemacht habe.
Wo Sie zeitweise Projektchef, Sportdirektor und Trainer zugleich waren.
Und andere Dinge kamen im Laufe der Zeit noch hinzu, wie die Entwicklung von Trainern und von Fachkräften auf allen Gebieten: Videoanalysten, Sportdirektoren, Athletiktrainer, Scouts, Sportpsychologen, Ernährungsberater - es gab im Grunde keinen leistungsrelevanten Berufszweig, den wir nicht entweder neu ins Leben gerufen oder in dem wir Leute gezielt gefördert haben. Also habe ich mir gedacht: Warum machst du das Ganze jetzt nicht hauptberuflich? Mich haben in den letzten Wochen mehrere Trainer aus verschiedenen Ländern angerufen, die sich bei mir über unser Modell bei RB erkundigen wollten. Das hat mich darin bestärkt, nun als eine Art Mentor und Entwicklungshelfer zu arbeiten. Und: Auch mich selbst wird die Arbeit als Berater nicht dümmer machen.
"An Löws Stelle würde ich 3-4-1-2 spielen"
Domènec Torrent, lange der Taktik-Souffleur von Pep Guardiola, analysiert die Trends der EM. Ein Gespräch darüber, warum die Dreierkette wieder modern ist - und wie die DFB-Elf effektiver angreifen könnte.
Interview von Javier Cáceres
Wie lauten Ihre vier Beratungsbereiche?
Den ersten nenne ich "Clubbuilding": Vereinen dabei behilflich sein, sich personell und strukturell erfolgreich aufzustellen. Der zweite: Trainer betreuen, weniger im Sinne bestmöglicher Vertragsabschlüsse, sondern als Wegbegleitung für alle wichtigen Facetten ihres Jobs. Säule drei wäre für Manager und Sportdirektoren. Und viertens: Spieler - und zwar gerne junge, denn das war ja immer unsere Expertise.
Vier Säulen klingen nach einer Fußballberatungs-Boutique. Und Sie gelten nicht als Mann für halbe Sachen. Wollen Sie auch als Berater ein "Big Player" werden?
Boutique gefällt mir. Aber nein, es ist nicht mein Ziel, eine große Agentur aufzubauen. Mein Motto ist eher: klein, aber fein.
Spieleragenten gibt es wie Sand am Meer. Aber eine Beratung für Vereine und Sportchefs - das hört sich innovativ an.
Mir ist nicht bekannt, dass jemand, der so lange in der Branche aktiv tätig war, so etwas nun in einer Consultant-Rolle anbietet. Ich bin seit 36 Jahren Trainer, ich war jahrelang auch Sportdirektor. Ja, ich betrete Neuland, aber so viel Erfahrung und ein so großes Netzwerk haben herkömmliche Berater nicht. Dies zu nutzen und zu einer Art "sounding board" zu werden, das reizt mich. Und wie gesagt: Es geht nicht darum, Karrieren in erster Linie kommerziell zu fördern.
Sondern?
Es geht um inhaltliche Entwicklung, von Spielern, Trainern, Managern und Fachleuten. Im Fußball gibt es immer noch Spielraum für eine Aufwertung einzelner Berufszweige. Lars Kornetka, der die Videoanalyse in Hoffenheim quasi erfunden hat, war zuletzt auch Co-Trainer auf dem Platz bei Roger Schmidt in Eindhoven. Dasselbe gilt für Danny Röhl, der als Analyst zugleich Co-Trainer bei Hansi Flick war und in Zukunft auch bei der Nationalmannschaft wieder sein wird. Die meisten Top-Leute, die mich begleitet haben, sind heute irgendwo in sehr guten Jobs.
Hat Ihre neue Firma schon Kundschaft?
Ja. Unser erster offizieller Auftraggeber ist Lokomotive Moskau.
Russlands aktueller Pokalsieger.
Der Klub hatte mich vor vier Monaten um eine sportliche Status-quo-Analyse gebeten. Die habe ich erstellt, und es gab dazu eine Präsentation in Moskau. Sie wollten auch Tipps für die Kaderplanung, und als sie meine Pläne in Richtung Selbständigkeit mitbekommen haben, wurde jetzt daraus eine feste Kooperation.
Wie soll so eine Klubberatung aussehen?
Diese Woche schaue ich mir das Trainingslager von "Loko" in Österreich an. Ich werde bei manchen Spielen auch schon einige Tage vorher vor Ort in Moskau sein. Es geht gleich los im Supercup gegen Sankt Petersburg, am zweiten Spieltag ist schon Stadtderby gegen ZSKA. In der Liga war "Loko" zuletzt Dritter, sie spielen also in der Europa League. Benedikt Höwedes hat bis vor Kurzem dort gespielt. Der Hauptsponsor des Vereins ist die russische Bahn.
Übernehmen Sie bei ihrer Beratung bewährte Muster Ihrer früheren Klubs?
Klar. Lok Moskau will zum Beispiel den Kader deutlich verjüngen. By the way: Auch Russlands Nationalelf war bei der EM, vornehm formuliert, zu erfahren. Russland hat 145 Millionen Einwohnern, es herrscht dort kein Mangel an Talenten. Sie müssen künftig nur mehr Einsatzzeiten kriegen.
Gilt Ihr Beratungsangebot denn auch für nationale Verbände?
Warum nicht? Wenn ein Verband eine Neuausrichtung anstrebt, kann ich mir das gut vorstellen. Auch zwei Vereine, mit denen ich kürzlich in Verhandlungen stand, haben mir signalisiert, dass eine Zusammenarbeit in meiner neuen Rolle für sie Sinn machen könnte.
Sie sollen Schalke und Frankfurt beraten?
Nein, die sind nicht gemeint. Und klar ist: Eine seriöse Beratung von Klubs kostet Zeit. Das setzt Grenzen, denn wenn ich etwas mache, dann richtig. Am Anfang geht das zeitgleich maximal für drei Vereine oder Verbände - und zwar in drei verschiedenen Ländern. Zwei Vereine aus derselben Liga, das ergäbe Interessenskonflikte.
Tuchel weiß, wann Finalcoaching gefragt ist
Das Champions-League-Finale zeigt, dass sich der Fanboy an seinem ehemaligen Helden Pep Guardiola vorbeientwickelt hat - auch weil Tuchel gelernt hat, sich selbst zu beschränken.
Kommentar von Christof Kneer
Schmerzt es Sie, in all der Zeit seit Sommer 2019 keinen neuen Job als Trainer oder Sportchef gefunden zu haben?
Mit Abstand betrachtet: Es gibt Gründe dafür. Mein eigener Anspruch ist, mit etwas Neuem das bisher Erreichte möglichst noch zu steigern. Und das zu toppen, was wir bei RB erschaffen haben, eine so starke neue Marke - das wäre bei ganz wenigen Klubs möglich. Punkt zwei ist: Ich hatte mich 2012 bei RB bewusst entschieden, Trainer und Clubbuilder zu sein. Deshalb fragen sich viele Klubs inzwischen, was ich eigentlich bin. Ich frage dann immer: Was braucht ihr? Ich kann beides! Aber ich spüre: Viele haben Respekt vor der Vorstellung, dass ich in ihrem Haus jeden Stein umdrehen könnte, inklusive Transferphilosophie und Scouting.
Ja, der Ruf eilt Ihnen verlässlich voraus.
Viele Vereine fragen sich am Ende: Wollen wir überhaupt so viel Veränderung? Zum Beispiel Milan, als sie nach der Corona-Pause im Vorjahr plötzlich Erfolg hatten - da war der geplante neue Weg mit mir nicht mehr ratsam, obwohl ich schon Italienisch lernte. Auch Schalke war speziell.
Eine Rückkehr als Wiederaufbauhelfer nach dem Abstieg stand im Raum.
Das konnte ich mir emotional zwar durchaus vorstellen, aber leider war nicht klar: Wer im Klub ist überhaupt zuständig? Diejenigen, die mich kontaktiert hatten, waren kompetent, hatten aber kein Mandat. Dazu kam die fehlende Vertraulichkeit.
Ist das ein typisches Problem von Traditionsklubs, mit zig Menschen in Gremien?
Wenn zwei Stunden nach dem ersten Treffen mit dem Aufsichtsratschef alles online steht, dann ist das nicht im Sinn der Sache.
Was bedeutet denn Ihre neue Beraterfirma nun für Ihre Karriere? Interessieren Sie Angebote ab sofort nicht mehr? Oder bleiben Sie offen für Traumjobs?
Gute Frage. Ich war mit 25 schon mal in einer sehr ähnlichen Situation. Da war ich mit Ulm als Spieler in die zweite Liga aufgestiegen, aber zugleich in den finalen Semesterzügen meines Studiums, und ich hatte schon eine Zusage für den nächsten Fußballlehrer-Kurs. Das Dilemma war: Was jetzt? Den angebotenen Profivertrag unterschreiben? Aber für den Preis, das Studium zu unterbrechen und die Trainerausbildung zu verschieben? Mein Kopf entschied sich damals richtig: für den rationalen Weg, ohne aktiven Profifußball. Und jetzt, mit 63, war es wieder so ein Scheideweg. Ich habe gerade das Gefühl: Mit dem Gesamtpaket an Rundumbetreuung, das wir künftig anbieten, kann ich dem Fußball etwas zurückgeben. Mich von dieser Aufgabe wieder wegzuholen - das müsste dann schon ein ganz besonderes Angebot sein.
Was würden Sie im Falle eines Arbeitsauftrags taumelnden Volksklubs wie Schalke, Hamburg oder Köln raten?
Die Frage ist doch eher: Würden sich solche Klubs überhaupt beraten lassen wollen? Es ist sicher kein Zufall, wenn Schalke mit dem fünftteuersten Kader der Bundesliga nur 16 Punkte holt und der HSV mit dem höchsten Zweitliga-Budget dreimal in Folge nicht aufsteigt. Kapital verpufft, wenn Kompetenz und Konzept nicht in ausreichendem Maße vorhanden sind. Unsere zweite Liga ist inzwischen ja fast prominenter besetzt als die erste ...
Ja, nie war der Trend so eindeutig: Die großen Traditionsklubs irrlichtern, während die Kleinen, die in Ruhe ihr Ding machen, drinbleiben oder aufsteigen: siehe Bielefeld, Mainz, Augsburg, Bochum, Fürth ...
Klar ist: Vieles ist einfacher in Vereinen mit kurzen Entscheidungswegen und Ruhe im Umfeld. Aber wenn die Verantwortlichen für die nötige Ruhe sorgen, dann ist Erfolg auch in großen, mitgliedergetragenen Vereinen möglich - siehe FC Bayern, Dortmund, Gladbach. Auch beim VfB Stuttgart sorgen, obwohl es dort diese Unruhe um die Präsidentenwahl gibt, ein Sportchef wie Sven Mislintat und ein Trainer wie Pellegrino Matarazzo für einen Fußball, der wieder Spaß macht. Weil diese Führungskräfte einen klaren Plan haben.
Sie wollen künftig auch Trainer coachen. Wie finden Sie die irre Fluktuation dieses Sommers im deutschen Trainermarkt?
Dass von den Top-8-Klubs der Bundesliga sieben einen neuen Trainer kriegen - alle außer Union Berlin - ist in puncto Nachhal-tigkeit schon bedenklich. Neu sind ja die Ausstiegsklauseln und die Ablösezahlungen für Trainer. Ich kann verstehen, wenn das bei vielen Fans für Unmut sorgt. Es geht ja längst nicht mehr nur um klassische Trainerwechsel bei Misserfolg. Und gleich drei Klubs, die früh bekannt gaben, dass ihr Trainer gehen wird, haben danach ihre großen Saisonziele verfehlt: Marco Rose in Gladbach, Adi Hütter in Frankfurt und auch Julian Nagelsmann in Leipzig.
Elf Anregungen für Hansi Flick
Was muss der neue Bundestrainer alles ändern? Auf der Tagesordnung von Hansi Flick stehen nicht nur Viererketten und Eckbälle - sondern auch ein paar ganz andere Sachen. Die SZ schaut in seine Agenda.
Von Christof Kneer und Philipp Selldorf
Mit allen drei Genannten hatten Sie bei RB zu tun. Hätten Sie denen als Berater vom "nächsten Schritt" noch abgeraten?
Es gibt zwei extreme Sichtweisen. Die fortschrittliche lautet: Bisher waren Trainer die schwächsten Glieder, es ist völlig okay, dass sie jetzt selbst ihr Schicksal bestimmen. Die Traditionalisten sagen: Ein Trainer hat besondere Verantwortung und soll sich zum Klub bekennen. Ich war, wie Sie wissen, nie in Traditionen verhaftet. Trotzdem sage ich: Der Fußball muss bei diesen Debatten aufpassen.
Inwiefern?
Wenn das Spiel selbst nicht mehr im Zentrum steht, wird's gefährlich. Stichwort Super League: So eine Idee können nur Leute aushecken, die den Fußball rein kommerziell betrachten. Kompetente Leute hätten gesagt: Stopp, geht nicht, das können wir den Leuten nicht vermitteln! Es gibt so ein tolles Produkt mit der Champions League, wenn wir das opfern, läuft uns das Gros der Zuschauer davon! Das kann aber nur jemand so spüren und fühlen, der selber aus dem Fußball kommt. Und noch eine Bemerkung zu den drei Bundesliga-Trainern ...
Gerne.
Am Ende gab es da überall Verlierer. Wären Fans im Stadion gewesen, hätte die Stimmung in Gladbach und in Frankfurt nach der verpassten Champions-League-Chance wohl noch ganz anders ausgesehen. Auch Leipzig, wo Julian gar keine Klausel hatte, hat am Ende das Pokalfinale verloren. Ich habe mich gefragt: Warum wurden diese Trainerwechsel nicht wenigstens bis nach dem letzten Spiel geheim gehalten? In Wolfsburg wurde auch monatelang spekuliert, dass Oliver Glasner geht, aber die haben bis zum letzten Tag nichts verkündet - und die Champions League erreicht.
Was folgern Sie daraus?
Ich würde Trainern, die ich berate, zu erklären versuchen, dass sie keine Ausstiegsklausel brauchen.
Hätte dieser Logik zufolge auch der Bundestrainer Löw seinen Abschied erst nach der EM verkünden sollen?
Nein, das war ein Sonderfall. Ich glaube nicht, dass unser frühes Ausscheiden damit zu tun hatte, dass die Spieler in Jogi Löw eine "lame duck" gesehen haben.
Woran lag das frühe Scheitern im Achtelfinale - nach einer bereits zähen Vorrunde?
An mangelnder Reife jedenfalls nicht. Es gab im deutschen Kader noch genügend Weltmeister von 2014, dazu viele Champions-League-Sieger und weitere erfahrene Jungs. Ich war überrascht, dass vor der EM eine Dreierkette als Thema aufkam. Ich weiß nicht, ob es Sinn macht, ein 3-4-3 bei der Nationalelf zu praktizieren, wenn das die wenigsten Spieler aus ihrem Verein gewohnt sind. Ich sage seit Jahrzehnten: Taktische Grundordnungen sind nur ein Vehikel und sie müssen immer zum Spielermaterial passen. Auf dem Niveau einer EM sollten möglichst alle elf Spieler auf ihrer 1a-Position auflaufen. Das war bei der deutschen Elf sicher nicht der Fall.
Diese Kritik kam ja von vielen Fachleuten: Großes individuelles Potenzial wurde nur gegen Portugal in Gruppendynamik umgesetzt, das gewählte 3-4-3-System und die vorsichtige Gesamtausrichtung haben die deutsche Mannschaft am Ende viel zu vieler Stärken beraubt.
Schlüsselspieler wie Joshua Kimmich mussten auf Positionen spielen, die sie so nicht kannten. Klar war er auch schon mal rechter Verteidiger, aber immer in einer Viererkette. Rechte Außenbahn in einem Dreier-/Fünferkettenmuster - Julian Nagelsmann nennt diese Position "Joker" - das hatte "Jo" meines Wissens so noch nie gespielt. Auch Thomas Müller ist, wie man weiß, extrem wertvoll, wenn er sich hinter dem Mittelstürmer frei bewegen kann; wie beim FC Bayern, dann ist er einer der besten Raumdeuter. Aber auch für Müller gab es bei der EM nicht diese 1a-Position, sondern er war einer von drei Angreifern.
Sie kennen Kimmich aus Leipzig sehr gut. Hat er mit seiner EM-Rolle gefremdelt?
Er ist ein Vollprofi. Doch man hat ihm angesehen, dass er sich rechts nicht wohl fühlte. Ich habe großen Respekt vor Jogi Löw. Aber ich finde: Kimmich gehört ins Zentrum, er sollte nicht außen von Eckfahne zu Eckfahne rauf und runter rennen. Ohne Joshua auf der Sechs war schon gegen Frankreich die Wahrscheinlichkeit nicht groß, dass die Sache nur mit Toni Kroos und Ilkay Gündogan in der Mitte gutgeht - gegen Kanté, Pogba und Rabiot.
Wurden bei Taktik und Aufstellung bei Deutschland zu viele Kompromisse gemacht? Zugunsten einzelner Spieler - und im Sinne der am Ende gescheiterten Jogi-Löw-EM-Parole: "Defensive first"?
Bei unserer Mannschaft sah alles wie irgendein zusammengewürfelter Mix aus, damit gewisse Spieler auf dem Platz stehen konnten. Aber das ergab nichts stimmiges Ganzes. Bei der Nationalelf hat man für inhaltliche Arbeit wenig Zeit. Umso wichtiger ist, dass alle Spieler genau wissen: Was will der Trainer? Welches System ist gefragt? Nicht mal so, mal so ...
Die paradoxe Pointe war: Trotz der defensiven Vorsätze haben sich die Abläufe in der Verteidigung nicht verbessert - bis hin zu den Gegentoren im Achtelfinale gegen England (0:2).
Es gab zuletzt durchaus Beispiele für erfolgreichen Fußball in 3-4-3-Ordnungen: Thomas Tuchel gewann so mit Chelsea die Champions League, auch bei Nagelsmann und Leipzig sah das oft gut aus. Aber Tatsache ist: Beide Teams kassierten in dieser Systematik die wenigsten Gegentore. Ein stimmiges 3-4-3 erfordert extrem viel Feintuning im Training. Bei Deutschland hatte sich eine Dreierkette vor der EM nicht besonders bewährt. Und im Turnier war es bei uns leider so wie bei allen ausgeschiedenen Großen, wie bei Frankreich, Belgien, Holland: Es entstand bei uns nie der Eindruck, dass wir als Gruppe so stabil verteidigen konnten, um kein Gegentor zu kassieren. Die Engländer haben bei der EM noch null Gegentore. Die Italiener nur eins.
Rege beklagt wurde bei Deutschland auch das Fehlen eines echten Neuners.
Okay, dann noch mal das Gegenbeispiel Chelsea: Die waren extrem erfolgreich und stabil, durch frühes Stören und schnelles Nach-vorne-Spielen, obwohl auch Tuchel fast immer ohne Center-Stürmer spielte.
Wäre es in Ermangelung eines Torjägers umso wichtiger gewesen, die Gegner forscher anzulaufen, um in Tornähe den Ball zu erobern und schnelle Angreifer wie Gnabry, Werner oder Sané einzusetzen? Fehlte nicht das Stilmittel des Pressings?
Was mich überrascht hat: Im DFB-Trainingslager in Seefeld sagten einige Spieler: Wir verbringen hier viel Zeit mit dem Spiel gegen den Ball, es geht um Abstände zueinander, ums giftige Stören des Gegners. Da dachte ich: Aha, super, die Zeichen der Zeit erkannt! Leider war dann in allen vier Spielen wenig davon zu sehen. Frühes Anlaufen war nie als Muster erkennbar. Aggressives Ballerobern ist auch schwierig, wenn du ohne einen Krieger im Zentrum spielst. Aus den Vereinen sind es Kroos und Gündogan gewohnt, dass neben oder hinter ihnen noch ein echter Sechser steht, der beim Ball-Gewinnen stets das Messer zwischen den Zähnen hat. Bei der EM hat so einer in der deutschen Mitte gefehlt.
Hansi wieder im Glück
Erst beim FC Bayern, nun bei der Nationalelf: Der neue Bundestrainer Hansi Flick wird erneut eine Mannschaft zum für ihn günstigsten Zeitpunkt übernehmen - wenn sie seine taktischen Impulse dringend nötig hat.
Kommentar von Claudio Catuogno
Wie wird die Zukunft mit Hansi Flick?
Er ist als Bundestrainer eine logische, gute Wahl. Beim FC Bayern im Verbund mit einem tollen Trainerteam sieben von neun möglichen Titeln zu holen, trotz atmosphärischer Differenzen mit dem Sportchef, das spricht für sich. Aber es geht jetzt auch darum, strukturelle Dinge zu verbessern.
Welche zum Beispiel?
Ich weiß nicht, ob auch der DFB-Trainerstab auf den Prüfstand gehört, dafür kenne ich die Leute zu wenig. Aber ich weiß: Der Cheftrainer allein macht heute nur noch 50 Prozent aus, die anderen 50 muss das Team um ihn herum leisten.
Wie würden Sie den Balanceakt gestalten, schon Ende 2022 bei der WM in Katar wieder höchsten Ansprüchen zu genügen - und zugleich den Einbau jüngerer Spieler für die Heim-EM 2024 im Blick zu haben?
Das eine schließt das andere nicht aus. Als Nationaltrainer kannst du ja jederzeit ein Best-of-Team einladen, das sollte gemäß der aktuellen Formkurve auch immer der Anspruch sein. Trotzdem sollten Hansi Flick und der DFB eine Schlüsselfrage klären: Wofür will der deutsche Fußball stehen? Wie lautet eine Spielidee, möglichst auch für alle U-Mannschaften? Außerdem finde ich: Ein Bundestrainer sollte nicht nur am Samstag Stadien besuchen, er sollte täglich Präsenz bei Vereinen zeigen.
Das heißt konkret?
Bundestrainer sollte ein Fulltime-Job sein: jeden Tag zehn Stunden zur Verfügung stehen, jede Woche einen anderen Klub besuchen. Dort kannst du dich intensiv mit den Trainern austauschen, Trainingsinhalte kennenlernen und auch frühzeitig neue Talente entdecken. Wenn der Bundestrainer unser Fußball-Kanzler ist, sollte er entsprechend Präsenz zeigen. Das ist gar keine Kritik an Jogi Löw, denn das wurde in den letzten 60 Jahren einfach noch nie so praktiziert. Aber dieses "Das-war-doch-schon-immer-so-Denken", das ist ein Fehler. Wenn wir über Verbesserungen reden, müssen wir solche Dinge angehen.
Viele sehen auf den deutschen Fußball eine Talente-Delle zukommen. Sie auch?
In den Jahrgängen 2001 bis 2004 gibt es nicht so viele Hochbegabte, aber für die nächsten fünf Jahre sehe ich bei der A-Nationalelf noch kein Problem. Hinzu kommt allerdings jetzt die Corona-Delle - eine ganze Talentgeneration, die ein Jahr lang fast gar nicht trainiert oder gespielt hat. Das muss kompensiert werden. Hierfür Ideen zu entwickeln, ist ebenfalls Aufgabe des DFB und der Profiklubs.
Wo sähen Sie hier Ansätze?
Wir kriegen den Straßenfußball nicht zurück. Aber Elemente davon gilt es im Training zu integrieren. Früh attackieren, schnell umschalten in geordnetem Chaos, und der absolute Wille, zu gewinnen - diese Spielweise hat für mich was von Straßenfußball. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, dass es früher beim "4 gegen 4" auf dem Bolzplatz um 75 Prozent Ballbesitz ging. Die EM hat auch gezeigt, dass einige Underdogs - Dänemark, aber auch Schweden oder Ungarn - mit gut organisiertem Fußball besser zurechtkamen als manche früh gescheiterten Favoriten.
Wer hat Sie bei der EM überzeugt?
Italien! Sie vereinen alles, was modernen Fußball ausmacht: Nach vorne Tempo mit Tiefe und Spielwitz, trotzdem frühes Gegenpressing - und nach hinten eine richtig gute Restverteidigung. Sie sind neben Dänemark die Mannschaft, bei der das Zuschauen am meisten Spaß macht - während ich sonst auf der Couch einige Male eingenickt bin. Nimmt man England hinzu, dann stehen drei im Halbfinale, bei denen man das Gefühl hatte: Ja, das sind richtige Mannschaften! Die sind auf einer gemeinsamen Mission unterwegs, auf die sie ihr Trainer eingeschworen hat.
Ist Dänemark der emotionale Gewinner?
Von 1000 Leuten gönnen 999 den Dänen ihre Erfolgsstory. Weil sie großartig mit dem Drama um Christian Eriksen umgingen - und zwar authentisch, Skandinavier sind einfach so. Dänemark ist ein Team, in dem sich kein Einzelner zu wichtig nimmt. Da geht jedem Zuschauer das Herz auf.
Bleibt dies als eine banale Erkenntnis dieser EM: dass Fußball ein Mannschaftssport ist - und doch nur manchmal einer für Helden wie Ronaldo oder Mbappé?
Ja. Neben einer Taktik mit Spielern auf der richtigen Position brauchst du einfach diesen Teamspirit. Auch bei den Franzosen hatte man früh gesehen, dass der nicht vorhanden war. Alleine der arrogante Torjubel von Pogba nach dem 3:1 gegen die Schweiz - das musste bestraft werden!
Bei Ihrer lobenden Aufzählung fehlte der vierte Halbfinalist: Spanien.
Die sind für mich der Sonderfall unter den letzten vier. Spitz formuliert: Sie genießen alle Nachteile ihres Ballbesitzfußballs. Aufgrund der hohen Qualität ihrer Spieler sind sie trotzdem in der Lage, Italien zu schlagen und Europameister zu werden.