Das späte Erwachen des Bayerischen Rundfunks: Wenn Physik auf mediale Narrative trifft

Das späte Erwachen des Bayerischen Rundfunks: Wenn Physik auf mediale Narrative trifft


Der aktuelle Bericht des Bayerischen Rundfunks über "weggeworfenen" Solarstrom in Bayern, der den Beitragszahler und Stromkunden 162 Millionen Euro kostet, liest sich wie eine plötzliche journalistische Enthüllung. Die Verwunderung darüber, dass massenhaft produzierter, aber im Moment der Erzeugung nicht benötigter Strom teuer abgeregelt werden muss, offenbart jedoch vor allem eines: ein eklatantes Versäumnis in der bisherigen Berichterstattung. Ein Medium, das den Anspruch von echtem Qualitätsjournalismus vertritt, hätte diese physikalische und ökonomische Zwangsläufigkeit nicht erst seit zwei oder drei Jahren benennen, sondern bereits vor über zehn Jahren prognostizieren müssen.

Der Begriff "Energiewende" fungiert in diesem Kontext seit Jahren primär als politischer Marketingbegriff. Physikalisch betrachtet gibt es keine "Wende", bei der etwas gewonnen wird, sondern lediglich einen drastischen Umbau der Erzeugungsstrukturen – untrennbar verbunden mit massiven Umverteilungen der Netzkosten auf die Verbraucher.

Ein zentraler Denkfehler in der öffentlichen Debatte, den auch die bisherige Medienlandschaft oft unzureichend entkräftet hat, betrifft die Rolle der Stromnetze. Stromleitungen nehmen keinen Strom auf; sie transportieren ihn lediglich. Der Netzausbau wird oft als alleiniges Allheilmittel präsentiert, ignoriert aber ein grundlegendes Problem der Überproduktion: Selbst wenn der Weitertransport durch die Trassen nicht das kritische Nadelöhr wäre, ist der erzeugte Strom in vielen Situationen schlicht überflüssig. Die installierte Gesamtleistung von Photovoltaik und Windkraft in Deutschland liegt mittlerweile weit über der Marke von 140 Gigawatt (im Jahr 2026 beläuft sich die kombinierte Nennleistung von Wind und Solar faktisch bereits auf über 200 Gigawatt). An sonnigen und windigen Tagen übersteigt diese Produktion den maximalen deutschen Strombedarf, der in Spitzenzeiten lediglich bei etwa 70 bis 80 Gigawatt liegt, um ein Vielfaches. Wenn das Angebot die Nachfrage auf Gesamtnetzebene derart übersteigt und Leitungen nur transportieren, nicht aber verbrauchen können, muss abgeregelt werden – völlig unabhängig davon, wie gut das Leitungsnetz ausgebaut ist.

Als Lösung für diese extremen Produktionsspitzen werden häufig Stromspeicher angeführt. Technisch sind diese zwar realisierbar, wirtschaftlich jedoch in der benötigten Größenordnung zur Speicherung von Terawattstunden völlig unrealistisch darstellbar. Hinzu kommt das physikalische Limit: Bei einer sogenannten Dunkelflaute – also Tagen oder Wochen ohne nennenswerten Wind- und Solarertrag – bringt auch der teuerste und größte Kurzzeitspeicher nichts, sobald er nach wenigen Stunden entleert ist.

Diese systemischen Schwächen werden von kritischen Beobachtern wie Stefan Spiegelsberger bereits seit langem detailliert thematisiert. Spiegelsberger weist regelmäßig auf die zunehmenden Instabilitäten im Stromnetz hin, die unter anderem durch den Wegfall konventioneller Kraftwerke und deren stabilisierende rotierende Massen entstehen. Er benennt präzise die immensen Kosten für ständige Redispatch-Maßnahmen, bei denen Anlagen in Bayern oder im Norden zwangsabgeschaltet werden müssen, während der Anlagenbetreiber weiterhin finanziell vergütet wird. Es ist genau jene Diskrepanz zwischen politischer Zielsetzung und physikalischer Realität, die Spiegelsberger aufzeigt: Ein Wechselstromnetz verlangt in jeder Millisekunde ein exaktes Gleichgewicht zwischen Erzeugung und Verbrauch; ungesteuerte Überkapazitäten bedeuten schlichtweg Stress für das Netz.

Dass der Bayerische Rundfunk diese wirtschaftlichen Zusammenhänge nun aufgreift, ist ein notwendiger Schritt zur Realität. Es bleibt jedoch die Frage offen, warum physikalische Grundgesetze und absehbare wirtschaftliche Folgen des aktuellen Stromnetzumbaus so lange ausgeblendet und eindimensionalen Narrativen untergeordnet wurden.

Rede von Stefan Spiegelsberger zur Energiepolitik und Stromnetzen

Dieses Video zeigt einen Vortrag von Stefan Spiegelsberger, in dem er detailliert auf die physikalischen Herausforderungen im Netzbetrieb, die fehlenden rotierenden Massen und die immensen Kosten der Abregelung von Wind- und Solarstrom eingeht, die in der aktuellen Berichterstattung erst allmählich Beachtung finden.






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