Alternative Alternative - Leben nicht gegen, sondern mit der Gesellschaft

Alternative Alternative - Leben nicht gegen, sondern mit der Gesellschaft

Ryo

Durch die Idee, gegen alle normalen Gepflogenheiten in der Gesellschaft zu leben, nimmt man oft eine starke Gegenposition ein. Das führt zu einer Abspaltung von der normalen Umgebung. Doch es kann auch eine alternative Alternative geben, für das "Andersleben". Sei es für vegane Lebensweise, Nachhaltigkeit oder gar der Konsumvermeidung.

Bestehende Strukturen ausnutzen

Für manche ist dass die Heuchelei schlechthin. Doch warum das Rad neu erfinden? Bestehende Strukturen können ausgenutzt werden. Warum auch nicht? Die Schaffung von Neuem ist nur dann sinnvoll wenn es absolut notwendig ist um das gesetzte Ziel zu erreichen, denn sonst werden wieder mehr Ressourcen genutzt, um bereits bestehende Gebilde zu ersetzen.

Ein Beispiel: Die Nutzung von Solarzellen, Wind- und Wasserkraft zum Kochen und Heizen (bedingt, alte japanische Kotatsu-Methode ist ideal) ist besser als dafür ein Feuer zu machen, welches ohne Filter Ruß und CO² in die Atmosphäre pustet.

Wer nicht auf völlige Konsumvermeidung setzt, kann also durchaus das Stromnetz mit Ökostrom nutzen. Ansonsten kann man Strom auch selbst durch Solarenergie einfach gewinnen, und speichern. Zum Teil in Akkus, aber auch mit anderen Mitteln (Nachtpeicherprinzip).

Die Lebensmittelversorgung ist ein Hauptproblem. Containern ist ein Mittel, zusammen mit Foodsharing-Punkten. Sicherheit im Auge behalten (Qualität der Produkte). Für Menschen mit Grundstück kommt eine gewisse Selbstversorgung durch Eigenanbau in Frage. Doch die meisten Menschen haben kaum Zugang zu eigenem Land. Der Anbau im kleinen Stil lohnt sich nur bei Kräutern wegen der besseren Ökobilanz (Transportwege).

Hier können lokale Bauern eine sehr gute Lösung sein. Wer es sich leisten kann, der kann beim regulären Direktverkauf eine sehr gute Ökobilanz erreichen, und auf Verpackungen gänzlich verzichten. Abgeerntete Felder bieten oft Gelegenheit einzelne, zurückgelassene Pflanzen zu finden, die noch für den Verbrauch geeignet sind. Hier im Zweifel aber vorher um Erlaubnis fragen. Strukturen ausnutzen ist okay, stehlen aber nicht.

Wenn andere Leute etwas anbieten kann man es ruhig annehmen, auch wenn es mal kein Bio-Produkt ist. Lieber etwas aufbrauchen als es wegwerfen. Die Produktion hat stattgefunden, es ist sinnlos und unverantwortlich dieses einfach wegzuwerfen. Wer Veganer ist, wird natürlich keine nicht veganen Produkte verbrauchen wollen. Wer 100% Bio leben will, z.B. aus gesundheitlichen Bedenken, wird natürlich dies nicht wollen. Dennoch muss man beim Letzteren sich natürlich fragen, ob es vernünftig ist Produkte die man bekommt nicht zu nutzen weil sie nicht Bio sind. Abwägen mit Vernunft.

Dann ist da noch das Wasser. Wer eine Kommune gründen will sollte sich einen Wasseranschluss legen lassen. Es ist der beste Weg für sauberes Wasser ausreichend zu bekommen. Der Transport von einer Quelle kann nur ein Notbehelf sein, denn selbst mit dem Fahrrad wird dadurch der Verbrauch negativer für die Umwelt, und für die Schonung von Ressourcen. Leitungswasser ist der heilige Gral für die Ökobilanz. Sie ersetzt unmengen an Flaschen, Energie und Transporte. Gesund und verfügbar ist es purer Luxus den wir in unseren Breiten haben. Und trotzdem kaufen wir Getränke in Flaschen die wichtige Rohstoffe benötigen (auch Glas). Welch ein Wahnsinn. Wer nicht auf das blubbernde, erfrischende Gefühl einer Limo verzichten will, für den gibt es Wassersprudler (ja, eine weiteres Vertriebsnetz welches man wunderbar nutzen kann), die immer noch eine überragend bessere Alternative für die Umwelt sind, als das Getränk aus dem Laden.

So kann man viele bestehende, aber unbeliebte, Strukturen nutzen um das Ziel einer günstigen Ökobilanz zu erreichen. Wichtig ist dass man die Konsumvermeidung nicht außer Acht lässt. Das 1 Euro-Produkt aus China kann besser sein für die Bilanz als ein ähnliches (meistens das selbe Produkt) für 100 Euro von einer angebliche "lokalen" Marke. Viele Dinge können nicht lokal hergestellt werden und werden nur verpackt. Und selbst bei der Herstellung muss auch gefragt werden ob ein einzelnes Produkt eine bessere Bilanz hat als ein massengefertigtes Gut. Oftmals erlebt man da eine faustdicke Überraschung, denn die verbrauchte Energie und die verbrauchten Ressourcen pro Stück sind oft wesentlich geringer.

Die Gürtenschnalle, die in stundenlanger Handarbeit in glühender Kohle meisterlich geschmiedet wurde, ist romantisch und faszinierend, aber umwelttechnisch eine Katastrophe.

Nutzung von bestehenden Dingen

Unschick in dem veganen Restaurant mit Lederhut aufzutauchen? Sicher. Aber als Beispiel: Ich habe einen Ledehut gekauft. Vor vielen, vielen Monden, als ich noch nicht nachgedacht habe was ich tue. Dann habe ich den Hut, als ich eine strikte vegane Lebensweise begonnen hatte (auch vor vielen Monden), nicht mehr angezogen. Nach einer Zeit wurde mir klar wie sinnlos diese Aktion war. Der Hut ist produziert und gekauft worden. Dieser wird noch extrem lange halten. Mehrere Textilhüte wird er überstehen, da er sehr robust ist. Für mich ist es nun klar. Ich werde ihn weiter tragen. Alles andere wäre ein Geringschätzung der Natur. Ich werde nie wieder etwas aus tierischen Materialen kaufen, aber dass was ich besitze werde ich nicht wegwerfen. Und wenn ich irgendwo etwas finde die entsorgt wurden und aus Leder etc. sind, werde ich diese auch nutzen. Alles andere wäre eine unglaubliche Verschwendung. Für nicht vegane Lebensmittel kommt das nicht bei mir in Frage, aber die Haltbarkeit löst hier auch das Problem.

Der Moloch Auto ist ein großes Thema, dass ich nur kurz ansprechen will. Kann man ein Auto haben und trotzdem noch guten Gewissens Leben? Ja. Wenn man es nur dann nutzt wenn es nicht anders geht. Wer ein Auto lange fährt, damit Transporte erledigt und Fahrgemeinschaften gründet, und nur dann wenn es nicht auch mit dem Fahrrad oder zu Fuß geht, der handelt durchaus vernünftig. Klar es zählen viele Faktoren eine Rolle. Am besten ist ein kleines Elektroauto (ja, Ausrufezeichen)! Wenn man dieses wie beschrieben nutzt ist es fantastisch. Es ist sehr wartungsarm, kann auch mit eigenen Solarzellen aufgeladen werden und somit autark, verbraucht kein Öl (was gerne vergessen wird) und ist gerade für die Wenignutzung auf Dauer perfekt. Wer einen SUV oder stinkenden alten Diesel zum Einkaufen bewegt hat nichts verstanden. Ein altes Auto durch ein E-Auto zu ersetzen macht aber nicht immer Sinn. hier gilt es abzuwägen ob man das Auto regelmäßig (wenn auch wenig) nutzt. Wenn ja, lieber auf ein kleines Elektroauto umsteigen. Die Akkus nutzen sich nach Ladezyklen ab. Wer wenig fährt, kann so ein Auto sehr lange haben ohne weitere Ressourcen zu verbrauchen. Wer nicht vorhat ein Auto regelmäßig zu nutzen, der braucht auch kein Neues zu kaufen.

Wer noch kein eigenes Fortbewegungsmittel hat, und schlecht zu Fuß ist, kann ein eBike mit großer Satteltasche, oder einen E-Motoroller in Erwägung ziehen. Ansonsten ist das gute alte Fahrrad die beste Alternative für Menschen die es nutzen können.

Muss ich in Urlaub fahren?

Nein. Darf ich? Ja klar. Wer will nicht die Welt sehen? Doch muss es per Flugzeug sein? Muss es immer eine kleine Insel mit Flughafen sein?

Einfach: Züge nehmen statt Flugzeuge, wann immer möglich. Reiseziel sorgfältig auswählen. Wer im Wald spazierengehen will kann dass auch im heimischen Wald tun. Laubmischwälder sind sehr ähnlich. Ich staune über Bilder von weit weg, die Aussehen als ob man gerade mal um die Ecke in den Wald geht. Also dafür muss man als Europäer sicher nicht tausende von Kilometer reisen.

Ansonsten ist Urlaub aber eine tolle Sache neue Kulturen kennenzulernen, neue Inspirationen zu entdecken, und das Verständnis für andere Menschen und den eigenen Horizont zu erweitern.

Elektrisch heizen ist umweltfreundlicher!

Ja, aber nur wenn man es macht wie die Japaner es seit langer Zeit praktizieren. Punktuell da wo man es muss, nicht wo keiner ist, oder für die Luft in der Wohnung. Ein Kotatsu ist eigentlich der Renner für die Umwelt unter dem sich die Familienmitglieder zusammenfinden in der kalten Jahreszeit. Sozial und ökologisch eine echte Wiederentdeckung. Statt die ganze Wohnung zu heizen, hat man einen kleinen Heizlüfter unter dem Tisch, oder einen original Halogen-Kotatsuwärmer. Eine zweite Tischplatte liegt auf einer dicken Decke und isoliert damit sehr gut. Zur Sicherheit sollte der Heizer einen Thermostat haben und einen Schutzschalter gegen Überhitzung. Ich nutze dies seit vielen Jahren. Was soll ich sagen, seither musste ich nie die Heizungsanlage nutzen. Damit wird der Boiler nur für Heißwasser beim Duschen genutzt. Die Ersparniss ist unglaublich bei einen Gas-Durchlauferhitzer. Die punktuelle Heizung ist meiner Meinung nach die Lösung der Zukunft.

Weiter so geht nicht

Klar, die Menschheit kann nicht so weitermachen. Gleichzeitig müssen wir aber einen sanften Übergang ermöglichen und nicht alles was etabliert ist, ist schlecht. Ganz im Gegenteil. Durch unser Konsumverhalten können wir entscheidend Einfluss nehmen. Nur das Verbrauchen und Anschaffen, was unbedingt notwendig ist. Das hilft viel. Verpackung? Ohne Kauf kein Verpackungsmüll. Ohne Energieverbrauch auch kein CO²-Ausstoss. Aber man kann nicht alles nachhaltig ersetzen, denn manches ist in dieser Form schon nachhaltiger als die Alternativen. Also Konsumboykott wäre für die Umwelt überhaupt nicht gut. Eine generelle Konsumvermeidung aber sehr wohl. Wiederverwenden, Up-Cycling oder die simple Nicht-Anschaffung, denn dies ist effektiver als die Abwägung woher etwas kommt, oder wie es hergestellt wurde.

Umweltschutz darf kein Prestigeobjekt zur Selbstdarstellung werden

Ich bin überrascht, dass ich einen solchen Artikel überhaupt schreiben muss. Aber je mehr die Umweltbewegung an Fahrt gewinnt, desto mehr wird es zu einer narzisstischen Darstellung. Nur weil etwas "anders" ist, ist es nicht besser. Wer wirklich die Umwelt in den Mittelpunkt stellt, und nicht seinen Stolz oder seine Prinzipien, der kann ungeahnt viel tun für die Umwelt. Wir müssen dem Fakt Rechnung tragen dass wir eben nicht alleine auf dem Planeten sind. 7 Milliarden Mitmenschen. Und man muss sich fragen was passieren würde, wenn alle so handeln würden wie wir. Wäre es dann besser für die Umwelt oder nicht? Wer sich dies immer wieder fragt, wird schnell einsehen dass ein "Back to the Nature" eben kontraproduktiv ist. Wenn autarke Kommunen 3 mal am Tag Feuer machen um Essen zu kochen und sich zu wärmen, dann wären die Schadstoffe die dabei ausgestoßen würden eine globale Katastrophe, wenn dieses Beispiel sich durchsetzen würde. Das hilft nur dem eigenen Ego, aber nicht der Natur.

Fördern von regenerativer Energie, Solarstrom, Wind- und Wasserkraft, dass muss die Zukunft sein, denn Strom ist eine der Schlüsselressourcen. Flexibel und für alles zu nutzen. Jetzt müssen wir nur noch die Quellen ändern und eben nicht mehr per Kohle und Uran Strom erzeugen. Die Strukturen sind da, lasst sie uns (aus)nutzen.